Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Nullrhein gleich Vollrhein

Bei Reichenau prallen schlämmkreidiger Vorder- und bei Rhäzüns noch vergeblich handgebremster Hinterrhein gleichsam Kopf an Kopf aufeinander, dringen mit ihren nachziehenden Fluten (wie verwaschne Schleier wieder und wieder aufgetragener Hochzeitskleider) gegenseitig in sich, gleiten zugleich an sich ab, gewässersexueller Akt, ringen auf diese Weise ein wenig und einigen sich auf beinahe orthogonalen Abfluß (damit Ruh herrscht), Nullpunktremis in Schaum, Knautsch und Rausch, von vier schwach frequentierten Brücken überschlagen. Zieht kaum Tourismus der Flecken, als Trauort einer Legende. Was hingegen zieht, ist Sport. River rafting, hydrospeed, canioning und Kart lauten die Tagesangebote. Lauter jungfesche individualgebräunte Sportlinge in uniformen Gummianzügen auf Jeepladeflächen – wenn die mal was über den Fluß, von dem sie sich nu bespaßen lassen, gelesen haben, stands wohl in den Donald Duck-Taschenbüchern, irgendwo in den Sprechblasen von Tick, Trick und Track. So pesen sie dahin. Mir bleiben das alte Steine-übers-Wasser-hüpfen-lassen und sonstige wertekonservative Wurfübungen. Faszination der Sekundenregenbogen im von Flitschekieseln aufgeworfenen Gesprüh. Wird es gelingen, den Vorderrhein komplett zu überwerfen? Plötzlich das dumpfe Ächzen eines Rheingeists, den ich versehentlich mit einem schweren Kiesbrocken am Schädel treffe: echt schockierend! Als würde Fels durch Metallröhre gedroschen. Was sucht das Gelump aber auch zu sonnestrahlendster Tageszeit in Ufer- somit Menschennähe? Die Rache folgt stehenden Fußes, ausgeübt von einem gutgetarnten scharfbezahnten Gesellen aus des Rheingeists Kiesmyzel, pur fließt mein rotestes Menschenblut aus dem Mahnfinger; hier jetzt noch baden zu gehen, wäre vermutlich Selbstmord. Unter der Brücke rauchen Würstchen im Grillfeuer, paarweise winterbekleidete Alte trotzen der Dreißiggradsonne mittels einer Art Liegekur, auf der Brücke: mein erster Vollrhein in tänzelnden Silbersilben. Wohin er sich zu wenden gedenkt steht in Reichenau rachitisch an allen drei Hauswänden: Chur. Chur. Chur.

Mehlem

Das ehemalige Fischerdorf Mehlem bietet auf seiner Promenade die herrlichsten Panoramablicke auf den Drachenfels, musikalisch untermalt von den hochtönenden Arien bremsender Güterzüge. Rheinsein erreicht Mehlem per Fähre von Königswinter aus. Das hat das globale Positionierungssystem von Rheinseins Chauffeur sich so ausgedacht: anstatt dem direkten Weg über die B9 zu folgen wird die gesamte Entourage in Bonn über die Autobahnbrücke auf die rechte Rheinseite gelotst. Nicht nur Gottes Entscheidungen, auch modern errechnete Routen auf bekanntem Terrain sind bisweilen unergründlich. Der Mensch an sich braucht meist nicht mehr als eine verständliche Ansage. Am Fähranleger krächzt der GPS-Blechpapagagagei in hektischer Folge: jetzt Fähre fahren, jetzt Fähre fahren! Die freundlichen Charoniers vernehmens mit Genugtuung. Drüben mümmelt Mehlem, von wo aus man einen fantastischen Blick auf uns hat. Die Fähre ist ein gewaltiges und eigenwilliges Gefährt. Nahezu quadratisch kreist sie dem anderen Ufer entgegen. Schwindel erfaßt den mehlemwärts Reisenden beim Blick in die vom Fährkoloss verdrängten Wogen, als befände er sich auf aufgewühlter See. Inmitten solchen Schwindels erheben sich luzide Erinnerungen an längst vergangene Autofahrten. In den späten Achtzigern war es Mode unter vielen Hippies und Punks der zweiten, dritten und vierten Generation, langsam vor sich hin rostende Gebrauchtmodelle aus dem Hause Mercedes Benz aufzufahren, schwere Straßenschiffe mit gigantischen Benzinbedürfnissen und Knautschzonen, keilriemenquietschend ging es über die Autobahn wie übers Meer, häufig dem eigentlichen Ziel solcher Reisen, im Fußraum traten sich Sterne, Bierdosen und Pistazienschalen fest, jugendliche Freiheit in den Zeiten der Kohlära. Operettenhafte Fahrten zum Soundtrack von Hüsker Dü, Velvet Underground, Nikki Sudden und dilettantischen Lokalbands aus dem Kasettendeck des Autoradios, neben dem Motor wichtigster Ausstattungs-Bestandteil der mondänen Karossen, auf deren Kühler anstelle des Firmensterns nicht selten eine Donald Duck-Figur oder kruderes seinen Schnabel in den Fahrtwind hielt, selbigen höchst aerodynamisch um die Frontscheibe leitend. Immer vorwärts, durch tausend Morgen- und Abenddämmer. Die Poesie der Leitplanken, Mittelstreifen und Notrufsäulen. Zack, dockt die Fähre an. Der Schwindel verschwindet, Mehlem grüßt mit einer Bratwurstbude. Der Blick zurück auf Drachenfels und Petersberg ist ganz exorbitant. (Dochdoch, hat schon was, die moderne Routenberechnung.)