Rheinfahrt

Morgengewölk, duftend von Farben des Frühlichts,
Zwiefach trieb es dahin mit dem Zuge des Stroms.
War es der Wind, der jagte es oben im Blauen?
War es unten die Welle? Drin schwamm es wie Träume davon!
Segelboote nur standen mit blendendem Leinen
Still unterm Wind auf den purpurn und rosigen Wolken,
Und es glichen die weißen Scharen von wilden Schwänen.
Und wie ein liebender Arm zärtlich umfaßt ein Geliebtes,
Weil immerfließend die Zeit leis sie einander entzieht,
So um die Hüfte des Landes, die Schwermut der Wiesen,
Buchtete sanft sich und weithin erglänzend der Strom.
Silbriger Haine Laub durchflimert die Luft dort,
Und mit Weidenbüschen in eins verahnet die Ferne,
Wo ruhlos-uralt, nach Ländern städtevoll,
Im Wandel des Monds die See heranrollt
Und dampfet mit Salzluft herüber zu unsern Ufern.

Meerwärts! nach altem Verlangen. Es lallen die Wasser,
Fernweh entbreitet die schwarze Fahne von Rauch.
Gelehnt auf den Stab, ein Schafhirt bewacht seine Herde,
Einsam hinruhet ein Hof im Schatten des Pappelhains,
Rinder betreten die Flut und heben mit dunklen
Triefenden Mäulern gelassene Häupter herüber.
Vom Brande schwarz sind noch die Mauern der Pfalz,
Die gewaltig ein Kaiser errichtet, Gedächtnis bewahrt noch
Des jungen Königs Namen bei diesen Fluten,
Des Unglücks edlen Herrn, der da knabenwild
Vergebens floh von dem Schiff in die Tiefe des Stroms.
Was sind wir für Wesen, wir Geschichte
Liebenden! Uns ergreift das Geschick, und es rührt
Zu Tränen den Mann, hört er das Schicksalslied.
Aber es fährt ihm über die Seele,
Daß ihr Spiegel ergraut, ein Wind von Wehmut,
Wenn er das Bleibende sieht, das unerzählbar
Alterslose: Wasser, Weide, Herde.
So einig geht dies mit dem Jahr und ist wie ein Atmen,
Uns aber stärkt Eigensinn den stolzen Nacken,
Ein verliehenes Joch, das zwingt zu herrischen Wegen.
Unser daher ist das Irrsal. Wie sollte da nicht
Leicht uns ein Frohsinn erblühn aus arglosen Zeichen,
Die wir solches bedürfen von Grund aus! Der Streifen Schaum,
Den flüchtig aufwirft des Schiffes Kiel, ist genug,
Eine Freude zu bilden, die spielend gleichet ihm selber.

Immerwandelnd aber die goldene Quelle der Zeit
Löste ins Blau hoch oben die Morgenwolken,
Hob von dem Fluß silbrigen Atem herauf.
Und die riesige Kuppel beschlug sich, es schloß sich die Ebne
Unter flimmerndem Grau, und Grau hauchte ums Haupt
Am Deich den Espen und Weiden. Und trug nicht der Wind,
Wie von abgeblüheten Hügeln, dumpfen Geruch,
Als herbste es irgendwo? Und das Schrillen der Möwen,
Wenn sie, zu Fischen, die Hänge der Luft hinabfuhrn,
Klangs nicht meer-einsam und schauerte über den Wassern?
Und siehe: mit Ruß und Rauch angetan, dem finstren
Kriegermantel, traten die Städte ans Ufer,
Eisern eine zur andern in klirrem Gewappen,
Daß es Lüfte erschütternd dröhnte über dem Strom.
O ihr Stunden, da hart in das Lieder liebende Ohr
Der Vor-Lärm scholl des zukünftigen Kriegs,
Da aus Essen und Hallen des Dämons Gift-Atem schlug
Und in Hohen Öfen der Völker Schicksal schmolz
Und unter den Dampfhämmern mit Werkstücken
Die künftigen Herzen waren, auch unsere wohl,
Zu tödlichen Schlägen, oder daß sie ertrügen
Unendlichen Druck des Leids!… Ein düsterer Ruhm
Brütet über der Stätte. Auf schwarzen Halden
Wächst wohl ein armes Gras, oder aus glücklichem
Flugsamen grünte ein Bäumchen, die zitternde Erle,
Gebrechlichste jemals der Freuden über dem Abgrund.
Aber beständig in leisem Regnen wird allem
Der Trauer ältestes Zeichen verliehn: schwarze Asche,
Die legt sich wie Bußtag auf Haupt und Stirn.
Ach, und es sind doch auch dies berge des Fleißes,
Menschlicher Mühsal Terrassen, vom Schweiße gesegnet,
Und gleichen so wenig dennoch den goldenen Hügeln,
Wo Stab bei Stab voll schwerer Trauben hängt
Und über den Ufern ein südlicher Sommer glüht.
Dies schenkte ein Gott; jenes auferlegte ein Dämon.
Zwieträchtig sind wir und fruchten aus zweien Wurzeln.
So wächset im Weizenfelde die Rade blau,
Ein wildes Unkraut, das schmückt zum Brot unsre Tische.
Wo ist es gelegen, das süße Land, das uns wohltut,
Wo währet in Dauer, was immer voll Hoffnung uns lockt?
Auf rief es mich, zu erfahrn die versprechenden Tage,
Des Sommers glühende Küsse, wenn er die Felder
Versengt, die Stunde des Jahrs, die berauscht mit Vergessen.
Und atmete nun unter ganz verdunkeltem Himmel,
Wie in erzener Prüf-Zone, das ganz Unvergeßliche
Tiefer ins Blut: mit Stimmen dort schweigt es die Zukunft.
Doch wäre wohl, daß ich es fast nichts sagen kann,
So süß, die Wange an Windes Wange zu legen
Oder in zarten hohen Kuppen der Finger
Bebende Strömung zu spüren oder in Augen
Bilder eintreten zu sehn, als kehrten sie heim, -
Hätte dies Brennende wohl, diesen Stachel die Süße,
Ohne die Drohung im Herzen und über dem Haupt?
Vergiß, so reden die Dnge, das Unvergeßliche,
Vergiß es! Und keinen wundert das Wunder, das immer
Wieder geschieht. Dem Blick voraus, so ziehn wir
Hin mit Begrüßen. Wir winken den Fremden zu
Unverweilt, denn Abschiede drängen uns.
Und wendet einer sich um, weil ihm zu schnell
Eine Freude, ein Schmerz, ein Leben vorübergegangen,
Wie sieht es ihn an von fern mit tiefen Augen.

(aus Emil Barth: Xantener Hymnen, Hamburg 1948)