An der jungen Donau

Weiter gehts aufm Hometrainer durchn Südschwarzwald. Vor Donaueschingen verkünden provinztypische Affichen (fette schwarze Majuskeln auf signalgelbem Grund) die angesagteste Abendunterhaltung: Schmutziger Dunschtig – Men Strip im Okay. Donauquelle, Donaubachtempel, Donauzusammenfluß: in Donaueschingen alles auf wenigen Metern zu haben. Leben und Natur sind gut ausgeschildert, alle Sehenswürdigkeiten mit dem Trimmrad bestens erreichbar, eine Kleingartenanlage samt Vesperstube „Zur Gießkanne“ (gutbürgerlich) öffnet das stille weite Haberfeld, schneeweiße Reiher üben sich, von den abgedrehten Computersounds der Gangschaltung aufgeschreckt, zerflattert und in einiger Entfernung notgelandet, in reglos-pinguinisch-geduckten Haltungen, nur ihre roten Schnäbel verraten sie in den stufenlos dehnbaren Schneefeldern, zack, draufgezoomt und abgedrückt, Beweisfotos! Gluckernde Bächlein am Wegrand, an einem Bilderstock vor Pfohren (dem ersten Dorf an der jungen, schon leicht breitschultrigen Donau) hängt der Nazarener mit pfeildurchbohrtem Schädel („`s kommt ihm zu der Ohre naus“), Zeige- und Mittelfinger der genagelten Hände überlängt zum Victoryzeichen angesetzt, den cremefarbnen Corpus mit Flecken übersät, die auf Echtblut deuten. Da tun die umgebenden Temperaturen nichts weiter zur Sache, schön stirbt sichs im Schnee, für einen Sekundbruchteil erfüllt gleißendes Licht den Raum. Doch weiter, weiter! Der Pfohrener Gasthof Metzgerei Ochsen: Geburtshaus der Revolutionäre Andreas Willmann und Joseph Weißhaar von 1848, ersterer wurde, ganz revolutionärstypisch, später Bankier. Pfohren mit seiner Entenburg ist Stammsitz des Schnufers, einer geisterartigen Schleiereule, die, eskortiert von Riedhexen und von Fahnen herab in die bewimpelten Straßen weht, die sie am Fasnets-Mändig im Plunderhäs fegt. Die einzig geöffnete Gaststätte serviert Kutteln mit Brot, ich justiere die Zielvorrichtung des Hometrainers auf Neudingen, „Vorsicht Narrentreiben!“ warnt das Display, unter heftigem Rütteln gehts über vereiste Feldwege, vorbei an bis auf einbeinig rumstehende Störche und geborstne Tore verwaiste Fußballplätze, in Neudingen dorfzentral steht der Misthaufen, eingekreist von altehrwürdigen, festungsartigen Gasthöfen, über deren Türen Riedhexen wachen, ansonsten fest verschlossen, die angeschlagenen Öffnungszeiten sprechen von unerreichbaren Zukünften und Vergangenheiten, verbildete Gestalten knirschen über die Gehwege, kruschpeln Grußformeln von „Schlägereie“ und „zsammegschlupfte Brüscht“, am Dorfrand fließt die anthrazitfarbne Donau, der Hometrainer piepst: Dioramarunde over, Neustart wählen oder Luft schnappen, am besten draußen vor der Tür.

Donauquelle

Die hübsch gefaßte Donauqualle, eine schöne Lau, für deutsche Verhältnisse beinahe antik, sagenhafte Schöpferin des unbeschreiblichen Blautopfblau, Kopf voll arschlanger Nesselfäden, fersenlanger Tentakeln, leicht besingbar, Suse und Meduse, mit den Jahren glycerin davongeschwemmt untern Wasserspiegeln. Schade, schade. Traditionsvereine pflegen ihr Andenken mittels heidnisch inspirierter Rituale besonders im Sommer am Rande abgelegener Baggerseen und vergleichbarer Lachen im südsüdwestdeutschen Raum.
„Verunreinigungen u. Beschädigungen der Anlage sowie das Fischen in der Quelle nach Gegenständen jeder Art, wird polizeilich verfolgt.“ (Fürstlich Fürstenbergische Liegenschaftsverwaltung)
Die Donauquelle, die offizielle wesenshelle Karstaufstoßquelle mit ihren blibbernden blabbernden Blubberblasen, säumen markige Sprüche, feist in Stein gemeißelt. Was dort hochsteigt aus dem Grund derer zu Fürstenberg, in einer Art sublimierten Volkskochtopfs, zwar nicht zuletzt weil die katholische Stadtkirche St. Johann sich in ihm spiegelnd Reines verheißt inmitten sektiererisch veranlagten Berg- und Waldchristentums: diese klare Suppe ergibt zunächst den unterirdisch abfließenden Donaubach, der sich am Rande des Schloßparks in einem heidnisch inspirierten Tempel der Brigach vereint, deren Zusammenfluß mit der Breg den eigentlichen Donauursprung markiert, nach anderer offizieller Rechnung (von denen es einige weitere gibt).
An der Quelle stehen und in ihren münzengefüllten Topf glotzen schafft Gefühlswallungen. Aus diesem ungetrübten Diamantwässerchen wächst dieselbe braune Donau, wie sie in Wien zu sehen ist oder in Budapest, die zickige weichherzige Rheinschwester, Tochter der Mutter Baar, Vater unbekannt, mit ihrem nibelungischen Ostverlauf eine ziemlich kräftige Mythenmaschine: doch hier in Donaueschingen werden in homöopathischen Dosen bereits die Wellen erzeugt, in denen im Flußverlauf Heutiges, Einstiges, Künftiges unwiderruflich vergeht, während es sich in religiöser Ekstase und natürlicher Logik einander auf Deibelkummnaus vermengt. Das ist groß, größer als die Touristenhorden, das hat bereits Sebastianus Munsterus begriffen, in präpauschaltouristischer Zeit und somit festgelegt in seiner Cosmographia, Beschreibung aller Lender, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt. Damit der geneigte weniger welt- und wandererfahrene Leser sich auch zuhaus in einer ruhigen Stunde in etwa eine Vorstellung von Gottes Wundern machen kann.