Das Felsenloch von Pfäfers, die christliche Ehe und ein Saurier in der Via Mala

(…) “Aber wohin denn, Doktor?”
“Nach Pfäffers.”
“Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?”
“Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ‘ne Beschreibung davon gemacht. Habe natürlich auch noch im Baedeker nachgeschlagen und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert ein bißchen an “Zauberflöte” und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder zu Stande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist.”
“Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe…”
“Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit “christlicher Ehe” auch immer bloß soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war, einen Compagniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: “Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.”"
“Ja”, sagte Dubslav, “diese richtigen alten Compagniechirurgusse, die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben… Und in solchem Pfäffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?”
“Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Via Mala zu fahren, den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.”
“Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Via Mala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen.”
“Waren Sie denn mal da, Herr Major?”
“Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also Via Mala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war da auf dem Via-Mala-Bilde ‘ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.”
“Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.”
“Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.”
“Sehr interessant.”
“Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will, wie’s Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richt’ger Lindwurm oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.”
“Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.” (…)

(aus Theodor Fontane: Der Stechlin)

Presserückschau (Oktober 2012)

„Wer glaubt, die Bonn-Lobby bestünde nur aus drei Provinzdödeln, unterschätzt sie“, verrät die taz unter der martialischen Überschrift „Die Wacht am Rhein“ in einem ausführlichen Bericht über die Bonner Ministerienlobby und den Strukturwandel im ehemaligen Bundesdorf, dieweil uns der EXPRESS gewohnt knackig die Arbeitsweise der Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland nahebringt, welche in geduldiger Kleinarbeit Luftaufnahmen der Alliierten vor und nach den Kriegsbombardierungen auf „0,1 Millimeter große, schwarze Punkte“ begutachten, welche Blindgänger markieren können. Weitere nennenswerte Nachrichten des Oktobers:

1
Seit Wochen und Monaten berichtet die Rheinische Post in immer neuen, meist undurchsichtigen Artikeln vom Eisernen Rhein, einer historischen, weitgehend stillgelegten und nur noch von Güterverkehr frequentierten Bahntrasse zwischen den Häfen von Duisburg und Antwerpen, die evtl (evtl aber auch nicht) ausgebaut/wiederbelebt werden soll, was zu einer komplexen Gemengelage (Komgem) zwischen Politik, Industrie und Bürgerinitiativen in Belgien, den Niederlanden und am Niederrhein führt, welche die regional-interessierte Leserschaft, handelte es sich nicht um ausgemachte Flachlandregionen, als das berühmte Bergekreißen empfinden dürfte.

2
„Die Entscheidung über die Bewilligung von Schadensersatz für bei Dienstunfällen erlittene Sachschäden eines Beamten steht sowohl dem Grund wie auch der Höhe nach im Ermessen des Dienstherrn. Es ist ermessensgerecht, wenn der Dienstherr beim Verlust einer Brille nur die Aufwendungen, die nicht über die medizinischen Notwendigkeiten hinausgehen, bei der Berechnung des Schadensersatzes berücksichtigt“ urteilt laut rechtslupe.de das Verwaltungsgericht Koblenz über eine während eines Polizeieinsatzes im Rhein verlorengegangene Gleitsichtbrille. (Ein Wasserschutzpolizist war bei einer Schiffskontrolle in den Fluß gefallen.)

3
„Die Statue “Krieg” ist zurück am Niederwalddenkmal hoch über dem Rhein“, meldet Die Welt zum Monatsausklang. Zuvor sei die acht Tonnen schwere Bronzestatue ebenso wie zwei Reliefs und die Krone der Hauptfigur “Germania” in der Werkstatt einer sächsischen Denkmalpflegefirma in Ottendorf-Okrilla bei Dresden restauriert worden. Dabei sei auch eine bis knapp einen Millimeter dicke Schmutzschicht entfernt worden: „Der Schmutz wurde mit Spachteln, Chirurgenskalpellen und Ultraschallreinigern in Handarbeit entfernt.“

4
Über den lernfähigen Klärschlamm der BASF schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung: „Rund 3,5 Kubikmeter Abwasser pro Sekunde rauschen von der BASF aus rund um die Uhr in den Rhein: Eine Zahl, die Umweltschützern den Schweiß auf die Stirn treibt.“ Deshalb sei der Bakterienschlamm der BASF-Kläranlage etwas Besonderes: „Die darin enthaltene Bakterienfauna ist über mittlerweile fast vier Jahrzehnte hinweg darin geübt, problematische Abwasserstoffe zu verarbeiten und abzubauen. Der Klärschlamm ist gewissermaßen “lernfähig”, weil die darin lebenden Kleinstlebewesen auf unterschiedlichste chemische Belastungen gut trainiert sind. Normaler Klärschlamm aus kommunalen Kläranlagen stieße hier sehr schnell an seine Grenzen.“

5
Neuenburg am Rhein hofft laut einem Bericht der Badischen Zeitung, im Zuge der Landesgartenschau 2022 tatsächlich an den Rhein angeschlossen zu werden: „”Eine Stadt geht zum Rhein” – so lautete von Anfang an das Motto für das Projekt. Die Rheinkorrektur durch Johann Gottfried Tulla im 19. Jahrhundert, zudem die Autobahn und die Kreismülldeponie haben Neuenburg vom Fluss abgeschnitten. Das soll die Landesgartenschau korrigieren. Die Rheinauen sollen zum Naherholungsgebiet werden – als Bindeglied zwischen Stadt und Fluss. Und zwar über das Ende der Gartenschau hinaus.“

6
In Xanten soll lediglich der Altrhein (und nicht die ganze Stadt) wieder an den Rhein angeschlossen werden, so steht es in einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums: “Umweltminister Johannes Remmel und der Deichverband Poll haben vereinbart, die Planungsleistungen für das Planfeststellungsverfahren zum Anschluss des Xantener Altrheins an den Rhein durchzuführen. Das Projekt ist mit dem Bau des rheinfernen Deiches an der “Bislicher Insel” verbunden und dient gleichzeitig der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie und dem Naturschutz im Naturschutzgebiet “Bislicher Insel”. Der Deichverband Poll hat in den Jahren 2003/2004 mit den Planungen für die oberstromige Anbindung des Altrheins im Bereich Wesel-Werrich begonnen. Dabei wurde deutlich, dass der Altrhein bei höheren Wasserständen im Rhein nur dann durchströmt wird, wenn auch die unterstromige Anbindung östlich des Restaurants “Zur Rheinfähre” verbessert wird.“

7
Last but not least berichtet das Hessen-Tageblatt von einer touristenfeindlichen Aktion mitten in der hochtouristischen Rüdesheimer Drosselgass. An einem Oktobersonntagfrüh gegen 2.15 Uhr habe eine sechsköpfige oberpfälzische Delegation zwei Einheimische angesprochen, „um zu erfahren wo um diese Uhrzeit noch etwas los sei.“ Daraufhin griffen die Einheimischen an, es kam zu einer Messerattacke, „Lebensgefahr ist nicht auszuschließen.“

Außerdem berichtet das neue deutschland über Baulärm im Mittelrheintal und der Landschaftsverband Rheinland stellt in personam Alois Döring fest, daß früher im Rheinland nicht alles besser war, was rheinsein definitiv bestätigen kann.

Gehege

Die germanischen Früchtchen rauchen
Waldreben. Unter Eichenbäumen
schieben wir die Grasnarbe vor, arbeiten uns heran
mit Krupp & Schmiedehammer
zum Tore hinaus, ab in die Binsen, feucht fröhliche
Ritterspiele, Tanzparaden, krautige Kneipen, Stehimbisse.
Quellende Brüste, erhellende Stimmen, – arschgeil
als wir am Rhein standen, oder die Oder, oder
genau, der wagnersche Hügel war’s,
wie so die Trunkenheit spielt, die ist hin(zu)zunehmen.
Verlagerungen der Reiseziele.
Von Deutschland haben wir bislang nichts gesehen.
Walken das ab, stochern den Rhein hinauf,
dabei bleiben wir sachlich, pflegen die Liebe,
drehen am Rad, machen dem Kaiser ein Kind.
Ne kölsche Jung soll dat werden. Bei Köln der Rhein ist so schön.
In Hamburg ist’s schön, aber die Elbe.
Von Deutschland haben wir bislang nichts gesehen.
In Dresden ist’s schön. Magdeburg hässlich.
Machen dem Kaiser ein hässliches Kind.
Machens in Buxtehude. Machens in Braunschweig.
In Flensburg das Meer ist so schön.
Der Wald ist so schön.

“Gehege” ist ein Gastbeitrag von Markus Hallinger. Besten Dank!