Durch den Kölner Norden (2)

Worringen bietet sich en passant als an die Hauptstraße geklatschte und dort ranzig gewordene Kulisse dar. “Die Wacht am Rhein” heißt eine Gaststätte. Sie ist verrammelt. Ein Bunker. Ein letzter Rückzugsort. Aber sicher keine Wacht. Der Gashändler verkauft auch Erdbeeren, Spargel und Räucheraal. Vater Rhein steht blätternd an einer Hausfront geschrieben. Der Fahrradweg ist beidseits befahrbar, jedoch nur eine Spur breit. Um ein mittelgroßes Auto herum bemerken wir aus dem Augenwinkel eine südländisch wirkende Gruppe, mit Gurken bewaffnet. Hinter Worringen ist Köln zuende und beginnt das Bayer-Werk Dormagen. Bayer-Werk heißt jetzt ChemPark. Chlor liegt in der Luft. Synthetisch Lauchiges. Undefinierbare, flimmernde Dämpfe wabern über und zwischen den futuristischen Bauten. Hier darf der Passant rheinlängs fortkommen, Bayer hat Hochleitungen über die Landstraße gebaut, um die Tankschiffe mit Flüssiggas abzufüllen. Was wir bisher stets vermieden: hinterm Bayer-Werk gibt es einen kleinen Abzweig nach Dormagen selbst. Er führt, in höchstens einer Minute, am Sportpark entlang durch ein Wäldchen hinein nach Chinatown und über das Gelände der Dormagener Tafel direkt in die Innenstadt. Eine ziemlich langgestreckte Fußgängerzone dehnt sich dort aus. Eine Einkaufszeile, typisch für Touristenorte – was Dormagen aber definitiv nicht ist. Auf dieser leicht überlängten Meile findet zur allgemeinen Ergötzung ein Informations- und Flohmarkttag statt. Ganze Garagen werden angeboten, obskure Kunstwerke und sinnloser Kitsch. Als Lockstoffe an den Standrändern liegen Kekse, Krümel und Nüsschen. Eine fade Fußgängerzone wie in vielen anderen Kleinstädten auch: „Der Schlesier“ verkauft östliche Wurstwaren. Die „super 10 haircompany“ gibt uns die (umgehend wieder verworfene) Idee, einen Wettbewerb für bescheuerte rheinische Friseurladennamen auszurufen. Hinter dem alten Rathaus auf halber Höhe der Fußgängerzone befindet sich das neue Rathaus. Ein Brunnen und Schilder enthalten Informationen zur Ortshistorie. Durnomagus war ein römisches Hilfstruppenlager. Das scheint bis heute durch. Weitere Brunnenskulpturen stellen ein übers gesamte Zentrum verteiltes Ensemble dar und wirken wie unaufgeräumtes, überdimensioniertes, knallbuntes Holzsteckspielzeug für Kleinkinder. Die Dormagener sind an diesem Samstag so gut wie alle in der Einkaufszeile unterwegs. Nur die Randgruppen halten sich etwas an deren Rand. Auffällig: ziemlich mitgliedsstarke, ständig untereinander variierende Truppen mit schwarzen Klamotten, Tattoos und Piercings ausgestatteter Jugendlicher, die sofort ihre mitgeführten Salatgurken verstecken, sobald sich ihnen ein Fremder nähert. Als Fremden erkennt man uns in Dormagen offenbar, oder schätzt uns als Fremdkörper ein. Skeptische bis mißbilligende Blicke, als wir das Fahrrad parken, empörtes Abwenden, als wir vor dem Rathaus das Notizbuch zücken. Nur der Buchhändler macht ein freundliches Gesicht, vielleicht ist er auf Kunden von außerhalb angewiesen. Als es zu tröpfeln beginnt, sehen wir uns zu Gedanken veranlaßt, ob es sich um echten Regen handelt oder um Niederschläge aus entwichenem Flüssiggas des nahen Werkkomplexes. Schnell versorgen wir uns mit einer der letzten noch erhältlichen Schlangengurken und verlassen den „Ort der Vielfalt“ (wie Dormagen für sich wirbt). Die Gurke kommt in den Rucksack: sobald die Aufstände losgehen, besitzen wir jedenfalls den Passierschein. Auf dem gesamten Heimweg bleibt es allerdings, bis auf ein Platzkonzert in Niehl, ziemlich ruhig.