Duddelsheim-Billingen (2)

Billingen, vormals ein in die Rheintalschneise geducktes, sich stets duldsam gegen die Offenheit der freien Talebene stemmendes, mehrfach geschleiftes und gebrandschatztes Obstdorf, wurde das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht und zwar so vollständig (samt seiner Zwetschgenbestände), daß es erst Ende der 60er Jahre als an den Kanten gerundetes Wohn- und Gewerbeareal wiederrichtet wurde. Obstanbau wird seitdem überwiegend hobbymäßig betrieben, der lokale Zwetschebilli, ein, wie Johann Peter Hebel in seinen Kalendergeschichten zu berichten weiß, formidabler Obstler von einiger Antriebskraft, gilt quasi als ausgestorben. Das neue Wohnviertel (die Einheimischen sagen: Wobi) ist gestaltet als Mischung aus Haufendorf und amerikanischer Vorortsiedlung, die Einfamilienhäuser hinter heckenlosen Vorgärten wirken entindividualisiert und spiegeln im Grundriß, in kleinerem Maßstab, die Anlage des Gewerbe- und Industriegebiets (Gebi, bei den Einheimischen). Die offiziellen Bezeichnungen lauten Billingen-Ost (für die Wohngegend) und Billingen-West (für Industrie und Gewerbe), dazwischen verläuft die Bundesstraße mit heftigem Lkw-Verkehr. Das Wohngebiet trotzt der oberflächlichen Betrachtung, an seiner Glätte prallt sämtliche Beschreibenslust ab, womöglich ein perfekter Schutzmechanismus, ein Sichunsichtbarmachen im Alltag als Reaktion auf die historischen Zerstörungen. Dennoch (oder gerade deshalb) dürfen hinter den Fassaden vereinzelt Schicksale vermutet werden, wie sie etwa David Lynch mit Vorliebe verfilmt. Zweimal pro Tag queren die Leute aus Billingen die Bundesstraße, um vom Wobi ins Gebi „zum Schaffe“ zu gehen – und wieder zurück. Nebst verschiedenen Firmen (deren bekannteste: Badische Bappfest, ein auf Klebmittel spezialisierter Kleinchemiebetrieb, welcher zuletzt u.a. den Naturklebstoff Ranarin aus Ochsenfröschen entwickelte) beherbergt das Gebi eine sehenswerte Kantinenmeile, mit garagenartigen, zur Straßenseite vollverglasten Imbissen, die von badischer bis taiwanesischer Küche eine breitgefächerte Mittagsmahlzeitkultur bieten. Weiter fallen die Brünnele auf, die in für derartige Zonen seltener Häufigkeit anzutreffen sind, und die vom klassischen Greifen-Speibrunnen über Wasserorgel-Plätscherflächen bis hin zu tinguelyscher Wackeldruckrobotik einige Augenweide bieten, welche ursprünglich der Arbeiter- und Angestelltenmotivation zugedacht war, seit Jahren aber auch von den dörflichen Abhängern in Anspruch genommen wird, die als Brünnelehocker karikiert mittlerweile Eingang in die lokalen Faschingsbräuche fanden. Als eigenständigstes Werk gilt das Zwischt- und Friedensbrünnele von Martin Schwarzwälder, das die Ortsbruderschaft mit Duddelsheim mittels extensiver, teils gewalttätiger und nicht immer jugendfreier Kerweszenen ironisierend in eine Menge Stein und Eisen bannt. Anders als in Duddelsheim, wo sich solches Brauchtum wohl aufgrund der abseitigen Lage nicht durchsetzen konnte, wird in Billingen mit Herzblut Fasching gefeiert, die Gesellschaften heißen Luschtige Bappeheimer (gegründet von Klebstoffarbeitern), Greifenanbeter (eine Splittergruppe der Freiwilligen Ortsfeuerwehr) und Duddelmer Schlappedeeze (eine Spöttergruppe, welche die Duddelsheimer Nachbarn mit ihren Kostümen als Kopffüßer darstellt).

Duddelsheim-Billingen

An der Badischen Riviera* zwischen Herrstetten und Zupfingen gelegen wartet diese Doppelgemeinde mit zwei völlig unterschiedlichen Ortsteilen auf. Das deutlich ältere Duddelsheim ist bis heute zu drei Vierteln von Auwald umgeben. Steinzeitliche Besiedlung wird angenommen. Auf der Duddelsheimer Gemarkung findet sich das sogenannte Römeräckerle mit Münz- und Scherbenfunden aus der römischen Besatzungszeit. Reste einer römischen Villa zerstörte wahrscheinlich der Kornbauer Fritz Eggerle, als er die Gefahr erkannte, Teile seines Grundstücks an die Landesarchäologie zu verlieren. Das vermutete Sprengloch dient heute als Karpfenteich. Aufgrund seiner versteckten Lage ist Duddelsheim nicht nur historisch gewachsen, sondern wurde auch bei allfälligen Kriegszerstörungen übersehen. Der Dorfkern könnte generell als erhalten betrachtet werden, jedoch wird in Duddelsheim traditionell schlecht gebaut, sodaß kaum ein Haus eine Haltbarkeit von mehr als 50 Jahren aufweist. In etwa im Zentrum steht die etwas windschiefe Kirche mit angeschlossener Hobbitinerabtei. Um die Kirche herum gruppieren sich Wohnhäuser, die in unterschiedlichen Abständen zur Straße stehen, was letzten Endes das Problem unübersichtlicher Kreuzungen und eine entsprechende Unfallhäufigkeit nach sich zieht. Durch die schlechte Bauqualität ist das Dorf sozusagen ständig im Wandel, in Duddelsheim selbst spricht man von „nervöse Häusle“. Zudem setzt kaum ein Neubau auf den Grundmauern des Vorgängers auf. Wichtigstes Ereignis in Duddelsheim ist fraglos die alljährliche Kerwe, die auf die erste Juniwoche fällt. Bei Riesling und Rheinfischen herrscht für drei Tage der Ausnahmezustand, der in besonders heftigen Jahren zum berüchtigten Kerwezorn führen kann, unter dessen Einfluß die Einwohnerschaft schon mehrmals größere Dorfteile zerstört haben soll. Bei der Kerwe kommt es traditionell auch zu Rivalitäten mit Besuchern aus der Brudergemeinde Billingen, insbesondere beim sonntäglichen Schweinerennen, das stets mit hohem Konsum von Knollenschnaps einhergeht. Der berühmte badische Satz „der isch uff der Sau ausm Dorf naus g`ritte“ geht direkt auf das Duddelsheimer Schweinerennen zurück. Der nicht aus Duddelsheim-Billingen stammende badische Heimatdichter H. Binkele hat eine Ballade über die Strapazen und Gefahren dieses Rennens verfaßt. Der Duddelsheimer Dialekt wiederum hat sich, ebenfalls aufgrund der versteckten Lage, sehr abseitig entwickelt und kennt zahlreiche eigene Wörter, die außerhalb Duddelsheims unbekannt sind. Auf den Straßen Duddelsheims sind wenige Menschen anzutreffen. Diese wenigen wirken von herzlicher, rotwangig-grobschlächtiger Art, was ihnen bewußt ist, sie sagen sogar, es seien niemals feinere zugezogen und ihre Kinder, die in Herrstetten oder Zupfingen zur Schule gingen, müßten heute noch denselben Spott erdulden, den auch sie und ihre Vorväter schon zu erdulden hatten, was man aber nicht übel nähme, denn zum Ausgleich besäße man, anders als Herrstetten oder Zupfingen, eine herrliche Kerwe und guten Zugang zum Rhein und dessen alten Armen, über die man ein paar Dinge wisse, vor denen die aus Herrstetten und Zupfingen, obgleich das ja deutlich größere, weltzugewandte Ortschaften seien, sich abgründig fürchteten. So sei Duddelsheim auch eine der wenigen Ortschaften im gesamten Rheingraben, deren Bauern noch nicht auf Konzernmais umgestellt hätten, man hätte da einen Vertrag mit der Natur, der schon in die Zeiten vor Christus zurückginge. Genau in der Mitte zwischen Duddelsheim und Billingen liegt der Nahkauf-Supermarkt, der beide Ortschaften versorgt und allgemein als Nahkampf bezeichnet wird.

* Badische Riviera heißen im Jargon der einheimischen Tourismusbranche fast alle Gebiete Badens, die in unmittelbarer Wassernähe liegen.