Hohenems

Wege zur Weisheit: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ steht eins der Hohenemser Volksschulgebäude sicherlich ganz volksschulgerecht überschrieben – die Furcht des Herrn (vor wem oder was?) oder doch die Furcht vor dem Herrn? Mehrdeutige Sprüchlein besitzen in der Region scheinbar Öffentlichkeitsrecht. Der gesamte Österrhein ist wahlkampfplakatiert: „Unser Handeln braucht Werte“, „Ohne Mut keine Werte“, „Zeit für klare Worte“: beispielhafte bis -lose Dreierfolge (created by FPÖ?). Auf den Plakaten das verdruckste Foto einer bieder bis latent bösartig anmutenden Frau Jedermann im grafisch leeren Raum. Über der Stadt die Burgruine Alt-Ems (wie immer Anlaß zu Gedanken, welche Schicksale solche Mengen Steine solcherart steile Anhöhen emporschleppten), in Serpentinen zu Fuß erklimmbar. Der zu durchklimmende Hang beherbergt Österreichs größtes Bärlauchreservoir (der Bärlauch wird unten im Schloß in verschiedensten Darreichungen verkloppt, dennoch bleibt genug der Pflanze am Hang stehen, um ganze Dynastien von Bärlauchmillionären hervorzubringen). Von oben, im Bärlauchdunst, Blick aufs Tal mit Altem und Neuem Rhein, die Schlaufe des ersteren und das über letzteren sich ins Österreich wölbende schweizerische Diepoldsau. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein (darin ein schneller heller Fisch, auf- und abschießend: Höllenfisch?) plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Spiegelt sich in einem Schaufenster, das die üppige Pokalsammlung der F.C Hohenems Türkgücü Sportvereine präsentiert. Davor parkt ein aus diversen TV-Krimiserien bekannter „verdächtiger Wagen“ mit plattem Vorderreifen. Die Handschriften A und C des Nibelungenlieds tauchten im 18. Jahrhundert in der Schloßbibliothek auf (tauchten auf? wurden zuvor übersehen und plötzlich gefunden?) und wanderten bald nach Deutschland. Die beachtliche jüdische Gemeinde verschwand im Dritten Reich, heut gibt’s ein Museum und eine Schautafel, die das einstige Judenviertel rekonstruiert. Die Straßen entlang des Österrheins sind überschildert, massig Hinweise auf Firmen, Fabriken, Einzelpersonen – ließen sich (von Irrenden) ebenfalls als Wege zur Weisheit betrachten, als Weisheitslabyrinth.