gnogongo

Auf seinem Blog gnogongo dokumentiert Richard Gleim seit 2008 in Fotos und kurzen Texten die Stadt Düsseldorf. Bekannt wurde Richard Gleim als Fotograf der Düsseldorfer Punkszene Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Sein Archiv aus diesen Tagen umfaßt 20000 Bilder, darunter viele Konzertfotos aus lokalen Clubs wie dem Ratinger Hof oder dem Neusser Okie Dokie mit Düsseldorfer (Die Krupps, Der Plan, DAF etc) und auswärtigen (Einstürzende Neubauten, Throbbing Gristle, Johnny Thunders etc) Musikern und Bands. Im Gegensatz zu den alten Bildern mit Bühnen- und Publikumsszenen in Schwarzweiß, stehen bei Gleims

gleim_budoka auf rädern

jüngeren Aufnahmen seltener Menschen im Mittelpunkt, etwa dieser junge Budoka auf Rädern. Serienweise fällt der Blick auf rheinische Backsteinfassaden, kuriose Hinterhofecken, frühmorgendliche Straßenkreuzungen, Baustellen und die innerstädtische Botanik entlang der Düssel. Eine Serie widmet sich Büdchen und

gleim_heidis eck

Trinkhallen, wie hier Heidi’s Eck, deren Schaufensterauslage ein Traumleben in Aussicht stellt. Düsseldorfs von den Stadtoberen gern propagierter Hochglanz ist auf Gleims Bildern praktisch nicht zu entdecken. Der Chronist widmet sich überwiegend dem Unspektakulären, Normalen, Leichtzuübersehenden, das bisweilen über sich hinauszuwachsen scheint:

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Was aussieht wie ein Naturwunder-Kratersee in terrassierter Salzwüste ist eine Düsseldorfer Rheinpfütze während des Niedrigwassers im Jahr 2003

(Alle Bilder: Richard Gleim. rheinsein dankt!)

Rheinische Tierwelt (12)

rehstapf
“Vier Stapfen im Schnee / tun im Herzen mir weh” reimte einst Der Plan, eine rheinische Musikkapelle mit Hang zu Reduktion und Dada. Desweiteren handelte der Sprech- bzw Schleppgesang von einem Reh, das im Wald steht und der Kälte dorten. Was für ein Reh das war, das Der Plan seinerzeit besang, wissen wir nicht. Von einem durch und durch rheinischen jedenfalls stammt der hier abgelichtete Stapf auf dem Rheindamm bei Schaan. Es war ein kantonales Tier, das seine geliebten Stammberge einmal vom liechtensteinischen Ufer aus betrachten wollte. Und es sang ein rührendes, leider schwer zu verstehendes Lied in alpinem Dialekt, von tausend Herzen, die im Schnee verloren.

Rheintochter (3)

Rheintochter_eisern_Rainer-

Kopf einer Rheintochter auf einem Stein, (…) Ablagerungen aus Eisenerz (…) am Rheinufer, mitten im Kies, mit den Rheintöchtern darin baden…, mit der Rheintochter aus gutem Haus ein paar Schritte darüber schreiten oder gehen, unsere Leben, unsere nicht überlieferten Gedanken und Empfindungen, die in Eisenkernen, Eisenatomen und Blutplasma gespeichert sind, werden in Zeiten die Winde verwehen, unbeschrien, gehend, schreitend über Kies und Sand, am Übergang von Wasser zu Land, bei Verstand, Wachsein, dann wieder schlafend, denkend, träumend, in Wellen eintauchend, in das Licht, es aufnehmend, von der Sonne beschienen, Dinge im Licht der Sonne erkennnen, Empfindungen wahrnehmend, loslassend, mit der Strömung gehen lassend, eine Welle schlägt ans Ufer (…), immer wieder neue Wellen, neues Leben, vetrautes Leben, Leben, Wellen die sich gleichen, ähneln, immer wieder entstehen, nach einem vetrauten Muster… Es ist dein Muster, it is your pattern, darin du lebst und gehst im Kreis, über dem Ozean verdunstet das Wasser, über dem Meer, die Wolken bringen es uns als Dampf zurück, spenden Regen, aus dem Ozean kehren die Aale zur Leichzeit zu uns in die Flüße zurück, nicht nur von den Rheintöchtern und den Fischern erwartet, via Rotterdam, spenden Leben, sind Raubfische, Aasvertilger, Teil der Nahrungskette, wie wir, “wer ist der Retter, wenn der Mensch verreckt, das Insekt, das Insekt” (Der Plan aus Düsseldorf) Gott, was ist dein Plan mit uns? Wir erhellen uns im Rausch, um etwas davon zu erhaschen, zu erkennen…

(Bild und Text ergeben einen Gastbeitrag von Rainer Vogel. Rheinsein dankt!)

L. L.

Von oben, wiederholt, so wie Spielkarten auf einen Stapel gedroschen werden, zack, zack, dasselbe Motiv: Blick ins Rheintal, wie für ein Kamera-Still bei schönstem Frühlingswetter eingefroren die Walrücken der Frachter, die winzigen Schaumstreifen der Heckwellen eine exotische Cocktailbeigabe, hüben und drüben auf den Bergkuppen lauter markante Ruinen. Ein sich überdeckendes, ein dermaßen, ein, ein scheinbar unendlich mit sich selbst kongruentes Bild, dessen Schönheit Risse (leichte, vermutlich elektrische Schmerzimpulse) im Denken auslöst, in Zusammenhang mit den passenden Klängen (Beethoven, Wagner, Kraftwerk, Der Plan). Und dann gerät etwas ins Zittern, Rütteln, Schwanken. Die Wasserfläche weitet sich zur See, lautlose Flugzeuge, mittelgroße Maschinen, die in einem Wettbewerb massenweise und bestens koordiniert in einen Nebenfluß sinken, um nach einigen plumpen Versuchen strahlend aufzutauchen, gleich behäbigen Fischen, die irgendwelchen Schwarmvorgaben folgend plötzlich den historischen Schritt des Landgangs für unsinnig erachten, wieder durchstarten, ein fantastisches Spektakel, betrachtet von hunderten Schaulustigen am Ufer. Das Ganze kommentiert von einem hochaufgeschossenen Mann, schwarze Kleidung, Charakterschädel, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, ein Kreativer vermutlich, genau wie die hübsche Dame aus der Stadt, schnittige Frisur, aufs Äußerste blondiert, die mir erzählt, sie trage statt des Gehirns eine Gebärmutter im Schädel, darin ungeborene Kinder sich streckten und wieder zusammenschnalzten, es mache sie ganz wahnsinnig, die mir schließlich ihre Initialen nennt, die auch auf ihrer Brusttasche eingestickt sind: L. L. Die Dame, die sich in mein Bewußtsein gehackt hat, wird mir klar. Sie steht direkt vor mir. Ihre vollen, an manchen Stellen knautschigen Lippen arbeiten an meinem hypnotischen Zustand. Je nach Blickwinkel ist sie einen Kopf größer oder kleiner als ich selbst. Sie redet auf mich ein, verschiebt meine Gedanken, spielt Tetris oder Memory damit. Ich versuche, ihr eine zu knallen, sie lacht. Zwischen ihren gebleichten Zähnen das weite Tal ihrer Zunge, die am Horizont des Rachens, aus dem eine unergründliche Melodie schwingt, verschwindet, blau in blau. Der Himmel sinkt und kippt, Geröll walzt durch meine Adern, mein Abdomen, es zieht mich fort, mein entäußerter Körper zerschellt an der Befestigung ihres Willens. Ich versuche mit ihr zu sprechen, doch die Gegenwart ist zu wild mit all ihren Geräuschen, Kommunikation findet allenfalls gestisch statt. Ich zücke mein Notizbuch. L. L. schreibe ich hinein. Sie wünscht mir Glück. Verdrückt eine Träne. Stille. So läuft es jedesmal, sagt sie. Preßt ein paar Kinder aus ihrem Schädel und stolziert davon.