Presserückschau (November 2013)

Nach einem (für die Jahreszeit ungewöhnlichen) Flautemonat spülte der November nun wieder zahlreiche hübsche Pressemeldungen von den Rheingestaden ins Netz. Unsere Auswahl, heute aus bosporidischer, dem Rhein durchaus verschwisterter Ferne zusammengestellt:

1
Dem Windsurfing auf dem Rhein in der Mittelheimer Bucht widmet die FAZ eine Reportage: “Der Wind muss aus Südwest kommen. Nur dann bläst er genau entgegengesetzt zur Fließrichtung des Stroms. Nur dann bilden sich die richtigen Wellen mit Schaumkrönchen, die bis zu einem Meter hoch werden. Und nur dann können die Windsurfer den Rhein kreuzen, ohne an Höhe zu verlieren. Von Oestrich nach Ingelheim und zurück, immer und immer wieder, am liebsten den ganzen Tag.”

2
Ebenfalls die FAZ begleitet die Vorarbeiten zur möglichen Wiederaufnahme der Erdölförderung am Rhein: “Ein Hauch von Denver und Dallas weht durch Südhessen: Nach rund 20 Jahren Pause könnte eine Erdölquelle in der Region wieder sprudeln. Eine Probebohrung der Firma Rhein Petroleum GmbH auf einem früheren Erdölfeld bei Riedstadt-Crumstadt im Süden des Landes sei erfolgreich gewesen, teilte das Heidelberger Unternehmen am Donnerstag mit.”

3
Eine schöne Nachricht, die keine ist und obendrein veraltet, verbreitet Die Welt: “Auf dem Deck eines Rheindampfers bei Koblenz stand der Honda S500 bei seinem ersten Deutschland-Besuch im August 1963. In leuchtendem Rot und mit geöffnetem Verdeck, sodass jeder sehen konnte, dass der japanische Roadster sein Lenkrad ausnahmsweise auf der linken Seite hatte. Das war Teil der perfekt inszenierten Werbeveranstaltung, an der sogar Soichiro Honda, der Gründer des Unternehmens, teilnahm. (…) Den Preis für den Roadster gab Honda anfangs noch nicht bekannt. Stattdessen platzierte das Unternehmen eine Werbung als Quiz. Die Japaner sollten den Kaufpreis des S500 erraten. Mehr als fünf Millionen Preisvorschläge wurden gezählt, am häufigsten die Summe von 485.000 Yen. Nach dem aktuellen Kurs wären das 3650 Euro. Kurz darauf nannte Honda den tatsächlichen Preis: Der Zweisitzer sollte 459.000 Yen kosten. Möglicherweise wollte die Marketingabteilung mit diesem Quiz nur herausfinden, was die Bevölkerung bereit gewesen wäre, für ein Auto von Honda auszugeben. Trotz der eindrucksvollen Präsentation auf dem Rheindampfer wurde der Roadster nie auf dem deutschen Markt angeboten. Es sollte noch vier weitere Jahre dauern, bis mit dem S800, einer Weiterentwicklung des S500, der erste Honda in Deutschland verkauft wurde.”

4
Von hochrangigen Barbaren unter dem Industriepark von Obernai im Elsaß berichtet Der Spiegel in einem Wissenschaftsartikel mit Grabungsleiter Clément Féliu: “Im frühen 5. Jahrhundert war die Völkerwanderungszeit im vollen Gange. Ganze Völker und Stämme verließen ihre Heimat und zogen in neue Gebiete – was bekanntermaßen nicht immer friedlich ablief. Um die Grenzen zu sichern, holten die Römer oft Hilfe vom einen Ende des Reiches ans andere. “Es handelt sich bei den Toten aus Obernai vielleicht um eine kleine Gruppe östlicher Barbaren, die von den Römern hierher geholt wurden, um den Limes zu bewachen.(…) Es ist jedenfalls das erste Mal, dass wir einen ganzen Friedhof von Sarmaten, Alanen oder Hunnen im Elsass gefunden haben.”"

5
Daß der erste Eindruck des Rheins an vielen Stellen vor allem ein lauter ist, bestätigt (abermals) die FAZ: “Täglich passieren rechtsrheinisch 180 bis 200 Güterzüge innerhalb von 24 Stunden das Mittelrheintal, linksrheinisch sind es 70 Güterzüge. Der Dauerschallpegel liegt nach Messungen des hessischen Umweltministeriums in der Nacht bei fast 80 Dezibel.” Der Bund, die angrenzenden Länder und einige Bürgerinitiativen wollen dem nun mit einer Untersuchung, wie der Lärm zu reduzieren sei, entgegenwirken, nachdem die Kanzlerin im Zuge des Wahlkampfs geäußert hatte, daß “man da etwas machen müsse”.

6
“Das Herz der deutschen Wirtschaft schlägt am Rhein”, meint der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD). Daß mehr Güterverkehr auf den Rhein umgelegt werden soll, darüber sind sich die vier deutschen Rhein-Bundesländer einig: “Ein Binnenschiff könne immerhin 150 Lkw-Ladungen befördern. Der technische Zustand der Infrastruktur in Deutschland mit seinen Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetzen sei besorgniserregend (…). Die zusammen mit Bayern erarbeitete “Düsseldorfer Liste” enthält 36 Schlüsselprojekte – davon zehn Ausbauprojekte an Wasserstraßen sowie je 13 zentrale Verbindungsprojekte zu Häfen über Schiene und Straßen. Auf der Liste stehe unter anderem der Ausbau einiger Schiffschleusen mit einer zweiten Kammer, die Erneuerung und Verlängerung der Neckarschleusen und die Vertiefung des Rheins, damit er an einigen Stellen auch bei niedrigem Wasserstand befahren werden kann. Im Bereich der Straßenprojekte sei etwa die Rheinquerung Wörth-Karlsruhe aufgenommen worden, die Erneuerung der Hochstraße in Ludwigshafen und die Erweiterung der Biewerbachtalbrücke an der A 64 bei Trier (…).” (SWR)

7
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. So berichtet der Remscheider General-Anzeiger bereits jetzt über die Ankunft der “Seherin vom Rhein” Lilo von Kiesenwetter in Remscheid, die für Anfang Januar geplant ist: “Am 2. Januar (…) kommt die Wahrsagerin in voller Montur (…) ins (Allee-)Center: Drei Tage lang residiert sie in einem Zelt neben der Rolltreppe – und wird von ihrem goldenen Thron aus den Remscheidern die Zukunft vorhersagen.”

8
Das Bornheimer Rheinufer droht abzustürzen, meldet der Kölner Stadt-Anzeiger: “Auf einer Länge von zwei Kilometern ist in Bornheim der Rheinuferhang nicht sicher. In einem Treffen mit der Bezirksregierung und Vertretern des Rhein-Sieg-Kreises wurden der Bornheimer Stadtverwaltung sofortige Maßnahmen vorgeschlagen, um das Risiko für Fußgänger und Anwohner des Rheinufers zwischen Rheinuferweg und Rheinterrassen zu minimieren. Bereits veranlasst wurde eine Sperrung des Leinpfads zwischen der Böschung und dem Ufer selbst.”

40 Tage nach „Y“

Hinten in der S-Bahn eine Frauenstimme,
laut, erregt und mit stämmig-tomatigem Klang:
“Ich bin sauer…vor Jahren…ganze Schweinerei…”
offenbar in ein Mobiltelephon
(da nur ihr Monologanteil vernehmbar).

Himmel eisheilig,
sein Grau frischer als die matten
Stahl- und Glasfassaden der Bürotürme.

Ansonsten das seit zwei, drei Jahren
üblich gewordene Bild:
acht von zehn Passagieren tippen
beidhändig in ihre
handtellergroßen Kommunikationsgeräteplatten
mit Glattberührungsoberfläche.

Weiter mit der Straßenbahn.
Worringer Platz; ein Hochglanzaufkleber
auf dem Müllbehälter: “Pfand gehört daneben”.
Kölner Ecke Börnestr.; ein Daimler Benz Coupe
wie Bobby Ewing vor 30 Jahren eines in Dallas fuhr,
statt rot allerdings in silbergrau.

Pempelforter Ecke Wehrhahn.
Gelbe Kunststoffzäune mit warnblinkfähigem Gelämp,
dahinter drahtige Baustellenzäune übermannhoch,
Betonwände metertief in die Straßengrube eingegossen,
LKWs und Kräne.

Unweit des nahen Brauereiausschanks
ein Ladenlokal mit Bistro oder ähnlichem darin.
“Das war früher eine feine Kneipe“, lässt sie wissen,
“da saßen wir mittags in Anzug und Kostüm zum
Pausenbier.”
(Im Wochenblatt steht, dass in Alt-Erkrath, dem Nachbarstädtchen,
die nach der Post benannte Wirtschaft endgültig geschlossen habe –
Traditionslokal seit Jahrzehnten.
Das strenggestrenge über alle Stränge allzu enge Totalrauchverbot
In Räumen mag der vorletzte Sargnagel gewesen sein, der letzte
wohl die in Kürze beginnende erkennbar überflüssig zu nennende
Erneuerung des Fußgängerzonenpflasters – praktisch das Ende der
Außengastronomie.)

712 Richtung Ratingen.
“Baschelll…” murmelt seine Phonetik…
“gibt’s immer noch”, ergänzt sie;
alteingesessene Düsseldorfer Druckerei an der Grafenberger Allee.

Immer schön, die griechische Fahne in Europa
wehen zu sehen.

Im Erdgeschoss des Konsulatsgebäudes
eine Arztpraxis für Hämatologie.
In deren Empfangsbereich in einer Blumenvase
drei rote Rosen und zwei weiße Nelken –
Symbol vielleicht für das gesunde Mischverhältnis
der Blutkörperchen.
Spontaner Gedanke:
Die Werte der Leber sind nicht immer die der Gesellschaft.

Hier soll nur eine Unterlage für jemanden abgeholt werden.
Stattdessen dauert es, Patientenschlange vorm Anmeldetresen.
Neue PCs werden installiert, ein Computermann starrt emsig auf
einen Bildschirm, ein weiterer Techniker fuhrwerkt am Drucker.
“1969″, sagt hinten in der Schlange
ein Wartender zu einer Wartenden, “war bei den
Banken noch ein menschlicheres Arbeiten. Es wurde miteinander
gesprochen. Heute glotzt jeder nur in sein Gerät.”
Vorne ähnliche Befunde:
“Mit dieser Maus kann ich nicht arbeiten. Diese Maus macht mich rasend“,
lüftet die Sprechstundenhilfe ihre Seele,
angespannt auf einen Flachbildschirm stierend.

Zurück in der Bahn, junge Mutter mit Kinderwagen,
gepflegtes Äußeres, schämt sich beim Lächeln nicht
ihrer Zahnlücke.
So weit sind die Zeiten also schon, mag manch einer denken.
So weit sind die Zeiten schon wieder, denkt vielleicht ein Älterer.

Vermehrt Goldankaufläden.
Bruch- / Zahn- / Alt-gold. Neueröffnung.

Gleichviel, ob Bekleidungsdiscounter oder Markengeschäft,
das Etikett in den Stoffen schreibt überwiegend „Made in Bang!!! La Desh“.

Vor rund 40 Tagen schrieb der Dichter GrIngo Lahr:
“Y-Stelen.
Einst 1000 Füße. Wie einsame Zahnruinen in einem zahnlosen Kiefer, umgeben von
Schutthügeln aus Beton und verbogenem Stahl,
dahinter emblemloses Dreischeibenhaus & blauer Himmel
TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK…
Gewaltiger Kran mit fünfgliedrigem Langarm. Abbruch/Hauer/Hammer,
im ganzen Viertel hör- & spürbar, zerstückelt die Leiche der Autobrücke.
Ein zweiter Aasfresser von der anderen Seite, Großkran, vier- oder fünfgliedriger Arm
Mit schlangenartigem Greifgebiss: „RRRffRRRffRRRff“. Plopp plopp Staub.
Hämmern und Fräsen um die Wette an beiden Seiten des Torso.” [***]

Knapp 40 Tage später statt Schuttbergen nun ein Saugbagger.
Ein Fahrzeug, ähnlich der Form von Wasserwerfern der Polizei bei Krawallen,
statt grün (künftig blau) hier jedoch in orange und mit umgekehrter Funktion.

Kräne von Bill Finger, lieber Herr und Woll! Wo?
Motto der Abbruchfirma, sie schaffe Platz für Neues.
Bahnschwellen, älter wohl als die 1960er/70er Jahre
aus dem Erdreich geborgen und sorgsam aufgestapelt.
Ein Kranbohrgerät bearbeitet einen neuen Kanaleingang:
!wie-wieCH wie-wieCH wie-wieCHCH…”

Vor Schaufenstern zigarettenrauchende Damen.
Bis vor zwei Wochen durften sie das noch im Cafe
auf Stühlen an Tischen sitzend,
hinter Glas zwar, wie im Terrarium
(aber damit waren Raucher wie Nichtraucher einverstanden gewesen).
Seit 14 Tagen würden die Damen sich illegal verhalten,
folgten sie weiterhin ihren bürgerlichen Gewohnheiten,
zum Kaffee zu rauchen.
Ihr Menschlich-Sein wurde quasi über Nacht kriminalisiert.

Historische oder apokalyptische Vergleiche seien hier,
die political correctness zweckhalber zum Stilmittel umbiegend,
schlicht verschwiegen, aber ist es nicht George Orwell,
der da aus dem Jenseits murmelt:
“Kommt`s noch so weit, dass Steuern auf die Atemluft erhoben werden?”

© GrIngo Lahr 15.05.2013

[***] Quelle: Literatur-Flyer „Lit-Single“, © GrIngo Lahr, vom 07.04.2013 (Titel „Y“), Wuppertal 2013

Seit 1993, seit nunmehr 20 Jahren bringt GrIngo Lahr seine Lit-Singles betitelten Literatur-Flyer “zur privaten Zirkulation im Freundeskreis und in der literarischen Fachöffentlichkeit” unter die Leute. 40 Tage nach Y ist ein literarischer Streifzug durch Düsseldorf, der an Lahrs im Text zitierte Lit-Single “Y” anschließt und exklusiv für rheinsein entstand. Die Y-Stelen meinen die Träger des vor wenigen Monaten abgerissenen “Tausendfüßlers”, einer ehemaligen Hochtrasse, seinerzeit eines der architektonischen Wahrzeichen der Stadt. rheinsein dankt GrIngo Lahr für den Text und für seine Meldung nach all den Jahren!