Rüdesheim (2)

dose_seilbahn bei rüdesheim_klSeilbahnschatten kupiert Rebstöcke

dose_drosselgass_klSteinbierkrüge in der Drosselgass (Fotos: Dose)

Fußballspielen untersagt

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Fußball hier, Fußball da, selbst in der Winterpause und natürlich auch am Rhein. Vor zwei Tagen legte das Coming-out von Thomas Hitzlsperger streckenweise den Server der ZEIT lahm. Neben tausenden Respektsbekundungen für Hitzlspergers Schritt waren einigen Stimmen, u.a. aus dem DFB, auch Sorgen zu entnehmen, daß aktive Spitzenspieler bis heute diesen Schritt nicht vollziehen könnten, ohne Schaden davonzutragen. Hitzlspergers Coming-out wurde in Presse und Kommentaren beinahe durchgehend als Präzedenzfall behandelt. Tatsächlich hatte bereits im Jahre 1990 ein aktiver Spitzenfußballer, der Brite Justin Fashanu, sich in der Presse als homosexuell geoutet. Seine Lebensgeschichte, Fashanu schied 1998 aus der Welt, besitzt tragische Ausmaße. Bereits sechs Jahre vor Fashanus Tod, wurde, außerhalb des DFB, in Köln das Cream-Team-Cologne gegründet, eine schwule Fußballmannschaft, die in der Bunten Liga spielt und zahlreiche, auch internationale Erfolge vorzuweisen hat. Der Spitzenfußball bei den Frauen kennt namhafte homosexuelle Protagonistinnen. Der Fußball als Spiegel und manchmal auch Motor der Gesellschaft entwickelt seine eigenen Parallelwelten, ähnlich dem richtigen Leben, in das er für Milliarden Menschen eingebunden ist. Bisweilen, und sei es wegen eines Coming-outs, scheint der Fußball omnipräsent und alltagsbeherrschend, doch bleibt bis heute in nicht wenigen Nischen “Fußballspielen untersagt”, wie in dieser grauen Ecke Düsseldorf-Bilks (Foto und Detail: Dose). Das Verbot mag in seinen besten Tagen das Grau der Ecke tapfer um absolute Ballleere ergänzt haben, heute liegt es in ein wildes Dribbling mit gleich zwei Bällen integriert. Der renitente Dribbler, über dessen sexuelle Ausrichtung spekuliert werden darf, stürmt seit ca anderthalb Jahren in Richtung Rhein und trägt deutliche Anzeichen eines Werks von Harald Naegeli, von dem seit Ende der 90er Jahre kaum mehr etwas zu hören war.

Rheinisches Silvester

Mit Wilden am Rhein entlang wie Humboldt einst am Orinoco: dafür garantiert die Deutsche Bahn. Die Silvesterstrecke Köln-Düsseldorf übernommen von weißgewandeten Partyjüngern aus den umliegenden Dörfern. Die pärchenweise, mit Billigsektresten bewehrt, ab auf die Bordtoilette. (Bei dem Pulver, das die innehatten, hamsese wahrscheinlich sauber geleckt.) Was man halt so tut, im Zug, wenn er in Form und Inhalt einer Sardinenbüchse nacheifert. Ddorf selbst grüßt mit leichtem Schneegestöber und den alten Kumpanen, in gemischter Erinnerung ans ewige Leben kommt fetziger Fasan mit Proseccokraut im Punkrock aufs Eßbrett, beim Bleigießen ergeben sich nur komische Keulen, da spart man sich lieber die Feininterpretation. Parallelgeschaltet läuft Karaoke nur mit den besten Slime-Krachern, todsichere Anwendung, um ein verwehendes Jahr endgültig in die Tonne zu kloppen. Am Friedensplätzchen dann sinnigerweise Raketenwerfer und Böllerinferno, Doses Raketen verzischen in der Erdumlaufbahn, überhaupt böse abgeschossen der ganze Himmel, als könnt ausgerechnet er was dafür, daß es immer weitergehen muß. Gemeinschaftliches Vernichten des Edelgins, dazwischen paßt ein durchaus champagnerartigen Glanz abstrahlender Schaumwein, die Nacht wird blasenförmiger und verteilt sich vorbildlich um in ihre einzelnen Aspekte, was ham wir nicht wieder alles geredet, ja, was eigentlich? Draußen wird es ruhiger, die Stadt gönnt der Nacht wie letztes Jahr genau jene Zeit, die sie braucht, um alles so zusammenzusetzen, daß es am andern Morgen wiedererkennbar wirkt. (Hat sie denn auch blendend hingekriegt.) Der Neujahrsschnee kommt wie bestellt, der Rheinturm bietet weiterhin die Möglichkeit zur Simulation freien Falls mit seinen wahnsinnsauslösenden Aussichtsfensterschrägen, direkt hinterm Stadttor schwillt der schwere graue Rhein hervor, zieht mächtig gen Holland, scheint etwas verkatert, spricht jedenfalls kein einziges freundliches Wort. Die fantastische Promenade entlang, gegen die sich die Linke damals so gewehrt hat, am allerschönsten sind ihre noch unvertwitterten Stellen, “Und wir schunkeln!” steht am Haus des Karnevals, ein Motto, das den geneigten Anwender sicher problemlos durch 2010 tragen wird, nicht nur in Düsseldorf. Bolkern über die Bolker, Referenzerweisen am Heinehaus, eine frierende Bettlerin, von Schickeria umgeben, das Bild hält lange vor, weil es kein Bild ist, sondern beschissene rheinische Realität. Der Hauptbahnhof wartet im Glitzerhemd, die Züge sind teurer geworden, dafür kommen sie gleich erheblich verspätet. Schneelandschaft im Halbdämmer. (In den Alpen vergißt man so leicht, daß es Städte wie Leverkusen überhaupt gibt.)

Der Düsseldorfer Lyrikleser

In den frühen 90ern hatte ich in Düsseldorf eine Band namens Schweinebraten. Gespielt haben wir nur einmal, unplugged, obgleich unser Konzept auf elektrisch verstärktes Grundrauschen angelegt war. Wir behielten die Klamotten an, obwohl das ausgeklügelte Konzept eigentlich Nacktauftritte vorsah und wir rockten nur ein zwei Minuten, indem wir einen Präpunkklassiker von The Troggs coverten – vorgesehen waren ursprünglich neutönerische Eigenkompositionen von mindestens einer LP-Seitenlänge Dauer. Immerhin, wir hatten einen fantastischen Bandnamen, um den wir bis heute im gesamten Rheinland beneidet werden. Mit einem der Bandmitglieder, Dan „Don“ Dose rauschte ich jüngst an Silvester durch die tiefgefrorene Düsseldorfer Nacht, zuvor hatten wir in Erinnerung an alte Tage einige Cocktails in Bier gelöst, die Cocktails waren von einer Fernsehmoderatorin mit Kußmund und nach Augenmaß gemischt worden und alles, was der geneigte Leser sich unter einer solchen Aussage vorstellen mag, trifft zu. Drinnen schoß man mit Silvesterraketen, draußen hatte es ca. zweistellige Minusgrade, Eiswind langte in die kaum beleuchteten Bilker Straßen und griff an entblößte Nacken, an dunklen Kreuzungen warteten noch dunklere Würgeengel um ein frohes neues Jahr zu wünschen. Alle Straßenschilder tauschten in dieser Nacht heimlich ihre Positionen oder versteckten sich hinterm schwarzen Spiegel der dümpelnden Düssel, der Weg weitete sich, das Pflaster unter unseren Füßen verweigerte uns seine Bettstatt, es wollte uns leiden statt liegen sehen. So zogen wir durch Raum und Zeit und ignorierten nach Möglichkeit das empörte Grunzen der am Wegesrand geparkten Autos, die, von unserer Rede aufgestört, ihre Reviere zu verteidigen trachteten. Allein der ausgeschwitzte Alkoholfilm auf der Haut und der ganze Rindertalg in unseren Gesichtern verhinderten den sicheren Tod, denn Alkohol und Talg tarnten uns, wir waren als Menschen nicht mehr erkennbar. Woher der Talg kam – fragt mich nicht! Es kam auch der Morgen, über uns spreizte sich lasziv das berühmte Stadttor, Glas und Stahl knirschten in unseren Schädeln, und ich erinnerte mich vage an einen Auftritt in der Staatskanzlei, in der obersten Etage des Gebäudes, während dem ich den Rhein, auf lyrische Weise, als Würstchen tituliert hatte. Der aber schien sich glücklicherweise nicht zu erinnern und zog wenige Meter von uns entfernt in üblicher Manier durch seine Kurven. Auf der Uferpromenade kam uns aus der Morgensonne ein Mann in schulterhohem Stechschritt entgegen, seine präzise formschöne Bahn visierte er über einen imaginären Faden, den er mit nackten Händen vor sein Gesicht hielt, aus Augenhöhlen, die einen rußgefärbten Tunnel ins Garnichts verhießen. Dieser wirrhaarige Mann, dem wir begegneten, war der berühmte ewige Lyrikleser, der zwischen den Jahren bisweilen am Rhein auftaucht, immer dann, wenn es ihm gelingt, sich mithilfe der Bewußtseinsdroge LSD manifest zu machen. Häufig hatten wir vergeblich nach ihm gesucht, nun bestätigte sich das alte Sprichwort, daß sich alles von selbst findet. Wir fanden kurz darauf auch die gesamte Stadt, einschließlich Bilks, wieder in geordnetem Zustand vor, und am Telefon erzählte uns Costa „Quanta“ Costa, ein weiteres Schweinebraten-Gründungsmitglied, gewohnt lakonisch sein vorweggenommenes Jahresfazit: daß heuer nämlich die 69er Jahrgänge mal schön 40 würden.