Zwischenbilanz (4)

Wir nehmen diesen tausendsten Primäreintrag nach rund drei Jahren rheinsein im Internet zum Anlaß für eine weitere Zwischenbilanz. Über die fragwürdige – denn rheinsein läßt sich nicht ausschließlich über Primärposts definieren – Jubiläumszahl hinaus paßt jedoch auch ihr Zeitpunkt für kurze Rück- und Ausblicke.

Im Jahr 2011 gab es ein neues Büchlein (Das Lachen der Hühner), das sowohl als eigenständige Publikation, als auch als rheinsein-Derivat betrachtet werden kann. Für einen handgearbeiteten Gedicht-Bild-Band aus einem unabhängigen Kleinstverlag geht es ganz ordentlich übern Tresen. Wir durften rheinsein in einigen Lesungen und Vorträgen präsentieren, eine Besonderheit/Neuheit war die aus rheinsein-Material zusammengestellte Liechtenstein-Show, eine weitere unser Lehrauftrag an der Düsseldorfer Fachhochschule zum Thema „Rheinische Identität“, das die Studenten in Spoken Word-Performances umzusetzen hatten. Die Stichwortwolke, rheinseins lexikalisches Register, wuchs auf über 2600 Begriffe an. Falls wir unsere Statistiken richtig deuten, sorgt insbesondere die thematische Bandbreite für zahlreiche Seitenaufrufe. Die häufigsten bzw lustigsten Suchanfragen zusammenzustellen, verkneifen wir uns heute – vielleicht ein andermal.

Von Februar bis Juno 2012 wird rheinsein die Artikelfrequenz stark herunterdimmen. Denn wir verbringen diese Zeit aus beruflichen Notwendigkeiten am Bosporus – erhoffen jedoch, dort einen bisher noch unbekannten Rheinnebenarm zu entdecken. Zu erwarten steht nach dem bisher ca werktäglichen demnächst also vorübergehend ca ein wöchentlicher (evtl an einem festen Tag erscheinender) Neueintrag. rheinsein wird dafür insbesondere auf Gastbeiträge angewiesen sein. (Der geneigte Leser und alle hier mitlesenden Korrespondenten möge/n dies bitte als Aufforderung verstehen. Wir sammeln bereits ein wenig auf Halde.) Falls wir für die Zwischenzeit ein Bosporus-Blog einrichten, geben wir`s hier bekannt.

Im Hintergrund grummeln derweil einige noch nicht spruchreife Optionen für die zweite Jahreshälfte 2012. Was immer sich ergibt: hier wird es zu erfahren sein.

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lacht laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorüberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,
Der närrische Brummbaß brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muß nach Hause gehen -”
Die Herzogin lacht: “Ich laß dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -”
Die Herzogin lacht: “Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehör ich -”
Die Herzogin lacht: “Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.”

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

“Das ist der Scharfrichter von Bergen!” so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam – die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
“Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.”

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein,
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

(aus: Heinrich Heine – Reisebilder. Späte Lyrik, Goldmann, München 1957)

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

***

Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.

Blessed by Rhenus

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Vom alten Vater Rhein abgesegneter Melodic Metal in der Teestube zu Kaiserswerth! What an Ausgehtipp! (Bild: Rainer Vogel)

rheinsein bei der Latinale

Gestern Abend weilten wir im Theater Rottstr. 5, einem wunderbaren Off-Theater in einem herbstdunklen Bochumer Innenstadt-Hinterhof, direkt unter bzw in einer Bahntrasse gelegen, was dem Raum ca alle halbe Stunde eine grollende, prima aufs Programm passende Erschütterung bescherte. Die Latinale, das mobile lateinamerikanische Poesiefestival, hatte geladen und so durften wir Das Lachen der Hühner erstmals auch in spanischer Übersetzung des mexikanischen Dichters Daniel Bencomo vorstellen. In Bochum übernahm Victoria Guerrero aus Peru den Vortrag des spanischsprachigen Parts, dieweil sie zwischen den lyrischen Liechtensteineinheiten, unter einer Sturmhaube versteckt (also falls sies denn selber war), aus ihren eigenen Texten las, die von Mauern handelten, vom Rimac, von Nord und Süd, arm und reich, von der Liebe und vom Tod. Die Themen des Rheins und des Rimac: besitzen (weit über Zufälle in Gedichten hinaus) reichlich Schnittmengen. Neu war aber dies: die spanische Version von Am Rhein (zum Original und einer liechtensteinischen Version geht’s hier) erheiterte Victoria mitten im Vortrag; ob der Auslöser im spanischen Reim, der exotischen Kulisse oder in der Vorstellung von einer Frau als Fisch lagen haben wir dann nicht mehr erfahren – wer weiß, in wie viele Sprachen das Gedicht, das uns, weil es zu den seltenen plötzlich-zugeflogenen gehört, recht am Herzen liegt, noch übertragen werden und welch unterschiedliche Reaktionen es in unterschiedlichen Transformationen auslösen wird. Den Abend beschloß Benjamín Moreno aus Mexiko mit einer auf Leinwand projizierten Vorführung seiner digitalen Dichtkunst. Dh, Benjamín spielte mit Wörtern Pingpong, formatierte eine Politikerrede zu neuen Lügen um, crashte so einiges an visuell-akustischem Fundus und strukturierte nicht zuletzt die Architektur eines Borges-Gedichts zum Pacman-Spiel um. Hier der Link zu Benjamíns concretoons genannten sehens- und spielenswerten Arbeiten. Die Latinale gastiert noch bis Mittwoch in NRW, heute in Köln, morgen in Bonn und übermorgen in Düsseldorf mit einer Abschlußparty mit allen Beteiligten. Genauere Informationen gibt’s auf der Latinale-Website.

Rheinischer Rebell

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln hatte uns vor geraumer Zeit eingeladen zur Kabinettsausstellung „Ein rheinischer Rebell. Wolfgang Müller aus Königswinter“ in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Der Einladung konnten wir erst heute, am letzten Tag der Ausstellung folgen. Zur Anreise entschieden wir uns ganz gegen alle Gewohnheit für die Stadtbahn: eine gute Entscheidung, denn nebst dem beinahe schon literarischen Anblick eines aus der Zwerghundhochburg Weidenpesch zugestiegenen Yorkshireterriers, der mit seiner unverhältnismäßig langen Zunge unablässig die dünne Wagenluft aufleckte, kamen wir in kurzer Fahrtzeit auch in den Genuß diverser Privatgespräche („hisch`schwööre wennhischdensehe kritterjleisch nehohrfeije“), proklamativ memorierter Telefonnummern und den heftigen Ausfall eines mittäglich Schwerbetrunkenen, welcher sich zunächst wilde Kampfszenen mit einer Automatiktür der Bahn lieferte, bevor er den zahlreichen staunenden Anwesenden zurief, sie mögen ihn doch alle am Arsch lecken. Wie sehr der private und der öffentliche Raum sich heuer durchdringen zeigten insbesondere die Displays einiger Smartfones, welche sich den Fingerübungen ihrer Besitzer entzogen und eigenständig Informationen verbreiteten, welche den ein oder anderen empfindlicheren Passagier erröten ließen. Ferner beobachteten wir etliche Gestalten, die für zwei Stationen ihre Fahrräder in die Bahn schleppten, ein Massenfänomen mit schwer durchschaubarer Motivation. Wir hätten gerne noch mehr modernen Alltag gesehen, doch die Ausstellung rief, sie war nurmehr wenige Stunden verfügbar.

Die Ausstellung entpuppte sich, wie das in Bibliotheken so üblich ist, als Vitrinenausstellung. Ein vitrinierter Rebell also, dieser Wolfgang Müller. Anbetrachts der auf den ersten Blick gefühlten fünf (auf den zweiten Blick/in Wirklichkeit aber mindestens doppelt bis dreifach sovielen) Exponate war Müllers Rebellentum zunächst kaum faßbar: handelte es sich doch um Bücher mit anheimelnden Titeln wie Bruderschaftslieder eines rheinischen Poeten, Rheinfahrt, Mein Herz ist am Rheine, Erzählungen eines rheinischen Chronisten oder auch Lahnfahrt. Etwas rebellischer schon der Titel: Höllenfahrt von Heinrich Heine, schwer einschätzbar Müllers Ehrenmitgliedschaft im Bonner Maikäferbund, mäßig rebellisch einige Gedichtdrucke Herbstfeier (mit viel Rhein/Wein-Gereime), Der Mönch von Heisterbach und ein Text über den sagenhaft volksfreundlichen Kölner Bürgermeister Hermann Gryn, der einen ausgehungerten Löwen (und mit diesem den Klerus) in die Schranken wies, doch schließlich vollends Müllers Rebellentum hervorkehrend ein Zitat von Friedrich Engels: „Es wurden auch einige kommunistische Gedichte des Herrn Dr. Müller aus Düsseldorf vorgelesen“, zu finden angeblich in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 2, Berlin 1990, auf Seite 517. Die Ausstellung hat vor wenigen Minuten geschlossen, wir bemühen uns jedoch darum,  den ein oder andern Müllertext hier einzustellen.

Der Jodler zu Flingern

Es geht die Sage von einem Jodler in Flingern, einem Stadtteil von Düsseldorf, um. Es fehlen ihm die Berge hier und deshalb muss er jodeln.
Es heißt, dass er wohl Hermann heiße, doch so genau weiß das wohl keiner. Manchen hier ist sein Treiben gar zu bunt und es gibt einige, die finden das eher peinlich.
So wird er der Jodler von Flingern genannt. Ein jeder, der ihn gehört und gesehen hat, der weiß wohl, wer gemeint ist.
Sein Jodeln habe ich lange nicht mehr vernommen, wahrscheinlich hat er in den Alpen seine neue Heimat gefunden.
Denn dort ist das Jodeln keine Seltenheit und dort nennt man ihn nur Hermann und er ist unter Freunden.
So jodelt er nun mit anderen Jodlern in den Tag hinein und das ist dort ein feiner und angesehner Beruf, so macht es die Runde.

(Ein Gastbeitrag von Costa “Quanta” Costa, der unter Grund Stücke in Anlehnung an Marcel Prousts A la recherche du temps perdu einerseits und an HipHop-Rhythmen andererseits im Netz einen von zahlreichen Skurrilitäten illustrierten Fortsetzungsroman über das Leben von Hartz IV-Empfängern betreibt.
Die harmlose, aber bezeichnende Sage vom kulturell entwurzelten Jodler zu Flingern wiederum, gehen Gerüchte, beruht auf realen Ereignissen, die noch nicht genauer erforscht sind. Aus Düsseldorf hörten wir Stimmen, die behaupten, es habe in Flingern einst nicht nur einen Jodler gegeben, der seiner Leidenschaft auf der Straße nachging, sondern vielmehr, mit der Zeit, eine ganze Jodelgang, die sich um die sagenhafte Gestalt des Hermann gruppierte. Demnach handelte es sich bei den Jodlern um Erwerbslose, welche ihrer Freizeit einen Sinn geben und wohl auch auf für Flinger Verhältnisse ungewöhnliche Weise auf sich aufmerksam machen wollten. rheinsein bittet insbesondere die Flinger Leserschaft um weitere Hintergründe, zumal erst kürzlich wieder Gejodel in der Fortunastraße vernommen worden sein soll.)

Das aktuell teuerste Foto der Welt

ist eigentlich ein digitales Gemälde, ein sogenannter C-Print auf Plexiglas, heißt Rhein II, zeigt einen Rheinabschnitt bei Düsseldorf, stammt von Andreas Gursky und ging am vorgestrigen 08. November für 4.338.500 Dollar bei Christie`s in New York über den Tresen. Einen vergleichsweise kostengünstigen, wenngleich niedrig aufgelösten und gegenüber dem zwei mal dreieinhalb Meter messenden Original stark verkleinerten Anblick des Werks bietet Wikipedia.

Das Rekordfoto diente im Jahre 2002 auch als Wahlwerbung für Rot-Grün unter Gerhard Schröder. Bilder, die Rhein II an verschiedenen Düsseldorfer Standorten mit aufgedruckten Parteiemblemen zeigen und ein Interview mit dem Künstler finden sich auf der Website der NRW-SPD.

rheinsein im LCD

rheinsein gastiert am 08. November beim Literaturclub Düsseldorf (LCD), u.a. mit Textvorträgen aus Das Lachen der Hühner. Weitere Gäste sind die geschätzten Kollegen Thorsten Krämer mit seinen grandiosen Kurzgeschichten und Ulf Stolterfoht, der unter der Handelsmarke Brueterich TM ein ebenso ausuferndes wie unterhaltsam-irritierendes Blogsystem über Wesen und Unwesen zeitgenössischer Dichterei betreibt. Wir freuen uns schon sehr auf den Termin und hoffen auf zahlreiche Düsseldorfer rheinsein-Leser im Publikum.

Ort: Salon des Amateurs, Düsseldorf, Grabbeplatz (im Café der Kunsthalle)
Termin: Dienstag, 08. November 2011
Einlaß: ab 20 Uhr
Beginn: 20.30 Uhr
Obulus: 5 Euro

Spoken Word-Seminar

Um Sprechstücke zum Thema „Rheinische Identität“ wird es ab morgen in einem Seminar an der Fachhochschule Düsseldorf gehen. Die Studentinnen und Studenten erarbeiten sich Bandbreiten und Reichweiten des Spoken Word-Begriffs und klopfen ihre rheinische Wahl/heimat auf Identifikationspotential, rheinisch-interne Widersprüche, sowie Unterschiede zum Rest der Welt ab. Am Ende des Seminarblocks steht ein Bühnenprogramm zu erwarten. Mit diesem Lehrauftrag verdichtet rheinsein vorübergehend sein Wirken außerhalb des Netzes.