Die Brücke von Arnheim

Die Brücke von Arnheim heißt im Original A Bridge Too Far, der epische, mit jeder Menge Stars und Statisten besetzte Spielfilm aus den Siebzigern behandelt das relative Scheitern der Operation Market Garden, mit der die Allierten 1944 Waal und Rhein bei Nijmegen und Arnhem überqueren wollten und sich dabei um eine Brücke übernahmen. Der Rhein selbst taucht erst spät und ausschließlich als flüssige Kulisse für Kampfhandlungen auf, es ist ein elendiges Sterben auf dem Wasser, das die alliierten Truppen mit Pionierbrücken, Falt- und Schlauchbooten überwinden, nur um, sobald sich der Tarnnebel verzieht, ins Mündungsfeuer der Wehrmacht zu geraten. Leichen über Leichen. Doch der Rhein wirkt seltsam unbeteiligt, auch wenn die Dramaturgie einen kräftigen, schwer zu bezwingenden Strom aus ihm herauskitzeln möchte, alles Brausen und Grausen, Scheppern und Stöhnen, Bluten und Blubbern rührt von den Geräuschemachern und Maskenbildnern, der Fluß selbst strahlt keinerlei Gefahr aus, kein Charisma, nichts Rheinisches eben, er benimmt sich vielmehr wie irgendein durchschnittliches stehendes oder gar totes Gewässer, kein einziger Nix, der Erschossene und Verblutende an Händen und Füßen in sein Reich zerrt, kein eisiges Wasser das die Soldaten fürchten, der Filmrhein scheint ein neutrales Rinnsal, ein vernachlässigtes Bluebox-Fake, die Szenen scheinen zudem in beachtlichen Zeitabständen gedreht, mal wirkt der Fluß wie ein dünner Streifen, dann wieder mächtiger, aber an keiner Stelle unüberwindlich und die tatsächlichen Aufnahmen zeigen offenbar die Ijssel bei Zutphen und Deventer. Weswegen mir auch die Brücken bekannt vorkamen. Ich hab sie einst an sonnigen Sommertagen mit dem Rad überquert. Dort stapften also auch sie herum, im Sumpf komplexer Kriegshandlungen, und versanken in filmischer Heroik und Verzweiflung: Laurence Olivier, Dirk Bogarde, Michael Caine, Sean Connery, Gene Hackman, Robert Redford, Anthony Hopkins, als „Arnheim auslöschen!“-Nazis Hardy Krüger und Maximilian Schell und für den holländischen Widerstand Liv Ullmann. Die Welt ist klein und zieht uns immer an dieselben Orte, in Krieg und Frieden. Und wenn kein Krieg ist, verfilmen wir ihn. Um die Welt in unserer Erinnerung gerecht zu verfälschen.

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007