Gelangweilter Rhein

Von der Eisenbahnstation Sevelen zieht sich eine Viertelstunde lang eine grade Strasse bis zu der Rheinfähre hin. Fast kann man hier Mitleid haben mit dem Rhein, der, noch so nahe seiner „eiskristallenen Wiege“, gar nicht mehr den frischen Jugendmuth zeigt, sondern sich langweilt und träge durch Steingeröll und Sand hinzieht, wenn nicht dann und wann ein rascher Bergbach auf ihn zuspringt und ihn in Bewegung setzt.

Wir sind mit der Fähre ans rechte Rheinufer gekommen, wo ein uniformirter Zollwächter aus seinem Häuschen tritt, um uns anschaulich zu machen, dass wir in das Land der deutschen Ordnung und Vigilanz gekommen sind. Da er uns gleich als ganz harmlose Wanderer erkennt, so geht er in seine Bude zurück, wirft uns aber einen verdriesslichen Blick zu, denn wir haben ihn in seiner Ruhe gestört.

(Eduard Osenbrüggen: Wanderstudien aus der Schweiz, Schaffhausen 1871. Gefunden auf Doazmol, mit Dank an Karin Lehner.)

Schilderung der Expedition eines Musensohns von den Ufern der Spree zur Quelle des Hinterrheins

Der junge Mann war eines Morgens, reich an Muth und beschränkt an Gut, zu Fuße im Dörfchen Hinterrhein angekommen. Hier hielt er sich nur auf, um seinen Reisesack abzulegen und nebenbei die nothwendigsten Erkundigungen über den Weg nach der Rheinquelle einzuziehen. Abends rechnete er zurückzukehren und durch ein vereinigtes Mittags- und Abendessen das Versäumte nachzuholen. Der Wirth äußerte dem Reisenden über dieses Vorhaben sein Bedenken, daß ohne Führer er leicht einen ungangbaren und gefährlichen Pfad einschlagen und daß überdies in der zehrenden Bergluft bei so langem Fasten ihm die Kraft zum Weiterkommen ausgehen möchte. Der rüstige Jüngling hörte aber nicht auf die Mahnung, und meinte, wozu es denn da eines Wegweisers bedürfe. “Man jeht dem Wasser entjegen und da kömmt man denn doch so jewiß zur Quelle, als en juter berliner Bursch uff den Jrund des Bierkrugs. Ob jerade uff die rechte Straße, das ist janz ejal.” So zog er mit keckem Selbstvertrauen ab. Als der Abend kam, als die Nacht hereinbrach, empfand der Wirth wol eine Unruhe, denn kein Preuße erschien, aber er tröstete sich damit, der junge Mann müsse doch die bergamasker Schafhirten gefunden haben und da könne ihm eine kalte Nacht auf schlechtem Moosbette und eine magere Mahlzeit bei diesen Nomaden nicht schaden. Längst war am folgenden Tage die Sonne aufgegangen, vergebens schaute der besorgte Wirth dem Rheinstrom entgegen, der Fremde erschien nicht. Da ließ es dem menschenfreundlichen Mann keine Ruhe mehr; er nahm seine Weidtasche um, in die er eine Flasche Veltliner, Brot und Schinken gelegt hatte, und mit immer eiligerem Schritt wanderte er fort und spähte an beiden Ufern des Stroms nach dem Gesuchten. Die Sonne stach ungewöhnlich warm; im Hintergrunde donnerten die losgerissenen Eismassen hinab in die Wellen des jungen Rheins. Mit Grauen machte der Suchende die Berechnung, ob, wann, wohin der Leichnam von den Fluten weggeschwemmt worden sei. Jetzt nahte er sich der Stelle, wo der Bodensatz einer niedergestürzten Schneelawine den ganzen Thalgrund und mit ihm das Flußbett bedeckte. Vergebens; nichts war zu finden. Noch blieb seitwärts eine kleine Höhle unter einem Vorsprunge der Felsen zu untersuchen. Es war nicht wahrscheinlich, daß der Erfolg dort glücklicher sein werde, und doch, er war es. Dort lag der Vermißte, aber in welchem Zustande! Auf dem harten Kiesboden zusammengekauert, bewußtlos, mit Schlamm überzogen, halb geschunden an Kopf und Händen. Er mußte sich selbst hierher gebettet haben, lag also auch jetzt wahrscheinlich nur in Ohnmacht. Ein paar tropfen Wein auf die dürren Lippen rechtfertigten diese Hoffnung. Bald hatte der Neuerwachte wieder soviel Besinnung gewonnen, um ohne Hülfe die wohlthätige Bestimmung an der ihm dargebotenen Speise zu erfüllen. Der wie der Rabe in der Wüste gekommene Lebensretter, nachdem er mit dem innigsten Wohlgefallen eine Zeit lang dem Eß- und Trinkbravour-Solo zugesehen hatte, erfuhr nun, wie der sorglose Wanderer nach einer mehrstündigen Wanderung endlich gegen Abend auf der Heimkehr begriffen, seinen Weg über das Schneefeld genommen hatte, um von einem Stromufer an das andere zu gelangen. Plötzlich aber fühlte er den Boden unter seinen Füßen weichen. Grauliches Dunkel und eiskalte Fluten umfingen den Bewußtlosen. Doch die erste Betäubung wich; es gelang ihm, nicht ohne peinliche Anstrengung, sich stromabwärts endlich aus dem Schneegewölbe hervor wieder ans Tageslicht und aufs Trockene zu retten. Hier dachte der gebadete Paradiesvogel seine Fittiche zu trocknen, aber die kalte Nacht brach herein. In dumpfer Abspannung, auf Augenblicke nur durch den Schmerz der Kälte in den wunden Gliedern an sein Dasein erinnert, brachte er die Nacht hin und blickte mit halbem Bewußtsein in den neuen Tag, der sein letzter gewesen wäre ohne den Engel der Rettung.

(aus Eduard Osenbrüggen: Wanderstudien aus der Schweiz, Kapitel: Die Entwicklungsgeschichte des Schweizreisens, Schaffhausen 1867-1881)