Köln in Köln (13)

köln in köln_30Friesenviertel

köln in köln_31Merkenich

köln in köln_32Nippes

köln in köln_33Eigelstein

Köln-Gedicht von Friedrich G. Paff

Köln

Brücke, Dom und Tanzbrunnen
Rheinsein, Pumpwerk, Gürzenich
Bastei und Altstadt
Ring und Eigelstein

ein halwer Hahn
sucht seine Flügel

und in dem hohen Dom
da ankert tief

ein Mosaik
aus Strom und Stille

(Ein Gedicht über Köln, in das die Wortschöpfung für diesen Blog Aufnahme fand, schickt Friedrich G. Paff. rheinsein dankt!)

Fischsuppe

Benjamin Fisch, Architekt und Hobbyangler, wird für eine Dokumentation über Rheinangler vom Kölner Lokalfernsehen begleitet. Doch etwas stimmt nicht mit dem Mann. Möglicherweise hat er im Leben noch keinen Fisch gefangen und wenn er seine Freunde zum Fischessen einlädt, kommt niemals Fisch auf den Tisch. Hinweise auf Benjamin Fischs zunehmend seltsameres Verhalten geben sein Anglerkamerad Pamir Özgül, der am Eigelstein ein türkisches Café  betreibt, Fischs Lebensgefährtin und Chico, ein weißrussischer Bauarbeiter, der eigentlich “in der Geschichte nichts zu suchen hat” und den Chef mit dem Handy auf dem Dach eines Rohbaus beim Nacktbad in einer Regenpfütze ablichtet. Tatsächlich verwandelt sich Benjamin Fisch – Krankheit, Verhaltensstörung, natürlicher Zwang? – nach und nach in einen Fisch, eine ungeheuerliche und daher so lange als möglich abzustreitende Tatsache, die den geplanten Ablauf der TV-Dokumentation sprengt und Fischs Umgebung um Erklärungen ringen läßt. Einzig Pamir Özgül nimmt die Verwandlung mit einer gewissen Gelassenheit hin, und gießt dem Anglerfreund, nachdem der sich, offenbar mit noch einer Handvoll anderen, denen dasgleiche Schicksal beschieden, von einer der Kölner Brücken in den Fluß gestürzt hat und seitdem als verschollen gilt, vom Ufer seinen geliebten Kaffee in den Rhein.

Fischsuppe, ein Hörspiel (54 Minuten) von Guy Helminger, kann derzeit (und wahrscheinlich nur noch diese Woche) über die WDR-Website angehört werden. Erinnert fühlten wir uns beim Lauschen des Stücks an einen rheinsein-Gastbeitrag Ersin Öners von 2011: Der Mann, über einen mysteriösen Anzugträger, der angeblich in den Rhein gestiegen und darin verschwunden sei und die Gespräche darüber in “Serhats Café” am Eigelstein. Ob es sich bei dem Mann um Benjamin Fisch handelte und wieviele Männer tatsächlich (als Fische oder Fisch-Mensch-Mischwesen) im Rhein leben, werden weitere Werke (vielleicht ja bereits Ersin Öners geplanter Roman, um den es zuletzt allerdings eher still geworden ist) aufzuklären haben. rheinsein jedenfalls bleibt dran und wird nicht zögern, die neuesten Erkenntnisse über möglicherweise noch unbekannte Vorgänge im Rhein mit der Welt zu teilen.

Aufbruch aus Köln

Lebe wohl, o Köln! mit deinem Dome, mit deinem Gürzenich, mit deinem Bayenturme und mit deinen tausend und aber tausend Kirchweih- und Fastnachtsspäßen!
Dein werd ich immer gedenken. Dran denken werd ich, daß ich einst in der Sternengasse gegenüber dem alten, ehrwürdigen Hause wohnte, von dem mir einst ein dienstfertiger Kommissionär erzählte, daß der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und daß die Mediceische Venus darin gestorben sei.
Seltsam! Die Maria von Medici mit der Mediceischen Venus zu verwechseln. So etwas kann nur einem guten Kölner passieren. Aber der Mann erzählte mir die Geschichte mit der ernsthaftesten Gebärde; – wahrscheinlich hat er nur aus Instinkt einen kölnischen Witz gerissen. Ach, es sind so viele Leute in Köln auf ihren Witz angewiesen!
Lebe wohl, du alte, wunderliche Stadt! Während ich in deinen Mauern wohnte, habe ich mein Meistes und Bestes zu deinem Ruhme beigetragen.
Habe ich nicht von deinem kühlen Moselwein mehr genossen, als meinem Magen lieb war? Habe ich nicht in deiner “Ewigen Lampe”, in jener Schenke am Dom, mehr als hundertmal über die große Wahrheit des Spruches nachgedacht, daß keine Kirche auf Erden erbaut wird, ohne daß der Teufel seine Kapelle danebensetzt?
Bin ich nicht jeden Sonntag in dein Wallrafsches Museum gewandert, um vor den Bildern deiner unsterblichen Maler, vor jenen lieblichen Engeln und Heiligen mit Schwalbenflügeln und Goldkreuzen, vor jenen erstaunlichen Märtyrern mit noch erstaunlicheren langen Beinen, als ich sie selbst besitze, meine tiefste Andacht zu verrichten und in das frömmste Gelächter auszubrechen?
Habe ich nicht deinen Karneval verherrlicht, als ich einst auf dem schlechtesten Gaule der Rheinprovinz als Don Quijote durch deine Gassen ritt und mit dem Panzer vor der Brust, mit dem Barbierbecken auf dem Kopfe von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens deine holdseligen Jungfrauen zum Tanze führte?
Wurdest du nicht von mir besungen in altgriechischem Versmaß, in dem heiteren Rez-de-chaussée deiner DuMontschen Zeitung, Hochstraße № 133?
Sieh, ich habe alles für dich getan, was man in seinem einundzwanzigsten Jahre für dich tun kann, in dem Alter, wo man aufgehört hat, seinen werten Namen in jeden Eichenbaum zu schneiden, wo man aber noch nicht aufgehört hat, entre-chien-et-loup eine Laterne einzuwerfen; – wo man aufgehört hat: “Morgenrot, o Morgenrot!” zu singen, wo man aber noch nicht die Marseillaise singt; – wo man den letzten schwarzen Sammetrock verschlissen hat, aber noch immer nicht zu einem Frack kam; – wo man an die Gellertschen Fabeln zwar nicht mehr denkt, wo man aber auch noch nicht bis zu den Aventüren des Chevalier Faublas fortgeschritten ist – genug, in dem Alter, wo man den schönsten Teil der Flegeljahre hinter sich hat und gerade im Begriff ist, aus dem verrückten Monat April des Lebens in den Mai des Daseins hinüberzuvoltigieren, wo man wie ein angehender Student kein Pennal, aber auch noch kein Fuchs ist, wo man eben noch zwischen Esel und Roß schwankt, wo man einstweilen nur ein jugendliches, romantisches Maultier ist.
Ach Köln, ich habe viel für dich getan! Ich schwärmte für dich. Von jedem Eckstein deiner Gassen wußte ich etwas Interessantes zu erzählen. Ich kannte jedes Marienbild in deinen Kirchen, jedes Römerglas in deinen Schenken “zum stillen Vergnügen”. Ich wußte deine Sagen, Legenden und Märchen auswendig wie der Dr. Weyden; ich wußte noch viel dümmeres Zeug als das!
Und womit hast du mich belohnt? Glaubtest du dich dadurch hinlänglich revanchiert zu haben, daß du mich durch deinen sterblichen Professor Wahlen als korrespondierendes Ehrenmitglied eines jährlichen Bockessens aufnehmen ließest?
War das dein Dank, daß alle Fenster und Türen verschlossen, daß all deine Gassen wie ausgestorben, daß all deine Plätze wie verwaist waren, als ich endlich in der heiligen Frühe um 6 Uhr wehmütig in den Omnibus stieg, um mich vielleicht auf immer von dir zu trennen?
War das dein Dank, daß du nur hin und wieder einen schlaftrunkenen Pfahlbürger, mit der Schlafmütze auf dem Kopf und mit nicht sehr saubern, umgeklappten Vatermördern, aus den Giebelfenstern gähnen ließest, als ich über den Eigelstein an jenen Häusern vorbeifuhr, wo man die länglichen, sehr mystisch-sagenhaften Brote backt, an deren obern Ende ein Mutter-Gottes-Bild und an deren untern Ende eine Flötepfeife angebracht ist?
War das dein Dank, daß du den eisernen preußischen Adler auf deinem Tore wie einen gallischen Hahn zornig erröten ließest, als der treue Sohn eines treuen Vaterlandes endlich die Festungswerke passiert hatte, um froh das Weite zu suchen?
O Köln, du große Freudenstadt, die du in deinem Banner die Farben Rot und Weiß führst, gewissermaßen als Sinnbild des vielen roten und weißen Weines, der in deinen Mauern getrunken wird; schöne Stätte, wo jeder Familienvater wie der heilige Petrus seinen Hausschlüssel bei sich führt, wo jeder junge Ehemann den ganzen geschlagenen Abend auf den harten Wirtshausbänken sitzen muß, um den kühlen Krätzer zu trinken, während die lieblichen Ehehälften im weichen Bette liegen dürfen, um sich des warmen Tees zu erfreuen; glorreicher Ort, der du nimmer müde wirst, an deinem kolossalen Dome zu bauen; ruhmwürdige Gegend, in deren Bereich die Zahl der Dombau-Vereine fast geradeso groß ist wie die Zahl der Taler, welche diese Vereine jährlich zusammenbringen; Stadt des Humors und des Enthusiasmus, die ich geliebt, verehrt, besungen und verherrlicht: weshalb ließest du mich so still aus deiner Mitte ziehn? – weshalb öffnete sich nicht noch einmal die Türe des “Freischützen” und das blaue Auge seiner schönen Kellnerin? – weshalb wurde er nicht einmal am frühen Morgen wach, der gewaltige Klütsch, welcher der Große Bär unter den Sternbildern deiner lustigen Bürger ist? – weshalb hörte ich ihn nicht noch einmal knarren, den alten Kranen dort oben auf dem Domturm, an dem sich sicher und gewiß noch ein anderer Baumeister erhängen wird wie an einem Galgen, wenn er wiederum an der Vollendung des gewaltigen Werkes verzweifelt?
Alles war still. – Nur da draußen vor den Toren sangen die Lerchen ihr Morgengebet, und die Lokomotive akkompagnierte mit hellem Gepfeif, und Regierungsräte und Kammerfrauen und Polizeidiener und Gemüseweiber und Roßkämme und Orgeldreher und alles, alles drängte sich in die offenen Wagen, nur kein einziges jener Geschöpfe, die ich vor meinem Abschiede noch einmal an die Brust zu drücken wünschte, nur kein einziges jener lieben Kinder mit Rubinlippen, mit nußbraunen Haaren und mit Augen blau wie: “Vergiß-mir-nicht”.

(Georg Weerth, Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten)

Der Mann

“(…) René Pellken, ein junger Dichter, den ich gelegentlich in Serhats Café am Eigelstein treffe, erzählte vor ein paar Monaten eine merkwürdige Geschichte. Er habe während des jüngsten Hochwassers einen Mann gesehen, der über die Treppen bei der Bastei in den Rhein gestiegen sei. Der Mann sei gut gekleidet gewesen und mit frappierender Selbstverständlichkeit in die Fluten gegangen. Auf René Pellken wirkte der Mann „wie ein Manager oder Geschäftsmann“. Was er im Rhein suchen mochte, konnte René sich nicht erklären. Und noch etwas verstand René Pellken nicht:
„Das Wasser übte keine Kraft auf den Mann aus. Er verdrängte es, als würde er durch die Fußgängerzone flanieren, als wäre da nichts als Luft.“
„Die Szene hast du am Computer gesehen und legst sie dir nun zurecht. Was hattest du an dem Tag eingenommen?“
„Nicht viel. Das war draußen, definitiv. Es hat leicht geregnet.“
„Das läßt sich am Computer simulieren, das weißt du.“
„Die Willi Ostermann fuhr vorbei, ein paar Leute winkten vom Boot aus.“
„Haben die auch den Mann gesehen?“
„Da war der Typ doch schon komplett unter Wasser.“
„Und er hatte keinen Schnorchel dabei oder so etwas?“
Serhats Café war schlecht besucht. An einem Wandtisch saßen drei prekäre Deutschländer und klopften Sprüche. Sie waren weit genug entfernt. Die Atmosphäre bestimmte Serhats neuer LED-Fernseher. René Pellken vertrug das nicht gut. Seine Augen begannen zu wandern, er herrschte mich an:
„Dieser Scheißsender spielt fünfmal hintereinander dasselbe Lied!“
„Das täuscht.“
„Sag bloß.“
„Den letzten Titel hat eine Frau gesungen, jetzt ist es ein Mann.“
„Diese Schwuchtel verstellt doch ihre Stimme.“
Wir blickten auf den Bildschirm. Das Video war in Köln gedreht worden! Die Kamera zeigte den Schnulzensänger wie er vor den Liebesschlössern auf der Hohenzollernbrücke posierte. Der Regisseur des völlig uninspirierten Videos machte reichlich von Weichzeichnern Gebrauch. Der Refrain des Liedes lautete auf die magischen Wimpern einer Schönheit und ihren unfaßbaren Gleichmut. Auch mir kam es nun vor, als hörten wir ihn bereits einige Male zu häufig hintereinander.
„Da!“, schrie René Pellken plötzlich, „da! da! da!“ Seine Augen hatten das Wandern unterbrochen und sich hastig in ihren Höhlen eingerenkt, was seinen Blick noch wahnsinniger erscheinen ließ. Mit dem Zeigefinger stocherte er im dreidimensionalen Raum umher, eine sehr deutsche Geste.
„Hast dus nicht gesehen, hast dus nicht gesehen?“
„Was denn? Steht dein Name auf einem dieser Liebesschlösser?“
„Auf jedem zweiten, du Idiot! Aber Mann, hinter dieser Schwuchtel, hinter den bescheuerten Schlössern, ganz hinten auf dem Bild, da, unten am Deutzer Ufer, da ist eben der Mann im Anzug aus dem Rhein gestiegen, derselbe Mann, von dem ich dir erzählt hab.“
„Ich frage Serhat, ob er weiß, wo man das Video bekommen kann.“
Wir mußten die DVD aus Ankara bestellen. Wir zahlten mit allem Drum und Dran fast 50 Tacken für das beschissene Teil, das nach acht Wochen tatsächlich seinen Weg ins tiefste Köln gefunden hatte. Ein Mann, der aus dem Rhein steigt, war darauf nicht zu sehen. René Pellken beharrte weiter auf seiner Geschichte:
„Es muß das falsche Video sein, eine falsche Kopie.“
„Du meinst, es gibt Kopien mit und ohne Rhineman?“
„Du hast es doch selbst gesehen!“
Nichts hatte ich gesehen und René Pellken wußte das. Ständig erfand er solche Geschichten, aber wehe, man nahm sie ihm nicht ab. Sobald jemand an seinen Worten zweifelte, verließ er beleidigt den Raum. Man hörte dann, daß er bei Dritten schlecht über einen redete. (…)”

Der Text ist ein (inzwischen schon wieder überarbeiteter) Ausschnitt aus Ersin Öners Romanprojekt “Der Mann, der aus dem Fluß zu uns kam und nicht wußte warum die Welt ein Tal der Leiden ist” – exklusiv für rheinsein. Herzlichen Dank, Ersin!

rheinsein im Grünen Salon

Am gestrigen Abend gabs zur Walpurgisnacht mal wieder den Grünen Salon in einem heimeligen Kölner Eigelstein-Hinterhof. rheinseins Mitwirken dabei ist zu einer kleinen Tradition herangewachsen, der ein oder andere Künstler reist zu den gelegentlichen Salons nicht nur aus entlegenen Kölner Veedeln, sondern sogar aus dem Ausland an, um gestärkt mit Grillwürstchen und badischem Bier (wahlweise: Rohkost und Schaumweinen) selten zu Sehendes auf die Bühne zu bringen bzw als Publikum zu bestaunen. Diesmal sang ein Klavierstimmer, dessen Namen wir nicht mitbekamen, unter stichwortartigen Erläuterungen zum Akkordeon ein vorgebliches österreichisches Sprichwort, das in etwa lautete, daß wer dem Hund etwas Gutes tun will, ihn zu schlagen aufhört. Zur Unterstützung dieser These verfiel der Sänger in original-austriakisches Jodeln, eine rechte Seltenheit am Eigelstein. Zuvor sahen wir den litblogs-Kollegen Hartmut Abendschein, von einem Haufen modernster Technik umgeben, das pappmaché- und systemtheoretisch unterfütterte Theaterstück Die Verfolgung und Ermordung Julian Paul Assanges, dargestellt durch die Puppentruppe des Hospizes zu Gutenberg aufführen, während draußen vor der Tür seine oulipotischen Kameraaufnahmen diverser Straßenpflaster das Hofpflaster anflirteten. In diesem Kontext paßten unsere Liechtenstein-Gedichte wie die Faust aufs Auge. Das Publikum wußte wenig (“liegt das zwischen Österreich und der Schweiz?”, “da gibt es ein Schloß”) bis garnichts von Liechtenstein, ein läßliches Manko, das mit unserem Vortrag aus Das Lachen der Hühner womöglich dennoch ein wenig abgelindert werden konnte. Den Abschluß lieferte, es ging bald gegen Mitternacht, ein musikalischer Beitrag von Gastgeberin Christina Messner, den wir, wegen Überfüllung der Ränge vor der Tür verblieben, nur in auslaufenden Schallwellen mitbekamen.
Festzustellen bleibt, daß das Thema Liechtenstein in Köln (zumindest außerhalb der Kreise von Schwarzgeld-Multimillionären) noch klaffende, poetisch-aufklärerisch zu füllende Lücken bietet, die wir bei unseren unmittelbar nächsten Auftritten in weiteren Kölner Veedeln tatkräftig angehen werden.