Die guten alten Kulte

Im Rheindurchlaß des alle verfügbaren Dimensionen bedienenden Drehkreuzes der Zeiten wird es enger und enger – was Wunder, wo die Zahl der Epochen fürs erste kaum abnimmt. Ein ganzes Regal voller Epochen beschreibt, durchmischt und vergleicht allein der im Jahre 1956 verschiedene französische Historiker Lucien Febvre in seinem Buch Der Rhein und seine Geschichte und er tut dies in einer für Historiker ungewöhnlich saftigen Sprache, die den Rheinländer von früh auf als Produkt seiner Durchzugs- und Partylandschaft charakterisiert:

„Überall im Rheinland werden nämlich durch wandernde Priester, levantinische Händler oder Sklaven beiderlei Geschlechts die verschiedensten Gottheiten kolportiert. Hier zunächst die seltenen: der Jupiter von Doliche in Commagena, der in den Lagern am Limes in den Garnisonsstädten verehrt wurde; dann sein Nachbar, der Jupiter von Heliopolis in Syrien; ferner das Heer der ägyptischen Göttinnen und Götter: die eine und vielfache Isis, ihre Gefährten Serapis und Anubis; vor allem aber die Große Mutter, die phrygische Kybele auf ihrem Löwen mit dem Heiligen Tympanon in der Hand. Sie übte die Schirmherrschaft über die rote Taufe aus, die später durch die Wassertaufe ersetzt wurde: In einer Grube, die sich unter durchlöcherten Dielen befand, empfing der Gläubige das heiße, entsetzlich stinkende Blut, das aus dem Hals eines abgestochenen Stiers troff. Häßlich und abstoßend kam er daraus her, aber nun war er gereinigt. Während dessen tanzten die Frauen wilde Tänze, wurden die Dendrophoren mit der Heiligen Ähre herumgeführt, gerieten die entmannten, geschminkten Priester in Verzückung, schlitzten sich die Haut auf und schüttelten ihre langen, blutgetränkten Haare über die orientalischen Tuniken: ein bettelnder, oft suspekter Klerus, der aber wußte, wie man mit dem Volk umging und sein mystisches Verehrungsbedürfnis, seine Hoffnungsbedürfnisse und Heilserwartungen befriedigte. Etwas weniger wirr war der Kult um Mithras, den Unbesiegbaren. Auch Mithras tötete den Heiligen Stier, damit aus seinem Blut die verschiedenen Pflanzen, und Tiergattungen hervorgingen. Im zweiten und dritten Jahrhundert war dieser Gott so populär, daß er eine zeitlang mit Christus konkurrieren konnte – und zwar gerade im Rheinland, wo jede Stadt und jedes Lager sein Mithräum in Form einer Grotte besaß.“

Lucien Febvre, Peter Schöttler (Hg.): Der Rhein und seine Geschichte, Campus Verlag, Frankfurt/Main und New York 2006