Der Rhein als Migrant

“Flüsse des Lebens” lautet der deutsche Titel einer britischen Dokumentarserie, die mit Yangtse, Ganges, Mississippi, Amazonas, Nil und Rhein einige der wichtigsten Kulturflüsse abhandelt. Bildführung und Textkommentar erinnern an BBC-Dokus: fantastische Aufnahmen treffen auf sensationalistische Grundierung, unterbrochen von ruhigeren Interviewpassagen, in denen ein Feuerwehrmann, ein Fischer, ein Binnenschifferpaar, ein Dichter, ein Meeresbiologe, ein Winzer, eine Loft-Kreative und ein Bergbauernpaar Auskünfte zu ihrem Leben am Fluß erteilen. Die 55 Minuten Rheinreigen scheinen bisweilen einer postmodernen Wagner-Inszenierung nachempfunden, beginnen mit einem Potpourri, das die wildesten Bilder aus 1320 Kilometern Rhein scheinbar willkürlich gegeneinander schneidet, auf die der Film im weiteren Verlauf bildlogisch rekurriert. Im Rotterdamer Hafen lauert Gefahr, die 300.000 Arbeiter dort, ja die ganze Stadt, erklärt der Sprecher, säßen auf einer allzeit entzündlichen Bombe: jeder zweite einlaufende Frachter birgt Gefahrgut, während die Wasserqualität im Hafengebiet den Aal- und Lachsfang zuläßt. (Der Rhein galt einst als größter Lachsfanggrund der Welt.) In großen Sprüngen nähert sich der Film den Alpen, bedient sich flott verschnittener Flußmosaiken „künstlerischer“ Aufnahmen: ausrangierte Hochöfen, Hafenbecken aus der Luft bei Duisburg erinnern an die Becher-Schule. Kleine Japaner posen unterm riesigen Kaiser Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck. In Ludwigshafen kommt Hasan Özdemir zu Wort, der türkischstämmige Ortspoet faßt den Rhein als Dauermigranten auf und die Deutschen als Ausländer im eigenen Land, dessen Veränderungen sie nicht begreifen. In zwei Minuten ist die Geschichte des Elsaß verhandelt: als eine komplizierte. Vollends apokalyptisch wird’s in Hinterrhein, jenem ersten düsteren Dörfli am gleichnamigen Lauf, dessen Stuben zumindest in der Kameraperspektive tatsächlich so aussehen, wie man sichs beim Queren der zwonhalb mistbelegten Straßen vorstellt. Die Sage vom Entstehen des Rheinwaldhorngletschers an einer zuvor Paradies genannten Stelle impliziert natürlich das Element seines eigenen Untergangs, der ganze Landschaften mit sich reißen wird: in hundert Jahren (bereits, so die Botschaft), wenn der Gletscher abgetaut sein wird, versiegt auch der Rhein, und die Bosheit, zumindest Unachtsamkeit des Menschen trägt daran Schuld. Ein christliches Ende mit Schrecken und Hoffnung und der gewaltigen Macht bewegter, mit Text und Musik untermalter Bilder.

Wackes

Nochmal in der DFB-Länderspielbilanz nachgehakt: demnach muß es der 18. April 1984 gewesen sein, als wir mit einer Rotte Schulkameraden das Länderspiel Frankreich – Deutschland (in Straßburg) in einem ausgebauten Hobbykeller verfolgten und die weniger Schöngeistigen oder stärker Alkoholisierten den gesamten, im Vorfeld zum nationalen Prestigeduell erhobenen Kick mit dem plötzlich aus Familienfundi ausgegrabenen „Wackes!“-Schmähgegröhle begleiteten: ein Begriff, der entgegen seiner im Grunde doch eher harmlos-niedlichen Lautlichkeit richtig richtig böse schien, auf die Franzosen gemünzt (auf die Elsässer eigentlich, meinte einer, der sich besser auskannte), doch dessen Sinngehalt niemand zu erklären wußte. Jüngst, ein paarundzwanzig Jahre später, im Gespräch: mit Wackes seien ursprünglich Wacken=Rheinkiesel bezeichnet, als würden solche nicht auch auf deutscher Seite vorkommen und als würde sich aus Kieseln ernsthaft Negatives ableiten lassen. Wikipedia führt etwas weiter: Wacken seien dann doch größere (Fels)Brocken, Wackes somit eine Anspielung auf die vorgebliche Sturheit/Dickköpfigkeit der Elsässer. Damals die Frage im Geschichtsunterricht: „Fühlen sich die Elsässer eher als Franzosen oder eher als Deutsche?“ Triumfierender Fingerzeig des Lehrers auf meine Brust. Ich wußte es nicht, war schließlich keiner von denen. „Wahrscheinlich eher als Elsässer“, gab ich trotzig zurück. Gelächter in der Klasse. Der Lehrer warf die Stirn in Falten, versank kurz in Gedanken, strahlte plötzlich, gleichsam erleuchtet, übers ganze Gesicht: “Sehr gute Antwort, sehr gut! Merkt euch des! Un du kommsch nach der Stund zu mer vor, dann kriegsch e Oins mit Sternle.“ Interessant, daß der frz. Schmähbegriff für die Deutschen „boches“ in etwa dasselbe ausdrückt wie „Wackes“: Dickkopf. Womöglich ist der Elsässer, bei soviel begrifflicher Ableitung der von ihm gepufferten Nationen, der eigentliche Prototyp des Deutschen? Was sich, historisch erwiesen, auf kuriose Weise in der Zabern-Affäre gespiegelt haben mochte (aus Wikipedia zitiert): „Der noch nicht 20-jährige Leutnant Günter Freiherr von Forstner hatte sich während einer Truppeneinweisung in Zabern am 28. Oktober 1913 in abfälliger Weise über die Einwohner geäußert. Zu seinen Soldaten sagte er: „Wenn Sie angegriffen werden, dann machen Sie von Ihrer Waffe Gebrauch; wenn Sie dabei so einen Wackes niederstechen, dann bekommen Sie von mir noch zehn Mark.“ (…) Die amtliche Stellungnahme der Behörden in Straßburg am 11. November spielte den Vorfall herunter und interpretierte „Wackes“ als allgemeine Bezeichnung für streitsüchtige Personen. (…) Das Verhältnis zwischen Elsaß-Lothringen und dem übrigen Deutschen Reich wurde merklich in Mitleidenschaft gezogen. (…)“ Genaueres liefert der als exzellent eingestufte Artikel, u.a. auch zwei Gedichte zur Affäre von Ulrich Rauscher und Kurt Tucholsky.

Sélestat – Bibliothèque humaniste (2)

Aus der Eigenauskunft der Bibliothek: “1441 ernannte der Schlettstädter Magistrat den Westfalen Ludwig Dringenberg zum Leiter der städtischen Lateinschule, einen begnadeten Lehrer, der mit viel gesundem Menschenverstand den Unterricht lebendiger und anziehender gestaltete. So entstand am Oberrhein die erste Schule humanistischen Geistes. Unter seinen Nachfolgern Kraft Hofman (1477-1501), Hieronymus Gebwiler (1501-1509) und Hans Sapidus (1510-1525) wuchs das Ansehen der Schule weiter. Gegen 1510 zählte sie 900 Schüler; sozusagen die komplette erste Generation elsässischer Humanisten ging aus ihr hervor. Natürlich brauchte eine solche Schule auch ihre Bibliothek. Die Anschaffung von Büchern war damals jedoch eine äußerst kostspielige Sache: Handschriften waren selten und Wiegendrucke sehr teuer. Da die Schule nicht über zureichend Finanzmittel verfügte, war sie auf Schenkungen angewiesen. 1452 vermachte ihr Stadtpfarrer Johann von Westhuss seine Handschriftensammlung, bestehend aus rund 20 dicken Bänden. 1470 schenkte der Kaplan Johann Fabri zwölf Bände. Kurz vor seinem Tod vermachte Dringenberg seiner Schule alle seine Bücher. Sein Schüler Jakob Wimpfeling schenkte ihr jedesmal kostbare Druckwerke, wenn er seine Heimatstadt besuchte. Stadtpfarrer Martin Ergersheim vermachte ihr seine reiche Privatbibliothek, die aus mehr als 100 prächtigen Bänden bestand. Die Schulbibliothek war in einem Extraraum über dem südlichen Seitenschiff der Pfarrkirche untergebracht, die meisten Bände lagen auf Tischen oder Pulten, an denen sie, um Diebstähle zu verhüten, angekettet waren. Einige Tage vor seinem Tod im Jahre 1547 überließ der berühmte Gelehrte Beatus Rhenanus seiner Vaterstadt sein kostbarstes Erdengut: seine Bibliothek. Öffentliche Büchereien waren damals unbekannt, jeder Gelehrte bedurfte daher zwingend einer Privatbibliothek. Bereits als Schüler in Schlettstadt besaß Beatus Rhenanus ungefähr 60 Werke. Während seines vierjährigen Aufenthalts an der Sorbonne erwarb er 188 Werke. Es folgten Jahre fruchtbarer Tätigkeit in Straßburg, Basel, Schlettstadt. Allmählich füllten sich die Regale seines Studierzimmers. Sein beträchtliches Privatvermögen erlaubte es ihm, alle Werke zu kaufen, die er für seine literarischen und historischen Studien benötigte. Andere wurden ihm von ehemaligen Schülern und befreundeten Humanisten geschenkt. Viele stammen vom Basler Drucker Froben, bei dem er als Korrektor angestellt war. Die komplette (ungefähr 670 ledergebundene Bände), für jene Zeit äußerst ungewöhnliche Sammlung (zumal mancher Band zehn bis 20 unterschiedliche Werke umfaßt), ging also 1547 an Schlettstadt. Ihr Wert wird noch dadurch vergrößert, daß es sich um die einzige Humanistenbibliothek handelt, die beinahe unversehrt die Zeiten überstand. Die reichen Bibliotheken von Erasmus, Reuchlin und Spiegel wurden zerstört. Die Rhenana bleibt einziger Zeuge aus jener für das europäische Denken so maßgeblichen Zeit.”

Sélestat

Mindestens zwei Eckpfeiler des modernen Christentums gehen auf Schlettstadt zurück: die Tradition des Weihnachtsbaums und die erste, vom Schlettstädter „Erfinder des Buchdrucks“ Mentel zurechtgeletterte Bibel in deutscher Sprache. Entsprechend gigantisch fällt die (Ganzjahres?)Weihnachtstanne am Ortseingang aus, dessen äußerst chaotische Straßenführung allerdings die Aufmerksamkeit vom Baum auf das surreale Asfaltrhizom mit seinen zur optischen Zierde applizierten Zebrastreifen lenkt – alles in allem ein Gesamtkunstwerk von Ortseingang, das den Fremden nicht nur zum Nachdenken anstiftet, sondern auch zu äußerster Vorsicht bei der Straßenquerung animiert. Sélestat selbst entpuppt sich als hübsches, kleines, leicht verwirrend organisiertes Städtchen, dessen Architekturen erfreulich organisch miteinander verkehren, Fachwerk findet seine Fortsetzung und Multiplikation im Spiegelglas, Sandsteintöne sorgen für die richtigen Schwingungen, der dem Elsaß immanente und hochnotwendige Anschein von Abnutzung bleibt somit auch an jüngsten Gebäuden gewahrt, welche älteren Scharten wiederum den Schrecken nehmen, nichtmal Vaubans Tätigkeiten brechen das Stadtbild, treibende Rockmusik dringt aus Modeboutiquen und offenen Fensterluken der sympathisch-schmuddeligen Gassen, eingeglaste Pot-au-feus, in schwierigen Schraubfiguren gougelnde Houpfs und klobige Fleischpasteten im Brotmantel beherrschen die Schaufenster, verwaiste Storchennestpräparate tun ihr übriges, das Elsaß verwirft sich einmal mehr auf sich selbst in Sélestat und macht das an dieser Stelle ganz, ganz prima. Plus Illidyll: mit künstlichen Hindernissen versehen fungiert ein Abschnitt als fleißig genutzte Wildwassertrainingsstrecke, auf Les Tanzmatten zu rauscht und glupschert das Flüßchen, Perlenschnur der Region, Richtung Vollnatur, schmücken treibende Inseln aus Pappellaub das klare huschende Naß, ob`s Fische sind oder Schatten von Weidenzweigen, mit denen der freundliche Lauf parliert, gen Norden geht’s, in Milde flankiert von champignonbestandnen Wiesen, in größtmöglicher Unschuld dem Rhein zu. Îles flottantes gibt’s auch als Dessert zu den Fleischkrautmittagstischen auf den sonnenbestrahlten Terrassen des tarteflambierten Altstadtpflasters, die Restaurants und Bistrots tragen Traditionsnamen wie „Zur Rippe eines prähistorischen Tiers“ – kein Wunder, daß sich Europas größte Humanisten in diesem Städtchen einst pudelwohl gefühlt haben mußten.

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!

Eine Mission

Der Rhein in seiner Funktion als Grenze diente zahlreichen und dient bis heute (nicht mehr ganz so zahlreichen) Literaten als Aufhänger und Inspiration zur Reflexion über Identitäten, Verschiedenheiten und Möglichkeiten der anwohnenden Volksstämme. In der folgenden Geschichte von Bdolf (einem der privaten Rheinsein-Förderer und genialen Zuträger zahlloser Anekdoten aus dem Hoch- und Oberrheinraum) wird der deutsche Schicksalsstrom nicht explizit erwähnt und der Andere/Fremde verschwindet einfach hinter den greifenden Maßnahmen eines umfassenden Regelwerks, jedoch dürfen Breisgau und Markgräflerland stillschweigend als Ausgangslage der prekären Mission begriffen werden, der weitere Kurs scheint deutlich gen Elsaß gesetzt, und natürlich regiert der Trash, ein hochmetaforischer zudem, wie stets in Bdolfs heimatverbundenen Geschichten, wie stets auch in echt, sobald die Menschheit oder repräsentative Teilmengen daraus in Aufbruchslaune geraten. Was in Geschichtsbüchern stets dreist heroisiert und verstaatsmännlicht wird, beschreibt Bdolf aus der sympathischen Sicht des kleinen Mannes, der den Job zu erledigen hat. Ein Gastbeitrag in drei Teilen:

Eine Mission (von Bdolf)

Ich war überrascht.
Obwohl ich nicht das kleinste Rädchen in unserer Behörde darstelle, kam ein Auftrag dieser Größenordnung doch vollkommen unerwartet.
Es mochte damit zusammenhängen, dass man davon ausging, ich habe die geringsten persönlichen Bindungen in meiner Rangstufe. Damit sind vor allen Dingen solche familiärer Natur gemeint.
Ich bin kinderlos und habe derzeit keine feste Beziehung.
„Sie sind der Mann! Dafür!“, orakelte Dr. Raffelhüschen, der Abteilungsleiter.
Unsere Situation ist eigenartig.
Wir sind ein Bezirkszollamt der Republik.
Wie schon der Name sagt, „Zollämter“ sind für gewöhnlich in der Nähe einer Grenze angesiedelt.
Zölle an sich spielen schon lange keine heraus gehobene Rolle mehr, gelang es doch durch eine Annäherung und Aussöhnung mit den angrenzenden Nachbarn Handel und Wandel deutlich von bürokratischen Hemmnissen zu befreien und wesentliche Erleichterungen für den Geld- und Warenaustausch einzuführen.
Entsprechend ist in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung der direkten Zölle zurückgegangen; würde unsere Behörde sich nicht auch mit allgemeiner Gewerbeaufsicht, Kontrolle der Hygiene, der Arbeitsvorschriften und des Eichwesens befassen – längst hätten vorgesetzte Stellen entscheiden müssen, ob eine derartige Einrichtung sich noch lohnte, noch zeitgemäß oder nicht überlebt und überflüssig –
Die ganz alten Kollegen vermeinen sich noch zu erinnern, „als sie damals anfingen, wäre mit den Zollabgaben noch richtig Geld gemacht worden …!“, es gibt aber unter ihnen auch durchaus ernst zunehmende Stimmen, die zu Protokoll geben, „zu der Zeit, als sie damals anfingen, habe es noch ältere Kollegen gegeben, die sich noch hätten erinnern können, früher sei mit dem Zoll auf ausländischen Waren noch Geld verdient worden …!“, ich für meine Person jedenfalls kann mich nur an Geldeintreibungen aus Strafbefehlen wegen Nichtbefolgens einschlägiger Vorschriften entsinnen, meines Wissens kam es während meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht vor, dass der gewichtige blau-rote Ordner mit den amtlichen Abgabesätzen aus dem Regal hätte geholt werden müssen.
Manche meinen, er sei längst verloren gegangen und selbst wenn so ein Fall sich je wieder ereignen sollte, könne unsere Behörde daher schon nicht wie vorgesehen agieren.
Da es sich hierbei um einen rein theoretischen Fall handelt, ist es absolut unnötig, sich mit müßigen was-wäre-wenn-Überlegungen aufzuhalten.
Dr. Raffelhüschen war außergewöhnlich ernst.
„Schulze Zwo – wir haben hier ein wirkliches Problem … !“, er hatte mich in sein Büro gebeten, nicht ohne etwas von „äußerster Diskretion!“ zu zischeln, ich war vor seinen enormen Schreibtisch komplimentiert worden, hatte mich auf seine Aufforderung hin platziert, nun fixierten mich seine stahlblauen Augen und er beabsichtigte offenbar weitergehende Ausführungen.
„Die Lage ist ernst – Schulze Zwo!“ – „Schulze Zwo“ war mein behördeninterner Name – „Schulze Eins“ war ein dienstälterer Kollege in der Fachregistratur Eichbetrug, ich als dienstjüngerer also „Schulze Zwo“, so wollte es der Brauch bei Namensdoppelungen – Sie wissen von dem merkwürdigen Phänomen mit unseren Grenzen – nun gut, in dieser Hinsicht können wir uns immer sagen, unser Land wächst – höchst erfreulich – also dehnt es sich aus – hm … ähm … “, unsere Blicke begegneten einander.
„Aber“, nach kurzem Innehalten, bei einem so merkwürdigen Thema war seine nur zu offensichtliche Unsicherheit verständlich, „nun sind anscheinend auch die Verhältnisse hier im Inneren betroffen – unser Kontakt zur Hauptstadt wird immer spärlicher … immer langwieriger und umständlicher, neuerdings scheint auch die Distanz durch Funk und Telegraphie nur mehr sehr langwierig und umständlichst zu überbrücken … –“
Mit einem kennerischen Nicken quittierte er meinen bestürzten Gesichtsausdruck.
„Schulze – auch ohne ausdrückliche Anordnung durch unsere vorgesetzte Behörde, es ist an der Zeit unsere Grenzeinrichtungen einer Revision zu unterziehen … Sie verstehen – der dienstplanmäßige Revisionszyklus … !“
Ich schluckte trocken.

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Mulhouse sémantique (2)

Salade de Betteraves, Salade Multicolore, Salade Cornélia, Salade Charcutières. Blick auf städtische Blumen. Schneeweißer Pitbull zerrt Pärchen längs der Ill. Meringuettes, zu deutsch: Baisers. Die abgeranzten Straßen, die hohen Preise. Über der 17 Grad-Sommerstadt dräut ein stumpfzahniger Himmelsrachen. Korrespondiert mit einigen einsturzgefährdeten Dächern. Corpus delicti – ancient rituals for a modern world. Eine Dame im Bikini klebt am Schaufenster, dahinter Vorhänge in ausgebleichtem Lila. Süßkirschenpflicht in den Vorgärten der Rue Buhler, Rue des Roses, eingekesselt von Leerstand, Eckenstehern, Staublichturbanität. FLUNCH. Feiste Europäerinnen tanzen grau und wild auf einem Relief am Tour de l`Europe, 112 Meter hohes dreieckiges Stahlbeton-Konstrukt, das sowohl das moderne Mulhouse als auch das Dreiländereck symbolisieren soll. Paßt schon. Der Heilige Ronald mit den feuerwehrroten Haaren schläft arglos unter einem weißen Laken, ist eigentlich schon tot und erwartet die Tunneldurchfahrt zur ewig elsässischen Kost. Hair of Time (drei Gegenvorschläge „zum Ausdiskutieren“: Time of Hair, Hair Time, Time Hair). Wie läßt sich Mulhouse als Teil der Eidgenossenschaft vorstellen? Weit über die eigene Geburt hinaus zurückdenken. Menschen sind angelegt, um über Straßen zu wuseln. Das eint uns (fast) alle. Mit einem Mariannenobelisken gedenkt Mulhouse seinen Befreitheiten von 1918/1944, auch seinen Söhnen die in Indochina herumbefreiten. Halal: die große Schweinefleischfreiheit. WÄRTSILÄ FRANCE. Das Elsaß und seine Affinität zum Erhalt diakritischer Zeichen.

Mulhouse sémantique

Im Norden beginnt Mulhouse zinedinezidanesk mit Bolzplätzen zwischen Hochhausgruppen und Wohnbaracken. IRISL. Im Zentrum ein Illhafen, Hausboote, verwaiste, geranien- und petunienbekästelte Promenade (kein Geranien-Petunien-entweder/oder!), schwammig grün dümpelnde Ill, bekränzt von kleinen Schaumwürfen, PET-Flaschen, ertrinkenden Blüten. Zwangsbestorchlogot: Potasse d`Alsace. Les Voyages Lesage. Repas Rapide. Ungesungene Chansontitel. Halsbrecherisch kunstfliegende Spatzen. Nahe der Rheinoper, dh im Theater-, dh wohl auch im Künstlerviertel klebt auf dem Boden die Kotze von letzter Nacht. Dezente Bettler. Les Amis de l`Emancipation Sociale, les Amis du Monde Diplomatique, les Auditeurs Modestes et Géniaux de Belfort vous invitent à un débat avec Francois Ruffin sur le thème de son livre „La Guerre des Classes“. Mischkulturelles Straßenbild. Menschen mit Hunden und Kindern (Square Steinbach) – wer geht mit wem Gassi? Arbre de la Liberté (8. Mai zerkratzt) – jedenfalls: ne filigrane Jungeiche. Le kiosque de Brothisla (tatsächlich e Brothäusle un net der Nam vun der Fra wo hinnerm Trese steht). Fleischnakas. AND` GEL NAILS. Formation, pose d`ongle, changez de vie. Von grünen Hoffnungsbögen überspannte Straßenbahnhaltestellen. Vélocité – städtische Leihräder gegen Elektrocash. Rue Engel Dolllfus, wer heißt denn so? Aha, ein „Industrieller und Philanthrop“, früher Doppelname. Im Gimex Market drehn sich die Grillhähnchen in ner Schutzvitrine am Tagesrand entlang. KISS KLUB. Betül, je t`aime. Was ist nun ein bétul? (Bétel?) Umgekehrt die Türken wieder: MIL FÖY für millefeuilles. Weitere übersetzerische Feinheiten: Rue des Bonnes Gens/Güàtàlitstross. Rue de la Justice/Schindergàsslà.

Obélix am Rhein

Meter um Meter stapfe ich voran ins elsässische Kernland, das innert 150 Jahren fünfmal seine Staatszugehörigkeit wechselte. Kirchturmspitzen ragen aus den Feldern, über denen Greife rütteln, die etwas mickriger ausfallen als auf der badischen Rheinseite. Fußgänger scheinen nicht vorgesehen im Elsaß, hier heizt man entweder mit einem möglichst röhrenden Motor unterm Kühler bzw Arsch durch die Gegend oder fährt wenigstens irgendein auffälliges Zweirad. Ich suche also Schleichwege Richtung Neuf-Brisach entlang, aber weit genug abseits der tödlichen Nationalstraße, die mehrfach zu über- bzw unterqueren ansteht, gelange durch ausgelagerte Einkaufszonen, vorbei an den gewaltigen Rücken sonntagsstummer Hypermarchés, Rudeln kläffender Schäferhunde auf Wache hinter Lagerzäunen und neugierigen Geißböcken in den Vorgärten abgeranzter Nebenstraßen. Rue du Genie, Volgelsheim: hier hat sich bezeichnenderweise der Reifenhandel angesiedelt, verweist auf den universellen Dreh- und Auswechselbarkeitscharakter der Dinge, und damit auf ihren kommerziellen Aspekt. (Typisch französisch: das Geistige mit dem Praktischen zu kombinieren.) Bei Algolsheim grüßt ein knautschiger Stroh-Obélix aus den Halmen – im Dorf mit dem allgallischen Namen finden Uderzos und Goscinnys aremoricanische Widerstandsdörfler ihr elsässisches Sommerwochenendexil.