Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth

Bonn, 7. und 9. Dezember 1864
[...]
Nun ist der Brief doch noch etwas liegen geblieben. So kann ich Dir denn noch vom Abend bei Prof. Schaarschmidt erzählen.
Seine Frau ist eine Holländerin, und wir haben beide zusammen über rheinisches Essen und rheinische Unreinlichkeit geschimpft; sie will mich nächstens einmal zu Holländisch(er) Küche einladen. Der Prof. ist urgemüthlich, Berlinerkind; wir haben ebenso angenehm uns unterhalten als gegessen.
[...]
F.

***

Bonn, 11. und 12. Dezember 1864

Meine liebe Lisbeth,
gar gerne möchte ich als Motto meines Briefes darüber schreiben “interessant und geistreich”, ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß ein Brief immer so ist, wie er aufgenommen wird, und vielleicht darf ich in dieser Beziehung die besten Hoffnungen haben.
Das war ein Posaunenstoß zur Einleitung. Jetzt kommt Schilderung der Situation.
Ich schreibe jetzt, morgens, eben des Bettes mich entwunden habend, zur direkten Widerlegung der Ansicht, daß ich Kater hätte. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen. Gestern war großer Commersabend mit dem feierlichen Landesvater und unendlichen Bowlenströmen; Gäste aus Heidelberg und Göttingen; mehere Professoren, darunter Schaarschmidt waren eingeladen und haben sehr nette Reden geredet. Deussen hielt eine famose Fuchsrede; unendliche Telegramms von allen Weltenden und Burschenschaften, von Wien, Königsberg, Berlin usw. Wir waren über 40 Mann zusammen, die Kneipe war prächtig geschmückt. Ich habe eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, die des Doktor Deiders, der fabelhafter Schumannfreund ist; wir haben uns unsre gegenseitigen Besuche versprochen; nun habe ich doch endlich einen tüchtigen Musikkenner gefunden. Die gestrige Gemüthlichkeit war eine herrliche, erhebende.
Weißt Du, an solchen Commersabenden herrscht ein allgemeiner Seelenschwung, da giebt es keine Biergemüthlichkeit. Heute Mittag ist großer Auszug durch die Hauptstraßen mit Paradeanzügen und fabelhafter Rennomage. Dann fahren wir mit Schiff nach Rolandseck, dort ist großes Diner in Hotel Croyen, und was weiter folgt, das steht im subjektiven Belieben. – Vorgestern Abend fieng der Commers an, wir tranken bis gegen 2 Nachts, sammelten uns gestern um 11 morgens zu einem Frühschoppen, machten dann einen Markttrottoirbummel, aßen zu Mittag und tranken bei Kley gemeinsam Kaffe. Du siehst, die Thätigkeit und die Anstrengung ist groß – und ich habe Recht, mit erhobenem Bewußtsein sagen zu können: ich habe keinen Kater.
Dies Schilderung der Situation. Jetzt kommt der literarische Briefkasten.
Viele von den Büchern, die Du beschreibst, sind mir nicht ganz unbekannt, die Lebensräthsel habe ich wohl auch einmal gelesen. Ich dächte, mehr noch als die Altejungferstube müßte Dir der junge Professor, der gegen Schluß antritt, gefallen haben. – In Daheim lies doch “Marie und Maria.” Hausse und Baisse, das Du mir vielleicht nicht zu übersetzen brauchst, scheint mir vom philosophischen Katheder herab geschrieben. Durch Kreuz zur Krone und Gott ist mein Heil, wie Morgen und Abend verschieden, wird von der Kreuzzeitung gelobt. Die Problematischen Naturen habe ich auch noch nicht ausgelesen. Wie so ich überhaupt in diesem Semester noch keinen Roman gelesen habe. –
Heute morgen setze ich den Brief fort, und Du bekommst auf diese Weise eine vollständige Schilderung unsres Commerses.
Wir haben ein wunderschönes Wetter gehabt, der Auszug mit schöner Husarenmusik machte großes Aufsehen, der Rhein hatte die schönste blaue Farbe, wir hatten Wein mit auf das Dampfschiff genommen. Wie wir nach Rolandseck kamen, wurden Böller zu unserm Empfang gelöst. Wir tafelten nachher bis gegen 6 Uhr, waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfaßte unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmrung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirgs, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Nach Tische saß ich mit Gaßmann, vielleicht dem interessantsten Menschen der Frankonia und Bierzeitungsredakteur und Kneipwart zusammen; wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die andern Champagnerbowlen tranken. Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth, besonders die reizende Insel Nonnenwörth, auf der ein Mädchenpensionat ist; darüber ragt der Drachenfels, diese mächtige steile Felswand. Der Ort macht den Eindruck der tiefsten Ruhe. – Nachher bin ich mit wenigen nach Bonn zurück gefahren, während die andern die Nacht dort geblieben sind und wahrscheinlich heute morgen eine Spritze in das Siebengebirge machen.
Heute morgen bin ich denn sehr froh und munter aufgestanden, denke zuerst an Dich und beendige den Brief, damit er noch zeitig genug eintrifft.
So hast Du denn ein Bild meiner letzten Tage, wunderschönen Tage, die Du Dir mit aller Phantasie ausmalen darfst. Allerdings habe ich bei dieser Ueberfülle des Stoffs Dir nur einiges Thatsächliche mitgetheilt und keine Gelegenheit gehabt, schöne und feine Bemerkungen zu machen. Lebe nun recht wohl und grüße die liebe Tante Rosalie, sowie alle, die sich meiner gern erinnern. Adieu, liebe Lisbeth
Dein Fritz.

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Wie freudig blutet` hier der Edelknecht

Der Rhein.

O Sohn der Alpen, in krystallnen Wiegen
Genährt von Gletscherbrüsten, heil`ger Rhein,
Wenn du dem blauen Schweizersee entstiegen
Dich jauchzend warfst vom schroffen Felsgestein,
Und glorreich nun, ein Held nach frühen Siegen,
Das Thal durchwallst im laub`gen Kranz von Wein,
Zur Lust den Völkern und der Flur zum Segen:
Wie schlägt dir hoch das deutsche Herz entgegen!

Und traun, mit Fug. Denn deutschen Lebens Bild
Und Zeuge bist du, seit von süßen Zähren
Auf deinen Höh`n der Rebstock feurig schwillt:
All um dich her erwuchsen unsre Ehren;
Du sahst zuerst erhöht des Reiches Schild,
Des Reichs, nach dem wir fromm noch heut begehren,
Wir Waisen, nun im eignen Vaterlande
Ruhmlos zertheilt wie du zuletzt im Sande.

Den Kaisern warst du werth; die Starken zog
Der Starke, daß, was gleich, zusammenwohne;
Hier stand der Stuhl des großen Karl, hier bog
Konrad das Haupt vor Konrad, eine Krone
Mit Lächeln missend; hier im Festgewog
Schied der im rothen Bart vom ehrnen Sohne;
Siegestrunken mocht` er deinen Wirbeln lauschen,
Nicht ahnend, daß sein Tod bald solches Rauschen,

Auf deinen Burgen horstet` ein Geschlecht
Frei, wild und mild; es wohnt` in seinem Sinne
Von deiner Traub` ein Anflug, zum Gefecht
Befeuernd wie zu Harfenschlag und Minne.
Wie freudig blutet` hier der Edelknecht,
Wenn aus der Herrin Blick von hoher Zinne
Ein Gruß als erster, ach, und letzter Dank
Auf sein verströmend Leben niedersank!

Und Städte sahn voll Trotz in deine Welle,
Wo unterm Krummstab Bürgerfreiheit sproß
Und Füll` und Kunst, und wo dann morgenhelle
Die neue Zeit ihr Kinderaug` erschloß.
Denn war`s zu Mainz nicht, wo in stiller Zelle
Ein andrer Dädalus die Flügel goß,
Die stark das Wort in alle Winde tragen?
Ward nicht zu Worms die Geisterschlacht geschlagen?

Und heut! Welch reich Gewühl umbraust noch heut
Die Rebenufer, wo vom breiten Riffe,
Die Veste droht, und weit im Thal zerstreut
Die Essen rastlos sprühn! Mit grellem Pfiffe
Durchkeucht das Dampfgespann des Doms Geläut,
Und durch die Fluten wandeln Feuerschiffe,
Wie schwarze Riesenschwäne; Flaggen winken,
Und Winzerjubel schallt und Römer blinken.

Gebrochen sind die Burgen. Ihre Zeit
Ging aus. Doch sitzt an ihrer Thürme Scharten
Die Sage harfend noch, die Wundermaid,
Und lallt im Traum von Chriemhilds Rosengarten,
Vom Drachenstein und von der Nonne Leid.
Und stießt das Mondlicht um die Felsenwarten:
Da singt die Loreley und aus dem Dunkel
Der grünen Wasser glimmt des Horts Gefunkel.

Gruß dir mein Rhein! Wie leicht bei dir einst flossen
Die Lieder mir, die jedes Tags Gewinn!
Mein Sternbild stand im Aufgang; noch im Sprossen
Wie Laub um Pfingsten grünte frisch mein Sinn,
Gruß euch, die ihr mir damals wart Genossen
In Leben und Gesang! – Wo seid ihr hin?
Ach, auseinander weit seit jenen Tagen,
Zu weit hat uns der Kampf der Zeit verschlagen.–

(Emanuel Geibel)

Adolf Clarenbach (2)

Drachenfels

Kennt ihr die sieben Berge,
Das Siebengebirge am Rhein?
Sie ragen und sie blauen
So stolz ins Land hinein,
Und drunten glänzt wie Silber
Der majestätische Strom,
Drin spiegeln sich die Burgen,
Die Städte und der Dom.

`S war Sommer. Die Schiffe zogen
Mit Wimpeln vorbei auf den Well`n,
Sie schleppten schwere Frachten
Für die reichen Kaufherrn in Köln.
Die Mägdlein und die Knaben,
Sie zogen rheinauf, rheinab
Und grüßten die milden Lüfte
Mit Hut und Wanderstab.
Das ist ein Singen und Jauchzen
Im Sommer am grünen Rhein!
Ein fröhlicher Volk auf Erden
Mag nirgend zu finden sein.
Die fernen Hügel klingen
Im Widerhall mit ein
Und wandeln die jubelnden Lieder
In funkelnden goldenen Wein.

Am Ufer bei Königswinter
Zieht eine Studentenschar
Mit Samtbarett und Degen,
Magister und Scholar.
Sie haben die schweren Folianten
Mit Wonne geworfen beiseit,
Denn wiederum ist gekommen
Die goldene Ferienzeit.
Sie schwenken ihre Hüte,
Wie ist die Welt so schön!
Sie singen mit hellen Stimmen
Es schallt hinauf zu den Höhn:

“Eine Stadt liegt drunten am Rheine,
Am großen gewaltigen Strom,
So herrlich weiß ich keine
Mit Kirchen, Türmen und Dom.
Es spiegeln sich Burgen und Masten
Im leuchtenden, grünen Rhein
Es tragen die Schiffe in Lasten
Die Schätze der Erde hinein.

In Sälen sitzen und schwitzen
Die Jünger der Wissenschaft,
Es fliegen die Klingen und blitzen
Voll Mut und Jugendkraft.
Und wandeln die blonden Zöpfe
Und blauen Augen am Rhein,
So verdrehen sie uns die Köpfe,
Wir besingen sie beim Wein.

Die sieben Berge winken
Herüber im Märchenduft,
Des Stromes Wellen blinken,
Und alles zur Freude ruft.
Dann satteln wir die Rosse
Und fliegen ins Land hinein
Und schauen vom trutzigen Schlosse
Hernieder, vom Drachenstein.”

In Königswinter kehren
Im goldenen Anker sie ein
Und löschen aus kühlem Keller
Den Durst mit funkelndem Wein.
Sie sitzen auf hoher Terrasse
Sehn drunten des Stromes Lauf
Und singen die goldenen Lieder
Zum Drachenfelsen hinauf.
Das war ein fröhlich Zechen
Am strömenden heiligen Rhein,
Man sagt, solch fröhliches Trinken
Soll nirgend zu finden sein.
Jetzt ruft beim letzten Humpen
Der lange Peter: “Wohlauf
Ihr lieben Kommilitonen,
Hört an und merket auf:
`S ist heute am samstag der elfte
Im Erntemond August
Den Gott der Herr geschaffen
Der ganzen Welt zur Lust.
Wir ziehen für vier Wochen
In alle Winde hinaus,
Um brave Philister zu werden
Bei Vater und Mutter zu Haus.
Doch heute über vier Wochen
Da finden wir uns fein
Vollzählig, wie wir hier sitzen,
Im goldenen Anker ein.
Und wer dazu sich verbindet,
Besinne sich nicht lang
Und stimme nach Burschensitte
Frisch ein durch Becherklang!”
Da klingen die vollen Römer,
Beendet wird der Schmaus,
Und lustig ziehen die Brüder
In alle Welt hinaus.

***

(aus: Ludwig Schneller – Adolf Clarenbach. Abseits der beschriebenen Szenerie wartet bereits der stille Held Adolf Clarenbach. Er wird sich im Laufe des Epos ritterlichen Prüfungen wie einem Singturnier unterziehen müssen, deren Ausgänge trotz langatmig geschilderter Szenerien so absehbar sind wie die verwendeten Endreime.)

Adolf Clarenbach

Zum Geleit

Es war zur Winterzeit. In Eis erstarrte
Der Niagara selbst. Ein Blizzard fegte
Mit wildem Brausen heulend durch die Staaten,
Schneemassen schüttend auf das Land am Erie,
Wie mit Lawinen Buffalo begrabend.
Laut keuchend flog der Blitzzug zwischen Wällen
Aus weißem Schnee, getürmt von tausend Händen,
So hoch wie unsre Wagen schier, von denen
Herab vom Schneedach zu den Eisenrädern
Eiszapfen, glitzernd wie ein Silberpanzer,
In märchenhafter Pracht herniederhingen –
So fuhren wir hinaus zum Staat Indiana.
Es schwirrten um mein Ohr die fremden Laute
Der neuen Welt, der tatenfrohen Yankees.

Da tauchte plötzlich auf vor meinem Geiste
Das ferne Heimatland am grünen Rheine,
Der Drachenfels mit seiner stolzen Spitze,
Der deutsche Strom im Zauber seiner Ufer.
Und horch! um seine Berge scholl, erst leise,
Dann laut und immer lauter mir erklingend,
Ein holdes Lied aus fernen Jugendtagen,
Als ob des Sturms Gewalt unwiderstehlich
Die Äolsharfe mir im Herzen rührte.
Es nahten sich die freundlichen Gestalten,
Sie schwebten um mich her, vertraulich winkend,
Sie hielten lächelnd Schritt mit dem Kurierzug,
Sie ließen sich an meiner Seite nieder
Und drängten: „Wags und halt uns fest im Liede!“
 
Ich nahm den Stift und schrieb. Und ich schrieb weiter
Im breiten Tal des stolzen Mississippi,
Im Tal des Delaware und des Ohio,
Am Susquehannah, Hudson und Potómac
Und auf des Ozeans endlosen Flächen.
Sie zogen mit, die mahnenden Gestalten
Wie einst im West, so auch im fernen Osten:
Selbst an des roten Meeres glühnder Küste
Umschwebten unablässig sie den Reiter,
Der auf dem Rücken des Kamels dahinflog,
Im weißen Zelt der menschenleeren Wüste,
An Horebs majestätischen Riesenwänden,
An Sinais gewaltgen Felskolossen,
Wo schweigend auf die farbgen Urgebirge
Wie einst zu Moses Zeit die Sonne brannte.
Sie schwebten unsichtbar an meiner Seite
Auf meiner fernen Kindheit trauten Bergen,
Die felsgekrönt Jerusalem umgeben,
Im einsam grünen Uferwald des Jordans,
In Jericho, im Schatten schlanker Palmen,
Am leuchtend blauen See Genezareth.
 
So ward im fremden Land dies Lied vom Rheine.
Und was aus innerem Drang sich mir gestaltet,
Wag ich zu bieten euch auf diesen Blättern.
Und bleichen auch schon meinen Hauptes Haare
Und fehlt der Jugend holder Sturm und Drang –
Nehmt auch vom Alternden die schlichte Gabe
Und seid ihm freundlich, wenn ihr könnt, gewogen.
 
(aus: Ludwig Schneller – Adolf Clarenbach. Ein Sang vom Rhein, Kommissionsverlag von H G Wallmann, Leipzig 1911, Bestand Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth.
Adolf Clarenbach wurde als evangelischer Ketzer in Köln vom katholischen Klerus verbrannt.)

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Randnotiz (2)

Es müssen in einem Rheinepos neben den schönsten kenternden Kanutinnen (welche nachher auf Kenterschoppendionysien zu großen Worten und gern überrheinischer Strahlkraft auflaufen dürfen) natürlich auch Sprayer vorkommen, die gesamte Rheinschiene ist ja heuer besprayt, und so werden es wohl zwei drei vier Jungs sein müssen mit zackigen Bindestrichnamen (A-dam, B-boy, C-C, D-Bill – wird schon noch zackiger gehen…), nachts, die dann völlig abkapuzt oder zumindest unter irgendwelchen so und so rum aufgesetzten Käppis ihre leuchtenden THC-gestützten Bilder denken, während sie drahtig von Brücken hangeln oder sich von Güterzügen die Schlabberhosen schrabben lassen, ihre deformierten Blähstaben und knalligen Fabelfiguren da anbringen auf großflächigem Nachtssindallemauerngrau. Sie sind flink aufn Beinen (tragen immer den angesagtesten Turnschuh), aber die Treibgase der Normfarbdosen sind in den zum Dosenstehlen vorgesehenen Regalen von Mitarbeitern der Heimwerkerbedarfsgroßmärkte in geheimer Absprache mit städtischen Sprayerjägern (z.B. im gesamten Bonner Raum) mit einigem Unerlaubtem, das die Sprayer ein bißchen doof macht und sowieso Minisendern zur Ortung (im Dosenboden bzw den Klimperkugeln) versetzt, weswegen sie, dieweil sie sich an der Westseite des Lärmschutzwalls zu schaffen machen, noch bevor sie überhaupt raffen, daß der auch eine Ostseite besitzt, die von den Ausflugsschiffen her z.B. viel besser wahrgenommen würde (oder man müßte sich das alles halt ersma spiegelverkehrt vorstellen, also von der anderen Rheinseite aus, sodaß Drachenfels und Rolandsbogen übernacht die Plätze tauschten – was sie ja auch tun an bestimmten Tagen, deren Quersumme eine Primzahl ergibt), bevor die artists also in die nächste Stunde langen mit ihren spritzenden Armen, werden sie umstellt von ziemlich dicken Spezialkräften der Stadtverwaltung (in schwarzen Stadtverwaltungsblousons mit feisten Logos drauf), deren Motive jedoch keineswegs im Vorsjugendgerichtbringen oder gar Rückvergrauen der Lärmschutzwände bestehen, sondern schlicht und archaisch im Ausüben alttestamentarischer Racheformen, weswegen sie die Sprayer, dh deren Körper, unter befriedigten Lautäußerungen und handwerklich garnicht mal so schlecht, denn sie haben sogar in ihrer Freizeit unten im Hobbykeller geübt, von unten bis oben und wieder zurück mit städtischem Restlack besprayen, im Dunkeln, weswegen sie den ein oder andern Sohn oder Neffen auch erstmal garnicht erkennen, denen noch ein paar Verwaltungsparagrafen „ins face taggen“, das müßte nicht zwingend Bonn sein, das könnte fast überall spielen, als zeitgenössische Anwendung altgriechisch-trojanischer und nibelungischer Vorgaben.

Auguste Duméril sur les bords du Rhin

Copie d’une lettre que j’ai écrite à Joseph Fabre, après mon voyage sur les bords du Rhin, en 1846, et qui peut servir de journal abrégé de ce voyage.

Le soir du jour où vous m’avez embarqué au chemin de fer, c’est-à-dire, lundi 14 Septembre, je suis arrivé, à 2 h ½ environ, à Bruxelles, et là, suivant le conseil de M. V. Cumont, je me fis immédiatement conduire à la diligence de Namur, qui allait partir, et je me trouvai le lendemain matin à Namur, à 6 h.: à 6 h ½, une autre diligence, se mettant en route pour Liège, je m’installai sur une banquette surnuméraire, adossée au cabriolet de l’impériale, et de là, comme d’un observatoire, d’où ma vue pouvait s’étendre de tous côtés, j’ai parfaitement joui de la vue des bords pittoresques de la Meuse, dont la grande route suit presque constamment le cours, de sorte que je n’aurais pas mieux vu, je crois, à bord du bateau, si j’avais suivi mon premier plan, qui était d’aller par eau, de Namur à Liège, où je ne serais arrivé que le mardi soir, tandis que j’y étais à une heure, et qu’à 5 h, je me trouvais à Aix-la-Chapelle, où je me mis en rapport avec M. Darancourt, qui ne savait pas l’Allemand plus que moi. Nous passâmes notre soirée au café de la source Elise, au théâtre, et à la redoute, où nous ne vîmes pas de joueurs trop acharnés, mais où je pus prendre une idée de ce que sont la Roulette et le 31. Le lendemain matin, nous avons visité l’hôtel de ville, la cathédrale, dont je fus très frappé, car c’était le premier exemple que je voyais de cette architecture byzantine, dont je devais voir de si beaux échantillons à Bonn, mais surtout à Mayence: les fameuses reliques, et la jolie montagne du Louisberg. Ce même jour, nous avons visité Cologne, dont j’ai extrêmement admiré la magnifique cathédrale, malheureusement inachevée, mais pour laquelle on dépense maintenant 500 000 F par an: si elle est jamais achevée, ce sera, je crois, une des plus belles églises gothiques qui se puissent voir. L’Eglise Ste Marie du capitole, curieuse par des restes de constructions romaines; l’église des Jésuites, richement ornée, surtout par un banc de communion, de marbre blanc, couvert de charmante sculpture, et l’église de St Pierre, où se voit le curieux tableau de Rubens, représentant le crucifiement de St Pierre, qui est vu la tête en bas. Le soir de ce même jour, nous vînmes coucher à Bonn. Ici, commence le magnifique spectacle qu’offre le Rhin, et la matinée du jeudi, passée, ainsi que je vais vous le raconter, a été pour moi pleine d’enchantement. Nous prîmes un guide, et après avoir visité, dans la ville, la cathédrale, d’un aspect particulier, et la statue de Beethoven, nous nous dirigeâmes, en voiture, vers le Kreutzberg, montagne élevée, où existe une église, avec un escalier de marbre, qui ne se monte qu’à genoux, et dont un caveau contient des moines momifiés, par la sécheresse du lieu, et l’absence complète pendant des siècles, du contact de l’air extérieur: physiologiquement, c’est un fait, qui ne manque pas d’intérêt: la peau est parfaitement intacte et dure, comme du cuir tanné. De là, la vue est déjà belle, mais elle est plus belle encore, du Godesberg, où nous allâmes ensuite, et où se voient des ruines assez considérables: elle l’est certainement davantage, sur le Rolandseck, où se voient quelques ruines, et d’où la vue plonge sur le Rhin, et sur les îles considérables qui existent dans ce point, et sur l’une desquelles est construit un grand bâtiment qui, de monastère qu’il était autrefois, est devenu un hôpital.

Après être descendus, nous avons traversé le Rhin, en bateau: il a, dans ce point, une largeur extrême: sur l’autre rive, est la haute montagne du Drachenfels, que nous avons également gravie, et d’où nous avons joui du plus admirable point de vue, car on a, autour de soi, les autres monts; qui forment ce que l’on nomme les 7 monts, le Rhin, et, de l’autre côté, les monts qui bordent la rive. En redescendant, on arrive à la petite ville de K, où mon compagnon de voyage me quitte, pour prendre le bateau à vapeur, qui devait le conduire à Coblentz, et moi, je traversai le Rhin, sur un pont volant, pour rejoindre la voiture qui me ramènera à Bonn, que je ne voulais pas quitter sans avoir visité l’Université. Les 6 heures environ passées dans cette ravissante excursion, si elles furent accompagnées d’une assez grande fatigue, qui me dura 2 ou 3 jours, furent vraiment délicieuses, car je n’avais jamais eu encore l’occasion de voir la nature sous un si magnifique et si imposant aspect; mais je ne savais pas encore quels enchantements m’étaient réservés, pour le lendemain. A Bonn, tous les professeurs étaient absents: je visitai cependant avec assez de détails Cl., ancienne résidence d’été des électeurs, où se voient une belle collection d’anatomie, mais surtout, de magnifiques collections d’histoire naturelle, renfermées dans des salles, de l’aspect le plus grandiose. J’ai visité la clinique d’accouchement, composée de 12 lits, d’une collection curieuse de bassins vicieux, et d’instruments d’obstétrique, qui me furent montrés par l’aide de clinique du professeur Kilian. Il y a là une douche ascendante de 2 mètres ½ environ de hauteur, pour les accouchements prématurés: il paraît qu’on obtient de bons résultats de ce procédé, qui n’est jamais mis en usage chez nous, à ce que je crois.

(Quelle: http://correspondancefamiliale.ehess.fr/)

Rheindokus

Es kommen ständig Filme über den Rhein im Fernsehen, die immer ähnlich gemacht sind und jetzt gibt es auch noch in der Zeit einen Hörartikel über eine Rheinkreuzfahrt, der sich ganz genauso verhält wie die entsprechenden Berichte der Franzosen und Engländer von vor 170 Jahren. Das Elementare der Rheinwahrnehmung der bürgerlichen Medien liegt im Betrachtungsstau, in der selbstbestätigenden Repetition einmal festgemachter Werte, die in der Regel bis heute einen erklecklichen Romantikfaktor (als das höchste der bisher ermittelten deutschen Gefühle) besitzen, auch wenn der mittlerweile am Rande, haha, ein ganz klein wenig ironisiert werden darf, ja sogar muß, von Autoren, die nicht als allzu bräsig gelten wollen. Immerhin schwemmen solche Dokus bisweilen selten gesehenes (Archiv-)Material auf den Schirm, wie jene „Zeitreise Rheinland“ von Werner Kubny und Per Schnell, deren erster Teil gestern bei 3sat lief. Da zeigt ein Touristenfotograf in dritter Generation gestellte Panoramafotos von fliegenden Holländern: die Drachenfelsbesucher werden in der Attrappe eines offenen Fliegers (Vorkriegsmodell) mit einer beeindruckenden Ziehharmonikakamera fotografiert und hernach wild schwebend in die Landschaft montiert und erinnern Rheinsein an den Ultraleichtpiloten, der bei unserm letzten Drachenfelsbesuch einige spektakuläre Manöver um die folienverpackte Ruine herum flog und dabei den nicht geringen Lautstärkepegel des für so romantisch geltenden Ortes nochmal kräftig übersteuerte. Daß die Kölner ab dem dritten Jahrhundert römische Pässe besessen hätten und am Rhein die Tränen der Freude und des Leids denselben Salzgehalt besäßen, bleiben zwei markante Sätze ebenso haften wie die gewohnten Anekdoten um Dombau und die berühmte Schlacht von Worringen, als Kölner und Düsseldorfer Bürger vor einigen hundert Jährchen gemeinsam den Klerus besiegten, eine Darstellung, die in Düsseldorf bis heute wenig Popularität genießt. Noch ein paar lockere Sätze zu Albertus Magnus und Stapelrecht, sowie Einblicke in die rheinische Textilindustrie von Monschau über Düsseldorf bis Krefeld und schon sind die 45 Minuten vorüber, Teil 2 der rheinischen Kulturbeflockung folgt kommenden Freitag. Resumee: es ist besser von Anfang an reich zu sein, als Eifeler, Arbeiter, sonstwie klein, doch so schlimm es auch kommt, es bleibt vom Dom der fantastische Blick auf den Rhein.

Melville in London

“X X X I last wrote in my journal on the banks of the Rhine – & now after the lapse of a few days, I resume it on the banks of the Thames, in my old chamber that overlooks it, on Saturday the 15th of Dec: `49. – I broke off at Coblentz on Monday night, Dec: 10th. The same night I fell in with a young Englishman at a cigar shop & had a long talk with him. He had been in America, & was related to Cunard of the Steamers. Next morning, Tuesday Dec 11th, I again rambled about the town – saw the artillery-men & infantry exercise on the parade ground. Very amusing indeed. Saw a squadron of drumers. Walked down & up the river, & while waiting for the Cologne boat spent at least two hours standing on a stone peir, at the precise junction of the Rhine & Moselle. At 3 o´clock started for Cologne on a Dusseldorf boat. It was intensely cold. Dined at the table d`hote in the cabin. Fine dinner & wine. Drank Rhenish on the Rhine. Saw Drachenfells & the Seven Mountains, & Rolandseck, & the Isle of Nuns. The old ruins & arch are glorious – but the river Rhine is not the Hudson. In the evening arrived at my old place – Hotel de Cologne. Recognized Drachenfells in a large painting on the wall. Drank a bottle of Steinberger with the landlord, a Rhinelander & a very gentlemanly, well-informed man, learned in wines. At 1/2 past 6 P.M went to the Theatre. Three vaudevilles acted. Audience smoking & drinking & looking on. Stopped in a shop on my way home & made some purchases for presents, & was insidiously cheated in the matter of a breast-pin, as I found out after getting to London, & not before. God forgive the girl – she was not very pretty, either – which makes it the more aggravating.”

Rheinfahrt.

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Niemand mag die Deutsche Bahn, aber bei dieser Strecke werd’ ich jedes Mal mild: erst durch die Kölner Bucht (hinten raucht die Ville im Dunst), nun das linksrheinische Tal entlang auf Mevissens alten Schienenwegen… Gelassen räkelt sich der Strom, darüber wacht the castled crag of Drachenfels…

Remagen mit seiner Brücke, Koblenz vorbei und dann stößt man ins Wunderhorn: verwittert die Basalte, trümmernd die Burgen… Ein schwarzer Vogel stürzt sich freudig hinab, wo der Rhein den Fuß der grünen Berge küsst, schießt eine Handbreit über der Wasserlinie entlang… Terrassenförmige Talflanken, lange Schlingen, enge Kehren, weißliche Sonne gleißt überm Fluss: Spiegelblitze von Zauberinnen… Etwas Unwirkliches bemächtigt sich unser auf den schmutzigen Polstern des ICE-Bistros… Vergangenheit spricht und Nebenwelt…

Halb geflutete Inseln, Kribben wellen Minipli… Wolkengas über den Hügeln: eine Möwe schwebt verloren in der plötzlichen Suppe – die Wetterscheide ein weiteres Geheimnis dieser Sagenwelt, die Frachtschiffe drosseln die Geschwindigkeit >>eingeschränkte Sicht!<<, die Krüppelbäume im Uferbereich sehen jetzt tatsächlich aus wie tot, Stille, Starre, Ende, überwucherte Materialbuden der Bahn, verlassener Parkplatz, verfallener Bauplatz (Raab Karcher), Yachthafen, alles hört auf, Stille, Starre, Bingen, aus.

***

Rheinfahrt. ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.