Das Schiff, das nicht mehr da ist

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Wiesen und Auen als leise wogende Fläche: wie der Fluss, der sie durch­strömt – hier, wo der Rhein an Fahrt verliert und an Breite gewinnt, bei Überschwemmung zum See gerät und die Landstraße schluckt, einen Weg, der abbricht im nassen Nichts…
Hier säumen im Sommer Weiden die Ufer, deren Zweige Wasser nippen und Schafe fluten als lebender Teppich die grasigen Böden… Hier am nördlichen Niederrhein lag es einst: ein gestrandetes Relikt, weltversetzt, als hätte das Meer selbst es bei einer frühen Sturmflut zurückgelassen – ein Schiff, das rostige Schiff bei Rheinberg, damals inmitten grüner Ozeane…

Heute finden wir nichts mehr davon, keine Spur – allein im Gedächtnis, das diese Schönwettergeschichten fortspinnt: diese kleinen Ausritte zu siebt im 2CV mit Punk-Musik (Dead Kennedys und Tote Hosen sogar), die blanken Füsse aus dem offenen Verdeck gereckt, der Sonne entgegen… Und dann über diese Schafswiesen hin zum verzauberten Kahn, der Namenloses flüstert: lyrische Prosa von Pira­ten- und Schmuggelaktionen, Rheinromantisches, Weltkriegsthriller… Darauf rumkrabbeln… Späte Abenteuerträume ausleben, sie anschließend mit Pernod und Purpfeifen kühlen und verschwinden machen…

Einmal verstauchte ich mir den Fuß, humpelte zurück durch die blökenden Wollknäuel – zugleich vom Haschisch tierisch mitgenommen, musste geschlagene zwei Stunden im Auto ausharren: zu mir kommen, während die andern sich in der Kneipe vergnügten. Das war auch so ein Ende dieser Geschichte, physischer Schlusspunkt, spät-pubertäre Ausrufe- oder Fragezeichen?

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Das Schiff, das nicht mehr da ist ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.