Tomasee

Es ist dünne Luft hier oben. Das breitoffene Tal des Hochgebirges liegt in eine Unendlichkeit von Licht gebettet, Bergspitzen säumen den Horizont scharf und nackt wie Beile aus der Steinzeit, sandfarbene und verwitterte Häupter, weiß herüberglänzende Berggebilde, deren Rücken sich heben und senken wie Diagramme einer unumstößlichen Tatsachensprache. Unten aber sind die bewaldeten und samtbraunen Kuppen in weitem Wurfe abwärts gekrümmt. Den Gipfel, auf dem unser Fuß jetzt steht, sahen wir in der Morgenfrühe noch in der äußersten Ferne, wir fuhren im offenen gelben Postwagen der Alpenstraße auf ihn zu; er ist der am hellsten strahlende Winkel in der Schneewelt des Gotthard-Körpers, sein Name ist der Baduus. Nun liegt seine steile Wand im Schatten unter uns, Granitgestein in mürbem Schnee vergraben, buntes und mit Flechten überzogenes Felsgestein, aus dessen Löchern die Murmeltiere pfeifen, feuchtes Geröll, dessen Rinnsale in ein sumpfig rotes Gelände niederfließen. Wir sahen diese alabasterne Höhe, deren Lautlosigkeit vollkommen ist, im Gedräng der schattigeren Kämme und ahnten schon aus der Form dieses Gipfels, der wie ein Becher ist, den kleinen, kristallenen See. Die höchste Spitze des Berges lag fast durchsichtig im Mittagslicht, mit zwei brennend weißen Stellen, die funkelnden Augen glichen. Nun liegt ganz weit hinter allen sanften Biegungen des Tales das alte große Kloster mit dem Dorf zu seinen Füßen, die Kirche von Disentis, hochgewölbt mit goldüberladenen Altären, mit ihren kühlen, steinernen Treppengängen und dem sonnigen Obstgarten, aus dem uns ein Mönch, auf der Leiter stehend, eine Handvoll bernsteinroter Pflaumen vor die Füße warf. Wende ich den Kopf hier oben, so sehe ich vor dem weiß und schwarz gefleckten Abhang den See. Seine vier flachen, kleinen Buchten geben ihm einen regelmäßigen und länglichen Umriß. Sein Spiegel ist vollkommen klar, seine Tiefe scheint unergründlich. Feierliches und belebendes Gefühl, daß dieser geheimnisvolle Spiegel der Quell eines großen Stromes, der Urbeginn des Rheines ist, und dieses Gestein die kristallene Schale, in die aus Schneegefild und Wolken die meerentstiegenen Wasser niedertriefen. Könnte doch Europa sein Antlitz über diesen Spiegel neigen, seine zerrissenen Züge würden sich glätten, es würde gütigeren und reineren Herzens, mit den kleinen Blumen dieses Berges geschmückt, in seine Täler niedersteigen! Die Höhlen des Abhanges hier in der Nähe würden fromme Griechen einst dem Pan, dem Asklepios geweiht haben; vielleicht hätten sie zu Füßen dieses Berges, wo die Paßstraße in Schlangenwindungen zur Seite steigt und ein preisgegebenes Bahngeleise die Einöde der Hirten durchschneidet, ein gewaltiges Delphi errichtet mit tönenden Hallen und schimmernden Weihegaben.
Mir scheint, daß selten ein menschlicher Fuß den steilen, nur von blassen Enzianblümchen geschmückten Abhang hier oben betritt. Wir schöpfen Wasser, um eine Schale Tee zu kochen, ein Stück Brot und ein Apfel ist unser Mahl, die Sonne röstet unsere mit Schnee geriebene Haut. Wir steigen nochmals zum See hinab und gehen am Ufer entlang zwischen Felsentrümmern, die Sarkophagen, urweltlichen Thronen und Säulenstümpfen gleichen. Die Sonne vollendet jetzt ihren abendlichen Bogen; sie berührt die Bergspitze, das Wasser kräuselt sich unendlich leise von dem ersten kühlen Fallwind. Noch ruht warmes Licht auf unserem Abhang, aber das Kristall des Wassers färbt sich unendlich zart opalisch, es gibt stärker die grünliche und orangene Farbe des Himmels wieder, der Umriß des Berges, finster im Goldgrund des Himmels, wiederholt sich im See mit körperloser Dunkelheit. Und plötzlich, da die Sonne verschwindet, ist Winter hier oben, der ferne Bach, der durch ein Felsenmeer herabstürzt, rauscht fremd und eisig. Der See ist flaschengrün, von Schuppen überzogen, die anfangen, Wellen zu werden.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Presserückschau (Juni 2015)

1
Fischüberwachung: “Viele Jahre gab es im Fluss Rhein gar keine Lachse mehr. Es wurde zu viel gefischt und das Wasser war verschmutzt, deswegen ist der ursprüngliche Rheinlachs sogar ausgestorben. Mittlerweile gibt es aber wieder ein paar Lachse im Rhein. Sie schwimmen aus dem Atlantik den Rhein hoch, um in ruhigeren Nebenflüssen ihre Eier abzulegen. Seit Anfang des Jahres sind 142 Stück gezählt worden, das ist neuer Rekord. Gezählt werden sie an der Fischtreppe bei Iffezheim. Dort wird jeder Fisch von einer Videokamera erfasst und aufgezeichnet. Im vergangenen Jahr sind über 50.000 Fische gezählt worden, von insgesamt 25 Arten.” (Kiraka)

2
Zu schnell um gerettet zu werden: in denunziatorischer Boulevarddiktion berichtet der Express von einem “irren Schwimmer” im Kölner Rhein, der “die Polizei genarrt” habe: “Um 12.34 Uhr ging der erste Notruf einer Frau bei der Feuerwehr ein. Sie meldete einen Schwimmer, der gerade am Niehler Damm ins Wasser steigen und zum rechtsrheinischen Ufer schwimmen würde. Sofort machten sich Polizei und Feuerwehr mit einem Großaufgebot auf den Weg. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft suchten sie nach dem Mann – ohne Erfolg. Kurz darauf der nächste Anruf in der Leitstelle. Ein Spaziergänger berichtete, dass ein Mann in Stammheim an Land gegangen und kurz darauf wieder ins Wasser gesprungen sei. Wieder suchten die Retter alles ab. Wieder war der Schwimmer einfach schneller. Zeugen berichteten um 13.25 Uhr den Rettungskräften, dass eine Person am Niehler Damm aus dem Wasser gekommen sei und sich zügig entfernt habe – Einsatzabbruch!”

3
Stadion auf dem Rhein: Die Bild interviewt Fußballtrainer Christoph Daum zur möglichen Fusion der Klubs Bayer 04 Leverkusen und 1. FC Köln im Jahr 2050. Daum erklärt ein solches Kölnkusen für international wettbewerbsfähig: „Die Tradition vom FC in Verbindung mit der Organisations- und Investment-Struktur von Leverkusen würde sich ideal ergänzen. Es wäre schon sehr interessant, was bei diesem Projekt rauskommen würde…“ Auf die Frage, wo das passende Stadion für ein solches Projekt zu stehen hätte, antwortet Daum schmunzelnd: „Auf dem Rhein! Das wäre doch ein Ding, vielleicht ist so eine Konstruktion möglich. Ein Stadion, das beide Städte verbindet – was willst du mehr…?!“

4
Mehr Geld aus Berlin in den Rhein investieren: “Die Verkehrsminister der Rheinanlieger-Länder fordern vom Bund mehr Geld, um den Rhein für den Gütertransport attraktiver zu machen. Straße und Schiene allein könnten die zu erwartenden Zuwächse beim Gütertransport nicht bewältigen, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Montag bei einem Treffen in Mannheim. Sein rheinland-pfälzischer Amtskollege Roger Lewentz (SPD) zeigte sich überzeugt, dass eine Verdoppelung des Transportvolumens auf dem Rhein möglich sei. Dafür müssten aber Brücken angehoben, Schleusen erneuert und die Fahrrinne durchgehend auf mindestens 2,10 Meter vertieft werden.” (SWR)

5
Rheingetauft: “Die etwa 180 Gottesdienstbesucher der Freien evangelischen Gemeinde Wiesbaden sitzen auf Bierbänken im Schatten einer Trauerweide. Zwei Kinder sitzen auf einer Picknickdecke und naschen Erdbeeren, andere buddeln im Sand. Der Taufgottesdienst findet an diesem Sonntag an einem ungewöhnlichen Ort statt: unter freiem Himmel auf der Rheininsel Rettbergsaue. Statt ins Taufbecken werden die Täuflinge in den Rhein getaucht.” Anknüpfend an die Flußtaufe Jesu im Jordan seien in Wiesbaden fünf Täuflinge neu in die Christenheit aufgenommen worden, berichtet der Wiesbadener Kurier.

6
Goldrausch: von einem angeblichen gold rush in Disentis am Vorderrhein berichtet das Schweizer Boulevardblatt Blick, gefolgt von weiteren Blättern. Im Zentrum der Artikel steht der lokale Goldgräber August “Gold-Gusti” Brändle, der von erstaunlichen Nuggetfunden, darunter einem knapp 50 Gramm schweren Rekordstück mit Namen “Desertina” berichtet. Der Ansturm der Rheingoldwäscher in Disentis indes scheint einige Zeilen unterhalb der reißerischen Überschrift noch halbwegs übersichtlich: “Der Ort ist bei Goldfreunden beliebt. Schatzsucher aus ganz Europa kommen zur Lukmanierschlucht im Bündner Oberland. Gegen 2000 sind es im Jahr.”

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Graubünden

Man denke sich ein Ländchen aus durcheinanderlaufenden Gebirgsketten und beinahe dreihundert Gletschern, wie ein Netz gestrickt, in dessen Maschen die Einwohner ärmlich, aber zufrieden, meistens vom Ertrage ihrer Heerden, oder des sehr wenigen Landbaues leben. Dies ist Graubünden. Die geringe Bevölkerung, nicht nur in allen Richtungen durch himmelhohe Bergzüge, durch dreierlei Sprachen, und zweierlei Religionsbekenntnisse in sich geschieden, war es auch noch durch die vielfache politische Gestaltung. Das Ganze bildete nicht weniger, als eine Masse von fast dreißig kleinen, ziemlich selbstherrlichen Republiken, dort Hochgerichte genannt, mit besonderen Verfassungen, Gesetzen und Rechten. Diese Schaar von Freistaaten hing theilweise durch drei unter sich abgesonderte, und zu verschiedenen Zeiten entstandene Bünde zusammen, deren jeder wieder sein eigenes Bundeshaupt und seine eigene Bundesversammlung hatte. Die drei Bünde aber waren durch Verträge wieder mit einander in einen allgemeinen Bund zusammen geflochten, und stellten gegen das Ausland einen Gesammtstaat dar, dessen gemeinschaftliche Angelegenheiten durch Abgeordnete an einem gemeinsamen Bundestage berathen wurden. Die vollziehende Gewalt stand den drei Bundeshäuptern zu. Doch weder der Bundestag, noch die Regierung erfreute sich großer Machtvollkommenheit; denn ihre Anordnungen waren wieder der Genehmigung sämmtlicher einzelnen Republiken unterworfen. Die Mehrheit von den Stimmen derselben entschied dann; doch auch das Stimmrecht der Republiken war unter sich wieder sehr ungleich.
Nichts ist natürlicher, als daß bei solcher verworrenen Staatseinrichtung ewige Verwirrungen, Umtriebe des Eigennutzes und Ehrgeizes, politische und kirchliche Entzweiungen, zuweilen sogar bewaffnete Aufstände und Bürgerkriege, von denen die Weltgeschichte freilich wenig Notiz nahm, zu Hause waren.
Der souveraine Landesfürst, das Volk nämlich, hatte aber das gewöhnliche Loos der Landesfürsten. Es wurde von Rathgebern und Günstlingen geschmeichelt; unwissend erhalten; nach deren Privatinteressen geleitet, und nicht selten betrogen. Trieben es die Herren manchmal zu arg, so warf der aufbrausende Selbstherr Alles über den Haufen, das Gute, wie das Schlechte. Weil aber bei solchen Anfällen von böser Laune Niemand größeren Schaden litt, als der Landesherr selbst, so legte sich sein Zorn bald wieder.
In einem Staate, so arm und klein, wie dies Gebirgsland, wo, was auch wohl in großen Staaten der Fall sein mag, politische Grundsätze und Meinungen gewöhnlich von den ökonomischen Vortheilen ihrer Bekenner abhängig waren, konnte es nie an Faktionen fehlen. Lange Zeit spielte das, durch viele Thäler verzweigte Geschlecht der Herren von Salis die Hauptrolle unter den Magnaten. An ihrer Spitze stand zuletzt ein Mann von großer Geschäftsgewandtheit und Thätigkeit, Ulysses von Salis-Marschlins. Er fand es lange Zeit mit seinem Patriotismus verträglich, als Geschäftsträger des französischen Hofes, mit dem Ministertitel geschmückt, die Interessen einer fremden Macht im eigenen Vaterlande zu vertreten. Sobald er jedoch, durch den Untergang Ludwig’s XVI., seine einflußreiche Stellung, und sobald seine zahlreiche Verwandtschaft, oder Partei, ihre beträchtlichen Einkünfte von Kriegsdiensten und aus Jahrgeldern verloren hatte, verwandelte er und sein Anhang sich in Frankreichs Todfeinde und wendeten sich dem Erzhause Oesterreich zu, in der Hoffnung, durch dienstbeflissene Hingebung an dessen Interessen, neue Stützen ihres wankenden Ansehens zu gewinnen.
Ihrer altgewohnten Hoheit und Machtherrlichkeit war in der That schon früher mancherlei Abbruch geschehen. Die Gegenpartei in den Thälern des Hochlandes, reich an talentvollen und scharfsichtigen Männern, unter denen die der Familie Tscharner, Planta, Bavier, selbst einzelne Glieder des Hauses Salis, hervorragten, ermüdete nicht, die größten, wie die kleinsten Staatssünden, Verfassungsverletzungen und Bestechungskünste der Oligarchie aufzuspüren und zu enthüllen. Sie setzte dem aristokratischen Stolze derselben, starrsinnigen demokratischen Trotz entgegen, und hatte sogar schon die Pacht der Landeszölle, welche das Haus Salis, seit einem halben Jahrhundert und länger, um 16,000 Gulden unangefochten zu seiner Selbstbereicherung besessen hatte, auf 60,000 emporgetrieben.
Dies und vieles Andere schwellte täglich mehr beider Parteien Zorn oder Rachsucht. Beide wetteiferten darin, sich beim vielhäuptigen Landesherrn gegenseitig zu verdächtigen, und ihn zum Verderben der andern aufzureizen. Man sieht, es geht in Republiken ungefähr eben so zu, wie in Monarchien. Als aber der Mißwachs des Jahres 1793, und die beschränkte Einfuhr schwäbischen Getreides dazu kam; als jene völkerrechtswidrige Gefangennehmung der französischen Gesandten, Semonville und Maret, auf Bündner Boden, und deren Auslieferung an Oesterreich, durch Anhänger der Partei Salis geschah; erhob sich in den Gemeinden tobender Unwillen. Eine außerordentliche Standesversammlung, ein unparteiisches Gericht, wurde vom Volke zusammenberufen. Ulysses von Salis-Marschlins floh aus dem Lande, sei es aus Furcht vor der Gerechtigkeit, oder aus Besorgniß vor der Ungerechtigkeit seiner Richter. Indessen sowohl er, wie mehrere der thätigsten Männer seiner, oder der sogenannten österreichischen Partei, büßten ihre politischen Sünden mit schweren Geldstrafen. Die siegreichen Gegner, nun französische Partei geheißen, nannten sich selbst Patrioten, sie feierten einen entschiedenen Triumph. Baptista von Tscharner, der Bürgermeister von Chur, stand fortan, als Standespräsident, an deren Spitze.
Doch war der Kampf der Faktionen damit noch keineswegs beendigt. Als wenige Jahre später die empörten, Bünden untergebenen Landestheile, Valtelin, Chiavenna und Bormio, gleiche Rechte und Freiheiten mit dem Herrscherlande forderten; als die Mehrheit der landesherrlichen Räthe und Gemeinden wirklich schon entschieden hatte, jene Gebiete als vierten Bund in den Staatsverband aufzunehmen; und als der zum Schiedsrichter in diesem Handel angerufene Eroberer Italiens, Napoleon Bonaparte, den Tag seines Spruches schon anberaumt hatte; gelang es den Gegnern Frankreichs, die Sendung der Abgeordneten an den französischen Oberfeldherrn, bis nach Ablauf der von ihm bestimmten Frist, zu verzögern. Darauf wurden die unterthänigen Lande mit der cisalpinischen Republik vereinigt.
Der Verlust eines fruchtbaren und schönen Gebietes von 60 Geviertmeilen und mehr als 80,000 Einwohnern, fast aber mehr noch der Verlust des dort gelegenen Privateigenthums vieler Bündnerfamilien und der Verlust des Gewinnes derselben von der Ausbeute der Aemter und Vogteien, empörte das Gebirgsvolk von Neuem gegen die aristokratische Partei. Umsonst versuchte man durch Gesandtschaften zum Rastatter Kongreß, oder nach Paris, das Geschehene ungeschehen zu machen. Man mußte sich damit begnügen, die Urheber des Unglücks vor Gericht zu ziehen, und sie mit Geldbußen, mit Ausschließung von allen Staatsämtern, vom Stimmrecht u. dgl. m. zu bestrafen. Ein freilich schlechter Ersatz für ein großes, nun verlorenes Gebiet, welches seit beinahe dreihundert Jahren rhätisches Eigenthum gewesen war.

(Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis)

Rheinischer Engel

breiter engel

Die spirituellen Wirkungen des Weihrauchs stehen diesem, die schöne blattgoldne Jahreszeit kündenden Exemplar, zu bestaunen in der Klosterkirche Disentis am Vorderrhein, ins Gesicht geschrieben.

Der Rhein von oben (2)

Auf Arte läuft seit gestern und noch bis Freitag um jeweils 19.30 Uhr eine fünfteilige, jeweils dreiviertelstündige neue Rheindoku: Der Rhein von oben. Der Sender verspricht „das wohl ausführlichste Bild des europäischen Stroms, das je gezeigt wurde“. (Aus der Luft mit der Cineflex-Kamera gefilmt mag das sogar zutreffen – Ausführlichkeits-Interessenten empfehlen wir nichtsdestotrotz das Vergleichsstöbern in mittlerweile deutlich über 1200 rheinsein-Einträgen.)

Die erste Teilfolge, Der Alpenrhein, widmet sich, logisch, den Quellen des Vorder- und Hinterrheins und endet beim Einfluß in den Bodensee. Die Macher (Regie: Luzia Schmid) verfahren nach zuletzt bei Rheindokumentationen bewährtem Strickmuster: beeindruckende Luftaufnahmen zu seicht-pathetischer Musik wechseln mit Kurzportraits bzw -interviews von/mit Anwohnern.

„Den Rhein möcht ich noch einmal machen“ hören wir zu Beginn Ernst Bromeis, der im und vor dem Tomasee posiert und dessen gescheiterter Versuch den Fluß der Länge nach zu durchschwimmen vergangenen Mai für öffentliches Aufsehen (und ein paar rheinsein-Notizen) sorgte. Sogleich beschleicht uns Furcht, daß wir den x-ten Aufguß allzu bekannter Anekdötchen aufs Auge gedrückt bekommen sollen. Eine unnötige Furcht, wie wir erfreut feststellen dürfen. Die Bodenbeiträge erweisen sich als wohlgewählt, erfrischend und kompetent und das Team scheut bei seinen alpinen Erkundungen keine Seitenpfade in selten geschaute Nebentäler, die doch von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Alpenrheins und somit des gesamten Rheinsystems sind und bei vergleichbaren Gelegenheiten gerne übersehen werden.

Zwischen dem energiewerkenden Ex-Abt von Disentis und der tauchenden Archäologin in Sipplingen findet sich Platz für kleine Erkenntnisse über hunderte Schmelzwässer, den italienischen Rheinanteil, historisch bedingte Kuriositäten und den unterseeischen Wasserfall der Bodenseeeinmündung, in deren Hintergrund wir für einen Augenblick sogar Paradise Island zu entdecken glaubten, wenngleich die kontroverse Insel in Der Rhein von oben (noch) keine Rolle spielte.

der rhein von oben_rheinalpen_04(Pressebild: © WDR/Vidicom)

Der vergleichsweise gediegene Zeitrahmen jedenfalls scheint dieser Dokumentation zu bekommen wie auch der allenthalben eingefangene Respekt und das Staunen vor der Kraft des Wassers. Einziger Wermutstropfen bleibt die musikalische Untermalung. Die gestern ausgestrahlte und die kommenden Folgen sind rheinsein eine Empfehlung wert.

Die erste Folge ist derzeit in der Arte-Videothek verfügbar.

Wiederholungen der ersten Folge auf Arte:
Montag, 18.03.2013 um 12:05 Uhr
Samstag, 30.03.2013 um 12:30 Uhr

Expedition zur Rheinquelle (4)

Wie schwierig oder wenig schwierig der Aufstieg einzuschätzen ist, läßt sich am besten daran ermessen, daß ca fünfjährige Kinder ihn problemlos bewältigten. Schweizer Kinder, wohlgemerkt, welche kaum der Mutterbrust entrissen in die Seinswelt der Berge geschleudert werden, wo sie gemsische Fähigkeiten entwickeln, die dem Flachländer je nach Gemüt und Fitness Bewunderung oder Skepsis abringen. Der erwachsene Schweizer schleppt Unmengen Ausrüstungsgegenstände auf seinem Rücken den Berg hinan, um sie und sich am See zu entfalten: Zelte, Campingausrüstung, Angeln (im Tomasee sollen Forellen und Saiblinge vorkommen, weil Gott oder einige seiner treuen Exekutivkräfte sie einst dorthinein entließen), Schweizer Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht auf eigenen Beinen in die Höhe steigen können/sollen/dürfen, imposantes Kameraequipment (wieviele hunderttausende hochaufgelöste Bilder muß es von diesem Bergsee geben!), Nachtsichtgeräte, Unterhaltungselektronik und weitere Gegenstände, welche seinen Rucksack aufs Äußerste dehnen, als befände sich darin ein gefährlicher lebender Organismus kurz vor dem Ausbruch. (Nur Tauchausrüstungen haben wir erstaunlicherweise nicht unter die Augen bekommen.)

Glück mischte sich mit Geschick: denn wir waren absichtlich früh losgezogen und bekamen von den beladenen Massen zunächst wenig mit. Stiegen und schauten stattdessen taumelnden Schwalbenschwänzen nach, ließen den Blick auf kürzlich geschmolzenen Schneefeldern ruhen, auf denen mitten im Hochsommer die Frühjahrsblüte ausbrach in Form von Gelber Alpenkuhschelle und Frühlingsenzian. Die Hochamsel lästerte. Wir fanden Stinkwurz und Saxifraga, notierten, notierten, umrauscht von Wasserläufen, den Geräuschen der Motorräder in den nah-fernen Serpentinen, der Kühe, Insekten und nach ein wenig Tändelei schließlich doch auch der kernigen Wandergruppen, die mit gefletschten Zähnen im Gänsemarsch von unten nachrückten und uns, falls wir weitertändelten, auf dem schmalen Pfad zu überrennen drohten. Die Schönheit der Berge, sie existiert in diesem Ausmaß erst seit sie käuflich ist, der Wohlstand hat sie sich herangezüchtet, zur Abwechslung von Bürozimmern.

Nach etwa anderthalb Stunden steten Steigens ist die Nähe des Sees zu spüren, der Weg geht streckenweise über nackten Fels und plötzlich steht der Pilger in einer Blickschneise, wie sie für ein Heiligtum nicht besser inszeniert sein könnte und schaut auf den nur von diversen Hinweisschildern verstellten, in einer schönen Bergmulde enthaltenen See, wie er flach und tiefblau und durchaus von einem gewissen Etwas gesättigt darniederliegt, während ihn Wiesenstreifen zieren und flechtengrüne helle Felsen umragen, am Himmel kein Wölkchen. Ein Abfluß ist erstmal nicht zu sehen, dafür zweieinhalb reins oder uals, die aus den Höhen herbeiströmen, den See zu speisen. Sind das? Ist einer? (Ein halber davon?) Müssen wir jetzt doch weiterlaufen? Es soll doch angeblich die Quelle im See sich befinden, also ein unterseeischer Wasseraustritt sein, auch wenn wir dafür noch keinen (etwa filmischen) Beweis finden konnten. Nun kommen aber diese Wasser aus der Höhe, genau auf der gegenüberliegenden Seite, während wir auf der unsrigen den Abfluß vermuten (den der Rheinschwimmer Ernst Bromeis nicht nahm, sondern von hier bis Disentis zu Fuß wanderte, was auch erstmal geschafft sein will). (Fortsetzung folgt)

Klassischer Fall wundersamer Vorderrhein-Kefaloforik

placidus_voderrheinkefaloforik

Dieses Deckengemälde in der Klosterkirche Disentis (die Betonung Disentis` liegt auf der ersten Silbe) zeigt den heiligen Placidus beim Fahrt aufnehmenden Entstehensprozeß seiner Heiligkeit: auf Weisung eines Landesherrn überfallen und geköpft, fiel der Gottesmann nicht etwa um, sondern klemmte flugs seinen nunmehr lichtabstrahlenden  Schädel unter den Arm und wandelte einher und heim ins von ihm mitbegründete Kloster, wovon bald Wunderkunde am ganzen Vorderrhein ward, von wo sich die schwer belegbare Geschichte verbreitete, die sich ungefähr um die Wende des 7. zum 8. Jahrhundert abgespielt haben soll – zu einer Zeit also, die später als Startepoche kefaloforischer Moden angesehen wurde, welche bis tief in die heutigen Kuttenträgerszenen reichen. Der große schwarze Vogel rechts oben griff übrigens nicht weiter ins Geschehen ein, sondern überdauerte seinen Schöpfer, Fritz Kunz, als selten genug wahrgenommener symbolisch-pathetischer Einfall.

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Mythologische Landeskunde

Auf den Alpen des Vorderrheins gehen die verdammten Missetäter. Die Mythologische Landeskunde ist, trotz der geringen Einwohnerzahlen, voll von ihnen. Da ist der Bauer, der im Leben Marksteine versetzt hat oder der typische und wiederkehrende Bündner Krämer, der seine Kunden übervorteilt (und, ganz bös: alles aufschreibt). Schlimm triffts denjenigen, der zeitlebens Steine aufs Nachbargrundstück entsorgt (mit einem glühenden Korb muß er sie nach dem Tode wieder einsammeln). Ehefrauen entpuppen sich als bilokationsfähige Hexen, welche die ohnehin schon aufreibende Arbeit ihrer Angetrauten behindern und töten, was sich ihnen in den Weg stellt, solangs keine geweihten Gegenstände bei sich trägt. Sie enden ertappterweise mit Hufeisen beschlagen, dann verpuffend. Schwarzhaarige ZigeunerInnen ziehen durch die Gegend und verstehen sich auf allerlei Zauberwerk, greifbar sind sie nicht; wer ihnen verlustfrei begegnen will, muß sie austricksen. Der ewige Jude hat ebenfalls die Gegend bereist, bei Pfarrer Gaudenz Engler in Camischolas bekam der Wandergesell ein Essen, das er im Herumlaufen einnahm. Kühe verschwinden einfach spurlos und tauchen wieder auf, als sei nichts vorgefallen. Die Toten des Folgejahres versammeln sich in der Silvesternacht vorsorglich auf dem Friedhof. Wandbilder dürfen nicht verrückt werden, sonst treten die Geister hinter ihnen hervor. In Disentis geht eine große wüste Büßerin mitternachts auf dem Friedhof um, die Zunge bis zum Gürtel herausgestreckt. Bisweilen tauchen warnende Gestalten, unvermittelt in Flammen gehüllt, an einsamen Dorfbrunnen auf. Und hat man den Schwarzen oder sonst unliebsamen, z.B. des Nachts tönenden, jedoch völlig unsichtbaren Besuch im Haus, muß die Geistlichkeit ran, die auf solche Probleme geschult stets zielsicher Abhilfe schafft.