Tiel und der Tod

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaβ Tiel eine blühende jüdische Gemeinde; in Tiel leben jetzt keine Juden mehr. Nicht, wie man meinen dürfte, weil die Gemeinde vollends von den Nazis ausgelöscht wurde: Siebzig Prozent der Tieler Juden überlebten den Schrecken sogar, bei einem landesweiten Prozentsatz von siebenundzwanzig. Diese günstige Zahl ist dem Polizeikommandanten J.S. de Jong zu verdanken, von dem die Gemeinde 1943 rechtzeitig gewarnt wurde, es stünde eine Razzia bevor. So blieb für die meisten genügend Zeit, sich Untertauchadressen zu besorgen, aber in Tiel wollte das nicht klappen: Die nichtjüdische Bevölkerung stellte sich dem bitter und geschlossen entgegen. Beladen mit solcher Erinnerung, kehrte nach dem Kriege keiner der Überlebenden in die Stadt zurück: So verlöschte nachträglich eine jüdische Gemeinde, die im 19. Jahrhundert zu den gröβten der Provinz Gelderland gezählt hatte.
Die jener Zeit auch entstammende, ehemalige Synagoge, etwas abseits von der Straβe, beherbergt jetzt eine Moschee.

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Als 1996 neben dem Eingangstor des Geländes das Holocaustmahnmal der Künstler Johan Goedhart und Willem den Ouden errichtet wurde, trat das beladene, ehemalige Verhältnis zwischen örtlichen Nichtjuden und Juden wieder ans Tageslicht. Aus den wie Tränen wirkenden Tropfen, so war vorgesehen, sollten ganz leise sämtliche Namen der Tieler Holocaustopfer ertönen. Die Tochter eines Synagoge-Vorsängers verweigerte aber der Stadt das Recht die Namen ihres Vaters und ihrer Schwester erklingen zu lassen: In Tiel hatte der Familie damals niemand Unterschlupf bieten wollen.
Damit nicht genug. Wie sich erraten lässt, wurde mein Bild in der Adventszeit aufgenommen: die gegenüberliegende Restaurantterrasse ist in vollweihnachtlicher Stimmung. Ihr Eigentümer zählt zu denjenigen, die in den letzten zehn Jahren mehrmals Beschwerden gegen das leise Ertönen der Opfer einreichten (anders übrigens als die Moschee). Schließlich geht das Alltagsleben dort vonstatten, vergnügen sich Leute, betrinken sich, sitzen abends oben auf der Balkonen, was soll da das geheimnisvolle Flüstern solcher Toten, die hier eh nicht erwünscht waren (aber nein, so hat das keiner gesagt, versteht sich). Letztendlich wurde entschlossen, dass die jüdischen Toten nur während der Bürostunden auf sich aufmerksam lassen machen durften. Ich, selber noch vor 17 Uhr da, habe nichts gehört. Früher Büroschluss wohl.

Man braucht nicht allzu lange darüber nachzudenken, was denn Menno ter Braak von der Tieler Bürgerschaft gehalten hätte, hätte er mitbekommen können, was nach seinem Tode vor sich gehen würde in der ach so liberalen Stadt, in der erstmals zu sich fand. Glücklicherweise für ihn nahm er sich das Leben nicht dort, sondern in Den Haag: Seine Grabstätte ist in Tiel also ohnehin nicht aufzufinden. Immerhin gibt es aber diese eine Reminiszenz, dass eine Frau Te Brake bestattet liegt auf dem alten Friedhof mit dem bemerkenswerten Namen “Ter navolging”, heiβt: “Zur Nachfolge”. Der sollte aber nicht als Aufruf zu einem baldigen Tode missverstanden werden, auch wenn vielleicht der Motorradfahrer, der sein Spielzeug aufs Aschestreufeld ausblicken lässt, sich da andere Vorstellungen macht.

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Der Name deutet auf etwas ganz anderes hin. Der Ort ist einer der ersten niederländischen nicht-jüdischen Friedhöfe, die auβerhalb der Stadtgrenze eingerichtet wurden, in diesem Fall 1786. Gründer J.D. van Leeuwen, örtlicher Jurist, war Sprachrohr einer landesweiten Bewegung, die sich ernstlich sorgte um die verheerenden hygienischen Auswirkungen innerstädtischer Friedhöfe: Der Name bezeugt somit die Hoffnung, daß sämtliche niederländischen Kommunen diesem Beispiel Folge leisten würden. So besagt auch der sich überm Eingangstor wölbende Zweizeiler:

De menschenliefde door ´t gezond verstand verlicht
Heeft deez begraafplaats tot een voorbeeld hier gesticht

Die Menschenliebe, vom gesunden Menschenverstand verklärt
Hat diesen Friedhof zu einem Leitbild hier gegründet

Mittlerweile ist die recht romantisch wirkende Ansammlung verwitterter und eingesackter Grabstädte wieder fest von der Stadt umschlungen worden, was wohl dazu beigetragen hat, dass seit den 1980ern kaum noch bestattet werden darf. Als ich da war, fand ich ein einziges frisches und von Blumen überladenes Grab vor, in dem ein junges Hockeytalent aus bester Familie beigesetzt war, das im zarten Alter von achtzehn Jahren einer Krebserkrankung erlegen war.
Wünschen darf man ihm, er habe Zuflucht gefunden zwischen den Bewohnern der Bienenkästen in einer entfernteren Ecke des Friedhofs.

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Die stehen da, als wären sie ein bewusster Verweis aufs klassische Gedicht von Martinus Nijhoff (1894-1953; von seinem Bezug auf den Waal wird später noch die Rede sein), “Het lied der dwaze bijen” (“Das Lied der törichten Bienen”). In diesem sehr streng organisierten Gedicht bewegt “ein Duft höheren Honigs” die Bienen dazu, das eigene sichere Heim hinter sich zu lassen und von ihrer transzendentalen Sehnsucht schicksalhaft immer weiter vorangetrieben zu werden, um dann, einmal gestorben, als Schneeflocken wieder auf Erden zurückzukehren. Man strebt und hinterlässt, hoffentlich, nahrhafte Spuren, noch nach dem Tode.

Ein zugespitzter Wettkampf zwischen Leben und Tod ertönt einmal die Woche in einem Tieler Proberaum. Mit einer ungeheuren, scharf stilisierten und geballten Energie bewegt sich seit elf Jahren die sechsköpfige Deathmetalband Nymeria in die tiefsten Schluchten des Todes hinein, unter Anführung des Textdichters und Sängers Marnix van Malsen, der noch im Proberaum eine charismatische Präsenz aufzeigt, und dessen Texte von der Band als “finstere Märchen” bezeichnet werden.

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Bislang wurden zwei Alben in Eigenvertrieb aufgelegt, ein drittes für eine Plattenfirma steht in Kürze an; nach einer langen Zeit von Entwicklung und Ausdauer, bei einer wachsenden Fangemeinde, erhofft man sich einen internationalen Durchbruch. Von der niederländischen, auf Einsparungen bedachten Kulturpolitik der letzten Jahren hat man sich nicht zermalmen lassen: Auch wenn für Jugendzentren und Musikbühnen überhaupt immer weniger Geld vorhanden ist, hat man trotzig weitergemacht, von eigenem Können überzeugt. Da ist was dran: Im Proberaum fiel mir nebst guter Stimmung und Spielfreude die handwerkliche Ernsthaftigkeit, ja Emsigkeit, auf, von denen die klangliche Wucht – sowohl stark rhythmisiert wie auch melodisch – geprägt war. Von Malsen legt dabei ein urwüchsiges Grunting auf, das durch strenges Trainieren nach mongolischen Grundsätzen (“viele meinen, man braucht nur blindlings zu grölen, aber da zerstört man die Stimme”) in schroffem Gegensatz zu seiner gepflegten Gesprächsstimme steht. Die Groβmutter der Freundin sei erschüttert gewesen, als sie zum ersten Mal hörte, welcher Art Musik der im Alltag so liebenswürdige Mensch machte. Da sieht man: Kunstvolle Hingabe an die eigene Todesangst macht einen noch nicht zum Schlägertypen.
Im Netz hatte ich noch gelesen, die Band hätte sich von der Metallindustrievergangenheit der Stadt inspirieren lassen. Dies wurde klar verneint: Tiel sei einfach die Stadt, in der zwei der Bandmitglieder wohnen und wo man einen guten Proberaum hat.

Metallisch zum jenseitigen Ufer hinüberfahren – im Dunkeln sowie bei Tageslicht – geht in Tiel aber auch ganz materiell, und sogar ohne Musik: alle zwanzig Minuten überquert die Personenfähre nach Wamel den Fluβ – also nicht den Styx, sondern schlicht und ergreifend den Waal.

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(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: hier erneut die Kleinstadt Tiel. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Leyden

Es ist aber eine schöne, feste, grosse, wohlerbaute und volkreiche Stadt in der Graffschaft Holland, wie auch die Hauptstadt im Rheinland, (*) an dem alten Rheincanal. Ihren Anfang soll sie dem tapfern Römer Druso Germ. zu danken haben, ohngeachtet einige wollen, daß sie Hengst, der Angelsachsen Herzog, im Jahr 450. erbauet habe. Anbey ist sie mehr länglicht, als ganz rund erbauet. Ihre Mauern sind ganz von Ziegelsteinen, aber nicht hoch aufgeführt, darzwischen stehen viele Thürne, hinter welchen man die von Erde aufgeworfene Wälle, imgleichen die breiten tiefen mit Wasser angefüllten Gräben erblikt, welche mit einem Damm umgeben sind, worauf zwey Reihen grosser Bäume stehen, unter welchen zwischen zweyen Canälen ein überaus langes Malliespiel zu sehen ist. Obwohl im übrigen Leyden so ziemlich verwahrt ist, so hat es doch keine regelmäßige Festungswerker.

Ueberhaupt ist dieser Ort ohnstreitig eine der saubersten Städte in Holland, weswegen man ihn auch das Auge der holländischen Städte nennen kan, man mag nun desselben lustige und bequeme Lage, oder die Reinlichkeit der dasigen Gassen und die Schönheit der Gebäude, oder aber die grosse Menge der Einwohner und allerhand daselbst üblicher Künste und Handwerker in Betrachtung ziehen. Es steht auch diese Stadt fast in der Mitten der übrigen Städte. Denn sie liegt drey Meilen von Delft, viere von Harlem, Goude und Rotterdam, sieben von Amsterdam, Dortrecht und Utrecht, nur zweye aber vom Haag. Sie wird von vielen Canälen durchschnitten, so sie in ein und dreyßig Inseln abtheilen, und worauf man an unterschiedenen Orten mit kleinen Schiffen von einer zur andern fahren kan. Es sind dieselben zum wenigsten mit hundert fünf und vierzig Brücken überlegt, worunter bey hundert und vier steinerne sind. Dahero pflegen auch allda die Gassen viel säuberer, als oftmals anderswo die Privathäuser gehalten zu werden. Sie sind anbey mehrentheils lang, und auf beyden Seiten mit grossen Lindenbäumen besezt.

Ausser dem hat Leyden viele prächtige Häuser, so meistens von gebackenen Steinen mit schönen Erkern gebaut sind. Die Sparre, so von Harlem herkomt, fliest mitten durch den Rhein, und die dasige Luft ist anmuthig und leidlich.

Ferner sind allda zu sehen: Die grosse Kirche, zu St. Petri, als eine der vornehmsten und schönsten in Holland, so wohl gewölbt und sehr hell ist. Das Chor hat auf jeder Seite drey Reihen Pfeiler. Man zeigt ein Brod darinnen, welches soll zu Stein worden seyn, und zwar auf den Wunsch einer reichen Frauen, die ihre arme Schwester mit vielen Kindern in einer grossen Theurung, welche sie um ein Brod gebeten, abgewiesen, und gesagt habe: Wenn sie Brod hätte, so wolte sie, daß es zu Stein werde, welches auch geschehen. (…)

Sonderlich aber befindet sich die dasige medicinische Facultät in nicht geringer Aufnahme. Allhier muß ich eine Begebenheit anmerken, welche sich mit dem Prinzen Wilhelm dem III. von Oranien, und einem Bauren von Cattwiek allda begeben hat. Denn als besagter Prinz in seiner Jugend auf dasiger Universität studirte, so lies er sich von gedachtem Bauren für zwey Stüber Krabben geben, und hies ihn nachgehends, als er sein Geld forderte, mit diesen Worten sich fortpaken: Ik betael niet, ik ben de Prins; Worauf dieser dem Prinzen eine Maulschelle gab, er würde ihm auch noch weiter übel begegnet haben, wenn nicht eine gute alte Frau die zwey Stüver aus ihrem Sak hervor gelangt, und sie diesem groben Bauern gegeben hätte.

(*) Das Rheinland ist ein Theil von Südholland, welcher sich ober- und unterhalb Leyden in die Weite zwischen des Rheins beyden Ufern hinstrecket, anbey schön, eben, sehr lustig, und über die Massen fruchtbar ist. In derselben Gegend wird die beste holländische Butter gemacht, sie ist voller schöner Dörfer, welche ihrer Lage und schöner Gebäude wegen manchem Städtgen nichts nachgehen. Die vornehmsten darunter sind Rhinburg, Valkenburg, Caudekerk, Catwik, Nortwik, Sevenhuysen, u.a.m. Es kan sie ein neugieriger Reisender insgesamt in einem Tage ganz gemächlich besehen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Hume an der Donau: as it were in an opera

The Danube, 7th of April.

We have really made a very pleasant journey, or rather voyage, with good weather, sitting at our ease, and having a variety of scenes continually presented to us, and immediately shifted, as it were in an opera. The banks of the Danube are very wild and savage, and have a very different beauty from those of the Rhine; being commonly high scraggy precipices, covered all with firs. The water is sometimes so straitened betwixt these mountains, that this immense river is often not sixty foot broad. We have lain in and seen several very good towns in Bavaria and Austria, such as Strauburg, Passau, Lintz; but what is most remarkable is the great magnificence of some convents, particularly Moelk, where a set of lazy rascals of monks live in the most splendid misery of the world; for, generally speaking, their lives are as little to be envied as their persons are to be esteemed.
We enter Vienna in a few hours, and the country is here extremely agreeable; the fine plains of the Danube began about thirty miles above, and continued down, through Austria, Hungary, &c. till it falls into the Black Sea. The river is very magnificent. Thus we have finished a very agreeable journey of 860 miles (for so far is Vienna from the Hague) have past through many a prince’s territories, and have had more masters than many of these princes have subjects. Germany is undoubtedly a very fine country, full of industrious honest people; and were it united, it would be the greatest power that ever was in the world. The common people are here, almost every where, much better treated, and more at their ease, than in France; and are not very much inferior to the English, notwithstanding all the airs the latter give themselves. There are great advantages in travelling, and nothing serves more to remove prejudices; for I confess I had entertained no such advantageous idea of Germany; and it gives a man of humanity pleasure to see that so considerable a part of mankind as the Germans are in so tolerable a condition.

(David Hume)

Hume in Nijmegen: you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt

Nimeguen, 20th March.

We have come from Breda in two days, and lay last night at Bois-le-duc, which is situated in the midst of a lake, and is absolutely impregnable. That part of Brabant, through which we travelled, is not very fertile, and is full of sandy heaths. Nimeguen is in the Gueldre, the pleasantest province of the seven, perhaps of the seventeen. The land is beautifully divided into heights and plains, and is cut by the branches of the Rhine. Nimeguen has a very commanding prospect, and the country below it is particularly remarkable at present because of the innundation of the Wahal, a branch of the Rhine, which covers the whole fields for several leagues; and you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt during the inundations of the Nile. Nimeguen is a well-built town, not very strong, though surrounded with a great many works. Here we met our machines, which came hither by a shorter road from the Hague. They are a berline for the general and his company, and a chaise for the servants. We set out to-morrow, and pass by Cologne, Frankfort, and Ratisbon, till we meet with the Danube, and then we sail down that river for two hundred and fifty miles to Vienna.

(David Hume)

Delft

In Delft hielten wir uns eine geschlagene Stunde (längere Aufenthalte sind für Touristen offenbar nicht möglich) auf und wähnten uns dabei im Puppenstuben- bzw Märklinparadies. Womöglich diente Delft dereinst Schiedam, der ehemaligen holländischen Hölle, als nachbarschaftlich-antithetisches Vorbild. (Weil wir Schiedam nur perifer über die Literatur und von der Autobahn her kennen, muß es bei Mutmaßung bleiben.)

Bereits bei der Anfahrt auf Delft konfrontiert den Besucher ein unübersehbares Fänomen: über der Stadt schwang eine Himmelsglocke gefertigt aus delftschem Blau, einer nicht nur in Holland hochberühmten Farbe, die ihre euforisierende Substanz ausschüttete und sich dadurch von den trüben, wenn nicht gar falschen Himmelsfarben des restlichen Rheindeltas wohltuend abhob. Nicht nur das: bald hatte die Glocke uns ganz und gar absorbiert. Wie genau wir hineingeraten waren, wo wir parkten, was wir eigentlich vorhatten: all das ist uns nicht mehr erinnerlich. Dafür jedoch all jenes, was innerhalb der Glocke sich abspielte: kaum waren wir unter diese Glocke geraten, trafen wir, als sei ein Vorhang gefallen, auf ein grachtenliniertes Schmuckkästchen, das alte Delfter Zentrum, das zu betreten wir uns beinahe schämten, weil unsere Schritte sicherlich Abnutzungsspuren hinterlassen würden, dieweil das neuere und/oder zu erneuernde Delft, wo es sich an die Altstadt schmiegte, wirkte, und das sagen wir als Deutscher nun wirklich mit Beschämung, als sei es vor kurzem flächenbombardiert worden: eine klangintensive Großbaustelle mit relativ geringem Touristenaufkommen. Erstaunlicherweise rasten Tuk-Tuks durch diese Szenerie. Zuletzt hatten wir solche Vehikel in Thailand gesehen. Diese stammten jedoch aus Den Haag.

Doch zurück zur Delfter Altstadt: entlang der von Wasservögeln bevölkerten und wohl aus dem Rhein-Schie-Kanal zumindest teilweise gespeisten Grachten beschied sich ein Leben, das ausschließlich aus gesundem, wohldosierten Fahrradfahren, Caféterrassenbevölkern und beiläufigem Shopping zu bestehen schien. Trotz allen locker-flockigen Müßiggangs arbeiteten an diesem ewigen Sommersamstagnachmittag durchaus Menschen, die Servicekräfte nämlich, aber vielleicht, ein Fremder, zumal unter massivem Einfluß delftschen Blaus, muß nicht gleich sämtliche lokalen Bräuche auf Anhieb verstehen, waren das doch nur mit einem fantastischen Trick animierte Märklinfiguren, denn sie arbeiteten auf eine unglaublich entspannte Art und Weise, so, als könnten sie jederzeit mit ihren Gästen/Kunden die Rollen tauschen. Eine weitere angenehme Eigenart der Delfter Altstadt stellte das öffentliche Schlendern dar. Denn das Delfter Pflaster rollt unmerklich unter den Schuhsohlen der Touristen und Einwohner(darsteller?) ab und verkürzt auf diese Weise die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Und wer garnicht schlendern will, wird ganz sachte und langsam an der ganzen Pracht vorübergeschoben! Damit aber noch lange nicht genug der kommoden kleinen Wunder! Fantasieblättrige Bäume warfen federleichte Schatten über die teichrosenbedeckten Wasserflächen. Mindestens die Hälfte der angestammten Holländerinnen(darstellerinnen?) erfüllte das Weizenblondheitsgebot, überhaupt waren die zahlreichen Friseurläden gut besucht und von scherzhafter Atmosfäre erfüllt, als gäbe es zu der allenthalben gewählten, weil staatlich geförderten Blondierung die entsprechenden Witze gratis dazu. Gute Laune überall. Mit irren Details riefen selbst schlichte Wohnhausfassaden Frohsinn hervor. Alles schien zu quaken und zu sirren, mitten in der Stadt. Gerade hatte es noch gefehlt, da erklang Glockenspiel. Ein gepflasterter Markt, umstanden von mittelalterlichen Gebäuden, Schwindel beim Anblick der Oude Kerk: steht sie schief oder der Betrachter? Ist der Betrachter echt oder selber eine animierte Märklinfigur „Tourist“? Müßte er sich dann nicht leicht von uns beobachten lassen, von oberhalb der Tischhimmelsglocke aus delftschem Blau? Verstörende Fragen im Grunde, die wir angesichts der hübschen, ja beinahe schon niedlichen Umgebung keineswegs als lästig empfanden. Vielmehr luden sie ein, sie in einem der zahlreichen Cafés zu überdenken. Mechanisch genossen wir ein niederländisches Bier, lasen ein niederländisches Blatt, verspürten einen inneren Ruck, sprangen von der Caféterrasse auf ein Boot, das in Augenhöhe die Gracht durchmaß und würden wohl heute noch über Delfts Wasserwege tuckern, wären wir nicht plötzlich auf der Autobahn wieder zu uns gekommen. Eine denkwürdige Visite, während der unsere Kamera merkwürdigerweise komplett ausfiel. (Die Bilder, die zu Delft im Internet zu finden sind, stimmen jedoch hundertprozentig mit unseren Erinnerungen überein.)

Rotterdam (3)

ring rotterdam

Am Rotterdamer Autobahnring sind die Häfen 100 – 1000, sowie 1200 – 9900 beschildert, Ziffern, die weniger der realen Hafenbeckenanzahl entprechen dürften, als vielmehr dem Plan, die Becken systematisch zu numerieren. Die Hafenanlagen strecken sich (grob fahrlässig geschätzt) über 30 Kilometer von Rotterdam bis zur Nordsee, ein superlativisches Ausmaß für Europa, dieweil in Asien, vor allem in China, mittlerweile noch größere Häfen existieren.

rdam_containerrobotAchtung, Roboter! Vom Wegrand grüßt ein unbemannter Container-Ladekran. Die Container werden auf ebenfalls unbemannte Fahrzeugautomaten gehievt, die mithilfe von Magnetgittern im Bodenbelag durch die Geisterterminals zockeln.

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Überwuchert von Pfeilern und Gestängen verlieren wir die Orientierung und folgen doch strikt unserer Spur.

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Ein gute Orientierungsmarke: der Riesen-Hühnerkräuter-Gewürzstreuer des Verstegen-Gebäudes an der Ringautobahn.