Waljagd im Duisburger Hafen

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Dramatische Jagdszene: im Mai diesen Jahres reinszenierte Michael Nowottny Vorkommnisse um den Beluga, der 1966 den Rhein besuchte, im Duisburger Hafen. Am Bug eines modernen Walfängers positioniert: ein antiquiert wirkender Bogenschütze, der an Harpunier Queequeg und Captain Ahab von der Pequod erinnert. Das Beiboot ähnelt dem Motorboot, auf dem Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit Pistole posierte, bis er aus einem von Naturschützern eigens gemieteten Luftschiff mit Apfelsinen torpediert wurde. Der Luftangriff bleibt auf dem Foto ausgespart, die verfilmte und mit Soundtrack versehene Jagd wurde in der zweiten Maihälfte ab Sonnenuntergang auf dem Steuerhaus des Kohle-Schleppkahns Fendel 147 im Duisburger Schimanski-Viertel Ruhrort als Videoinstallation projiziert.

Moby Dick (2)

Im laufenden Schuljahr produzieren wir mit Drittklässlern einer Bonner Grundschule eine Reihe Kurzhörstücke. Eine Schülergruppe recherchierte dafür die Geschichte von Moby Dick, dem Belugawal, der 1966 mit seinem Rheinbesuch für Schlagzeilen sorgte und stellte das Szenario als Radiosendung mit Studiomeldungen und einer rasenden Reporterin nach. Dabei wurde der Rhein schon mal nach Luxemburg verlegt, und auch die Geschichte Moby Dicks mit einiger Fantasie aufgepeppt – dachten wir. So gaben die Kinder an, Moby Dick habe sich vor seinem Ausflug in den Rhein in einem Frachtcontainer auf einem Schiff nach London befunden, wo er als Zootier landen sollte: welch ein poetischer Einfall, wollte uns scheinen, bis die Kinder uns aufklärten: so oder zumindest so ähnlich hätten sie es doch in einem Artikel gelesen, welchen die Lehrerin ihnen zur Verfügung gestellt habe (es handelte sich um den Wikipedia-Eintrag zu Moby Dick). Die hochpoetische Vorstellung von einem Wal, der über dem Meer schwimmt, statt frei (wie es sich gehörte) darinnen, gefangen in einem Frachtschiff nämlich, den Menschen künftig in einem Zoobecken zur Belustigung zu dienen, bis das Meer ob dieser Idee zürnt und sich erhebt, den Gefangenentransport attackiert, ins Schlingern bringt, den solcherart entkommenen Wal wieder in sich aufnimmt, ihn aber sogleich in seiner Verwirrung eine Odyssee in und durch den Rhein beginnen läßt, wo er als freier Wal die Menschen in Jäger und Beschützer teilt: entsprang nicht reinem Kinderhirn, sondern ganz offenbar der herkömmlichen, in ihren Abstrusitäten unübertrefflichen Realität(*). Wurden die Fischer, die Moby Dick zuerst erblickten, noch umgehend auf Alkoholeinfluß getestet, mieteten die Freunde Moby Dicks bald darauf Luftschiffe, um die Feinde Moby Dicks, die mit Schnellbooten und allerlei Fanggerät sogleich Jagd auf den Beluga machten, aus der Höhe mit Orangen zu bewerfen. Da flammte also Nibelungentum auf, und die bürgerliche Protestromantik der jungen Bundesrepublik geriet in zaghaften  Schwung, unter Einsatz von Luftwaffe und leuchtenden Südfrüchten (**). Zu Tausenden begaben sich Schaulustige an die Ufersäume. Welch ein Spektakel! Der weiße Wal kreuzte wochenlang im Rhein, ohne von seinen Feinden (der Direktor des Duisburger Zoos hieß tatsächlich Dr. Gewalt) gestellt werden zu können. Erst als bei seinem Auftauchen in Bonn eine Bundespressekonferenz unterbrochen wurde und Moby Dick die an den Rhein geeilten Politiker erblickte, entschloß er sich zum endgültigen Abgang Richtung Nordmeer. Seit Mai 1976 kreuzt nun, so beschlossen die Kinderreporter ihren Bericht, das dem Wal nachempfundene Bonner Passagierschiff MS Moby Dick auf dem Rhein, auf dem, als besonderer Service, geheiratet werden kann.

(*) Wir erwähnen der Vollständigkeit halber die Möglichkeit einer nebenbei in den Wikipedia-Artikel eingewobenen Ente. Mitlesende Moby Dick-Veteranen mögen sich bitte ggf mit ihren Erinnerungen bei uns melden.

(**) Wir suchen auch noch nach Film- bzw Bildbeweisen für die vom Orangenhagel abgetriebene Schaluppe Dr. Gewalts.

Moby Dick

Der Sammelband “Das Jahr im Bild – 1966″ (Carlsen, Reinbek bei Hamburg 1966) zusammengestellt von Karl-Heinz Neumann arbeitet eine unglaubliche Geschichte auf, die, wäre sie nicht mit Fotos (Repro: Roland Bergère) bewiesen, wohl bereits in den Mythenschatz eingegangen wäre:

“Am Mittwoch, dem 18. Mai, um 9.30 Uhr, riefen Bernd Albrecht und Willy Dethlevs, Besatzungsmitglieder des Motorschiffes „Medina“, der vorbeifahrenden Besatzung eines Polizeibootes zu: „Bei Stromkilometer 778,5 haben wir eben einen fünf Meter langen Riesenfisch gesichtet.“ Das Polizeiboot drehte bei, ein Beamter ging an Bord der „Medina“ und bat freundlich: „Hauchen Sie mich mal an.“ Da er keinen Alkohol feststellen konnte, meldete er, wenn auch mit großem Bedenken, den Hinweis an die Wasserschutzpolizei. Eine halbe Stunde später funkte ein Polizeisuchboot: „Weißer Wal gesichtet“. Als die Meldung dann an das Düsseldorfer Innenministerium ging, glaubten die Beamten immer noch an einen verspäteten Aprilscherz. Erst als der Direktor des Duisburger Zoos, Dr. Gewalt, von einem Feuerwehrboot aus den Wal sichtete und sicher sagen konnte, daß es sich um einen etwa fünf Meter langen und 35 Zentner schweren weißen Beluga-Wal aus dem nördlichen Eismeer handelt, waren alle Zweifel beseitigt: Ein weißer Wal schwimmt im deutschen Rhein! Es begann eine große Jagd (Foto oben – das Bild zeigt Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit einer Pistole im Anschlag an der Reling eines Rheinbootes, wenige Meter von ihm der aufgetauchte Rücken des weißen Wals), denn Dr. Gewalt hätte den Wal gern für sein Delphin-Aquarium gefangen. Er versuchte, mit der Pistole eine Narkoseladung in den Wal zu schießen und obwohl er den weißen Riesen, der von der Bevölkerung Moby Dick getauft worden war, mehrfach traf, zeigte der Wal keine Wirkung. Die Narkosemengen waren offensichtlich zu schwach. Auch die Versuche, eine Harpune mit einer Boje an dem Wal zu befestigen, mißlangen. (…) Dann wurden die ersten Proteste laut. Man hörte „Das ist Tierquälerei“ und „Laßt Moby Dick leben“. Dafür sorgte der weiße Wal aber selbst, denn er narrte seine Verfolger immer wieder. Dafür gab es eine Reihe von amüsanten Begegnungen, wenn der Koloß dicht neben einem Ruderboot oder nahe am Ufer auftauchte. Fast vier Wochen tummelte sich der Beluga-Wal im Rhein zwischen Bonn und Emmerich. Dann verschwand er in Richtung auf die Nordsee.”