Die elftausend Ruten

Apollinaire schrieb mit die großartigsten Rheingedichte aller Zeiten. In Die elftausend Ruten, einem Werk, das der Spiegel anläßlich von staatsanwaltschaftlichen Durchsuchungen in den 80ern als „erotische Groteske“, das Picasso weit zuvor als Apollinaires Meisterstück bezeichnete und das heute wohl unter de Sade-inspirierter Hardcore-Pornotrash eingeordnet würde, gibt es zwei Rheinstellen:

„(…) Cornaboeux, die letzten Schluckaufs unterdrückend, rappelte sich blutend auf. Er wies auf Estelle, die sich mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen das schmutzige Schauspiel betrachtete:
„Die ist an allem schuld!“ erklärte er.
„Sei nicht unmenschlich“, sagte Mony, „sie hat dir immerhin die Gelegenheit gegeben, dich an einer Leiche vergehen zu dürfen.“
Und da man gerade über eine Brücke fuhr, trat der Fürst ans Fenster, um das romantische Rheinpanorama zu betrachten. Es war vier Uhr morgens, auf den Weiden grasten Kühe und unter den deutschen Linden tanzten bereits Kinder. Monotone, todtraurige Blasmusik verriet das Nahen eines preußischen Regiments, und die schwermütige Weise mischte sich dem dumpfen und hohlen Geräusch des über die Brücke fahrenden Zuges. Glückliche Dörfer, überragt von hundertjährigen Burgen, säumten die Ufer, und die rheinischen Weinberge erfreuten mit ihrem regelmäßigen Mosaik das Auge.
Als Mony sich umwandte, sah er den gräßlichen Cornaboeux auf Estelles Gesicht sitzen. Sein kolossaler Arsch bedeckte das Antlitz der Schauspielerin völlig. (…)“

Es geht dann weiter mit Körperausscheidungen und Totschlag. Der bekannte romantische Rhein wird kurz als Kontrastmittel eingeblendet, die das Buch bestimmende rasende Morallosigkeit zu illustrieren. Eine zweite Stelle läse sich vielleicht als Vorwegnahme internationaler, hollywoodgesteuerter Betrachtensweisen des sexualisierten deutschen Frolleinwesens um den Zweiten Weltkrieg herum, wobei noch zu klären wäre, wieweit die Übersetzung dem Vorschub leistete:

„(…) Die Kellnerin, dieses Prachtexemplar von einer Deutschen aus Braunschweig, besaß eine üppige Kruppe; man hätte sie für eine belgische Vollblutstute halten können, die auf Hengste losgelassen wird. Ihr flachsblondes Haar machte sie recht romantisch; gerade so mußten die rheinischen Nixen sein. (…)“

Bei der französischen Marine

Auf einer Korvette der französischen Marine namens „Le Rhin“ umrundete einst Charles Méryon (1821-1868) die Welt, fertigte dabei ein paar Skizzen von Neuseeland, entdeckte zurück daheim seine Farbenblindheit, entschloß sich daher statt auf Malerei auf Radierung sich zu verlegen, wurde darin der beste seiner Zeit in ganz Frankreich, fristete nichtsdestotrotz, unterdessen gelobt von Baudelaire und Hugo, ein klischeemitbildendes Leben, mittellos und straßennah, und endete, unter Depressionen und Verfolgungswahn, in der Irrenanstalt von Charenton, in der gut 50 Jahre zuvor auch das Licht des Insassen de Sade verlosch. Müßig zu erwähnen, daß nach Méryons Tod die zu Lebzeiten mäßigen Preise für sein Druckwerk (in einer für Ende des 19. Jahrhunderts sensationellen Spanne) sich vervielfachten.
Auch heute besitzt Frankreich ein Schiff namens „Le Rhin“, das die Weltmeere befährt, ein elektronisches Versorgungsboot, und es ist unbekannt, welche aktuellen bzw kommenden Künstlerschicksale (und seien es Avatare) darauf wirken. Auf Standarten und sonstigen Emblemen dieses Schiffs findet sich übrigens, einigermaßen überraschend, mit Wotan/Odin ein nicht ganz gallischer Gott des Krieges, der Magie und der Poesie: den Rhein bezwingend, vor Burg Katz.