Expedition zur Rheinquelle

rheinseins Basis für den Aufstieg zum Tomasee war das sympathische Straßenhotel Rheinquelle in Tschamut, der letzten (bzw ersten) kleinen Ortschaft in der Surselva, dem langgestreckten Tal des Vorderrheins unterhalb des Oberalppasses. Dorthin zu gelangen, mußten diverse Dörfer mit archaisch-wilden romanischen Namen wie Schluein, Rueun, Trun, Vuorz, Rabius, Sumvitg, Zarcuns oder Schnaus passiert werden. (Zarcuns gegen Schnaus, klänge das nicht beinahe noch rabiater als Godzilla gegen Frankenstein Junior?) Gaststätten wie Liug da Fiug und Zimmer für Passanten-Aushänge gingen unterwegs ins rheinsein-Notizbuch ein. Durch die mit teils serpentinischer Rasanz immer tiefer ins Tal vorstoßende Windschutzscheibe ließen sich trefflich Vergleiche zwischen der aktuellen hochsommerlich-grün-kiesgrubigen Talstimmung und der spätherbstneblig-gespenstisch-kiesgrubigen unseres Kurzaufenthalts vor zweieinhalb Jahren anstellen. Es wäre allerdings ungerecht zu behaupten, Kiesgruben beherrschten das Tal. Die Surselva bietet dem Auge nicht minder viele idyllische Winkel.

Am Vortag zum historischen Aufstieg rheinseins zur Quelle am Vormittag des 24. Julis 2012 stand zunächst die Visitation der näheren asfaltierten Umgebung an: Wanderweg-Einstiegschecks, Geissen-Pierres sehenswert antiquierter Straßenrand-Selbstzahlerkühlschrank mit Ziegenhartkäse und Salsiz, ein Schweizer Café Crème direkt an der Paßhöhe, deren Töffli-Sound zu sortieren und den Leuchtturmnachbau aus Rotterdam zu bestaunen, der in einem noch laufenden Projekt in himmelsnahe Höhen verfrachtet wurde, um am Rheinursprung an den Rheinverlauf und das Rheinende zu gemahnen. (Zusätzlich zum Leuchtturm soll noch ein Rheinfrachter auf den Berg gehievt werden.) Am Gestade des Oberalpsees verstreut lagen Fischeingeweide und in seinen kleinen Buchten lungerten fingergroße Fischlein, welche sich sofort auf die Eingeweide stürzten, die wir ins Wasser schnipsten. Ob es sich um einen kannibalischen Akt unter verschiedenen Forellengenerationen oder bei den Fischlein um die legendären Bammelin aus der Einfalten Delineation handelte, ließ sich nicht feststellen.

Als wir genug von der leuchtturmbestandenen Paßhöhe mit ihrer rätselhaften Fischwelt und den ächzenden Radsportlern hatten, die sich in der Säumergastronomie gruppenweise ihre Lungenpäuschen gönnten, verließen wir die Asfaltwelt und stiegen guten Mutes in die ewig-flockig-bockig lockenden Berge der Berge hinan. Plätscherte nicht unweit ein paradiesisch-pluomenumstandenes Pächlein und hörten wir nicht aus sonnigen Fernen die feurigen Fiffe der Chrüter und Munken? Sprang nicht dort droben edles schwerbehörntes Steinwild olympisch von Wolke zu Wolke, während Wolke für Wolke aus schaumigstem Willen und seidigster Flachländer-Vorstellung bestand? Dort wollten wir hin, solang die Beine trügen und das Wetter mitspielte.

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Und wie es gelang: “Camutsch, camutsch” klangs unsichtbar klar aus der Umgebung, die Stergbelze stupfte und zupfte am Wiesenmikro, blau (blau: blau) blühte der Enzian, freche Flatter falteten sich fleißig um unser flackerndes Haupt, um sich heimlich-hinterrücks erfrischt zu entfalten, das Nacktbad im weltverlassenen Steintrog einer wildbachgespeisten Viehtränke kühlte unser Mütchen mit mineralhaltigem Kaltwasser treulich alpinen Geschmacks, das Pater Spescha-Arnikaorchester begleitete unser gumpendes Wandergestiefel mit Yellow as we are, der würzigen Melodie aus den Anfangstagen des Bergfreizeitgedankens und die letzten Schneefelder gaben romantische Metafern wie “`s Häsle wo in Himmel flügt” oder “i bi mi`s Ütr gwöhnt” preis – Momente für die Ewigkeit.

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(Fortsetzung folgt)

Einfalte Delineation

„Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden nach der Ordnung der Hochgerichten eines jeden Bunds, ihren Nammen, Nachbarschafften, Höfen, Situationen, Landsart, Religion und Landsprach nach kurz entworfen, Samt beygefügten etwelchen merkwürdigen Begebenheiten auch Seltsamkeiten der Natur verfast durch einen Liebhaber guter Freunden Nicolin Sererhard einem Bundsmann, beschrieben im Prettigeu auf Seewis des Loblichen X Gerichten Bunds im Jahr unsers Heils 1742“ lautet der vollständige Titel eines lang gesuchten und nun in der Ausgabe von 1944 in der Liechtensteinischen Landesbibliothek vorgefundenen Bandes, dessen Entstehen in Dielhelms Zeit fällt, ohne daß zwischen beiden Werken direkte Bezüge auszumachen wären. Wohl aber finden sich Überschneidungen einiger Anekdoten „vom Hörensagen“ und Vorgriffe auf die Geistergeschichten aus Büchlis 200 Jahre jüngerer Mythologischen Landeskunde. Sererhards bisweilen launische Kommentare funkeln lustig im Zeitkolorit. Dergleiche berühmte Alpenföhn, der seinerzeit bisweilen Sererhards Gedankengänge beeinflußt haben mag, hat uns folgende Ausschnitte ins Netz geweht:

Der graue Bund
„Dieser Bund wird der graue Bund genennet, wie man meynet von dem Lugnezer Landwasser Gloin har, welches bey Ilanz, allwo es sich in den vordern Rhein ergießet, eine graue Farb praesentirt. Von diesem so genanten Bund La Liga Grisa werden alle Bündner mit einem General Nammen bey den Ausländischen benamset Grisonei, oder die Grau Bündner.
Ja, weil bey dem Zusammenfluß des Rheins und Glorin oder Gleners der Rhein weiser Farb und der Glener grauer Farb ist, soll auch der Ober Bund diese zwei Farben zu seiner Liberei angenommen haben.
Dieser Bund ist das erste mahl geschworen worden anno 1424 zu Trünß under einer Linden. Dazu sind die gute Leuth veranlaßt worden durch die unmenschliche Proceduren und Tyraney ihrer Oberherren und deren Vogten, danachen sie sich bemüssiget befunden, sich zum gemeinen Schutz wider die unbilliche Gewalt zusammen zu verbinden.
Von viel Exemplen nur eines zu bemerken, so ist bekannt, wie der Vogt zu Bernburg in Schamß einen Baur gezwungen, mit den Hennen und salvo honore Schweinen aus ihren Trögen zu essen. – Doch hernach als die Bauren Meister worden, ist eben diesem ein gleiches wiederfahren, und er zu gleicher Näscherey gezwungen worden. Dergleichen Exempel noch manche beyzubringen wären.“

Heute heißts, der Bund sei unter einem Ahorn geschworen worden, von dem ein Teil in Truns noch zu besichtigen sei. Linde oder Ahorn, Ahorn oder Linde? Zu den Baumauswirkungen auf Schwüre: Rita Lüthy-Schwöri – Naturwesen, Baumfeen, Berggeister. Unsere unsichtbaren Freunde, Maienfeld 1977. Die Geschichte des Vogts von der Bärenburg und dem Bauern Johannes Caldar gibts auch in einer anderen Version, die stark an jene von Pidder Lüng auf Sylt erinnert.