Ruinaulta

Was der Rhein alles ist und wie er sich zeigt, schreibt Victor Hugo in „Le Rhin. Lettres à un ami“: „Er ist mal breit, mal schmal, er ist meergrün, durchsichtig, schnell, freudig und ganz erfüllt von der großen Freude, die allem Machtvollen eigen ist.“ Hinter Castrisch fällt er plötzlich in eine Schlucht. Sein Wasser wird turmalinfarben, bleibt zugleich durchsichtig. Pfeifend und rumantsch plappernd dringt die Rhätische Bahn in die Ruinaulta, neben einem schmalen Fußpfad bedeutet ihre Schmalspur die einzige Verkehrstrasse in einem Gelände voll herrlicher Wildheit und Anspielungen auf Kulissen und Koloration der Winnetou-Filme. Über 1000 Gipfel, 614 Seen und 150 Täler soll Graubünden aufweisen. Doch diese Schlucht, die auch als Schweizer Grand Canyon bezeichnet wird, mag sie alle an Faszination übertreffen – was aus dem Zugabteil leicht Reden ist und nach Möglichkeit bei der ein oder anderen Fußwanderung überprüft werden soll. Vor gut einem Jahr habe ich diese beeindruckende Schlucht samt Flimser Bergsturz ehrfürchtig bis gethrillt und sowieso höhenschwindlig von weit oben an der Asfaltstraße durch eine passende Baumlücke betrachtet; jetzt zockle ich auf ihrem Grunde durch sie hindurch und kann weder diese Vorgaben an Idyll noch die Möglichkeit, sie per Eisenbahn zu queren, richtig fassen. Der Mittelrhein ist ein Abklatsch davon. Ein aufgepumpter. Klassischer Fall für Verlust qua Potenzierung, Mediokrität nach sich ziehende Kulturvervielfältigung. Hier jedoch springt der Fluß wie die Konsonanten der romanischen Sprache, er felselt, besteht aus mehr Kies als Wasser, rauscht, knautscht und gautscht. Nach seinen Taten und Sagen muß man suchen, sie werden einem nicht aufs Auge gedrückt. Kaum jemand hält sich in dieser unsäglich attraktiven Wildnis auf. Die Zugpassagiere wollen allesamt nach Chur. Die Schluchtbahnhöfe liegen weit unterhalb der Ortschaften mit Namen Valendas-Sagogn, Versam-Safien, Trin (Halt bei Bedarf). Kurz vor Reichenau tritt der Lauf aus der Schlucht, das türkisfarbne Wasser fügt sich zum geschmeidigen Dreischneuß des Zusammenfluß`, über den die Rhätische Bahn hinwegschwebt. Die Schneegrenze wird zur Grenze vereisten kalten Schweißes, denn ab Domat-Ems schwitzen die Berge ihre erdrückenden Depressionen aus. Unterhalb Chur bewirbt ein Plakat: www.gottkenner.ch (Fehler! Die von Ihnen aufgerufene Adresse http://www.gottkenner.ch/ ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie die korrekte Schreibweise der Webadresse (URL) und versuchen Sie dann die Seite neu zu laden.)

Hinterrheincruising

Kraftwerke, profitable Denkmäler des werktätigen Geists, gibt es früh am Hinterrhein, der Stausee bei Sufers fördert die „Weiße Kohle“, die ersten Hochhäuser sind in Thusis (das hintergründig mit Medels zu korrespondieren scheint) zu erblicken, die Thusiser Hauptstraße macht den Eindruck einer Ausgehmeile, erinnert in ihrer staubigen Gestrecktheit im luziden Abendlicht an Wildwest-Filme: Fremder betritt den Ort, bindet lässig sein Pferd an die Pferdeanbindevorrichtung vorm Saloon, hat nur eine Frage nach dem Weg (o weh: durch Indianerland) und den Effekt einiger Roggenschnäpse im Sinn, will vielleicht auch wissen, was so geht, in der Gegend, der Barkeeper gibt zunächst freundlich Auskunft, doch plötzlich fällt eine Frage zu intim aus, Räuspern, Stühlerücken, ansatzlos kreuzen über wilden Bärten offen feindselige Blicke den Raum, ballen sich Fäuste, entstehen Handgemenge, beendet erst von einer großartigen Rede aus dem Munde von Sheriffs Revolver: do not forsake me, oh my darlin`. Ems Chemie dann, schon am Vollrhein gelegen, polymere Werkstoffe und Energie aus Biomasse: der Industrierhein beginnt weit vor Basel, auch wenn der Strom hier keine Tankschiffe trägt. Dafür ist das Schienensystem dreispurig, um zwischen Räthischer Schmalspur und internationaler Chemiegüterspur zu switchen. Das Dorfbuch (Domat/Ems) kann am Schalter der Einwohnerkontrolle bezogen werden. Das Kulturleben öffnet und schließt mit der Kirche, von der immerhin um die vier Exemplare existieren, eins mit walsertypischem Zwiebelturm. Der Pfarrer als Entertainer, wow, ja, da stellt man sich dies und das und vor allem “die gute alte Zeit” drunter vor. Die Gewerbezone am Rheinstrom heißt Plong Muling und um Domat/Ems herum sind die Strohballen in polymere Werkstoffe gehüllt: seidig schimmernde, blaustichweiße Planen, unter denen die Ortschaft auch einen guten Eindruck machen würde, dem Künstlerpaar Christo/Jeanne-Claude sei`s geflüstert.