Presserückschau (Juni 2016)

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Rhine Guards: “Wenn (…) im Rahmen des Schützenfestes in Eller (…) die Showparade auf dem Getrudisplatz startet, schlägt die Stunde der Rhine Guards. Das umtriebige Brass & Drums Corps hebt sich von anderen Musikkapellen ab, sind die 25 Mitglieder (davon zwölf Jugendliche) doch am amerikanischen Original des Drums & Bugel Corps des US Marines Corps angelehnt. Auch bei der Rangbezeichnung: Der 1. Vorsitzende (…) ist der Colonel, der musikalische Leiter (…) der First Sergeant. Das Repertoire reicht von dem St. Louis Blues Marsch über die Marines Hymn bis hin zum herzerweichenden Amazing Grace (mit Dudelsack!). Disziplin und Kleiderordnung werden großgeschrieben, von der Schirmmütze bis zu den Schnürriemen muss alles stimmig sein.” (Rheinische Post)

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“Zwischen Etzgen und Laufenburg können sich Möchtegern-Piraten und andere Wasserratten zwei Stunden lang treiben lassen. Das Gefährt besteht aus zusammengezurrten Baumstämmen, ist dreissig Quadratmeter gross, sechs Tonnen schwer, mit einem Schwimmkörper versehen, aber optisch – ein Floss. Herr des Flosses ist Captain J-C alias J-C Weiersmüller. Seit mittlerweile drei Jahren bietet er Flossfahrten auf dem Rhein an. (…) Noch liegt das Floss auf seiner Trockenstelle in Bad Zurzach. (…) Bis zu sechs Fahrgäste kann er mit seinem Floss transportieren. Sie dürfen sich unterwegs durchaus auch einmal als Flösser versuchen und mit dem Riemen das Gefährt steuern. So kriegen die Passagiere einen Einblick in das Leben von einst. Die Flösserei war bis ins 19. Jahrhundert und zum Ausbau der Eisenbahn ein bedeutendes Gewerbe entlang der Flüsse.” (Aargauer Zeitung)

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“Die Handballer der Rhein-Neckar Löwen sind erstmals in ihrer Vereinsgeschichte Deutscher Meister. Der frischgebackene Titelträger gewann am letzten Spieltag hoch bei Absteiger TuS N-Lübbecke und hielt damit Verfolger SG Flensburg-Handewitt auf Distanz. Das Gastspiel in Ostwestfalen war von Beginn an eine klare Sache. Nach acht Minuten stand es 6:2 für die Löwen, nach 24 Minuten 15:7 und zur Pause 17:10. Die Löwen waren dabei in allen Belangen überlegen, zeigten sich in der Defensive stark und in der Offensive treffsicher. (…) Am Ende hatten die Rhein-Neckar Löwen mit 35:23 gewonnen. Insgesamt gewannen die Löwen 28 von 32 Bundesliga-Spielen. Für die Löwen geht mit dem Titelgewinn eine Art Trauma zu Ende. Denn in den vergangenen zwei Jahren belegte das Team jeweils den zweiten Platz hinter dem THW Kiel – 2014 fehlten dabei nur zwei Tore zur Meisterschaft.” (sportschau.de)

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Der General-Anzeiger resümiert 1050 Jahre Dollendorf: “”Oberdollendorf liegt am Rhein, Niederdollendorf im Rhein”, lästern die Oberdollendorfer gerne über das benachbarte Niederdollendorf – und haben damit gar nicht mal so unrecht. Alle Jahre wieder nämlich setzt Vater Rhein die Uferpromenade und die anliegenden Straßen unter Wasser. (…) 1895 hatten die beiden Schiffer Hoitz und Käufer mit Motorbooten den Fährverkehr von Niederdollendorf über den Rhein aufgenommen, alte Quellen verraten jedoch, dass schon über die Jahrtausende hinweg Boote Personen und Güter von einem zum anderen Ufer transportierten. Besonders stolz ist man in Niederdollendorf darauf, dass vor der eigenen Haustür einst sogar die erste elektrische Fähre in Deutschland verkehrte. Am 11. Juli 1908 hatte das damals hochmoderne Fährschiff den Betrieb aufgenommen, am 7. März 1945 setzt die Fähre das letzte Mal von Godesberg nach Niederdollendorf über. (…) Sieht man einmal von den Jahren ab, in denen Väterchen Frost den Rhein bei Bonn hat völlig zufrieren lassen, was zuletzt 1929 der Fall war, hatten die Dollendorfer zweimal in der Geschichte die Gelegenheit, zu Fuß den Fluss zu überqueren: 1918 gab es eine Pontonbrücke, die während des Ersten Weltkrieges den deutschen Fußtruppen einen schnellen Rückzug ermöglichen sollte. 27 Jahre später bauten US-Pioniere die „Hodges-Bridge“ zwischen Bad Godesberg und Niederdollendorf, die als einer der wichtigsten Nachschubwege der Alliierten fungierte. “Da durften auch Personen drüber, aber man musste sich vorher entlausen lassen”.”

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“Bei einem Ausritt mit ihrem Pferd ist eine Frau in Chur (…) auf einer Insel mitten im reissenden Rhein gestrandet. Das Pferd entschied sich selbstständig zum Gang ins Wasser und war nicht zum Umkehren zu bewegen. (…) Ursprünglich wollte die Frau das Pferd am Rheinufer in der Nähe von Felsberg lediglich tränken. Doch das Tier begab sich gleich in den Rhein und war nicht dazu zu bewegen, umzudrehen. Stattdessen schritt es unbeirrt weiter, bis es die künstlich geschaffene Insel erreichte. Fürs Zurückkehren war dann die Strömung zu stark.” (Blick)

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“Im Revolutionsjahr 1848 kommt es auf dem Rhein zu einem bedenkenswerten Zwischenfall. “Gegen Mittag passierte ein Schlepp-Dampfschiff der Düsseldorfer Gesellschaft bei Kaiserwerth vorbei, als dort plötzlich sieben Gewehrschüsse nach demselben gerichtet abgefeuert wurden”, heißt es im entsprechenden Polizeibericht. Ein Schuss pfeift haarscharf am Kopf eines Knechtes vorbei. Bei den Verbrechern handelt es sich weniger um Revolutionäre als vielmehr um konservative Kreise: Vermutlich sind es Vertreter des Berufs der Treidler, die die Schiffe mit ihren Pferden vom Ufer aus durch die Gewässer ziehen. Die Erfindung der Dampfschifffahrt macht dieser seit römischen Zeiten auf dem Rhein praktizierten Tradition den Garaus. 1809 meldet der Amerikaner Robert Fulton sein Dampfschiff zum Patent an. Auf dem Rheim als der meistbefahrenen Wasserstraße Europas macht der schottische Kapitän William Wagner den Anfang. Am 8. Juni 1816 legt er mit seinem Schaufelraddampfer “Defiance” vom Ufer ab und fährt den Rhein hinauf über Köln. Es ist ein nie dagewesenes Spektakel, das auch den niederländischen König aufs Schiff lockt. Und Wilhelm I. reist extra mit der Kutsche nach Rotterdam, um das Schiff zumindest im Hafen zu bewundern. Längs der Strecke aber sollen sich die Bauern ob des Schiffs, das treidlerlos wie von Geisterhand bewegt wird, bekreuzigt haben.” (WDR)

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“Auftakt für das grenzüberschreitende Projekt „Veiligheid zonder Grenzen – Sicherheit ohne Grenzen“ des Löschzuges Rindern der Freiwilligen Feuerwehr Kleve und der Brandweer Millingen aan de Rijn: (…) Die Feuerwehren sind aus ihrer Sicht auf die gegenseitige Unterstützung angewiesen, denn die Probleme sind bei beiden Gruppen ähnlich. Aktuell ist durch eine staatsvertragliche Vereinbarung gewährleistet, dass die Feuerwehr aus Rindern den Kameraden aus Millingen aan de Rijn zur Unterstützung dienen kann. Es fehlt jedoch eine staatsvertragliche Regelung, damit die Brandweer Millingen aan de Rijn in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls ihre Fertigkeiten und Kenntnisse einbringen kann. Diese Regelung zu erreichen ist eines der Ziele des dreijährigen, grenzüberschreitenden Projektes, welches durch die europäische Union unterstützt wird.” (WAZ)

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“Unter Palmen liegen mit einem gekühlten Getränk in der Hand und bei Sonne satt entspannen – bis es so weit ist, müssen sich die Bad Säckinger noch ein wenig gedulden. Eigentlich sollte die Strandbar am Rheinuferweg schon Anfang dieses Monats zum Genießen und Entspannen einladen, doch bedingt durch den regnerischen Juni, herrscht auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Diebsturm und den WC-Anlagen immer noch gähnende Leere.” (Badische Zeitung)

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“Nach schweren Unwettern in Rheinland-Pfalz sind bei einem Bahnunglück am Rhein (…) zehn Menschen verletzt worden. Ein Regionalexpress entgleiste (…) zwischen Oberwesel und Bacharach wegen eines Erdrutsches. (…) Bei dem Bahnunglück am Rhein wurden nach Angaben der Bundespolizei der Lokführer und neun Reisende verletzt. Der Regionalexpress RE 4251 war zwischen Koblenz und Frankfurt am Main unterwegs, als der vordere Zugteil um 05.35 Uhr entgleiste. In der Region hatten die schweren Unwetter zu einer Reihe von Erdrutschen geführt und Gleise unterspült. Der Streckenabschnitt zwischen Oberwesel und Bacharach wurde komplett gesperrt.” (Welt)

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“Es ist ein gigantisches Städtebauprojekt für Straßburg und setzt die nach der deutschen Annektierung der Elsassmetropole 1871 begonnene Öffnung zum Rhein fort. Mit der »ZAC des deux Rives« (Zone d’aménagement concerté) wird unmittelbar an der Grenze am Rhein gegenüber von Kehl in den nächsten 15 Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Früher hatte das Viertel »Port du Rhin« einen schlechten Ruf. Seit einigen Jahren macht die Straßburger Stadtführung aber enorme Anstrengungen, um das einstige Problemviertel zu einem lebenswerten Stadtteil zu entwickeln. Das zeigen der neue »Place de l’Hippodrome« mit den beiden Kirchen, die deutsch-französische Kinderkrippe und die Neubauten neben dem Straßburger Teil des Zwei-Ufer-Gartens.” (Baden Online)

Die Lebensmüden im Eller Süden (In Eller dichtet man schneller)

Düsseldorf hat mich depressiv gemacht. In Berlin war alles anders, das Leben fand direkt vor der eigenen Haustür statt. In Düsseldorf ist dagegen rein gar nichts los. Hier muß man Monate warten, bevor eine interessante Veranstaltung stattfindet. Sehr lange Monate, dunkle Monate sogar im Sommer, in denen man kulturell unterfüttert ist. In dieser Zeit kann man froh sein, wenn man zuhause über eine ungelesene Bibliothek verfügt, um sich die Langeweile auf hohem Niveau zu vertreiben. Und abends geht man des öfteren ins Kino, der Spaziergang dorthin kann dann als Sport verbucht werden. Wer weder gern Filme schaut noch sich für Literatur begeistert, geschweige denn Sport betreiben möchte, hat trotzdem die Möglichkeit, sich von der Tristesse abzulenken, indem er die grüne Achse für Ausflüge nutzt und den Fröschen beim Quaken lauscht, oder indem er sich irgendwo in ein Café in der Altstadt oder am Rheinufer platziert und die Touristen dabei beobachtet, wie sie sich ihre Langeweile mit Fotografieren von Sehenswürdigkeiten vertreiben. Das Fotografieren hat dabei einen doppelten Vorteil: man ist nicht nur mit der Aktion selber beschäftigt, sondern hat für zuhause gleich vorgesorgt. Das Sortieren und Vorführen der Fotos im virtuellen sozialen Freundeskreis sorgt für ein wenig Aufregung. Mit dem Beantworten von Likes und Kommentaren vergehen schon wieder ein paar trostlose Tage. Und dann gibt es ja auch noch die Sonntage, an denen man in einen Gottesdienst gehen kann. Notfalls auch jeden Sonntag in eine andere Kirche, um möglichst viel Abwechslung beim Zählen der Mosaikfenster zu erreichen. Der Besuch eines Schwimmbads mit Sauna wie zum Beispiel die Münstertherme kann unter der Woche das Schlimmste verhindern. Die Symptome der Depression können recht gut kontrolliert werden. Wenn gar nichts mehr geht, schnappt man sich einen Kugelschreiber und ein herumliegendes Blatt Papier (Klopapier, Bierdeckel und Servietten sind selbstverständlich auch gut geeignet) und dichtet drauf los! Also das Dichten hat bei mir immer ganz gut funktioniert. Es unterdrückt nicht nur die Sinnlosigkeitsanfälle und Selbstmordgedanken sondern ermöglicht auch neue ekstatische Erkenntnisse über das LEBEN, die einem normalerweise verborgen bleiben. Da reihen sich Buchstaben und Wörter und ganze Sätze so aneinander, daß man auf wirklich andere Gedanken kommt. Bestenfalls wird aus dem geistigen Höhenflug ein Geniestreich, der die gesamte bisherige Literatur auf den Kopf stellt. Dann ist man natürlich auch nach der Vollendung noch mit dem Gedicht beschäftigt. Mit Korrekturfahnen für Zeitschriften und Bücher, mit Vortragsreisen und Lesungen in Literaturhäusern und Buchhandlungen. Wenn das Gedicht in einer überregionalen Tageszeitung erscheinen sollte, hat man noch zusätzlich mit Leserkommentaren zu kämpfen. Es können dann Jahre vergehen, bevor man das nächste Gedicht gegen die Langeweile schreiben muß. Wenn man natürlich in Eller wohnt, sieht die Situation schon ganz anders aus. Hier bleiben Geniestreiche schlicht unbemerkt. Niemand braucht hier sowas wie Literatur, hier fährt die Straßenbahn ganz ordentlich über die Gumbertstraße zum Gertrudisplatz, das ist literarisch, da braucht es keinerlei poetologische Erläuterungen, um den normalen Alltag mit Geist aufzublasen. In Eller ist alles poetisch. Das ganze Lebensgefühl ist literarisch. Das Wasserschloß und der Ponyhof runden das Bild von der Idylle noch ab. Es gibt in Eller weder Künstler noch Schriftsteller, aber genauso viele Arbeitslose wie in Neukölln. Während die Neuköllner Arbeitslosen der Kreativszene angehören und dadurch rund um die Uhr mit Kreativität beschäftigt werden, handelt es sich bei den Elleraner Arbeitslosen um echte, authentische Arbeitslose. Sie sitzen schon mittags in ihrer Stammkneipe und haben mit Kreativität nichts am Hut. Wenn die Straßenbahn auf der Gumbertstraße vorbeifährt, zünden sie eine Zigarette an und öffnen das nächste Bier. Aber warum ich das alles erzähle: die Düsseldorfer Depression erreicht in Eller nicht nur ihren absoluten Höhepunkt sondern hier herrscht auch die nötige Ruhe für mystische Selbsterfahrungen. Nichts lenkt einen ab. Wer seine Erleuchtung noch nicht gefunden hat, sollte unbedingt nach Eller umziehen. Eller ist eigentlich ein gewaltiger Tempel. Oase der Besinnlichkeit. Unter den Arbeitslosen befinden sich mittlerweise schon massig spirituelle Lehrer, heimliche Gurus und einige frühvollendete Meister. Sie sitzen in ihren Verstecken und meditieren den ganzen Tag. Deshalb sind die Bürgersteige in Eller meist hochgeklappt. Auf der einzigen asphaltierten Straße des Bezirks strömt der Berufsverkehr jeden Tag in das Stadtzentrum hinein und wieder aus dem Stadtzentrum hinaus. Alle Autos müssen durch Eller, nur anhalten tut keiner. In Eller ist einfach nichts los. Wer hier wohnt, ist dem Himmel sehr nahe. Auf dem Feldweg zum Wasserschloß hat man den Überblick von einem Horizont zum anderen. Fast wie im Bergischen Land. Aber das ist ein anderes Thema. Der Feldweg heißt Monckartzhofweg, aber ist nicht namentlich auf google map verzeichnet. Ich habe ein Beweisfoto mit dem Straßenschild hochgeladen, aber das hat nichts geholfen. Der Feldweg ist also ein ultimativer Geheimtip. Hier habe ich einige schöne Gedichte im Gehen geschrieben. Gedichte, die niemand hier braucht und die niemand vermisst. In Berlin hätte ich all diese Gedichte schon längst irgendwo publiziert (zum Beispiel in der floppy myriapoda) und auf diversen Lesebühnen lautstark vorgetragen. Aber in Düsseldorf – nein, von moderner Literatur hat man hier noch nichts gehört. Hier liest man Heinrich Heine und Heidi Klum. Oder besucht einen Poetry Slam, um die Epigonen von Heine und Heidi live anzuhören. Wer wirklich überhaupt keine Lust auf Literatur hat, ist bei Poetry Slams genau richtig. Hier herrscht der spätpubertäre Klamauk. Eine Stadt wie Düsseldorf braucht Poetry Slams, damit die junge Generation nicht noch depressiver wird. Unterhaltung ist alles, vom Catwalk zur Comedy und zurück. Wer einen Job hat, flaniert in der Freizeit über die Kö. Und wer keinen hat, schreibt eben Gedichte auf Feldwegen. In Eller. In Eller dichtet man schneller.

(Ein Gastbeitrag über Wirkweisen Düsseldorfs, verfaßt von Tom de Toys am 10. und 11.5.2015. rheinsein dankt!)