Leyden

Es ist aber eine schöne, feste, grosse, wohlerbaute und volkreiche Stadt in der Graffschaft Holland, wie auch die Hauptstadt im Rheinland, (*) an dem alten Rheincanal. Ihren Anfang soll sie dem tapfern Römer Druso Germ. zu danken haben, ohngeachtet einige wollen, daß sie Hengst, der Angelsachsen Herzog, im Jahr 450. erbauet habe. Anbey ist sie mehr länglicht, als ganz rund erbauet. Ihre Mauern sind ganz von Ziegelsteinen, aber nicht hoch aufgeführt, darzwischen stehen viele Thürne, hinter welchen man die von Erde aufgeworfene Wälle, imgleichen die breiten tiefen mit Wasser angefüllten Gräben erblikt, welche mit einem Damm umgeben sind, worauf zwey Reihen grosser Bäume stehen, unter welchen zwischen zweyen Canälen ein überaus langes Malliespiel zu sehen ist. Obwohl im übrigen Leyden so ziemlich verwahrt ist, so hat es doch keine regelmäßige Festungswerker.

Ueberhaupt ist dieser Ort ohnstreitig eine der saubersten Städte in Holland, weswegen man ihn auch das Auge der holländischen Städte nennen kan, man mag nun desselben lustige und bequeme Lage, oder die Reinlichkeit der dasigen Gassen und die Schönheit der Gebäude, oder aber die grosse Menge der Einwohner und allerhand daselbst üblicher Künste und Handwerker in Betrachtung ziehen. Es steht auch diese Stadt fast in der Mitten der übrigen Städte. Denn sie liegt drey Meilen von Delft, viere von Harlem, Goude und Rotterdam, sieben von Amsterdam, Dortrecht und Utrecht, nur zweye aber vom Haag. Sie wird von vielen Canälen durchschnitten, so sie in ein und dreyßig Inseln abtheilen, und worauf man an unterschiedenen Orten mit kleinen Schiffen von einer zur andern fahren kan. Es sind dieselben zum wenigsten mit hundert fünf und vierzig Brücken überlegt, worunter bey hundert und vier steinerne sind. Dahero pflegen auch allda die Gassen viel säuberer, als oftmals anderswo die Privathäuser gehalten zu werden. Sie sind anbey mehrentheils lang, und auf beyden Seiten mit grossen Lindenbäumen besezt.

Ausser dem hat Leyden viele prächtige Häuser, so meistens von gebackenen Steinen mit schönen Erkern gebaut sind. Die Sparre, so von Harlem herkomt, fliest mitten durch den Rhein, und die dasige Luft ist anmuthig und leidlich.

Ferner sind allda zu sehen: Die grosse Kirche, zu St. Petri, als eine der vornehmsten und schönsten in Holland, so wohl gewölbt und sehr hell ist. Das Chor hat auf jeder Seite drey Reihen Pfeiler. Man zeigt ein Brod darinnen, welches soll zu Stein worden seyn, und zwar auf den Wunsch einer reichen Frauen, die ihre arme Schwester mit vielen Kindern in einer grossen Theurung, welche sie um ein Brod gebeten, abgewiesen, und gesagt habe: Wenn sie Brod hätte, so wolte sie, daß es zu Stein werde, welches auch geschehen. (…)

Sonderlich aber befindet sich die dasige medicinische Facultät in nicht geringer Aufnahme. Allhier muß ich eine Begebenheit anmerken, welche sich mit dem Prinzen Wilhelm dem III. von Oranien, und einem Bauren von Cattwiek allda begeben hat. Denn als besagter Prinz in seiner Jugend auf dasiger Universität studirte, so lies er sich von gedachtem Bauren für zwey Stüber Krabben geben, und hies ihn nachgehends, als er sein Geld forderte, mit diesen Worten sich fortpaken: Ik betael niet, ik ben de Prins; Worauf dieser dem Prinzen eine Maulschelle gab, er würde ihm auch noch weiter übel begegnet haben, wenn nicht eine gute alte Frau die zwey Stüver aus ihrem Sak hervor gelangt, und sie diesem groben Bauern gegeben hätte.

(*) Das Rheinland ist ein Theil von Südholland, welcher sich ober- und unterhalb Leyden in die Weite zwischen des Rheins beyden Ufern hinstrecket, anbey schön, eben, sehr lustig, und über die Massen fruchtbar ist. In derselben Gegend wird die beste holländische Butter gemacht, sie ist voller schöner Dörfer, welche ihrer Lage und schöner Gebäude wegen manchem Städtgen nichts nachgehen. Die vornehmsten darunter sind Rhinburg, Valkenburg, Caudekerk, Catwik, Nortwik, Sevenhuysen, u.a.m. Es kan sie ein neugieriger Reisender insgesamt in einem Tage ganz gemächlich besehen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Die alten Männer und der Rhein

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Menge und Art der Arzneimittelrückstände im Rhein und der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung: Wissenschaftler der TU Delft haben an 42 Stellen im Rhein die Konzentrationen von u.a. Beruhigungsmitteln und Antidepressiva gemessen, schreibt zum Jahreswechsel die niederländische Tageszeitung de Volkskrant. Dabei fanden die Forscher beispielsweise eine Verbindung zwischen dem Antiepileptikum Carbamazepin und der Anwesenheit von älteren Männern. In allen Fällen wurden in Gebieten, in denen viele ältere Menschen leben, höhere Drogenkonzentrationen im Rheinwasser nachgewiesen. Medikamentenrückstände gelangten über den Urin in den Fluß. Die gefundenen Ergebnisse müßten allerdings nicht zwingend demografische Hinweise enthalten. So sei das Beruhigungsmittel Oxazepam oft in Gegenden, in denen viele Mädchen unter 15 Jahren leben, aufgetreten, obgleich das Mittel fast nie an junge Frauen verschrieben würde. Schlußfolgerungen seien daher mit großer Vorsicht zu treffen, verlautete ein Forscher. Die Untersuchungsergebnisse sollen helfen, die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Gewässerverschmutzung zu verstehen, um Wasseraufbereitungsbetrieben die Möglichkeit zu geben, ihre Anlagen den Entwicklungsständen anzupassen. Flüsse könnten als eine Art Indikator für Wasserverschmutzung fungieren. Beinahe 40 Prozent des Trinkwassers in den Niederlanden stammt aus Flüssen. Zuvor hatte RIWA Maas, ein internationaler Dachverband von Wasserversorgungsunternehmen, die auf Maaswasser angewiesen sind, den Zusammenhang zwischen zunehmender Vergreisung und der Zunahme von Medikamenten im Trinkwasser entdeckt. Über mögliche Rückwirkungen des drogenhaltigen Rheinwassers auf die Lebensumstände von Menschen und Tierwelt wurde zunächst nichts bekannt.

Delft

In Delft hielten wir uns eine geschlagene Stunde (längere Aufenthalte sind für Touristen offenbar nicht möglich) auf und wähnten uns dabei im Puppenstuben- bzw Märklinparadies. Womöglich diente Delft dereinst Schiedam, der ehemaligen holländischen Hölle, als nachbarschaftlich-antithetisches Vorbild. (Weil wir Schiedam nur perifer über die Literatur und von der Autobahn her kennen, muß es bei Mutmaßung bleiben.)

Bereits bei der Anfahrt auf Delft konfrontiert den Besucher ein unübersehbares Fänomen: über der Stadt schwang eine Himmelsglocke gefertigt aus delftschem Blau, einer nicht nur in Holland hochberühmten Farbe, die ihre euforisierende Substanz ausschüttete und sich dadurch von den trüben, wenn nicht gar falschen Himmelsfarben des restlichen Rheindeltas wohltuend abhob. Nicht nur das: bald hatte die Glocke uns ganz und gar absorbiert. Wie genau wir hineingeraten waren, wo wir parkten, was wir eigentlich vorhatten: all das ist uns nicht mehr erinnerlich. Dafür jedoch all jenes, was innerhalb der Glocke sich abspielte: kaum waren wir unter diese Glocke geraten, trafen wir, als sei ein Vorhang gefallen, auf ein grachtenliniertes Schmuckkästchen, das alte Delfter Zentrum, das zu betreten wir uns beinahe schämten, weil unsere Schritte sicherlich Abnutzungsspuren hinterlassen würden, dieweil das neuere und/oder zu erneuernde Delft, wo es sich an die Altstadt schmiegte, wirkte, und das sagen wir als Deutscher nun wirklich mit Beschämung, als sei es vor kurzem flächenbombardiert worden: eine klangintensive Großbaustelle mit relativ geringem Touristenaufkommen. Erstaunlicherweise rasten Tuk-Tuks durch diese Szenerie. Zuletzt hatten wir solche Vehikel in Thailand gesehen. Diese stammten jedoch aus Den Haag.

Doch zurück zur Delfter Altstadt: entlang der von Wasservögeln bevölkerten und wohl aus dem Rhein-Schie-Kanal zumindest teilweise gespeisten Grachten beschied sich ein Leben, das ausschließlich aus gesundem, wohldosierten Fahrradfahren, Caféterrassenbevölkern und beiläufigem Shopping zu bestehen schien. Trotz allen locker-flockigen Müßiggangs arbeiteten an diesem ewigen Sommersamstagnachmittag durchaus Menschen, die Servicekräfte nämlich, aber vielleicht, ein Fremder, zumal unter massivem Einfluß delftschen Blaus, muß nicht gleich sämtliche lokalen Bräuche auf Anhieb verstehen, waren das doch nur mit einem fantastischen Trick animierte Märklinfiguren, denn sie arbeiteten auf eine unglaublich entspannte Art und Weise, so, als könnten sie jederzeit mit ihren Gästen/Kunden die Rollen tauschen. Eine weitere angenehme Eigenart der Delfter Altstadt stellte das öffentliche Schlendern dar. Denn das Delfter Pflaster rollt unmerklich unter den Schuhsohlen der Touristen und Einwohner(darsteller?) ab und verkürzt auf diese Weise die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Und wer garnicht schlendern will, wird ganz sachte und langsam an der ganzen Pracht vorübergeschoben! Damit aber noch lange nicht genug der kommoden kleinen Wunder! Fantasieblättrige Bäume warfen federleichte Schatten über die teichrosenbedeckten Wasserflächen. Mindestens die Hälfte der angestammten Holländerinnen(darstellerinnen?) erfüllte das Weizenblondheitsgebot, überhaupt waren die zahlreichen Friseurläden gut besucht und von scherzhafter Atmosfäre erfüllt, als gäbe es zu der allenthalben gewählten, weil staatlich geförderten Blondierung die entsprechenden Witze gratis dazu. Gute Laune überall. Mit irren Details riefen selbst schlichte Wohnhausfassaden Frohsinn hervor. Alles schien zu quaken und zu sirren, mitten in der Stadt. Gerade hatte es noch gefehlt, da erklang Glockenspiel. Ein gepflasterter Markt, umstanden von mittelalterlichen Gebäuden, Schwindel beim Anblick der Oude Kerk: steht sie schief oder der Betrachter? Ist der Betrachter echt oder selber eine animierte Märklinfigur „Tourist“? Müßte er sich dann nicht leicht von uns beobachten lassen, von oberhalb der Tischhimmelsglocke aus delftschem Blau? Verstörende Fragen im Grunde, die wir angesichts der hübschen, ja beinahe schon niedlichen Umgebung keineswegs als lästig empfanden. Vielmehr luden sie ein, sie in einem der zahlreichen Cafés zu überdenken. Mechanisch genossen wir ein niederländisches Bier, lasen ein niederländisches Blatt, verspürten einen inneren Ruck, sprangen von der Caféterrasse auf ein Boot, das in Augenhöhe die Gracht durchmaß und würden wohl heute noch über Delfts Wasserwege tuckern, wären wir nicht plötzlich auf der Autobahn wieder zu uns gekommen. Eine denkwürdige Visite, während der unsere Kamera merkwürdigerweise komplett ausfiel. (Die Bilder, die zu Delft im Internet zu finden sind, stimmen jedoch hundertprozentig mit unseren Erinnerungen überein.)