Spaltet das Flussland

biesbosch_1Vieles ließe sich sagen zum wirklich letzten Treffpunkt von Waal und Maas, wenn dort auch mittlerweile als Merwede und Amer durch die Gefilde ziehend. Zum Beispiel, dass dieses wässrige Gebiet namens Biesbosch – größtenteils in Noord-Brabant, der Gemeinde Werkendam zugehörend, teilweise auch in Zuid-Holland, innerhalb des Areals der Stadt Dordrecht – 2016 zum viertbeliebtesten Naturgebiet der Niederländer gekürt wurde.
Nur, was soll ich mir da noch den Kopf zerbrechen, mich abrackern, wenn es schon jenes eine Gedicht gibt, in dem Natur, Geografie, Geschichte und Phantasie bündig und verspielt ineinander haken, und zwar das Schlussgedicht von oever drinkt oever, dem zuletzt erschienenen Gedichtband von B. Zwaal (2013):biesbosch_2

spaltet das flußland
der stromschnitt liegt in vollem treiben

werder trugen die weiden
stakten ihre gewässer voran

lastfüße beholzschuhten den fährensteig
asteten sich mit jahrhunderten durch fuhren ab

feuermünder crossten die amer
landeten auf lacrimaestätte

kahne besamen ihre ladungen
häfen dröhnen transito

ufer trinkt ufer
biesbosch_3

Ich wüsste kaum, was dem noch hinzuzufügen wäre, außer vielleicht, dass die Bilder hier letzten Herbst aufgenommen wurden, als wenig Menschen da waren. Im Sommer sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt sich der von winterlichen Straßenarbeitern nahe des Biesboschmuseums vorbereitete Fremdenverkehr in
biesbosch_4großem Stil dem Genuss hin, einem Großteil der Niederlande nahezukommen, wie der hätte aussehen können, hätte es nie die Kunst der Polder gegeben, die jetzt mit ihrem Agrarland den Biesbosch so gut wie bedrängen. So ist er eine üppig grüne Reminiszenz, ein fröhliches Herumplätschern in der Geschichte, wo drum herum tüchtig gearbeitet wird mit den modernsten Geräten. Die Leute aber sind freundlich, und ihre Brücken zierlich und kunstvoll.
biesbosch_5

***
Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein die niederländischen Rheinverzweigungen, diesmal mit einem Gedicht B. Zwaals vor Augen das Naturschutzgebiet Biesbosch.

Hoek van Holland: Rot

hoek_leuchtturm_2Fensterscheiben-Panorama mit altem gußeisernen und neuem Betonleuchtturm
hoek_leuchtturmmuseumKüstenbeleuchtungsmuseum
hoek_seekuhSeekuh auf Bojehoek_rotGebäudeensemble am Marktplatzhoek_geistermöweGeistermöwe

Maas-Waal-Kanal

I

mwk_DSC04723 (1)

Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

mwk_DSC06303

So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

mwk_DSC07508 (1)

Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

mwk_DSC09573 (1)

Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

mwk_DSC09550

Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

mwk_DSC09551

Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

mwk_DSC09606

Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

mwk_DSC08075 (1)

Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

mwk_DSC08094

man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)

Rotterdam (6)

rdam_kop van zuid

Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

***

Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Leyden

Es ist aber eine schöne, feste, grosse, wohlerbaute und volkreiche Stadt in der Graffschaft Holland, wie auch die Hauptstadt im Rheinland, (*) an dem alten Rheincanal. Ihren Anfang soll sie dem tapfern Römer Druso Germ. zu danken haben, ohngeachtet einige wollen, daß sie Hengst, der Angelsachsen Herzog, im Jahr 450. erbauet habe. Anbey ist sie mehr länglicht, als ganz rund erbauet. Ihre Mauern sind ganz von Ziegelsteinen, aber nicht hoch aufgeführt, darzwischen stehen viele Thürne, hinter welchen man die von Erde aufgeworfene Wälle, imgleichen die breiten tiefen mit Wasser angefüllten Gräben erblikt, welche mit einem Damm umgeben sind, worauf zwey Reihen grosser Bäume stehen, unter welchen zwischen zweyen Canälen ein überaus langes Malliespiel zu sehen ist. Obwohl im übrigen Leyden so ziemlich verwahrt ist, so hat es doch keine regelmäßige Festungswerker.

Ueberhaupt ist dieser Ort ohnstreitig eine der saubersten Städte in Holland, weswegen man ihn auch das Auge der holländischen Städte nennen kan, man mag nun desselben lustige und bequeme Lage, oder die Reinlichkeit der dasigen Gassen und die Schönheit der Gebäude, oder aber die grosse Menge der Einwohner und allerhand daselbst üblicher Künste und Handwerker in Betrachtung ziehen. Es steht auch diese Stadt fast in der Mitten der übrigen Städte. Denn sie liegt drey Meilen von Delft, viere von Harlem, Goude und Rotterdam, sieben von Amsterdam, Dortrecht und Utrecht, nur zweye aber vom Haag. Sie wird von vielen Canälen durchschnitten, so sie in ein und dreyßig Inseln abtheilen, und worauf man an unterschiedenen Orten mit kleinen Schiffen von einer zur andern fahren kan. Es sind dieselben zum wenigsten mit hundert fünf und vierzig Brücken überlegt, worunter bey hundert und vier steinerne sind. Dahero pflegen auch allda die Gassen viel säuberer, als oftmals anderswo die Privathäuser gehalten zu werden. Sie sind anbey mehrentheils lang, und auf beyden Seiten mit grossen Lindenbäumen besezt.

Ausser dem hat Leyden viele prächtige Häuser, so meistens von gebackenen Steinen mit schönen Erkern gebaut sind. Die Sparre, so von Harlem herkomt, fliest mitten durch den Rhein, und die dasige Luft ist anmuthig und leidlich.

Ferner sind allda zu sehen: Die grosse Kirche, zu St. Petri, als eine der vornehmsten und schönsten in Holland, so wohl gewölbt und sehr hell ist. Das Chor hat auf jeder Seite drey Reihen Pfeiler. Man zeigt ein Brod darinnen, welches soll zu Stein worden seyn, und zwar auf den Wunsch einer reichen Frauen, die ihre arme Schwester mit vielen Kindern in einer grossen Theurung, welche sie um ein Brod gebeten, abgewiesen, und gesagt habe: Wenn sie Brod hätte, so wolte sie, daß es zu Stein werde, welches auch geschehen. (…)

Sonderlich aber befindet sich die dasige medicinische Facultät in nicht geringer Aufnahme. Allhier muß ich eine Begebenheit anmerken, welche sich mit dem Prinzen Wilhelm dem III. von Oranien, und einem Bauren von Cattwiek allda begeben hat. Denn als besagter Prinz in seiner Jugend auf dasiger Universität studirte, so lies er sich von gedachtem Bauren für zwey Stüber Krabben geben, und hies ihn nachgehends, als er sein Geld forderte, mit diesen Worten sich fortpaken: Ik betael niet, ik ben de Prins; Worauf dieser dem Prinzen eine Maulschelle gab, er würde ihm auch noch weiter übel begegnet haben, wenn nicht eine gute alte Frau die zwey Stüver aus ihrem Sak hervor gelangt, und sie diesem groben Bauern gegeben hätte.

(*) Das Rheinland ist ein Theil von Südholland, welcher sich ober- und unterhalb Leyden in die Weite zwischen des Rheins beyden Ufern hinstrecket, anbey schön, eben, sehr lustig, und über die Massen fruchtbar ist. In derselben Gegend wird die beste holländische Butter gemacht, sie ist voller schöner Dörfer, welche ihrer Lage und schöner Gebäude wegen manchem Städtgen nichts nachgehen. Die vornehmsten darunter sind Rhinburg, Valkenburg, Caudekerk, Catwik, Nortwik, Sevenhuysen, u.a.m. Es kan sie ein neugieriger Reisender insgesamt in einem Tage ganz gemächlich besehen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Der niederländische Rhein

Der schweizerische Rhein spaltet wie ein Blitz das Felsgebirge. Der deutsche Rhein durchfährt den Leib des Landes magnetisch wie ein sammelndes Gefühl. Dem niederländischen Rhein gaben schon die Alten den Namen Rhenus bicornis, des Zweihörnigen. Denn ihn teilt sogleich die größte seiner Inseln, die fast ein Land für sich ist. Auf einem jener Weltbilder, mit denen Beatus, ein Mönchsgeograph des siebten Jahrhunderts, die Erde in der Form eines Eies darstellte, von der Schale des Meeres umgeben, in der die Fische und die Inseln in der gleichen körnigen Weise eingezeichnet sind, empfing der nördliche Rhein einen anderen Strom von jeder Seite, ehe er als ein doppelter Fluß durch das Land der Friesen in das Meer sank. Man kann an Maas und Lippe denken. In der Tat, die heutige Forschung liest in den Schichten von Ton und Schlammsand, die unter der Sichtbarkeit der jetzigen Rheinteilung liegen, eine verwischte ältere Schrift der Erde, deren Deutung das Bild des römischen Geographen bestätigt. Der Strom in Holland ist nun der klargeschnittene Rhein nicht mehr. Er trifft, schon ehe er das Meer berührt, die Nullhöhe; seine Auflösung, die beginnen muß, wird zu Teilen und Strecken des Wasserstaates, er durchfließt ein verwirrendes Netz von Gewässern. Von äußeren Linien her ist das amphibische Land von Wasserbändern durchflochten, zwischen den grünen und den blauen Flächen liegen die weithin gedehnten Kurven der Deiche. Kanäle, von der Seite einfallend wie der schmale Arm der Maas, der nicht tief genug ist, um auch nur den normalen Kähnen der Rheinschiffahrt einen Zutritt ins flandrische und französische Flußnetz zu geben, vergrößern den Strom, andere entziehen ihm das Wasser. Meeresarme, in das Land ausgestreckt, fügen ihn unversehens in das kosmische Gesetz der Flut und der Ebbe, die eigenkräftige Nähe des Meeres entführt ihn seitwärts in verwirrende Inselwelten. Wie durch ein Uhrwerk die Zeit rinnt, so rinnt der wasserreiche Strom durch das gewaltige und sorgsam angepaßte Uhrwerk, das geschaffen ist, das Nasse vom Trocknen auszuschließen. Ihn beherrschen die doppelten und dreifachen Deiche, die Pumpen und die Schleusen. Ein unablässiges Eintauchen der Meßinstrumente, ein ewiges und überlistendes Studium der Bewegungen von Wasser und Schlammerde, ein hartnäckiges Werk des Pfahlbaues und des Deichgrabens vollzieht sich und setzt das Arbeitserbe der Jahrhunderte ständig fort. Am oberen Rhein beschränkt sich der Strombau darauf, die Serpentinen wegzuschneiden, das Krumme zu strecken und zu kürzen; fast zu sehr beeilten sich dort die Ingenieure, den Abfluß des Wassers zu erleichtern. In den Niederlanden schufen die Baumeister seit Jahrhunderten die Molen und die langgezogenen Dämme, die den Hauptstrom erst nach Osten, dann westwärts richteten und ihn aufhalten. Mit der Waffe des Flusses führten die Holländer in der Vergangenheit gegen Römer und spanische Eroberer ihren Kampf. Kanäle wurden gegraben, um den Kriegsflotten bis ins Herz des Landes Zutritt zu geben, die Handelsflotten folgten nach. Ueberschwemmungen glänzten auf wie große Seen, Dörfer und Städte ertranken, aus einer Lache wurde der Lekstrom, dessen Breite ohne Tiefgang vor Rotterdam in den Rhein zurückfließt, und aus dem großen Bett des Stromes, der einmal zur Zuidersee hinfloß, tauchten Grasländer. Von dem Wasser, das durch den Kanal von Pannerden beiseite fließt, um sich in gekrümmten, kleinen und versickernden Rheinen bis an die See zu verlieren, bleibt der Waalstrom übrig. Zwischen flachen Ufern schaukeln gemächlich die rundlich gebauten Boote auf der milchkaffeefarbenen Flut. Die Schleppzüge, deren Kähne groß und aufgetaucht mit asphaltglänzenden, aus Eimern begossenen und mit Schrubbern bearbeiteten Rücken vorübergleiten, begegnen dem grün, weiß und rosa bemalten Raddampfer der Niederländischen Dampfschiffahrt. Durch Wolken schwarzen Rauches flattern Möwenscharen im salzigfeuchten Nordwestwind. Eine blanke Wasserfläche, von rauhen Schäumen überzogen, umgibt dann das von Kanälen und Brücken durchflochtene, von braunen Segeln besuchte Dordrecht. Vor dem breiten und dunklen Kirchturm ragt das Gehölz der Masten; bei den Seedampfern liegen die Flöße des Schwarzwaldes, die auseinandergenommen und auf die Werften, die Bauplätze und Sägemühlen des Landes verteilt werden. Eine Bucht, ein Wasserdurchbruch glänzt zur Schelde hin; die Schiffer auf der Fahrt nach Antwerpen reisen an den Inseln von Seeland vorüber, die Ebbe entblößt die ungeheueren, mit Muschelkolonien bedeckten Schlamm- und Tonbänke der Scheldemündungen, die braunsilbernen Schilfwiesen, die mit Algen bewachsenen Deiche des Archipels. Die steigende Flut hebt das Fahrzeug hoch und zeigt dem Schiffer über die Deiche hinweg die roten Dächer der Inseln, die grünen Weiden, das bunte Vieh, die bis zum Rand gefüllten Kanäle. Vor Dordrecht stellen die englischen Matrosen ihre dunkeln Segel, um über das Aermelmeer zu kreuzen. Regelmäßig nehmen die alten wohlbekannten Lastboote, die ihre Seile vom Ufer in Remagen lösten, die “Maggie” und die “Consul” mit einigen hunderttausend Apollinarisflaschen im plombierten Laderaum diesen Kurs. Die Ingenieure wollen dem alten Dordrecht eine neue kurze und offene Verbindung mit dem Meere geben. Draußen am Rand der Inseln richtet das altberühmte Vlissingen seinen Außenhafen zum Treffpunkt des großen Ozeanverkehrs mit den Schnellzügen des Festlandes, und es bietet dem atlantischen Luftweg nach den Alpen seine Ebene mit dem Flugzeugschuppen zur Landung.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Hagel in Dordrecht

dordrecht_book of miracles_2
Nach Christi Geburt 1553. den 17. tag May; Ist ain solch grausam Wetter vnnd Hagel zu Dordrocht Inn Hollanndt gefallen / das die Leut gemaint haben es kumb der Jüngst tage / unnd hat bey einer halben stunndt gewolxt / Die Stain haben etlich ir schwer in pfunndt unnd 8. Lot / unnd da sie erganngen sind / haben sie grausam übel gestunncken

Die heftige Dordrechter Hagelszene beschließt das sogenannte Wunderzeichenbuch, das vermutlich 1552 entstand und lange als verschollen galt. Das Buch mit unbekannter Autorschaft behandelt außergewöhnliche Naturerscheinungen und setzt sie mit christlichen Motiven in Verbindung. Eine ausführliche Beschreibung mit weiteren Bildbeispielen etwa des Tibermonsters, einer Heuschreckenplage in Polen, von bärtigen Weintrauben und dem Dreiermond findet sich in The New York Review of Books.

Schwimmende Dörfer

schwimmendes dorf
“Schwimmenden Dörfern glichen die bis 300 Meter langen und 50 breiten Floßriesen, die um 1800 auf dem Rhein nach Holland gesteuert wurden. Rund 500 Mann Besatzung arbeiteten wochenlang auf diesen gewaltigen Holzinseln: Ruder- und Ankerknechte, Kopfständer- und Steuerleute, Metzger und Köche, Floß- und Proviantmeister, Schiffer und Fahrgäste. Zu siebt gruppiert, bedienten 280 Ruderknechte die 40 je 15 Meter langen Ruderstreiche vorn und hinten am Floß. Mit Ruderkraft allein konnten die Holzungetüme nicht durch die Rheinschleifen gesteuert werden. Erst der Einsatz einer aufwendigen Ankersteuerung machte dies möglich. Ca. 30 Ankernachen mit je acht Mann Besatzung und mehr als 100 Ankern waren nötig, um die Strömungskräfte des Rheines für die Steuerung auszunutzen. Im Holzhandelszentrum Dordrecht wurde der Floßkoloss von der Stammmannschaft ausgepoltert. Es dauerte oft Jahre, ehe die ca. 12.000 Festmeter Holz in Kapital zurückverwandelt waren.” (Schautafel am Wolfacher Kinzigufer; in Wolfach soll einst ein 750 Meter langes Floß zusammengestellt worden und die Kinzig hinab geflößt worden sein. Die Kinzigflöße waren allerdings nicht rheintauglich, sondern mußten im Kehler Floßhafen für die Tiefwasserfahrt umgerüstet werden.)

Ermittlung der Rheinlänge durch Ockhart (2)

Nähere Bestimmung der verschiedenen Distanzen, welche der Rhein von seinem Ursprunge, bis zu seiner Theilung in Holland, und von da bis zu dem Ausflusse seiner verschiedenen Arme in das Meer durchläuft.

A) Allgemeine Distanzen nach dem Laufe des Flusses

1. Von den Quellen bis nach Chur ohngefähr 20 Stunden
2. Von da bis zu dem Eintritt in den Bodensee 24
3. Lauf durch den Bodensee bis Constanz 9
4. Von Constanz bis Schaffhausen 9
5. Von da bis Basel 33
6. Von da bis Strasburg 32
7. Von da bis Neuburg 15
8. Von da bis Schröck 6
9. Von da bis Mannheim 18 1/2
10. Von da bis Mainz 15 1/2
11. Von da bis Caub 9 1/2
12. Von da bis Coblenz 10 1/4
13. Von da bis Andernach 5 1/4
14. Von da bis Linz 4 1/2
15. Von da bis Cöln 12 1/4
16. Von da bis Düsseldorf 10 1/2
17. Von da bis Homberg 7 1/2
18. Von da bis Wesel 7
19. Von da bis Emmerich 9 3/4
20. Von da bis Lobith 3
21. Von da bis Nimwegen 4
22. Von da bis Rossum 9 1/2
23. Von da bis Gorcum 9
24. Von da bis Dortrecht 5 1/2
25. bis zum Meer 14

303 1/2

Nach dieser möglichst genauen Bestimmung der Distanzen, die der Rhein in seinem Laufe zurücklegt, sieht man, mit wie wenig Grund Norrmann in der 6ten Auflage der Büschingischen Vorbereitung zur Europäischen Länder- und Staatenkunde Seite 103, die Länge des Laufs dieses Flusses, wie wir oben schon gesagt haben, auf 350 Meilen hat angeben wollen, und dass Fabri eben so Unrecht hat, wenn derselbe in seinem Abriss der natürlichen Erdkunde Seite 450 behauptet, dass der Rhein in seinen Laufe einen Weg von 360 Meilen zurücklege.

(aus: Josef Franz Ockhart – Der Rhein, nach der Länge seines Laufs und der Beschaffenheit seines Strombettes, mit Beziehung auf dessen Schifffahrtsverhältnisse betrachtet: Ein Beitrag zur nähern Kunde der deutschen Flußschifffahrt, 1816)

Rheinfische (2)

Gefunden im Vorbericht des Rheinischen Antiquarius: „Es hegt sonst dieser Strom allerhand Arten von Fischen in großem Ueberfluß, und man fängt darinnen unter andern leckerhaften Gattungen die wohlschmeckende Salmen / welche, wenn sie im Frühling aus der See, allwo sie klein und mager sind, heraufkommen, Lachse / hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst zu nach dem Meer wieder zuruckbegeben, erst Salmen genennet werden. So bald diese Fische in den Rheinstrom einlauffen, nehmen sie auch zu, und je höher sie steigen, je größer und zärter pflegen sie zu werden, so, daß ein Cöllnischer Lachs vor einem Dordrechtischen, und ein Maynzer vor einem Cöllnischen leicht zu erkennen, diesen allen aber ein Baßler vorzuziehen ist. Auch sind die Rheinstöre nicht unbekannt. Wie denn Marquart Freher schreibt, daß diese in der Pfalz nur auf die Fürstentafel gehörten. Zu Rom wurden diese Störe, welche man zu latein Acipenseres nennet, ehemals als eine sehr seltsame, dabey aber kostbare Speise, wie Athenäus und Macrobius bezeugen, nicht anders, als im Gepränge mit Pfeiffen und Kränzen auf die Kayserliche Tafel getragen. Sie werden sonderlich in Holland ohngefehr vom ersten April an, ein ganzes viertel Jahr hindurch, so häufig gefangen, daß man sie theils in Pückel schlägt und einsalzt, theils frisch an nahgelegene Nationen, insonderheit nach Engelland, verhandelt. Wenn der große Störfang aufhört, so geht es nochmals das ganze Jahr hindurch über die kleinen Störgen her, welche so schmackhaft sind, daß auch die Italiäner, wie ein gewisser Verfasser meldet, die Finger darnach lecken. Nebst diesen liefert der Rhein noch viele niedliche Fische auf der reichen Leute Tafel, worunter die namhaftesten zweyerley Arten Neunaugen sind, die man eingemacht in Deutschland Bricken und in Holland Muräl nennet. Die erste Art davon ist sehr groß und schön, die andere klein, nichts destoweniger aber von gutem Geschmack. Eigene Arten Rheinfische sind die stachelichten Hechte / die herrlichen Rheinkarpfen / deren einige mehrmalen wohl bey zwanzig Pfund schwer gefangen worden; ferner die gar großen, mittelmäßigen und kleinen köstlichen Barben oder Rothbärte, die starken und großen Aale, die Forellen / Schwalen, Weißfische, Bersing oder Persen / Nößling / Aalruppen, Schleyen / Grundeln, Kressen / Kroppen / Bißgurren oder Meergrundeln, Stinden / Zauen, u. d. gl. Aeschen oder Aschen hat der Rheinstrom sehr wenige, und zwar daher, weil diese Fische lieber in harten, frischen und felsigten Wassern gehen, so kalt sind und aus hohen Felsengebürgen herab fliessen. Dieweil auch dieser Fisch das ganze Jahr hindurch gesund und gut zu speisen ist; So soll daher das Sprüchwort von ihm entsprungen seyn: Der Aesch ist ein Rheingraf.“ Soweit der Antiquarius, der weiters von kommenden und gehenden Krebsen im Rhein berichtet, von Bibern und Fischottern, Schildkröten und sogar verirrten Wunderfischen aus weit entlegenen Meeren, auch Seehunde (die nicht etwa “Roggen oder Eyergen” legen, sondern anlande Welpen werfen, welche im Safte ihrer Jugend ein Achttagegeheul starten) und junge Meerschweine werden als Flußbewohner verzeichnet, bevor Dielhelm aufs rheinische Federwildbret kommt.

Steinmauern

Mittagsstille in Steinmauern. Die Altmurg rinnt durchn Ort, farblich Kloakenbräu. Im Niesel der Freilichtpart der Dauerausstellung zur Ortsgeschichte: alles über die Flößerei, behütet von einem winzigen St. Nikolaus hinter Bilderstöckelvitrine. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert blühte der Holzhandel mit Holland: floßfreundliche Tannen und Fichten, von Murgknechten talwärts gelenkt und den Rheinknechten zur weiteren Wertsteigerung übergeben. Zwölf Wochen dauerte günstigenfalls eine Tour vom Schwarzwald bis Dordrecht, und die aus mehreren Lagen zusammengebauten Flöße erreichten 300 Meter Länge, 35 Meter Breite und nahmen bis zu 600 Mann Besatzung auf. Schwimmende Dörfer sozusagen. Eine übliche Ladung bestand neben dem Holz aus 20.000 Kilo Brot, 10.000 Kilo Fleisch, je 700 Kilo Butter und Dörrfleisch, vier Kubikmetern Hülsenfrüchten, einem Kubikmeter Salz, 80.000 Litern Bier und einigen Faß Wein, in den Stallungen an Bord stand zahlreiches Vieh, jeden Tag wurde mindestens ein Ochse verspeist. Einem solchen Kapitalfloß fuhr stets ein Wahrschauer weit voraus, um den Flußverkehr vor der Ankunft des schwer manövrierfähigen Giganten zu warnen (die Streichen genannten Floßruder waren von einem Mann allein nicht zu bewegen). Von Germersheim bis Rotterdam waren 53 Zollstationen zu passieren, der Holzverkauf in Holland streckte sich bisweilen über Wochen und Monate und dennoch lohnte der Verdienst nicht übel. Auf dem Rückweg schlief der Floßherr nachts traditionell mit dem Kopf auf der Geldkatze, die bis zu 100.000 Gulden enthalten konnte, eine für damalige Zeiten angeblich fantastische Summe. Zum Einbinden der Flöße und ihrer Lasten wurden in Steinöfen sogenannte Wieden gebäht, dh mäßig erhitzt, bis der Saft der benutzten Tannen- und Fichtenstangen zu kochen und verdunsten begann, schließlich die Rinde knallend aufplatzte und die Stangen drehfähig waren. So ein Wiedeofen steht zur Volksbildung heuer unter freiem Steinmauerner Himmel. 1913 wurde die Murgflößerei eingestellt, ein Foto zeigt die letzten vier Flößer, drei mit Namen Götz plus einen Herrn Trudbert Fettig, denen noch die alten Steuerbefehle „Frankreich“ und „Hessenland“ (statt wie in der Schifffahrt „backbord“ und „steuerbord“) geläufig gewesen sein mögen. Abgerundet wird dieser hübsche, beiläufige Bildungsflecken von einem felsenbirnenumstandenen Kinderspielplatz sowie zwei Mooreichen, fossile Stämme, aus dem Goldgraben geborgen, der ältere zählt 5000 Jahre, und auf beiden sprießts und knospts: zarte Frühjahrskeime. An Steinmauerns Ortsgrenze nieselts in die kanalisierte Murg, einen stahlblauen Strahl zwischen saftigen Wiesen. Mauersegler zischen unter der Straßenbrücke hindurch, die den Dopplereffekt der sie querenden Wagen durch den Wolf dreht, in einen akustischen Trichter jagt und dabei eine Art Schlauchrauschen produziert, das man mal gehört haben sollte. 1848 entkam der Revolutionär Carl Schurz hier zwischen Murg und Rhein in einem Kahn auf eine Insel, von der ihn französische Zöllner in die Freiheit lotsten, während 19 seiner Kameraden eingeschlossen und erschossen wurden. Das Dröhnen hatte seinerzeit noch andere Dimensionen. Heute wieder: gen Schwarzwald tiefe Nieselhimmel, von Überlandleitungen elegant verknüpft, die milde Spannung an die Wolken abgeben, darunter bärlauchdünstende Wälder.