Mehlem

Das ehemalige Fischerdorf Mehlem bietet auf seiner Promenade die herrlichsten Panoramablicke auf den Drachenfels, musikalisch untermalt von den hochtönenden Arien bremsender Güterzüge. Rheinsein erreicht Mehlem per Fähre von Königswinter aus. Das hat das globale Positionierungssystem von Rheinseins Chauffeur sich so ausgedacht: anstatt dem direkten Weg über die B9 zu folgen wird die gesamte Entourage in Bonn über die Autobahnbrücke auf die rechte Rheinseite gelotst. Nicht nur Gottes Entscheidungen, auch modern errechnete Routen auf bekanntem Terrain sind bisweilen unergründlich. Der Mensch an sich braucht meist nicht mehr als eine verständliche Ansage. Am Fähranleger krächzt der GPS-Blechpapagagagei in hektischer Folge: jetzt Fähre fahren, jetzt Fähre fahren! Die freundlichen Charoniers vernehmens mit Genugtuung. Drüben mümmelt Mehlem, von wo aus man einen fantastischen Blick auf uns hat. Die Fähre ist ein gewaltiges und eigenwilliges Gefährt. Nahezu quadratisch kreist sie dem anderen Ufer entgegen. Schwindel erfaßt den mehlemwärts Reisenden beim Blick in die vom Fährkoloss verdrängten Wogen, als befände er sich auf aufgewühlter See. Inmitten solchen Schwindels erheben sich luzide Erinnerungen an längst vergangene Autofahrten. In den späten Achtzigern war es Mode unter vielen Hippies und Punks der zweiten, dritten und vierten Generation, langsam vor sich hin rostende Gebrauchtmodelle aus dem Hause Mercedes Benz aufzufahren, schwere Straßenschiffe mit gigantischen Benzinbedürfnissen und Knautschzonen, keilriemenquietschend ging es über die Autobahn wie übers Meer, häufig dem eigentlichen Ziel solcher Reisen, im Fußraum traten sich Sterne, Bierdosen und Pistazienschalen fest, jugendliche Freiheit in den Zeiten der Kohlära. Operettenhafte Fahrten zum Soundtrack von Hüsker Dü, Velvet Underground, Nikki Sudden und dilettantischen Lokalbands aus dem Kasettendeck des Autoradios, neben dem Motor wichtigster Ausstattungs-Bestandteil der mondänen Karossen, auf deren Kühler anstelle des Firmensterns nicht selten eine Donald Duck-Figur oder kruderes seinen Schnabel in den Fahrtwind hielt, selbigen höchst aerodynamisch um die Frontscheibe leitend. Immer vorwärts, durch tausend Morgen- und Abenddämmer. Die Poesie der Leitplanken, Mittelstreifen und Notrufsäulen. Zack, dockt die Fähre an. Der Schwindel verschwindet, Mehlem grüßt mit einer Bratwurstbude. Der Blick zurück auf Drachenfels und Petersberg ist ganz exorbitant. (Dochdoch, hat schon was, die moderne Routenberechnung.)

Rhein vs Themse

In seiner britisch-perfekten Art ringt Thomas Hood, als recht später der frühen englischen Rheintouristen, der üblichen Rolandseck-Nonnenwerth-Drachenfels-Konstellation ein paar eigene Aspekte ab, stellt den überfälligen Vergleich zur heimatlichen Themse an und entdeckt einige historische Zwerge: „And now, Gerard, could I but write scenery as Stanfield paints it, what a rare dioramic sketch you should have of the thick-coming beauties of the abounding river: – the Romantic Rolandseck – the Religious Nonnenwerth – the Picturesque Drachenfels! But „Views on the Rhine“ are little better than shadows even in engravings, and would fare still worse in the black and white of a letter. Can the best japan fluid give a notion of the shifting lights and shades, the variegated tints of the thronging mountains – of the blooming blue of the Sieben Gebirge? Besides, there is not a river or a village but has been done in pen and ink ten times over by former tourists. Let it be understood then, once for all, that i shall not attempt to turn prospects into prospectuses: „And do all the gentlemen`s seats by the way.“ I must say a few words, however, on a peculiarity which seems to have escaped the notice of other travellers: the extraordinary transparency of the atmosphere in the vicinity of the Rhine. The rapidity of the current, always racing in the same direction, probably creates a draught which carries off the mists that are so apt to hang about more sluggish streams – or to float lazily to and fro with the ebb and flow of such tide rivers as the Thames: certain it is that the lovely scenery of the „arrowy Rhine“ is viewed through an extremely pure medium. To one like myself, not particularly lynx-sighted, the effect is as some fairy euphrasy had conferred a supernatural clairvoyance on the organs of vision. Trees and shrubs, on the crests of the hills, seem made out, in the artist phrase, to their very twigs; and the whole landscape appears with the same distinctness of detail as if seen through an opera-glass or spectacles. To mention one remarkable instance: some miners were at work on the face of a high precipitous mountain near Unkel; – the distance from the steamer was considerable, so that the blows of their sledges and pickaxes were quiet unheard; yet there were the little figures, plying their tiny tools, so plainly, so apparently close to the eye, that it was difficult to believe that they were of the common dimensions of the human race. Had those dwarf miners, the Gnomes of German romance, a material as well as a fabulous existence? Of course not: but I could not help thinking that I saw before me the source whence tradition had derived the Lilliputian mine-hunting elfins of the Wisperthal, who constructed the Devil`s Ladder.“

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

rolandsbogen2b_roland-bergere_mai09

(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)

Fischmenschmischwesen und Musik

Die Hoodsche Schiffsgesellschaft in Up the Rhine entpuppt sich als ein skurriler Haufen, der sich gegenseitig teils bis aufs Äußerste abhold doch wie selbstverständlich im Vernichten fremdländischer Sitten und Gebräuche, hier: Holland, überbietet, das den rheinfahrenden Briten in diesem von lockerer Lyrik unterbrochenem Briefroman viel zu sehr unter Wasser steht. „Nimeguen is as nigh to heaven as Beckenham in Kent; and a thousand miles north or south, east or west, make no odds in our journey to a world that has neither latitude nor longitude. Now I am here, I am not sorry to have had a peep at such a country as Holland; but being described by so many better hands, in books of travels, besides pictures, I need not enlarge. If you only fancy the very worst country for hunting in the whole world, except for otter-dogs, you will have it exactly. Every highway is a canal; and as for lanes and bridle-roads, they are nothing but ditches. By consequence, the lives of the natives are spent between keeping out water and letting in liquor, such as schiedam, aniseed, curacoa, and the like; for, except for the damming they would be drowned like so many rats, and without the dramming, they would be martyrs to ague and rheumatics, and the marsh fever. Frank says, the Hollanders are such a cold-blooded people, that nothing but their ardent spirits keeps them from breeding back into fishes; be that as it may, I have certainly seen a Dutch youngster, no bigger than your own little Peter, junior, toss off his glas of schnapps, as they call it, as if it was to save him from turning into a sprat.“ Immer wieder diese Ansätze von Fischmenschmischwesen, bei den alten Sumerern, Akkadern, Chaldäern, in afrikanischen Buschmythen und neuzeitlichen Mangas und nun auch bei den Niederländern der Spätromantik, aus Sicht der verantwortlichen Briten. Es muß mit der Sehnsucht nach dem Davontreiben zu schaffen haben, mit der Sehnsucht nach der Einheit mit den Elementen, vielleicht auch der Sehnsucht nach Verschwommenheit und Stille, welche letztere in der Moderne nurmehr vorübergehend und in Absolutheit eigentlich überhaupt nicht zu haben ist. Mag daran liegen, daß sich das Dröhnen der Geschichte der Natur überlagert hat, ich kann nur jedem raten, sich die Geräusche des Rheins einmal vom Drachenfels aus anzuhören, es ist das Röhren der Zivilisation, dem ein wunderbares Panoramafoto mit kleinen Schönheitsfehlern vorgeschoben die Welt wie auf einer Fotoshopvorlage zusammenfaßt: die Ebenen der einzelnen Epochen werden einfach geschichtet und verschmolzen, das aus ihren Zwischenräumen gequetschte Dröhnen sammelt sich in geografischen und sonstigen Kuhlen und wummert dort vor sich hin. Manchmal kommt dabei eine fantastische Musik heraus, wie gestern, als ich zufällig die Deutzer Brücke als Quelle einer tranceartig ächzenden Tonfolge ausmachte, fünf, sechs weitere Flaneure hatten es auch bemerkt, sonst niemand, und nach einigen Minuten brach sie wieder ab, eine tödlich schöne Musik, für einige Herzschläge aus dem allgemeinen Dröhnen geschält. Da wären wir bei lebenden (musikalischen) Brücken, ein wieder anderes Thema.

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.

Aufm Drachenfels

Im Tal aufgewachsene Menschen (wie ich) hegen eine gewisse Skepsis gegenüber den Bergen, es ist uns nicht ganz geheuer dort oben, ungekannte Wesen und Gefahren lauern dort sowie eigentümliche Menschen, die weniger lauern, vielleicht, als daß sie wild und unberechenbar wirken oder überhöhte Preise für ihre Dienstleistungen verlangen und häufig ein recht fundamentales Christentum pflegen. Und so bekreuzigen wir uns mehrfach, bevor wir in die Felsen aufsteigen. Mein Bekreuzigungsakt am Drachenfels, einem nicht gar so gewaltigen, immerhin mit mythischem Namen und dreierlei Drachenlegenden versehenen Hügel, bestand diesmal im Deklamieren einiger Byronscher Canti aus Childe Harold`s Pilgrimage, wie etwa diesem:

„The castled Crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Between the banks which bear the vine,
And hills all rich with blossomed trees,
And fields which promise corn and wine,
And scattered cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strewed a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.“

Viele dieser lyrischen Beobachtungen treffen auch heute noch, als ein Bruchteil des Gesamtbilds, vor allem natürlich die letzte Zeile. Beim Aufstieg wie stets die Suche nach möglichen Stellen der Siegfriedschen Drachenhatz. Auf halber Höhe ein Cappuccino mit Rheinblick in den ersten Frühjahrssonnenstrahlen. Das dauerdröhnende Tal, moderne Landschaft mit Silberschleifchen, ein Probealarm, die unsichtbaren Schwingungen der Sirenen: wilde Bewegungen in der Luft. Kommen Tiefflieger über die Eifel? Die Sirenen verklingen, zurück bleibt das unregelmäßige Rauschen der Verkehrstrassen. Weiter, vorbei an Schloß Drachenburg, das einst einem etwas exzentrischen Mann namens Paul Spinat gehört haben soll, mit Vorliebe für Uniformen und rosafarbene Rolls Royce, und solchen Ideen wie Leute aus Warhols Factory einzuladen, um die Innengestaltung seiner gediegenen Wohnstatt vorzunehmen (unbestätigte Quelle). Außen verkünden Banner die Möglichkeit zur Besichtigung: „Wegen Renovierung geöffnet“. Doch: Schloß geschlossen. Vorbei an einer Gruppe dumm in die Gegend linsender Esel, die Zahnradbahn fährt vorbei, mal bergauf, mal bergab. Gegen Mittag mehrt sich das Menschenaufkommen. Der Drachenfels hat einen Ruf zu verteidigen, als Deutschlands meist bestiegener Berg. Aufwärts, aufwärts, sind eh nur ein paar Meter. Der folienverpackte Bergfried überm Gipfel ist von Baugerüsten umgeben. Steht da wie eine unmotivierte Rakete (oder ein vergessenes Geschenk). Zu seinen Füßen nach wie vor die drachenfelsische Betongastronomie, dem äußeren Anschein nach eine Mischung aus 70er-Jahre-Gefängnisarchitektur und DDR-Kantine. Soll angeblich bald weggesprengt werden. Der Postkartenblick auf die Rheininseln Grafenwerth und Nonnenwerth. Plötzlich lärmend durchkreuzt von einem offenen Leichthubschrauber. Von unten dröhnt weiter das Tal. Japanische Touristen scherzen. Ich murmle fleißig Byron-Verse. Es bräuchte einen Kescher für Geräusche. Sie auch noch nach Tagen, Wochen und Jahren aus der Luft zu fischen. Dann wär das hier eine reiche Jagd.

auf auf zum drachenfels

defrag: trampeln durch flur- & felsbestaende
rheinische ruinenmaschinen im grauschleier
bilden grauschleier um klassische erzaehl-

apparate: irgendwo muessense ja parken
an diesig verwaschnen tagen, in guten wie
in schlechten zeiten. die aussicht uebers

rheintal ist grandios: & wenn die landschaft
mal weg ist, ham wir das alles immer noch
1a auf dvd. mythen in tueten, sozusagen

siegfried huscht flugs durch die waldung, ein
wirrer deutscher indianer. gebadet in wagner-
klaengen. ist traurig & weisz nicht weshalb

Vom Hohentwiel

Es gibt in der rheinisch-deutschen Sferiferie eine Menge dieser mittelhohen bis schon ganz ordentlichen, plastisch benamten Berge, die einst zu erklimmen – wenigstens aber mit dem Auto auf ihren Gipfelparkplatz vorzufahren – ich mir schon lange vorgenommen habe: Drachenfels, Feldberg, Hornisgrinde, Schauinsland, Wattkopf usw. usw., nun also der winterliche Hohentwiel, seiner markanten Form halber bestens bekannt aus Funk-, Fernseh-, und Fotodokus. Der Hegau bietet mehrere dieser bizarren Vulkanschlote aus Klingstein und Basalt und trägt daher den kratzigen Beinamen „des Herrgotts Kegelspiel“. Der Hohentwiel wiederum trägt eine imposante Festungsruine an Kopfes statt, die auf dem Drachenfels ist Pipifax dagegen. (Dafür hat der Drachenfels tiefer in die Mythentüte gelangt.) Vom Parkplatz aus kreist der Weg noch ein beachtliches Stückchen steil bergan, dem fysisch zerbrechlichen Wanderer wird klar: solche Festung möchtest du weder erstürmen, noch erbauen; jedenfalls nicht als Fußvolk. Gekeuche beim Ausblick: über den einzigartigen Hegau mit seiner ungekünstelten A81 im Abendschein, hinter den Wolken dort, das sind ein paar Alpenspitzen, dies unverkennbar der Bodensee, Radolfzell (bekommt auch noch mindestens einen Eintrag hier, besitzt wie Engen eine Schiesser-Fabrik), unten Singen mit der Maggi-Fabrik, das sind ja zentrale Produktionsstätten der Grundausstattung deutscher Durchschnittshaushalte, hier wurden und werden Muster fürs Sexleben und den hohen Geschmack ganzer Generationen vorgefertigt, es ist eine liebliche Gegend, nur die Sprache klingt leicht angerauht, der Winter wirkt eher wie so ein Schneekugelding, im Sommer blüht reichlich der Ysop, es ist ein Paradies auf Erden, genau so eines wie Büsingen direkt gegenüberliegt, wie es mich umgibt, die Luft ist weich, schmiegt sich flauschig in die Lungen, macht es sich dort gemütlich, schaltet die Tagesschau ein, die äußere Kälte schmilzt, von geistigen Heizkörpern bestrahlt, drunt die Reichenau mit ihren Klosterschätzen und Gewächshaustomaten, wie strich ich dort einst durch Obst und Gemüse, Italien ist nicht fern, was sag ich, nichtmal Jugoslawien, d.h. Kroatien, d.h. dies ist die Gegend, von der ich als Junge immer träumte: einmal zum Bodensee!, aber einmal reicht eben nicht, auch zweimal nicht, auch nicht dreimal.