Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (4)

Manchmal bin ich überrascht, sehr verschneite Gedanken zu formulieren. Die Meteorologie des Geistes ist das Wetter wert.

Andere Male höre ich Texte, ohne den Inhalt zu erfassen, weil sie in einem anderen Raum zum Ausdruck kommen. Manchmal sind es Steine, die einer nach dem anderen fallen, manchmal ein ganzes Stück Mauer, das abstürzt. Es ist dann möglich, den Zustand des Verfalls zu messen, an dem die Beziehung zwischen zwei Wesen angekommen ist.

Es gibt nichts. Die Wellen versuchen, durch unendliches Gähnen für Abwechslung zu sorgen, mit etwas schmutzig-gelbem Schaum auf den Lippen, der für eine Weile auf dem Sand haften bleibt.

Der leere Horizont, die flüssige Ausdehnung zwischen mir und ihm, die hektische Oberfläche, sogar aufgewühlt, aber leer, ein verlassener, aber nicht öder Raum, leer, aber weder so groß, wie wir ihn sehen, noch so voll, wie wir es gern gehabt hätten, vorausgesetzt wir hätten ihn füllen wollen. Zu viel des Nichtgenug, des Nichtgenügens zu viel, nicht viel, aber genug um wegzugehen. Zu gehen heißt, woanders hinzugehen, weit ins Leere, das man eigentlich in der Reichweite seiner Hand hat. Zu gehen bedeutet sich zwingend vorzustellen, dass die Leere dort erträglicher sein wird als die Leere hier. Das Aberwitzige der Exotik, das ist es.

Nun, abgesehen vom Meer gibt es am Meer nicht viel zu sehen.

Das Meer ist also wüstenartig, bis zum Horizont, dieses “dort”, das die Menschen anzieht, sie dazu bringt, es sich anzusehen, oder zum Jenseits dieser Linie zu streben, die sie zu ihren Füßen haben, vor ihren Augen: die Leere. Manche gingen, oder gaben vor, ohnehin zu gehen, ich weiß nicht wohin, blieben aber zu Hause. Sie dachten wohl, in dem sie nicht gingen, wohin sie vorgaben zu wollen, sie würden die Unsterblichkeit erlangen. Man stirbt auch wenn man nirgends hin geht, das ist ein Vorteil, vielleicht (24).

Von diesem Meer, aus dem wir kommen, in das wir gehen. Wer weiß, ob nicht doch irgendwas dabei herauskommt, wenn wir es imitieren? Auch wenn es im Grunde bleibt, wo es ist. Sich bewegt? Das ist das Kunststück des Meeres: Sich zu bewegen, ohne abzuhauen. Deshalb ahmen wir es nach. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig, weil wir doch ständig die Segel setzen.
Man fragt sich, warum diejenigen, die am Meer leben, über den Horizont hinaus fahren, um die Leere zu entdecken, die an ihren Fingerspitzen klebt. Sie gehen nicht, sie navigieren. Und wenn sie nicht navigieren, navigieren sie auf eine andere Weise. Sie gehen zum Beispiel. Beine, schließlich sind sie auch dafür gut. Das sollte man nicht vergessen. Wir vergessen viele Dinge, seien wir ehrlich, und wir erinnern uns nicht sehr an das, woran wir uns erinnern.

Wir können genauso wenig das sein, was wir waren, wie das sein, was wir sein werden. Es ist notwendig, die Zeit oder die Zeiten zu respektieren. Niemand benutzt den Indikativ für das Imperfekt, noch dieses für die einfache Zukunft. Es gibt Regeln, die Konkordanz zwischen den Zeiten: In der Schule war es leichter etwas zu sagen als zu schreiben, aber mit etwas Fleiß ging es. Vielleicht gehen wir deshalb so bereitwillig. Denn wenn wir gehen, haben wir den Eindruck, dass wir mit der Zeit übereinstimmen. Und wir sehen das Land, zusätzlich zu dem oder jenem, den wir im Kopf haben, und das sind auch oft diejenigen, die wir mehr als bei allem anderen beim Gehen sehen, was das Gehen umso erfreulicher macht und die Freude am Gehen steigert. Wenn wir in Länder gingen, die wir nicht im Sinn haben, würden wir uns dort nicht zurecht finden, wir würden uns verirren. Sehen, Beobachten, was wir nicht kennen, durch das, was wir kennen, ist eine ausgezeichnete Art sich zu orientieren.

Im Louvre, grafische Abteilung: Courbet, Frau liest in einem Boot (Rhein) – während des Aufenthaltes in F.?

Auf die Bilder von Eimern zeigend, sagte er, sie würden ihn an Türme erinnern. Kurz, ich baute nichts weniger als eine Stadt. Er hatte Architektur studiert, also musste er Ahnung haben. Und dann fügte er hinzu, dass mehr an als Türme, die Eimer ihn an Pyramiden denken ließen, aber umgekehrte. Menschen haben Fantasie. Hätte er sie mit Kathedralen, mit der Atlantikmauer oder mit dem Bahnhof von Luçay-le-Mâle verglichen, hätte mich das nicht weiter gestört.

Die Zeit war nie vor der Theorie verlegen, sie ging sofort zur Praxis über.

Eimer spielen nicht. Ich spiele nicht Eimer, wenn ich sie fotografiere. Ich bin die Eimer.

Das Kommen und Gehen der Welt, ihr Läuten, ihr Atem und ihre Asche finden sich vielleicht einen Augenblick in den Eimern wieder, bis zum Moment, in dem auf die Kamera-Auslöser gedrückt wird. Sie enthalten dann nichts. Sie sind so leer wie der endlich erreichte maritime Horizont, oder sie enthalten nur Zeit, innerhalb derer das Kommen und Gehen der Welt köchelt. Die Zeit der Eimer, die Zeit der Türme. Die Zeit bin ich, wenn ich sie fotografiere. Vielleicht könnte sie eines Tages zu einer Stadt werden, wie mein Freund sagte. Eine Stadt aus leeren Türmen.

Das Land, das wir im Kopf haben beim Gehen und dasjenige, das wir tatsächlich durchqueren.

Die französische Sprache ist so magisch wie schwierig. Sie spricht das Wort “Eimer” (seau) aus, das genauso “Sprung” (saut) oder “Siegel” (sceau) oder “dumm” (sot) sein kann, wobei letzteres derjenige ist, der nicht zu unterscheiden vermag, was was war. Einen Sprung in den Eimer machen zu wollen, ist das Siegel des Narren (25), wiederholte die Lehrerin, ein Axiom, das uns sehr verwirrt erschien und uns von der gepriesenen Klarheit unserer Sprache entfernte. Um diese für sie ziemlich relative Dunkelheit auszugleichen, nutzte die Lehrerin ein Lineal aus Buchsbaumholz, dessen Kontakt mit der Epidermis unserer Finger einen kurzen, aber intensiven Schmerz verursachte, der in den meisten Fällen von beispielhafter Effizienz war. Die Klarheit der Sprache zeigte sich dann: Die Strenge der Schreibweise war weit weniger schmerzhaft als die von Holz.

Eines Tages traf ich einen Mann, der einmal mit einem Wassereimer gefoltert worden war. Nachdem sie ihn im Schneidersitz an den Stamm eines Sapotillbaums gebunden hatten, fixierten seine Wachen über seinem bereits rasierten Kopf einen mit Wasser gefüllten Eimer, dessen Boden sie durchbohrt hatten. Dann … ich erzähle es später, anderswo …

Auf dem Tisch liegen Objekte. Gegenstände in ununterbrochener oder flüchtiger Gegenwart. Runde und Rollen, offensichtlich eher ein Basar als bewiesene Unordnung. Dessen Schwankungen erinnern, wage ich zu behaupten, an die der Welt, oder sogar des Universums: alles aus Erscheinungen, Aufenthalt, Verschwinden.

Die Straßen und Bürgersteige als Tische betrachten, auf denen die abgelegten Gegenstände nicht an Ort und Stelle bleiben, um so weniger, da man selbst in Bewegung ist. Eine gesunde Aktivität ist es, zu gehen, die zudem den Vorteil hat, die Ausübung einer Aufzählung noch schwieriger, wenn nicht unmöglich zu gestalten. Wie lange können wir tatsächlich, ehrlich, die Daten aufsammeln, die wir brauchen, um eine Liste der Dinge zu erstellen, die links und rechts zu sehen sind, ohne dass letztere die ersten löschen? Wie wird man die mnemonische Bewahrung von einigen garantieren können, wenn man andere notiert? Zu sagen, dass es genügen würde, alles in einem Heft zu notieren, wäre optimistisch. Wie schaut man sich, während man schreibt, um? Wie schreibt man über das, was man sieht, wenn man sorgfältig darüber schreibt, und dabei nichts sehen kann? Der Schock des Zusammenpralls mit einem Laternenpfahl oder einem anderen Element der Stadtmöblierung würde eine klare Antwort ohne Anklage geben: man schafft es nicht. Ein Handy zu benutzen, um die Daten in Form von SMS zu erhalten, würde mich wahrscheinlich nicht viel weiter bringen.

Wir können sagen, nachdem man ihn [Heinrich Heine] gelesen hat: Es gibt keinen Rhein mehr (26)…

Und wenn der Blick ein paar Fenster streift, läßt sich der Geist von ihren Inhalten nicht aufhalten, noch besorgt das der Anblick dieses megalodon-ähnlichen Mannes, der wie gefangen in einem wahren Flechtwerk von Gegenwinden aufkreuzte, der mehr auf der Stelle trat als zu gehen, mehr brüllte als nachsang, was in seinen stereofonischen Kopfhörern gespielt wurde: eine Sonic-Farce, die ihn dazu brachte, mit desorganisierten Gebärden die Luft durcheinander zu bringen und in voller Ekstase die bombadierte Festungsmauer seiner Zähne zur Schau zu stellen, einem zum Amokläufer mutierten batteriebetriebenen Kaninchen gleich, das eine Trommel zu Tode schlägt…, dachte ich und kam am Bahnhof an.

Wir gingen an einem Wald entlang auf eine Reihe von Bäumen zu (Reste eines größeren Waldes?), die den Horizont unterzeichneten, welcher langsam vom Nebel wegradiert wurde. Wir hielten an. Wir gingen zurück zu der Baumreihe, hinter der der Fluss fließen sollte, den wir nicht erreichten, so dick der Nebel nun war, und dichter und dichter wurde, löschte er jegliche Idee eines Ziels. Was wir vor uns hatten, könnte ebenso leicht hinter uns liegen, dachten wir. So dicht war der Nebel.

***

(24) Es könnte sein, dass diesen Gedanken das Gedicht “Rondel de l‘adieu” von Edmond Haraucourt zu Grunde lag.
(25) Vouloir effectuer un saut dans le seau est le sceau du sot.
(26) Paul Foucher, Les coulisses du passé (Paris, 1873)