Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.

O de Cologne

Heute ein Link zum Thema Köln-Tourismus aus Donauaugen. Schöne Bilder, pointierte Ansichten und ein Bonusvideo mit Musik aus der Domstadt.

Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe

„(…) dornach auff schaffhaussen, zu schaffhaussen habe Ich so viel erbedtelt, das Ich habe wollen schuh kauffen, aber Ich bin In das wirtshaus vorgegangen, da Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe, habe die schuh mit wieden gebunden, vndt // gelauffen bis nach vlm, an der dona, etc.
Dessen 1627 gars In Abpril den 3. habe Ich mich vnter den pabpenhemsen Regemendt, zu Vlm, lassen vnterhalten, den Ich gans abgeRissen gewessen, fur einen gefreiten, von daaus, sindt wir auff den musterplatz getzogen, nach die ober Margraffschaff baden, Aldort In quartier gelehgen, gefressen vndt gesoffen, das es gudt heisset. (…)“

Kurzer Ausschnitt aus Peter Hagendorfs umfänglichen Tagebuch, das dieser während des Dreißigjährigen Krieges verfaßte, das bis heute erhalten blieb und das Prof. Jan Peters im Akademie Verlag herausgegeben hat:
Peter Hagendorf: Ein Söldnerleben im Dreissigjährigen Krieg, Berlin 1993

Rhein-Main-Donau-Kanal

Gestern kam es in der hiesigen Schreckenskammer zum Kölner Spitzentreffen donauischer und rheinischer Kräfte des litblogs.net-Verbundes. Natürlich wurden umgehend diverse rheinische und donauische Kultureigenheiten untersucht und verglichen, am Ende stellte sich gar die Existenzfrage. Ob nämlich der Rhein-Main-Donau-Kanal tatsächlich existiere? Natürlich gebe es den, behaupteten wir forsch. Ja, aber wo der Kanal denn dann in die Donau münde? Na, irgendwo in Bayern, lautete unsere ad hoc-Expertise. Und schon beschlichen uns Zweifel. Hatten wir diesen Kanal jemals zu Gesicht bekommen? (Eher nicht.) War er am Ende doch nur Legende? Es soll ja bei weitem nicht alles ernst zu nehmen sein, was auf Google Maps zu erblicken ist, aber dieses Beweisbild

maindonaukanal

sollte unser steiles Vorpreschen einigermaßen zementieren: es zeigt den Rhein-Main-Donau-Kanal, der korrekt verschlankt nur Main-Donau-Kanal heißt (oben im Bild) bei Kelheim, einem niederbayerischen Städtchen, und unten die Donau, wenige Dezimeter südöstlich des Bildausschnitts treffen beide zusammen. Wieviele Schiffe tatsächlich den kompletten Wasserweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer (oder umgekehrt) durchlaufen, bleibt jedoch fürs erste ungeklärt.

Du Camp am Rhein

Die französischen Literaten des 19. Jahrhunderts hatten ihre je eigenen, nicht selten amüsanten Beziehungen zum Rhein. Während Flaubert fast am Fluß seines Begehrens vorbeireiste (wie bereits hier kundgetan), bewegte sich Du Camp hübsch darauf – was ihm zuvor auf der Donau, auf der er persona non grata war, weil er auf Seiten der Italiener gegen Österreich gekämpft hatte, versagt blieb. Doch am Rhein herrschte zweifellos das größere Heiligkeitsgedränge:

“Baden-Baden, 5 Août 1861

Je suis venu m’échouer ici, mon vieux, après avoir été faire un tour sur le Rhin à défaut du Danube qui est fermé cette année pour ton ami. (…)
A Aix et à Cologne, il y a dans le trésor des cathédrales, de belles orfévreries qui feraient très bien dans nos cabinets de travail; j’ai touché de ma main les vrais crânes des vrais mages, le vrai bras du vrai Christ, etc., etc. Tu aurais pu, avec Bouilhet, te livrer à ta rage contre les ecclésiastiques, rage que je partage et à laquelle je me livre souvent; à Cologne, dans la cathédrale, je me suis écrié, comme Agénor: Des Pontifs maudits l’hypocrite délire!*”

* Das Zitat entstammt „Jenner ou la découverte de la vaccine“, einer burlesken Tragödie, welche Flaubert und Bouilhet um 1846 schreiben wollten.

(aus: Flaubert – Correspondance 3, Maxime Du Camp à Flaubert)

Die Flüsse

Rhein
Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach` ich Germaniens Grenze;
Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

Rhein und Mosel
Schon so lang` umarm` ich dich lotharingische Jungfrau;
Aber noch hat kein Sohn unsre Verbindung beglückt.

Donau in B***
Bacchus der lustige führt mich und Komus der fette durch reiche
Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück.

Donau in O***
Mich umwohnt mit glänzendem Aug das Volk der Phaiaken;
Immer ist`s Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

Main
Meine Burgen zerfallen zwar; doch getröstet erblick` ich
Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

Saale
Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

Ilm
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

Pleiße
Flach ist mein Ufer, und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus.

Elbe
All` ihr andern, ihr sprechet nur ein Kauderwelsch – unter den Flüssen
Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

Spree
Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar; da nahm ich
Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

Weser
Leider von mir ist gar nichts zu sagen; auch zu dem kleinsten
Epigramme, bedenkt, geb` ich der Muse nicht Stoff.

Gesundbrunnen zu ***
Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
Bei den Bewohnern allein hab` ich noch keinen verspürt.

Pegnitz
Ganz hypochondrisch bin ich vor langer Weile geworden,
Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

Die ***chen Flüsse
Unsereiner hat`s halter gut in ***cher Herren
Ländern; ihr Joch ist sanft, und ihre Lasten sind leicht.

Salzach
Aus Juvaviens Bergen ström` ich, das Erzstift zu salzen,
Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

Der anonyme Fluss
Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,
Goss der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

Les fleuves indiscrets
Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse! Man sieht’s, ihr wisst euch so wenig
Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen getan.

(aus Friedrich Schillers Xenien, 1796)

Der Rhein bei Quarks & Co

Intensiv mit dem Rhein beschäftigte sich das Wissenschaftsmagazin Quarks und Co des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Mai 2010 und förderte dabei einige wissenswerte und vor allem: gut im Netz aufbereitete Informationen zutage. So erfahren wir von rheinischen Tierarten, die anderswo ohne Namensnennung (im Hinterkopf wohl unter: Gekreuch) zusammengefaßt werden. Die Sumpfdeckelschnecke ist in der Lage, ihr Gehäuse mit einem am Fuß verwachsenen Deckel zu verschließen. Der Lachs kann sein Heimatwasser am Geruch erkennen. Die Wollhandkrabbe kneift Angelfäden durch, um sich die Köder zu verschaffen. Es existieren Süßwasserschwämme im Rhein! Die militärische Lage im Krebsreich läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: aus dem Donauischen zugewanderte Schlickkrebse vs Wandermuschel (welche den Krebsschlick nicht verträgt), Höckerflohkrebs vs alle anderen Kleinkrebse, bartelnde Barben vs alle Krebsarten, während der aus den USA eingedrungene Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, gegen die er selber immun ist. Ebenfalls aus dem Donauischen stammende Schwebgarnelen dringen via Bodensee allmählich nach Nordwesten vor. Der aktuelle Zählstand bewegt sich bei rund 360 Tierarten „im Rhein“. Eintagsfliegenlarven weiden erstmal ein Jahr lang unter Wasser Algen von Rheinkieseln, bevor sie sich in ihr kurzlebiges Fliegenstadium begeben. Bachneunaugen fressen nur als Querder (ihrem eigenartigen Larvenstadium), nicht mehr als ausgewachsene Tiere. Sowieso herrscht auch unter den Larven Krieg. Jene der Prachtlibelle ist auf die der Köcherfliege aus etc, etc – die Sendung liefert prima Bilder und laienverständliche Erklärungen: ein Highlight unter den kursierenden Rheindokus. Sonst noch zu erfahren: eine weitere Entstehungstheorie, die bis Pangäa und die Entstehung des Mitteleuropäischen Rifts zurückreicht und besagt, daß nach Bildung der Alpen zunächst drei voneinander getrennte Teilrheine (Mittelrhein, Oberrhein, Alpenrhein) bestanden, die, nach komplexeren Schritten über hundert Millionen Jahre hinweg, schließlich vor 30.000 Jahren zum aktuellen Lauf fusionierten. Desweitern: Buhnen dienen der Strömungsregulierung und erzeugen schwimmerfeindliche Strudel, Ertrinkende im Rhein: pro Jahr im Schnitt rund 30. Klappschuten transportieren Oberrheinkies als Geschiebezugabe an den Niederrhein und ein Tauchglockenschiff namens Carl Straat ermöglicht Trocken-Spaziergänge auf dem Rheingrund. Tullas Rheinregulierung wird am Oberrhein mittels Poldern wieder in Richtung Naturzustand nachreguliert. (Eine veritable Tierwoche auf rheinsein, das Sommerloch öffnet auch hier sein Maul.)

Mme de Staël über den Rhein

Mit dem deutschen Wald greift Gorrh ein deutsches Urthema auf, das von Tacitus an zu den Beschreibungsriten unserer heimatlichen Landstriche gehört. Zu Zeiten Mme de Staëls waren die deutschen Urwälder bereits beträchtlich dezimiert, weshalb sie in ihren Ausführungen “De l`Allemagne” auch schnell zu den Flüssen übergeht:

“(…) L`Allemagne offre encore quelques traces d`une nature non habitée. Depuis les Alpes jusqu`à la mer, entre le Rhin et le Danube, vous voyez un pays couvert de chênes et de sapins, traversé par des fleuves d`une imposante beauté, et coupé par des montagnes dont l`aspect est très pittoresque; mais de vastes bruyères, des sables, des routes souvent négligées, un climat sévère, remplissent d`abord l`âme de tristesse; et ce n`est qu`à la longue qu`on découvre ce qui peut attacher à ce séjour. (…)
Néanmoins, quand on a surmonté ces sensations irréfléchies, le pays et les habitants offrent à l`observation quelque chose d`intéressant et de poétique: vous sentez que des âmes et des imaginations douces ont embelli ces campagnes. Les grands chemins sont plantés d`arbres fruitiers, placés là pour rafraîchir le voyageur. Les paysages dont le Rhin est entouré sont superbes presque partout; on dirait que ce fleuve est le génie tutélaire de l`Allemagne; ses flots sont purs, rapides, et majestueux comme la vie d`un ancien héros: le Danube se divise en plusieurs branches; les ondes de l`Elbe et de la Sprée se troublent facilement par l`orage; le Rhin seul est presque inaltérable. Les contrées qu`il traverse paraissent tout à la fois si sérieuses et si variées, si fertiles et si solitaires, qu`on serait tenté de croire que c`est lui-même qui les a cultivées, et que les hommes d`à présent n`y sont pour rien. Ce fleuve raconte, en passant, les hauts faits des temps jadis, et l`ombre d`Arminius semble errer encore sur ces rivages escarpés. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Première partie. De l`Allemagne et des moeurs des Allemands. Chapitre premier. De l`aspect de l`Allemagne.)

Rheinsein an der Donau (4)

Nach gelungenem Durchqueren der Mittleren Ewigkeit nachmittägliches Gestiefel durch Wiens 7. Bezirk: filmkulissen wirkende, auf Charme getrimmte Abgeranztheit schlierig-staubiger, kitsch- und katschbefüllter, papptafelbeworbener bzw -verstellter Straßenvitrinen, den sprechenden Mäulern sozusagen k.u.kiger, massiver Gebäude. La Trouvaille – Bücher und Weine. Keine fixen Öffnungszeiten. Afrikanische Stammeskunst. Bachblüten. Kälte kriecht mit unablässiger Perfidie über die Straßen, wir suchen nach warmer bis heißer Nahrung. Solche wird an jeder zweiten Ecke, nicht selten auch dazwischen, feilgeboten, die Einzelkämpfer an/in den zerbrechlichen Wiener Würstlständen aus Glas und Brettern dauern uns, ob der Temperaturen, um sie herum jedoch herrscht ein Melting Pot nie zuvor so bunt verwirbelt gesehener Genüsse; nebst einem fülligen Arsenal einheimischer Speisen mit ihren geisterbahnhaften Bezeichnungen. Wir finden und verwerfen: Couscous mit Knödel, Delikatessen „Smak“: “polnische Produkte mit traditionellem und originalen Geschmack”, Blunzengröstl mit Brimsen, armenischen Weinbrand, Augsburger und Karfiol als Angebot eines arabischen Cafés, Beuschel, Fuschl, Fuddlstrudl etc. etc., landen schließlich in einem asiatischen Imbiß, angelockt von Meditationsfahnen, welche zwei Kraniche in verschiedenen Positionen auf so etwas wie aufgeblähten Kartoffeln hockend darstellen. Die Bildfolge wirkt chinesisch-weise bis raffiniert-dement: „Ich könnte schon weg, aber hier bin ich, hier bleib ich (bei meiner ollen Knolle).“ Nachdem die Patronin uns zunächst für einen Engländer hält (ein in letzter Zeit im deutschsprachigen Ausland etwas zu häufig auftretender Irrtum), uns dennoch von der dicken Suppe auf ihre asiatische Art abzuraten scheint, versuchen wirs mit einer klaren, vorgeblich japanischen Suppe mit hausgemachten Tintenfisch-Schweinebällchen, zu der die Patronin unter explizitem Hinweis auf die Hausgemachtheit der Bällchen eindeutig rät. Unter Zugabe handelsüblicher Chilipaste (für den Japaner des Hagakure vermutlich ein seppukuwürdiges Sakrileg) und eines Krügerls Ottakringer brennt sie denn auch ein Loch aus Wohlgefühl in den umgebenden Winter. In selbigem lungert draußen vor der Tür der liebe Augustin, ein Wiener Original, als zum Brunnen erstarrter Pestzeitentertainer, dieweil aus dem Happy Vietnam-Imbiß unter Sturzbachgelächter, Mähmäh und Quakquak ein Zechpreller taumelt, dem es, eigener Erkenntnis zufolge, gelungen ist, die Geheimnisse der asiatischen Sprachen zu lüften. Ein Wiener Original vermutlich auch er. Zur 5.1-Präsentation unseres Radiokunst-Hörstücks Am Alpenrhein (das in der oberen Menüleiste dieser Seiten dauerhaft abrufbar ist) geht es schließlich am frühen Abend in die Alte Schmiede in der berühmten, einen verstorbenen/getöteten Basilisken beherbergenden Schönlaterngasse. In deren barockem Tiefkeller sich die Hörwilligen einfinden, einer unter ihnen gar, um sich selbst Gehör zu verschaffen, vermutlich ein weiteres Wiener Original. Von der handzahmen Donau über den Main zurück zum Rhein streckt sich die Zugfahrt gehörig. Hübsch buckelt das Frankenland. Von wo der gute Hopfen stammt. Die Donau wirkt aus dem Zugfenster im Vergleich zum Rhein so mild und wohlgeschlängelt mit ihren goldglänzenden Wasserspiegeln in schönstens proportionierten Hügelsänften, daß nach rheinsein bereits das nächste zu erwandernde Projekt uns ruft, aus den silberschwarzen Meeren aprikosenschnapsverklärter Fernen: nach Ungarland, nach Bulgarien hin…

Rheinsein an der Donau (3)

Der Fußweg zum Donaukanal führt durch die Hofburg, auf deren Areal zum einen die bowlerbewehrten Fiaker neben ihren scheubeklappten eingewindelten Kutschpferden gegen die Kälte anwienern, zum andern graubefrackte Krähen anstandslos in gefrorener Hundekacke picken, und in deren Flügeln einem der Dichter Alexander Lernet-Holenia gedenktafelausweislich tätig war. Auf der Promenade des weitgehend brüstungsfreien Kanals geraten wir unversehens in eine Fairness Zone, von der wir aufgrund allgemeiner Menschenleere nicht erfahren, ob es geratener scheint, sie zu betreten oder zu meiden. Die Promenade selbst gibt sich schwerstgraffitiert und -betagged, Autorennamen lauten hier Vienna Hartwurst, Fleischvariationen II oder Falsch Richtig und erweitern auf erfrischende Weise/unter aufgespannten Hirnsegeln die zahlreichen städtischen Gedenktafeln für lang verstorbene Lokal- bis Weltberühmtheiten. Auf dem rottenden Donaudampfschifffahrtsgesellschaftsveteran „Johann Strauss“ plakatiert: „Österreichs extremstes und blut:rotes Fest“, Veranstalter: from666hell.com, mit einer draculisch geschminkten Emo- oder Waverfronttusse* lockend: zeigen Dampfkahn und Plakat sehr schön den Kontrast musikalischer Moden bei den alle Zeiten durchlaufenden Saturnalien. Nahe Radetzky-Brücke, was doch sehr wienerisch klingt, unter der angeeistes Kanalwasser sich staut wie über Jahrhunderte stockendes Blut, stampedet eine Herde langschwänziger Büffel oder felliger Krumpfl, von Arthur Summereder hingepinselt, den aufgeschütteten Strand entlang. Wir wollen einen oder zwei davon im Bild einfangen, doch versagt die Kamera, vor Kälte schlotternd, den Dienst, indem sie kurz das Objektiv ausfährt, um sich im gleichen Zug mit einer Entschlossenheit in sich selbst zu verschalen, die uns bange macht. Denn verschalen dürfen wir uns nicht, sondern müssen bei straßenfegenden Außentemperaturen weiter, Schritt um Schritt. „Der Staat ist die einzige kriminelle Organisation“ begleitet uns an die Wand schabloniert und schon verlassen wir das Wasser, das so manch Unvorsichtige/n verschluckt haben mag, schlurfen vorüber an einer Metzgerei mit günstigem Mittagstisch, an deren Glastür touristische Verhaltensweisen in chinesischen und japanischen Schriftzeichen abgemahnt werden: keine Blitzlichtbilder (das Fleisch verdirbt sonst) / nicht auf den Boden rotzen. Um St. Stephan herum gruppieren sich Touristenkulissen, ist das älteste Portrait des Abendlandes zu besichtigen, sowie das größte Schnitzel der Welt. Was aber vermag das größte Schnitzel der Welt gegen ein echtes Winner Shnitsel auszurichten, wie wir es einst auf Koh Tao verkosteten? Ganz gleich. Wir benötigen eine Auftauzone, bevor wir Wiens 1. Bezirk gegen den 7. zu vertauschen gedenken.

* Emos ficken, weiterschicken: lautet ein unweit angebrachter Mauerslogan.