Duisburg-Ruhrort (2)

ruhrort_alienRuhrort, eine Art Insel zwischen den Hafenbecken, verbindet dörfliche Elemente mit denen eines heruntergekommenen, sich gerade wieder berappelnden urbanen Kiezes. Reichlich Leerstand trifft auf skurrile Schaufenstergestaltungen, Büdchen weisen halbleere Regale auf, über denen diverse Schnapsflaschen thronen. Ein Alien assimiliert, ein wenig unbeholfen, ein typisches Ruhrgebiets-Bild: den Arbeiter, der die Sinnlichkeit des Produktionshelferstandes symbolisiert, indem er mit einer Pulle Bier im Wohnzimmerfenster lehnt und auf die Straße schaut.

ruhrort_schimanskiBis heute ist Tatort-Kommissar Horst Schimanski das Gesicht, das mit Ruhrort verbunden wird. Auf einem Spucki wirbt er für solidarisches Miteinander, während aus verhangenen Fenstern lautstarkes Geschimpfe gegen Türken, die “nicht hierher” gehörten, auf die Straße dringt. Dieweil Schimanski seine Currywurst gerne teilt, behauptet das amerikanische Celebrity Blog Gawker, es sei gerade die ungenießbare Currywurst (“ein fürchterliches Gericht, so abstoßend, daß nichtmal Tiere damit gefüttert werden sollten”), welche viele Flüchtlinge zurück in die Kriegsgebiete treibe: “Death before Currywurst!”

ruhrort_lichtinstallationAm Tausendfensterhaus (eigentlich Haus Ruhrort) wird, sobald es dunkelt, die Lichtinstallation “Resonanzraum” von Sigrid Sandmann gezeigt. Sie besteht aus zu Schrift/sätzen gefügten Erinnerungen an das alte Ruhrort, persönliche Geschichten und Vorstellungen der Anwohner, die mit Schlagworten zur Entwicklung des Ortes verschnitten und teilweise in Wellenlinien auf die Fassade projiziert werden: ein Teil der Duisburger Akzente, bei denen wir mit Rhein-Meditation zu Gast waren.

Duisburg-Ruhrort

ruhrort_matroseAm Hafeneingang posiert ein Matrose, die Pullifarben korrespondieren mit denen der Pöller, der Pfeifenrauch mit dem der Industrieschornsteine. Seit die Rheinschifffahrtslogistik in den 80ern effizienter gestaltet wurde, schwanden die Übernachtungszahlen in Ruhrort, von mehr als hundert Hafenpinten sind heute ungefähr zehn übriggeblieben, die, wie wir hören, zu kämpfen haben.

ruhrort_karl lehr brückeDer Brückenbogen der Karl-Lehr-Brücke über die Ruhr von Kasslerfeld nach Ruhrort stammt von der 1945 zerstörten Kölner Hohenzollernbrücke. 2018 soll die Brücke saniert werden, der unter seinem pinkblauen Anstrich schrottreife Bogen verschwinden.

ruhrort_hafen25000 Menschen kommen und gehen täglich in den Betrieben des größten Binnenhafens Europas. Beim Überqueren der Hafenbecken erwischt uns eine seeische Schneeregenfront. Humorlose Zugwinde patrouillieren und scheuchen uns überall, wo wir fotografieren wollen, schnell vom Fleck.

ruhrort_hafenDaß der Hafen seinen 300sten Geburtstag feiert, ist ihm an diesem Tag definitiv nicht anzumerken. Die Duisburger Tristesse, die am Hauptbahnhof beginnt, sich über die Einkaufsmeile Königstraße erstreckt und auf der Ruhrorter Straße fortsetzt, deren ersten (und neben Brückenbogenanstrich und Containermosaiken einzigen) Farbtupfer der in grellem Gelb gerahmte Goldene Hähnchen-Grill abgibt, packt den Fremden in Hafenarbeiter-Manier: Entrinnen schwierig.

Waljagd im Duisburger Hafen

nowottny_waljagd ruhrort

Dramatische Jagdszene: im Mai diesen Jahres reinszenierte Michael Nowottny Vorkommnisse um den Beluga, der 1966 den Rhein besuchte, im Duisburger Hafen. Am Bug eines modernen Walfängers positioniert: ein antiquiert wirkender Bogenschütze, der an Harpunier Queequeg und Captain Ahab von der Pequod erinnert. Das Beiboot ähnelt dem Motorboot, auf dem Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit Pistole posierte, bis er aus einem von Naturschützern eigens gemieteten Luftschiff mit Apfelsinen torpediert wurde. Der Luftangriff bleibt auf dem Foto ausgespart, die verfilmte und mit Soundtrack versehene Jagd wurde in der zweiten Maihälfte ab Sonnenuntergang auf dem Steuerhaus des Kohle-Schleppkahns Fendel 147 im Duisburger Schimanski-Viertel Ruhrort als Videoinstallation projiziert.

Moby Dick (3)

Moby Dick durchschwimmt die Unterführung am Duisburger Schwanentor. Ein straßenkünstlerischer Rückblick auf das Jahr 1966. Von den rheinischen Städten, die ein im Rhein verirrter Beluga seinerzeit passierte, pflegt insbesondere Duisburg die Erinnerung. Im Frühjahr hatte der Kölner Künstler Michael Nowottny eine Waljagd im Ruhrorter Hafen inszeniert. Der Duisburger Künstler Jörg Mazur widmet sich seit Jahren dem damaligen Walbesuch und hat neben mehreren Skulpturen eine Website erarbeitet, mit dem Ziel dem weißen Wal ein dauerhaftes Denkmal zu errichten.

Befindlichkeiten während Spazierens am Niederrhein

Man weiß so wenig
und die Fragen sind nicht marktfähig.

Philosophische Befürchtung:
Wenn Mangel und Demokratie
zusammentreffen, wird dann
die Demokratie eingedämmt,
und nicht der Mangel?

Es hat uns weit getrieben.
Auch voran?

Es ist nicht zuerst
Aufgabe des Dichters,
gemocht zu werden.
Seine Aufgabe ist,
wachsam zu bleiben.

Mit jedem neu
gelesenen Buch
verdoppelt sich
das Halbwissen.

Über fast alles lässt sich sprechen,
nur über das Schweigen lässt sich schreiben.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr, niedergelegt am 23.08.2015 am Rheinufer bei Duisburg-Ruhrort.)

Türkischer Rhein: Selim

oder die Gabe der Rede heißt ein Roman von Sten Nadolny aus dem Jahr 1992, der anhand einer deutsch-türkischen Männerfreundschaft u.a. mit viel Detailblick ein Panorama der Bundesrepublik von Mitte der 60er bis in die 80er entwirft. Eine der zentralen Personen ist Selim, der als Gastarbeiter aus Istanbul nach Deutschland anreist, für zahlreiche Jobs angestellt wird, die deutsche Sprache erlernt und fabulierend von einem Abenteuer ins nächste gerät. Im 83. Kapitel treffen wir Selim als Binnenschiff-Matrose auf dem Rhein:

„(…) Auf dem Rhein gab es keine Schleusen, Selim las Bücher von Jack London und Guareschi in türkischer Übersetzung. Gern sah er sich zwischendurch die Burgen am Flußufer an. Heiner erzählte die Geschichte von einem fetten Christen, der in einem Turm von Mäusen gefressen worden war, und noch anderes. (…)“

Selim, ein ebenso begnadeter Ringer wie Stegreifredner, gefällt insbesondere Grimms Märchen Sechse kommen durch die ganze Welt, das ihn an seine eigene Situation erinnert. Die Szene könnte sich zu Beginn gut und gerne auch Drei Mann in einem Boot überlagern: die alten Rheintanker, Weinhügel, eine naive Vorstellung von Wirtschaftswunderidyll in Technicolor. Nadolny hat seine Szenen jedoch ausführlich recherchiert, die Rheinschifffahrt kommt nicht nur als hübsches Abziehbildchen zu Ehren:

„(…) In Köln wurde Heizöl übernommen, dann ging es zurück zum Main. Selim konnte bald alles, was verlangt wurde, sogar sämtliche Knoten. Wenn ein Schiff entgegenkam und Heiner „Wir bleiben links“ rief, hißte Selim die blaue Flagge. Die Arbeit wurde schnell eintönig. (…)“

Mitten in die Rhein-Main-Schifffahrt fällt das Wembleytor bei einem Landaufenthalt im hessischen Karlstadt und markiert die Jahreszahl: 1966. Einen Beluga erblickt Selim im Rhein jedoch nicht:

„(…) Spannend waren auch Wettfahrten mit anderen Tankschiffen flußabwärts nach Holland. „Schnelltank 17“ lag mit 1000 PS gut im Rennen. Wer zuerst ankam, tankte zuerst, die anderen mußten warten. Er verkaufte auch als erster, und das war wichtig: die Preise hielten nicht so lange, bis der letzte gelöscht wurde. Beim Bunkern gab es schon für das zweite Tankschiff großen Zeitverlust: zum Auftanken wurde das Öl mit Dampf auf 45 Grad angeheizt, sonst war es zu dickflüssig und ließ sich nicht pumpen. Das dauerte. Selbst wenn der zweite auf der Fahrt wieder etwas aufgeholt hatte – in Ruhrort mußte er erneut Stunden warten, denn das Öl war auf der Fahrt wieder kalt und dick geworden, jeder mußte abermals ans Dampfrohr. Selim lernte, daß nicht die einen Tanks ganz aufgefüllt werden durften, während andere leer waren. Der Pegel mußte in allen nahezu gleichzeitig steigen. Bald konnte Selim mit den Meßstäben umgehen und leitete das Bunkern, während Heiner bei der Firma anfragte, wohin er liefern sollte. (…)”

Selim erweist sich auch für die Rheinschifffahrt zu unstet, sein Abschied in die zunehmende Verschlungenheit künftiger Abenteuer zeichnet sich bald ab:

“(…) Da sie vielen Frachtschiffen wiederbegegneten, kannte Selim bald eine Menge Leute vom Winken. (…) Man lernte die verschiedenen Weinhänge kennen und die Menschen, die darin den Buckel krumm machten. Nach drei Wochen meinte er auch die Kapitäne aller Ausflugsdampfer auf Main und Rhein zu kennen. Das einzige, was man sich nicht zu merken brauchte, waren die Touristen auf den Sonnendecks. Obwohl die am heftigsten winkten, um im Gedächtnis zu bleiben. (…)”

Selim oder die Gabe der Rede gibt es als Piper Taschenbuch, ca 500 Seiten, ca 13 Euro.

Das Nashorn vom Rhein

Das Nashorn vom Rhein war (nebst Wasserbüffel und Flußpferd) eines von drei frühen Schubschiffen der Reederei Raab Karcher und wurde zum Star eines wunderbaren Lehrfilms des Museums der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg-Ruhrort. Der gleichnamige Film zeigt aus Kapitänswarte die Einfahrt eines Schubverbands mit vier Leichtern à 1500 Tonnen Verfassungsvermögen in den Rotterdamer Hafen, das dortige Aufnehmen von Schwedenerz für die Hüttenwerke am Niederrhein und die weitere Bergfahrt, „in Gottes Namen“, vor allem durch die schwierige Passage am Binger Loch, mit Ruhrkohle für das Badenwerk in Karlsruhe. Der Kapitän erklärt Schiff, Leichter und Manöver und weist auf die herrlichen Landschaften des Stroms, für die er angeblich keine Blicke haben darf. Auf Youtube ist der knapp viertelstündige Film gestückelt, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.