Strukturwandel

Wappen_Eggenstein-Leopoldshafen

Der am Rhein gelegene Karlsruher Stadtteil Leopoldshafen (bis 1833: Schröck) trug ab 1895 ein mit einem Ruderer besetztes Segelboot im Wappen. 1956 kam die Reaktorstation (auch Kernforschungszentrum, später Forschungszentrum, heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT)) in die Gemeinde. Zur Fusion mit Eggenstein im Zuge der Gemeindereform im Jahr 1974 wurde ein neues Wappen präsentiert. Für Leopoldshafen steht seither, anstelle des Bootes auf dem Rhein, das Bohr’sche Atommodell, ein Symbol, mit dem sich viele Bürger nicht identifizieren mögen. Gelegentlichen Protesten und Eingaben zur Rückgestaltung des Wappens wurde bisher nicht stattgegeben. Die Forschungsschwerpunkte der Reaktorstation haben sich indessen erweitert, neben Kernenergie wird u.a. zu deren Entsorgung, zu alternativen Energiemodellen, zum Klima und zur Nanotechnologie geforscht.

Presserückschau (September 2013)

Das nachrichtenarme Sommerloch dehnte sich bis in den September, verabschiedete sich zur Monatsmitte grußlos, womit auch der rheinische Nachrichtenfluß wieder gewährleistet scheint. Die interessantesten Meldungen des Septembers:

1
“Die Rhein Petroleum GmbH, Heidelberg, beginnt (…) ihre erste Probebohrung in Deutschland. Rhein Petroleum wird (…) im südhessischen Riedstadt-Crumstadt bis in eine Tiefe von rund 1.600 Metern bohren. Riedstadt-Crumstadt liegt ca. 50 km südlich von Frankfurt am Main. Die Bohrung endet in den sogenannten „Pechelbronner Schichten“, in denen Rhein Petroleum förderungswürdige Mengen an Erdöl vermutet. Dieses Bohrziel wurde in Folge der umfangreichen seismischen Untersuchungen (…) als vielversprechend definiert. Es liegt im ehemaligen Ölfeld „Stockstadt“, aus dem bis 1994 Öl gefördert wurde und in dem noch signifikante Restreserven erwartet werden. (…) Eine weitere Bohrung, an der die Rhein Petroleum beteiligt ist, hat bereits Anfang August in Karlsruhe-Leopoldshafen begonnen. (…) Die Bohrungen in Riedstadt-Crumstadt und Karslruhe-Leopoldshafen sind die ersten Erdölbohrungen in Hessen bzw. Baden-Württemberg seit 25 Jahren. Im hessischen Teil des Rheingrabens begann schon 1952 die kommerzielle Förderung von Erdöl. Insgesamt konnten bis 1994 aus insgesamt 47 Bohrungen knapp 7 Millionen Barrel Öl gefördert werden. Das Öl sammelte sich in Schichten, die zwischen 1.500 und 1.700 Meter tief unter der Oberfläche liegen.” (Aus einer Pressemitteilung der Deutsche Rohstoff AG)

2
Vage erinnern wir uns einer Bodensee-Schildkröte namens Rheini aus dem Sommerloch vergangenen Jahres. Nun taucht ein neuer Rheini (ein Name, der nicht von ungefähr so originell klingt wie etwa Heini mit vorangestelltem R) auf, erneut aus dem Tierreich, diesmal im Liechtensteiner Vaterland: “Mit dem Projekt “SOS Storch” möchte die Gesellschaft “Storch Schweiz” das Zugverhalten der Weißstörche untersuchen. Mehrere Störche wurden mit Sendern versehen, um ständig ihren Aufenthaltsort zu kennen. Zu diesen Störchen gehört auch “Rheini” aus der Storchenkolonie im Saxerriet. Im Juni verpasste ihm der Verein Rheintaler Storch einen Sender. Derzeit befindet sich “Rheini” in Nordspanien”, etwas präziser: auf einer nordspanischen Müllhalde, welche Rheini und Kumpanen dem Weiterflug nach Afrika neuerdings vorziehen, wie der weitere Artikelverlauf verrät.

3
Wie die bis nächsten März laufende Wittelsbacher-Ausstellung in Mannheim erklärt, warum Bayern am Rhein erfunden wurde, erklärt die Welt: “Was fällt einem zu den Wittelsbachern heute ein? Bayern natürlich (…), wo der “Kini” immer noch eine gewisse nostalgische Verehrung genießt; die Farben Blau und Weiß im Rautenmuster von Wappen und Fahne und idealerweise am Münchner Himmel; Schloss Neuschwanstein. Ja, und natürlich das Oktoberfest, das die Wittelsbacher ihren bayerischen Untertanen schenkten samt Dirndl-Tracht und Lederhosen und Leberkäs’. Doch dieses Bayern mit seiner markanten folkloristischen Physiognomie, es wurde am Rhein erfunden, in der Pfalz. Max IV. Josef, der als erster Bayerischer König von Napoleons Gnaden den Bayern so etwas wie Nationalbewusstsein verordnete, was im Freistaat bis heute kräftig nachwirkt, war Pfalzgraf bei Rhein aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken bis der Reichsdeputationshauptschluss 1803 das Ende der Pfalz als politisches Gebilde besiegelte. Der Metzger, der den Leberkäse erfand, war Hoflieferant in Mannheim und setzte sein segensreiches Wirken im wittelsbachischen Sinne in München fort. So viel zur kernigen Authentizität des Bayerntums.”

4
In den Rheinalpen gedeiht der Hanf am besten “Indoor”, aber illegal, berichtet das Boulevardblatt Blick: “Am Dorfrand von Zizers GR züchtete ein Einheimischer (…) rund 2000 Hanfpflanzen in einem Hühnerstall. Dreissig Wärmelampen sorgten dafür, dass die Pflanzen gut gedeihen konnten. (…) In Hinterrhein GR gingen der Polizei zwei weitere Hanfzüchter ins Netz. Die 23-Jährigen hatten eine Ferienwohnung gemietet und sie zur Indoor-Plantage umgebaut. Wärmelampen, Belüftungs- und Bewässerungsanlagen waren installiert. Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei 460 Pflanzen sicher.”

5
“Mittelerde liegt jetzt in Jenins” titelt die Südostschweiz. Jenins wiederum liegt bekanntlich im Heidiland, das traditionell auch als Bündner Herrschaft bezeichnet wird. Die interessante Landschaftsverschiebung verdankt sich einem neuen Museum, welches J. R. R. Tolkiens Romanwelten gewidmet ist: “Mit über 600 Gemälden, 3000 Büchern und unzäh­ligen Merchandising-Artikeln ist es die international grösste Sammlung zur fiktiven Welt Mittelerde. (…) Die Räume des 300 Quadrat­meter grossen Museums ­beziehen sich alle auf verschiedene Regionen von ­ Mittelerde und sind bis ins kleinste ­Detail aus­geschmückt. (…) Zur Eröffnung waren “neben Gästen in Jeans und Hemden auch Hobbits, ­Elben, Orks und Zwerge zu Besuch. Selbst Gandalf der Graue, der in der Realität Jens Götz heisst und aus Darmstadt in Deutschland stammt (…)” Daß der Alpenrhein eine hohe Mittelerde-Affinität besitzt, bestätigt auch unsere Entdeckung einer originalen Hobbit-Behausung am Übergang der verschlafenen liechtensteinischen Gemeinde Nendeln in die geheimnisvollen Bergwälder.

6
Nicht nur in geografischer Hinsicht verwirrend fällt die Analyse der Bundestagswahl in der Onlineausgabe der WAZ aus: “Duisburg liegt am Rhein und nicht an der Spree: Somit war heute Abend die Stimmung im Rathaus am Burgplatz mal rheinisch ausgelassen, mal preußisch spröde; dort, wo wie immer im Ratssaal die Ergebnisse der Bundestagswahl 2013 für die Stadt zusammenliefen und wo über TV die spannenden Bundesergebnisse zu vernehmen waren: Die Gewinner am Rhein (SPD) waren gestern Abend die Verlierer in Berlin und umgekehrt (CDU).”

7
Über den Konkurrenzkampf rheinischer Industriegebiete berichtet Blickpunkt Euskirchen: “In Euskirchen war “Haribo” eine Teilfläche im Industriepark am Silberberg (IPAS) angeboten worden, die man unter dem Titel “Prime Site Rhine Region” schon seit mehreren Jahren zu vermarkten sucht – bislang allerdings erfolglos. Die Entscheidung für Grafschaft begründet der Konzern vor allem mit der guten und zentralen Lage. “Der Innovationspark Rheinland ist ein äußerst geeigneter Standort in der Nähe vom Firmenhauptsitz in Bonn. (…) Kapazitäten in Logistik und Produktion könnten dort perspektivisch weiter ausgebaut werden.”

8
Rheinische Rübenbetrübnis: im Rheinland wird, später als üblich, die Zuckerrübe eingefahren, die Rübensüße liegt unter den Werten des vergangenen Jahres. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: “Die Schornsteine rauchen wieder. Zwar noch nicht alle, aber das ist nur eine Frage von Tagen. Seit Mittwoch werden in Jülich die Knollen angenommen und verarbeitet. Die Zuckerfabrik Euskirchen wird am Montag mit der Verarbeitung der süßen Frucht beginnen. Spätestens ab dann rollen die Traktoren-Gespanne und Sattelauflieger der Maschinenringe wieder durch den Kreis. Teilweise haben die Landwirte bereits Rüben ausgemacht und auf Mieten zum Abtransport bereitgelegt. Das Wetter ist dafür ideal. (…) Im Rheinland und im Rhein-Erft-Kreis liegt die Süße (…) auf dem Niveau des Jahres 2010. Im Norden und Osten würden deutlich höhere Zuckergehalte erwartet, heißt es beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst Zuckerrübe (Liz) in Elsdorf. Die Rübenkampagne hat mit zwei Wochen Verspätung begonnen.”

Karlsruhe und Umgebung

Allenthalben weiße und rote Blütendolden der Roßkastanie, im Wind schwingend, fühlernd, aus der eigenen Fülle tropfend. Ergänzt um die Violetttöne von Flieder und Glyzinien. Dazwischen fahren Rentner ihre eingekorbten Katzen an Lenkstangen und auf Gepäckträgern durchn Frühling spazieren. Die Leute hocken in Biergärten und auf Straßenterrassen, trinken Kaffee, schlotzen Viertele, heben kannenweise Pils, bevorzugt unfiltriertes. Gemächlichkeit. Die Münder bewegen sich langsam beim Reden, Schmallippigkeit, heraus kommt eine gedrängte, an den Enden weich abgerundete Sprache mit einer harmonischen Amplitude. Die Lage ist ernst, das Leben muß genossen werden. Vor dem Schloß gibt es einen Platz der Grundrechte, blocksatzbeschriftete Tafeln geben Bürgerstimmen zur Verfassung wider, vor dem Verfassungsgericht patrouilliert ein einsamer Polizist im Kreuzfeuer der Sonnenstrahlen. In der Südstadt existiert ein Platz der Grundbedürfnisse, freie Vaganten geben hier ihrem Sing-, Trink- und Spieltrieb nach, gerahmt von allerlei Lädchen, Café- und Brauhausterrassen, bürgerliche und alternative Kultur strömen auf diesem Flecken ein wenig nebeneinander her, ohne sich ernsthaft zu berühren. Nach Norden geht es vornehmlich durch den Hardtwald über schnurgerade Alleenschneisen, die wirken, als wären sie mithilfe von Mittelstreckenraketen freigelegt worden. Bei Eggenstein-Leopoldshafen geht es dem Rhein zu, eine Binnendüne am Hochgestadeabfall ist als „flächenhaftes Naturdenkmal“ ausgewiesen (das fehlende Meeresrauschen ersetzt die Landstraße mit ihren vielfältigen Motorenklängen) und beherbergt eine Flora mit klingenden Namen: Silbergras, Todblume, Zahntrost, Berg-Sandrapunzel, Zierliche Kammschmiele, Hornkraut, Hirnkraut, Harnkraut, sowie eine Fauna mit bemerkenswerten, gefährdeten Schrecken, darunter der Verkannte Grashüpfer, die Kinder-, die Keulen- oder die Blauflügelige Ödlandschrecke. An der Landstraße trägt jedes zweite Gebäude das Attribut „d`Badisch“ als Inschrift, leicht zungenbrecherische Identifikation mit der eigenen Herkunft. In denselben Zusammenhang paßt ein typisch badischer Gruß: „Ah der anner!“ (Ah, der Andere), kontradiktives Unterscheiden des anonymisiert-manifesten Anderen vom (teils mombertsch-diafanen) Ichselbst.