Gorrh (21)

Gorrh, oh: was ist das? Es ist Gorrh: in seiner Funktion als vollkommunikables Etwas (inkl. GPS und zahlreichen neuartigen Sexualparametern), es ist Gorrh als sich selbst integriertes Smartfone, den Touchscreen hochgezogen auf Plakatwandgröße an einer gut einsehbaren Stelle der Bundesstraße 9. Gorrh, somit in sich und um sich: ihr Sichtschutz besteht aus ihrer weithin sichtbaren elektronischen Strahlung, sein Gebiß in Fluorweiß, Brüste im Wonderbra, Gorrhs Hirnströme zeichnen die nebelverhangenen Höhenlinien der Voreifel. Gorrh: auf Null zulaufende, schaulaufende Verheißung. Autoprothetisch hängt Gorrh in/über der Gegend, „behindert is doch heut, wer ohne Freischpreschhändy in die Gegend brüllt, wer nich mit Wiimote sichn Weg freizäppt“, fläzt am Zeitstrand, gähnt im Goldrausch, schnipst „pling-pling-pling“ Steuergroschen in den Rettungsschirm der einheimischen Dichterzunft („vill tut sisch da doch nit mieh“), beamt sich ins Reichsidyll von 1935, eine (eine? die!) Horten HII Habicht rüttelt über typisch grünen rheinischen Wiesen, Nurflügler, Urflügler, Gorrhflügler, Gorrh grinst „ick bin aine Wunderwaffel!“. 1935 bis 2012: eine Menge Verschwörungstheoretiker sind auf Zeitreisen. Endziel Drittes Reich. Vergangenheitstouristen, Gorrh auf der Spur. Viele von ihnen bleiben kleben beim rückwärtsgewandten Blick. Ziehen Jahresmärkchen, horten Demärkchen, wundern sich, daß früher alles besser war und heute alles vor die Banken geht, daß morgen alles besser gewesen sein wird, nachdem es vor so langer Zeit doch ausgerottet worden war auf dem langen Marsch an die Pfründe. An einen Pfrund gekettet schwebt Gorrh mit der Leichtigkeit eines harmlosen halbknalligen Luftballons der Stadtsparkasse Bonn, rot/weiß wie der Effzeh, rot/weiß wie Ketschappmahjo, baumelt in den Luftzügen, die niemand als Gorrh selbst aus den Schächten ihrer Vielheit heraus kontrolliert, es prangt auf seiner Luftgestalt kein Sparkassen-S, sondern ein Dr. Mabuse-B, „häh, wieso B weiß kein Mensch!“ Aber, aber, es existiert doch ein B in Mabuse, wenngleich nur ein kleines, es steht für den B-Bezug zur Rerealität, dessen Gorrhs Bewunderer sich befleißigen. Auf Gorrhs Bewunderinnen zugerobbt kommen aus den trostbietenden Vorstädten gruppenweise die anderen Ideologisten. Es geht ihnen darum, den Arsch hochzubekommen und mehr Wissen über sich selbst anzuhäufen, das dann schippchenweise an Bedürftige verschenkt oder “zu fairen Preisen weitergegeben” werden kann. “Aha!”, machts da über der Stadt, auf ihren Plätzen und Straßen, auf der Rheinwiese und insbesondere bei den Würstchenständen. Mit der Leichtigkeit eines Werbeluftballons platzt Gorrh, weil er mutwillig zerstört wird und sieht, daß es gut ist. Außerdem muß sie wieder an den Strom: „Klappe halten, Zeit verwalten, Kerne spalten!“ erscheint Gorrhs vorerst letzte, verglühende Leuchtbotschaft, bevor sie am Rande der eigenen Inexistenz in die 70er switscht, mit Turmfrisur, Zahnlückchen und psychedelischen Mustern in Braunorange, Orangegrün und Gelbrot.

Echternacher Springprozession

Eine der exzellentesten, meistgeglaubten und liebstfrequentierten Realitäten liefert in der Neuzeit das Fernsehen. Noch im Mittelalter hätte Television für ein Wunder gegolten und wäre diverserseits nicht allzu fern der Ketzerei eingeordnet worden – die meisten Ansichten tragen sich standhaft durch die Zeiten, nur unter verschiedenen Vorzeichen und wechselnden Parteilichkeiten. Pfingsten am Rhein, das sind beispielsweise Schützenfeste, Jugendfußballturniere und die Echternacher Springprozession. Die in ihren Ursprüngen auf das erwähnte Mittelalter rekurriert und für Wunder ebenso bekannt ist, wie sie als heidnisch von Staat und Kirche bereits verboten war wie, hier schließt sich aufs Eleganteste der Kreis der Geschichte, das Fernsehen berichtet. So seh ich also aus der Ferne auf Datenträger gebannte Eifeler springen, sozusagen mit den Füßen beten, zu St. Willibrord, der sie alle einst katholiziert hat, genau: im Mittelalter. Da ziehen sie ihren Glaubensweg über grüne windradverspargelte Eifelwiesen, von Waxweiler aus, von Prüm und Bollendorf, vorbei an Weiden und Kühen, selten sieht man die Eifeler derart lustig und lebensfroh, zunehmend werden sie dafür auch von Touristen bestaunt, für ambulante Überlandbeichten ist gesorgt, für simultane Massengebete und medizinische Betreuung natürlich ebenso, es ist eine Schau und Mühsal, doch wo es früher nur drei Schritte vor und dann einen entscheidenden zurück ging, beim Springen, geht es seit 1945, wie in so vielen anderen Dingen, nur noch voran und wo Karl Marx behauptete, Religion sei Opium fürs Volk, stimmt ein hochneuzeitlicher Prozessionsteilnehmer überein: „Eine ganz tolle Sucht! Die schönste Sucht, die man sich denken kann: mit dem Körper zu beten.“ Auf ihre trockene Art verleihen die Brudermeister die Ehrenabzeichen für fünfzigste, fünfundsiebzigste und hundertste Teilnahmen, und nach einem Schluck hausgebranntem Obstler packen die die eher schweigsamen Prozessionsveteranen sogar die alten Geschichten aus, von der Dorf-SS und dem heiligen Schmuggel von Genußwaren über die Sauer: „Wenn ma damit aufjewachsen is, dann meint ma, dat müßt so sein.“

Aufm Drachenfels

Im Tal aufgewachsene Menschen (wie ich) hegen eine gewisse Skepsis gegenüber den Bergen, es ist uns nicht ganz geheuer dort oben, ungekannte Wesen und Gefahren lauern dort sowie eigentümliche Menschen, die weniger lauern, vielleicht, als daß sie wild und unberechenbar wirken oder überhöhte Preise für ihre Dienstleistungen verlangen und häufig ein recht fundamentales Christentum pflegen. Und so bekreuzigen wir uns mehrfach, bevor wir in die Felsen aufsteigen. Mein Bekreuzigungsakt am Drachenfels, einem nicht gar so gewaltigen, immerhin mit mythischem Namen und dreierlei Drachenlegenden versehenen Hügel, bestand diesmal im Deklamieren einiger Byronscher Canti aus Childe Harold`s Pilgrimage, wie etwa diesem:

„The castled Crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Between the banks which bear the vine,
And hills all rich with blossomed trees,
And fields which promise corn and wine,
And scattered cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strewed a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.“

Viele dieser lyrischen Beobachtungen treffen auch heute noch, als ein Bruchteil des Gesamtbilds, vor allem natürlich die letzte Zeile. Beim Aufstieg wie stets die Suche nach möglichen Stellen der Siegfriedschen Drachenhatz. Auf halber Höhe ein Cappuccino mit Rheinblick in den ersten Frühjahrssonnenstrahlen. Das dauerdröhnende Tal, moderne Landschaft mit Silberschleifchen, ein Probealarm, die unsichtbaren Schwingungen der Sirenen: wilde Bewegungen in der Luft. Kommen Tiefflieger über die Eifel? Die Sirenen verklingen, zurück bleibt das unregelmäßige Rauschen der Verkehrstrassen. Weiter, vorbei an Schloß Drachenburg, das einst einem etwas exzentrischen Mann namens Paul Spinat gehört haben soll, mit Vorliebe für Uniformen und rosafarbene Rolls Royce, und solchen Ideen wie Leute aus Warhols Factory einzuladen, um die Innengestaltung seiner gediegenen Wohnstatt vorzunehmen (unbestätigte Quelle). Außen verkünden Banner die Möglichkeit zur Besichtigung: „Wegen Renovierung geöffnet“. Doch: Schloß geschlossen. Vorbei an einer Gruppe dumm in die Gegend linsender Esel, die Zahnradbahn fährt vorbei, mal bergauf, mal bergab. Gegen Mittag mehrt sich das Menschenaufkommen. Der Drachenfels hat einen Ruf zu verteidigen, als Deutschlands meist bestiegener Berg. Aufwärts, aufwärts, sind eh nur ein paar Meter. Der folienverpackte Bergfried überm Gipfel ist von Baugerüsten umgeben. Steht da wie eine unmotivierte Rakete (oder ein vergessenes Geschenk). Zu seinen Füßen nach wie vor die drachenfelsische Betongastronomie, dem äußeren Anschein nach eine Mischung aus 70er-Jahre-Gefängnisarchitektur und DDR-Kantine. Soll angeblich bald weggesprengt werden. Der Postkartenblick auf die Rheininseln Grafenwerth und Nonnenwerth. Plötzlich lärmend durchkreuzt von einem offenen Leichthubschrauber. Von unten dröhnt weiter das Tal. Japanische Touristen scherzen. Ich murmle fleißig Byron-Verse. Es bräuchte einen Kescher für Geräusche. Sie auch noch nach Tagen, Wochen und Jahren aus der Luft zu fischen. Dann wär das hier eine reiche Jagd.

Eingeeifelt

Ausgerechnet im übernacht tief verschneiten Schwarzwald stoße ich auf Clara Viebigs Eifelroman „Das Kreuz im Venn“ – wieder verschieben und mengen sich Raum und Zeit, in diesem Fall zwei rheinische Mittelgebirge, die Eifel um 1900 und der Schwarzwald um 2000 nach Christus, welcher in beiden Gegenden bis heute reichhaltige und in ihren äußeren Anwendungen bisweilen bizarre Verehrung erfährt. Eine willkürlich aufgeschlagene Stelle bringt den angemessen zartwilden, je nach Jahreszeit euforisierten bis düsteren Unterton, den Viebig der rauhen Vennlandschaft in ihren Beschreibungen aufprägt, zum Klingen: „Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: hu, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam`s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner, sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venngedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Hier war zuviel Raum, zuviel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht. (…) Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke aus armesdickem Astwerk ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten. Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel. Rastlos schritt er auf und nieder. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, riß sie auf. Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?“ Letzteres im Mittelgebirge stets eine hochberechtigte Frage. Der Neuschnee auf dem Dachschrägenfenster versperrt mir heut Morgen die Aussicht auf Hüfingen und Baar. Viebigs Romanhelden sind Kleineleute, ganz in der Tradition Emile Zolas, sie widmet sich deren Schicksal und bäuerlich-christlichen Traditionen in extensiven Beobachtungen, die Echternacher Springprozession wird in lähmender Ausführlichkeit beschrieben, harte Bauernarbeit, strafgefangene Torfstecher, Tyfus-Einbruch und nächtliche Hofbelagerungen bestimmen nebst Kirchgang und Frühschoppen Linienführung, Farben, Rhythmus ihrer Beschreibungen, denen allenthalben das Prädikat „naturalistisch“ verpaßt wird. Und während ich dieser Tage langsam, doch geduldig durch weich gekrümmte Schneefelder stapfe, lappt literarische Eifelei in mein Schwarzwälder sein, Bedrückung und Weite, Bedrückung durch Weite und Weite durch Entrückung, und um die Mischung vollkommen zu machen, geht der Ruf nach Obstler, und ganz gewiß, er wird erhört werden, darauf läuft es am Ende doch stets hinaus.

Clara Viebig: Das Kreuz im Venn, Moewig, Rastatt (ohne Jahresangabe)