Spaltet das Flussland

biesbosch_1Vieles ließe sich sagen zum wirklich letzten Treffpunkt von Waal und Maas, wenn dort auch mittlerweile als Merwede und Amer durch die Gefilde ziehend. Zum Beispiel, dass dieses wässrige Gebiet namens Biesbosch – größtenteils in Noord-Brabant, der Gemeinde Werkendam zugehörend, teilweise auch in Zuid-Holland, innerhalb des Areals der Stadt Dordrecht – 2016 zum viertbeliebtesten Naturgebiet der Niederländer gekürt wurde.
Nur, was soll ich mir da noch den Kopf zerbrechen, mich abrackern, wenn es schon jenes eine Gedicht gibt, in dem Natur, Geografie, Geschichte und Phantasie bündig und verspielt ineinander haken, und zwar das Schlussgedicht von oever drinkt oever, dem zuletzt erschienenen Gedichtband von B. Zwaal (2013):biesbosch_2

spaltet das flußland
der stromschnitt liegt in vollem treiben

werder trugen die weiden
stakten ihre gewässer voran

lastfüße beholzschuhten den fährensteig
asteten sich mit jahrhunderten durch fuhren ab

feuermünder crossten die amer
landeten auf lacrimaestätte

kahne besamen ihre ladungen
häfen dröhnen transito

ufer trinkt ufer
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Ich wüsste kaum, was dem noch hinzuzufügen wäre, außer vielleicht, dass die Bilder hier letzten Herbst aufgenommen wurden, als wenig Menschen da waren. Im Sommer sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt sich der von winterlichen Straßenarbeitern nahe des Biesboschmuseums vorbereitete Fremdenverkehr in
biesbosch_4großem Stil dem Genuss hin, einem Großteil der Niederlande nahezukommen, wie der hätte aussehen können, hätte es nie die Kunst der Polder gegeben, die jetzt mit ihrem Agrarland den Biesbosch so gut wie bedrängen. So ist er eine üppig grüne Reminiszenz, ein fröhliches Herumplätschern in der Geschichte, wo drum herum tüchtig gearbeitet wird mit den modernsten Geräten. Die Leute aber sind freundlich, und ihre Brücken zierlich und kunstvoll.
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Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein die niederländischen Rheinverzweigungen, diesmal mit einem Gedicht B. Zwaals vor Augen das Naturschutzgebiet Biesbosch.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.