Preisverfall

Diesen 500000 Euro teuren Rheinblick (oben) hatte der Kölner Express heute für 70 Cent im Angebot. Bei rheinsein gibt es ihn sogar (nebst vielen weiteren Rheinblicken mehr!) vollkommen gratis!
stan lafleur schlafwandelt durch die rheinische sferiferie

Diesen 500000 Euro teuren Rheinblick (oben) hatte der Kölner Express heute für 70 Cent im Angebot. Bei rheinsein gibt es ihn sogar (nebst vielen weiteren Rheinblicken mehr!) vollkommen gratis!
Nach einem Pressebericht wurde am gestrigen Sonntagnachmittag an der Kölner Trankgassenwerft das Müllemer Böötche “Colonia 6″ von ca. zehn Mitgliedern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gekapert. Die Rheinpiraten entrollten Flaggen mit dem Konterfei ihres in der Türkei inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan, forderten die Verlesung eines politischen Manifests über die Bordlautsprecher und wollten das Steuer übernehmen, was der Kapitän ihnen jedoch verweigerte. Zur Zeit der Kaperaktion waren zehn Passagiere auf dem Ausflugsbötchen. Einer von ihnen soll die Polizei alarmiert haben. Die Wasserschutzpolizei nahm die Piraten, die keinen Widerstand leisteten, fest. Die Kurden würden seitdem, verlautet die Sonntag spätabends zuletzt aktualisierte Meldung, im Deutzer Hafen vom Staatsschutz vernommen.
Wie sich wasserlaufdurchzogene Städte (in den Augen der Literaten) gleichen, zumindest ähneln: rheinerfahren erwähnt Théophile Gautier in seinem 1853 erschienenen Reisebuch Constantinople das Kölner Panorama, um dasjenige Kadiköys ins rechte Licht zu setzen:
“Une promenade à Kadi-Keuï est un plaisir que les habitants de Péra se refusent rarement les jour de fête, surtout ceux qui ne sont pas encore assez riches pour posséder une maison de campagne sur le Bosphore, entre les palais d`été des beys et des pachas.
Kadi-Keuï (village des juges) est un petit bourg de la rive d`Asie qui fait face au Sérail, dans l`endroit où la mer de Marmara commence à s`étrangler pour former l`embouchure du Bosphore. Sur l`emplacement de Kadi-Keuï s`élevait autrefois la ville de Chalcédon ou Chalcédoine, bâtie par Archias, sous les Mégariens, vers la vingt-troisième olympiade, six cent quatre-vingt-cinq ans avant Jésus-Christ; voilà déjà une antiquité respectable. Cependant, quelques auteurs attribuent la fondation de Chalcédoine à un fils du devin Chalchas, au retour de la guerre de Troie; d`autres a des colons de Chalcis, en Eubée, qui valurent à la nouvelle cité le surnom de ville des Aveugles, pour avoir choisi cette place lorsqu`ils pouvaient prendre celle où s`étala plus tard Byzance. Ce reproche ne nous semble aujourd`hui guère mérité, car de Kadi-Keuï on a la plus admirable perspective du monde, et Constantinople déploie sur l`autre rive, à travers la gaze argentée de sa légère brume, la magnificence de ses dômes, de ses coupoles, de ses minarets, de ses masses de maisons peintes, entrecoupées de touffes d`arbres. – Quand on veut jouir du panorama de Cologne, il faut aller se loger à Deutz, de l`autre côté du Rhin; pour bien voir Stamboul, il n`y a pas de meilleur moyen que de prendre une tasse de café sur le port de Kadi-Keuï.”
Bonn, am Sonntag nach Pfingsten (11. Juni 1865)
[...] Am Freitag den 2. Juni reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das Anmuthigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich, meine weißrothe seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigirt. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den 3 Hauptconzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bouquet in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste.
Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. Dazu leide ich, beiläufig bemerkt, seit den letzten Ferien an starkem Rheumatismus in dem linken Arm.
Die nächste Nacht schlief ich wieder in Bonn. Den Sonntag war das erste große Conzert. “Israel in Aegypten von Händel”. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur.
Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billet für das Einzelconzert kostete 2-3 Thaler. Die Ausführung war nach aller Urtheil eine vollkommene. Es kam zu Scenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen “der König aller Bässe” ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämmtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Bouquets den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt.
Die Scene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war.
Am Abend begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen, wurden aber von dem Kölner Männergesangverein in die Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter
carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesange und steigender Begeisterung beisammen. Um 3 Uhr Morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunde ein Nachtwächter uns das Hotel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sek. entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 1 1/2 Stunde kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, giengen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken.) Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6–11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die a dur Symph. v. Beethov. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirth mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt sein, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
Am dritten Tage endlich fand das letzte Conzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Sinfonie von Hiller mit dem Motto “es muß doch Frühling werden”, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Theile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Scene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Bouquet, einer der Künstler setzte ihm den Lorberkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.
[...]
Fritz
(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Eigentliche Vorstellung Zum Imerwärende Andencken Des Traurigen Schicksals der Stadt Cölln. Da im Jahr 1784 der Gewaltigen Rhein Strom Sich durch Die Zum Höchsten grad gestiegene Kält 16 Fus Dieff Zusamen Sackte, Und 47 Täg Maur Fest die Schwerste Läst Von Einem Uffer Zum Anderen Beförderte. je Tieffer nun die Zufrierung des Stroms Ware, desto Gewaltsamer Muste der Aufbruch Sein. Da am 27 Feb Wurden Durch den Gewaltsamen Drang des Eises 4 Krahnen Zugrunde gerichtet. Die Landbrück. Schiffbrück. Eisbock Seind von den Rassenden Strom Mit genohmen Worden, 16 Holländischen und Viele Oberländische Schif Zu Grunde Gegangen. Die Stadt Mauren Umgeworffen Samt den Angräntzenden Häuser, und Unzähligen Menschen Zerschmettert, das Waßer Ware bey Diesem Sturm 11 Schuhe, 3 Zoll Höher als 1740. Wodurch Dan Beynächst die Gantze Stadt in Wasser Gesetzet wurde. Auch hat Diese Entsetzliche Hohe Flut jenseit dem bayen thurm Einen ausbruch Gethan. Wovon Viele Felder über Schwemmet. Auch alle Graben Rings um die Stadt Mit Wasser Angefüllet, und der unter der Müntze Ausgebrochene Flut hat in Mauenheim Und andere Örther Viel Schaden gethan. A. Deutz Hat Etlige Häuser und allen Ihr Vieh Verlohren. B. Mülheim hat 161 Häußer und Viel Menschen Eingebüßst. C. Roden Kirchen Hat Gleiches SchicKßall Gehabt. AltenMarcK und HeumarK waren 4 bis 7 Fuß unter Wasser Gesetz
(Kupferstich von J. P. Goffart)
Der Spiegel berichtete am 22. Juni 2011 in einem reichlich süffisanten Online-Artikel über Pannen bei der Bahn, die unter Umständen über Pannen flugs hinauswachsen könnten. Doch die Artiklerin läßt sich von möglichen Folgegedanken lieber nicht den Humor verhageln. Hauptsächlich geht es also um Halteversäumnis-Comedy, Verlorene Schaffner-Burlesken und ungewollte Durchsagen bei versehentlich aufgedrehtem Mikrofon. Eine signifkante Häufung solcher Vorfälle scheint dabei der Raum Köln aufzuweisen: „Dat iss jetz peinlisch. Dat iss mir auch noch nie passiert. Aber isch bin jrad an Lövenich vorbeijefahren!” könnte in Köln natürlich unter okkasionellem Austausch des letzten Satzes als universales immerwiederkehrendes Karnevalsmotto gelten: „Dat iss jetz peinlisch. Wie konnte dat dann? Da stand doch jrad noch dat Stadtarschief.“ Der Spiegel fragt seine Leser im Anschluß an den Artikel: „Haben Sie auch solche amüsanten Erlebnisse an Bord von Zügen erlebt?“ Der Spiegel und seine Leser sind uns für diesmal relativ wurscht, aber rheinsein-Leser sollens erfahren:
- “Es war Mitte der 90er Jahre. Ich fuhr mit S. mit der Regionalbahn von Köln nach Düsseldorf. Höhe Langenfeld torkelte der Schaffner durchs Abteil. Er lallte und konnte sich nur mit größter Mühe auf den Beinen halten. S: „Hoffentlich ist der Fahrer nicht auch so dicht.“ Als wir Benrath passierten, sagte ich zu S.: „Wir hätten hier halten müssen.“ „Wie?“ „Dieser Zug hält normalerweise in Benrath.“ S. fassungslos: „Du hast recht. Das gibts doch garnicht.“ Der Zug hielt kurz nach diesem Dialog auf offener Strecke und – fuhr zurück. „Es ist möglich, daß wir jetzt in Gefahr sind.“ „Komm, beten wir eben.“ Der Zug hielt in Benrath und fuhr dann wieder weiter zum Hauptbahnhof. Es gab keine Durchsage, die meisten Passagiere vertrauten auf ihr Karma und blieben in Benrath im Zug.”
- “Es war um die Jahrtausendwende. Zugverspätungen und -ausfälle hatten zugenommen und waren auf bestem Weg, zum Regelfall zu werden. Ich fuhr von Köln zum Düsseldorfer Flughafen. Trotz der kurzen Strecke nahm ich mir in diesen Jahren stets eine Stunde Pufferzeit, wenn es um einzuhaltende Termine ging. Besser eine Stunde Warten in Kauf nehmen, als den Flug nicht antreten zu können. Es sollte in Urlaub gehen. Der Zug hatte gerade den Fluß gequert, da hielt er bereits wieder in Deutz. Das war nach Plan. Doch er hielt und hielt bald ohne Durchsage gute 20 Minuten. Das war nicht nach Plan. Zwar hatte ich noch immer 40 Minuten gut, aber keine Information, wann es weitergehen könne. Auf dem Gleis gegenüber langte ein weiterer Zug Richtung Düsseldorf an. Ich beschloß, den Zug zu wechseln. Kaum war ich umgestiegen, fuhr der erste Zug weiter. Der zweite Zug indessen blieb stehen. Nach weiteren zwanzig Minuten hieß es: „Der Schaffner ist uns weggelaufen. Wir warten, bis er wiederkommt.“ Der kam dann auch bald – und ich hielt mich wegen meiner Pufferzeitplanung für bahnmäßig ziemlich weise.”
- “Es war Mitte der 2000er Anfangsjahre. Zugverspätungen und -ausfälle waren inzwischen zur Regel geworden. Ich wollte von Köln zum Dortmunder Flughafen. Ja, den gibts. Die Stunde Pufferzeit hatte sich eingeschliffen, bei Fernfahrten durftens auch zwei Stunden sein. Dortmund mußte als Fernfahrt eingeschätzt werden, zumal der Weg zum dortigen Flughafen Neuland für mich war. Mein Zug wollte diesmal garnicht losfahren. Erst stand er eine Weile auf den Gleisen herum, dann wurde er aus dem Verkehr gezogen. Ich schaute nach Alternativen und rechnete und nahm als Ersatz einen leichten Umweg über Düsseldorf in Kauf. Planmäßig würde das locker reichen. Umsteigen in Düsseldorf. Der Zug nach Dortmund hielt nach einer Weile für ein Viertelstündchen auf der Strecke. Dann fuhr er weiter. Und hielt erneut für einige Minuten unplanmäßig. Es gäbe Probleme, die aber behoben würden, kam eine Durchsage. Irgendwo hinter Wuppertal blieb der Zug auf offener Strecke liegen. Wir würden in den nächsten Bahnhof abgeschleppt. Ein Ort namens Schwelm, dessen Existenz ich seither gerne verdränge. Mit dem nächsten Zug, falls der denn käme, würde ich meinen Flug nicht mehr erreichen. Immerhin standen zwei oder drei Taxis am Bahnhof – wohl blieben dort öfter Züge stehen? Ich fragte die Taxileute: „45 Minuten hab ich noch, schaffen Sie`s in der Zeit zum Flughafen Dortmund?“ Das traute sich keiner zu, da wäre Stau, das wüßten sie aus dem Funk und aus Erfahrung, das könne ich vergessen. So fuhr ich nach Köln zurück. In Kattowitz würden unterdessen Leute auf mich warten. Die Lesung war erst zwei Tage später angesetzt. Es gelang, einen Ersatzflug für den Folgetag zu bekommen, der Veranstalter bezahlte alle Tickets. In Kattowitz staunten sie nicht schlecht über meine Geschichte. Vergleichbares hätten sie von der polnischen Bahn jedenfalls bisher nicht zu hören bekommen.”
- “2009, 2010, 2011. Die Strecke Köln-Chur. Ich fuhr sie einige Male. Zugverspätungen und -ausfälle schienen leicht zurückgegangen. Dh, sie kamen weiterhin häufig, aber eben nicht mehr ganz so häufig vor. Wenn sich bis Basel erhebliche Verspätung ansammelte, passierte hinter der Grenze am Bahnhof Basel SBB folgendes: die Schweizer zogen den deutschen Zug aus dem Verkehr und stellten zwei ihrer eigenen Züge zur Verfügung: einen für die Kurzstreckenreisenden, der alle Haltestellen anfuhr und einen für die Langstreckenreisenden, der die verlorene Zeit aufholen würde. Für einen Rheinländer ist es zwar unvorstellbar, wie die Schweizer das schaffen, aber sie schaffen es.”
“(…) René Pellken, ein junger Dichter, den ich gelegentlich in Serhats Café am Eigelstein treffe, erzählte vor ein paar Monaten eine merkwürdige Geschichte. Er habe während des jüngsten Hochwassers einen Mann gesehen, der über die Treppen bei der Bastei in den Rhein gestiegen sei. Der Mann sei gut gekleidet gewesen und mit frappierender Selbstverständlichkeit in die Fluten gegangen. Auf René Pellken wirkte der Mann „wie ein Manager oder Geschäftsmann“. Was er im Rhein suchen mochte, konnte René sich nicht erklären. Und noch etwas verstand René Pellken nicht:
„Das Wasser übte keine Kraft auf den Mann aus. Er verdrängte es, als würde er durch die Fußgängerzone flanieren, als wäre da nichts als Luft.“
„Die Szene hast du am Computer gesehen und legst sie dir nun zurecht. Was hattest du an dem Tag eingenommen?“
„Nicht viel. Das war draußen, definitiv. Es hat leicht geregnet.“
„Das läßt sich am Computer simulieren, das weißt du.“
„Die Willi Ostermann fuhr vorbei, ein paar Leute winkten vom Boot aus.“
„Haben die auch den Mann gesehen?“
„Da war der Typ doch schon komplett unter Wasser.“
„Und er hatte keinen Schnorchel dabei oder so etwas?“
Serhats Café war schlecht besucht. An einem Wandtisch saßen drei prekäre Deutschländer und klopften Sprüche. Sie waren weit genug entfernt. Die Atmosphäre bestimmte Serhats neuer LED-Fernseher. René Pellken vertrug das nicht gut. Seine Augen begannen zu wandern, er herrschte mich an:
„Dieser Scheißsender spielt fünfmal hintereinander dasselbe Lied!“
„Das täuscht.“
„Sag bloß.“
„Den letzten Titel hat eine Frau gesungen, jetzt ist es ein Mann.“
„Diese Schwuchtel verstellt doch ihre Stimme.“
Wir blickten auf den Bildschirm. Das Video war in Köln gedreht worden! Die Kamera zeigte den Schnulzensänger wie er vor den Liebesschlössern auf der Hohenzollernbrücke posierte. Der Regisseur des völlig uninspirierten Videos machte reichlich von Weichzeichnern Gebrauch. Der Refrain des Liedes lautete auf die magischen Wimpern einer Schönheit und ihren unfaßbaren Gleichmut. Auch mir kam es nun vor, als hörten wir ihn bereits einige Male zu häufig hintereinander.
„Da!“, schrie René Pellken plötzlich, „da! da! da!“ Seine Augen hatten das Wandern unterbrochen und sich hastig in ihren Höhlen eingerenkt, was seinen Blick noch wahnsinniger erscheinen ließ. Mit dem Zeigefinger stocherte er im dreidimensionalen Raum umher, eine sehr deutsche Geste.
„Hast dus nicht gesehen, hast dus nicht gesehen?“
„Was denn? Steht dein Name auf einem dieser Liebesschlösser?“
„Auf jedem zweiten, du Idiot! Aber Mann, hinter dieser Schwuchtel, hinter den bescheuerten Schlössern, ganz hinten auf dem Bild, da, unten am Deutzer Ufer, da ist eben der Mann im Anzug aus dem Rhein gestiegen, derselbe Mann, von dem ich dir erzählt hab.“
„Ich frage Serhat, ob er weiß, wo man das Video bekommen kann.“
Wir mußten die DVD aus Ankara bestellen. Wir zahlten mit allem Drum und Dran fast 50 Tacken für das beschissene Teil, das nach acht Wochen tatsächlich seinen Weg ins tiefste Köln gefunden hatte. Ein Mann, der aus dem Rhein steigt, war darauf nicht zu sehen. René Pellken beharrte weiter auf seiner Geschichte:
„Es muß das falsche Video sein, eine falsche Kopie.“
„Du meinst, es gibt Kopien mit und ohne Rhineman?“
„Du hast es doch selbst gesehen!“
Nichts hatte ich gesehen und René Pellken wußte das. Ständig erfand er solche Geschichten, aber wehe, man nahm sie ihm nicht ab. Sobald jemand an seinen Worten zweifelte, verließ er beleidigt den Raum. Man hörte dann, daß er bei Dritten schlecht über einen redete. (…)”
Der Text ist ein (inzwischen schon wieder überarbeiteter) Ausschnitt aus Ersin Öners Romanprojekt “Der Mann, der aus dem Fluß zu uns kam und nicht wußte warum die Welt ein Tal der Leiden ist” – exklusiv für rheinsein. Herzlichen Dank, Ersin!