Der Jodler zu Flingern

Es geht die Sage von einem Jodler in Flingern, einem Stadtteil von Düsseldorf, um. Es fehlen ihm die Berge hier und deshalb muss er jodeln.
Es heißt, dass er wohl Hermann heiße, doch so genau weiß das wohl keiner. Manchen hier ist sein Treiben gar zu bunt und es gibt einige, die finden das eher peinlich.
So wird er der Jodler von Flingern genannt. Ein jeder, der ihn gehört und gesehen hat, der weiß wohl, wer gemeint ist.
Sein Jodeln habe ich lange nicht mehr vernommen, wahrscheinlich hat er in den Alpen seine neue Heimat gefunden.
Denn dort ist das Jodeln keine Seltenheit und dort nennt man ihn nur Hermann und er ist unter Freunden.
So jodelt er nun mit anderen Jodlern in den Tag hinein und das ist dort ein feiner und angesehner Beruf, so macht es die Runde.

(Ein Gastbeitrag von Costa “Quanta” Costa, der unter Grund Stücke in Anlehnung an Marcel Prousts A la recherche du temps perdu einerseits und an HipHop-Rhythmen andererseits im Netz einen von zahlreichen Skurrilitäten illustrierten Fortsetzungsroman über das Leben von Hartz IV-Empfängern betreibt.
Die harmlose, aber bezeichnende Sage vom kulturell entwurzelten Jodler zu Flingern wiederum, gehen Gerüchte, beruht auf realen Ereignissen, die noch nicht genauer erforscht sind. Aus Düsseldorf hörten wir Stimmen, die behaupten, es habe in Flingern einst nicht nur einen Jodler gegeben, der seiner Leidenschaft auf der Straße nachging, sondern vielmehr, mit der Zeit, eine ganze Jodelgang, die sich um die sagenhafte Gestalt des Hermann gruppierte. Demnach handelte es sich bei den Jodlern um Erwerbslose, welche ihrer Freizeit einen Sinn geben und wohl auch auf für Flinger Verhältnisse ungewöhnliche Weise auf sich aufmerksam machen wollten. rheinsein bittet insbesondere die Flinger Leserschaft um weitere Hintergründe, zumal erst kürzlich wieder Gejodel in der Fortunastraße vernommen worden sein soll.)

Rheinzitat (6)

“Endlich isser mal breit!”
(Unbekannter Passant am heutigen Montag, anläßlich des Hochwasser führenden Stroms, laut vernehmlich an der Düsseldorfer Treppe kommentierend; abgelauscht und Rheinsein übermittelt von Costa “Quanta” Costa. – Viel zu selten, nebenbei bemerkt, wird der Unbekannte Passant bis dato in Schriftgut und Marmor gewürdigt.)

Tretbootfahrt auf dem Rhein

Es gibt eine vermutliche, taufrische Pioniertat auf dem Rhein zu vermelden, die Rheinische Post hats heut zumindest in einem Kurzbericht getan, ohne den vermeintlichen Pioniercharakter gesondert hervorzuheben: die Basler Ricardo Schällibaum und Roman Eugster seien mit ihrem schweizerkreuzbeflaggten Tretboot Marke “Retro Pedalo” in zehn Tagen von Basel bis Emmerich gefahren, um das Gefährt dort seinen neuen Besitzern auszuhändigen. Rheinsein, selbst tretbooterfahren, wenngleich auf eher weniger bis garnicht strömenden Gewässern wie dem Boden- oder dem Mummelsee, mag diese in die Plötzlichkeit der Post-WM-Leere platzende Nachricht ob der ungeheuren Strömungsgefahren für die Wasserpedaleure kaum glauben, und dankt Costa “Quanta” Costa für die Übermittlung solch sommerlochstopfender Nachricht.

Der Düsseldorfer Lyrikleser

In den frühen 90ern hatte ich in Düsseldorf eine Band namens Schweinebraten. Gespielt haben wir nur einmal, unplugged, obgleich unser Konzept auf elektrisch verstärktes Grundrauschen angelegt war. Wir behielten die Klamotten an, obwohl das ausgeklügelte Konzept eigentlich Nacktauftritte vorsah und wir rockten nur ein zwei Minuten, indem wir einen Präpunkklassiker von The Troggs coverten – vorgesehen waren ursprünglich neutönerische Eigenkompositionen von mindestens einer LP-Seitenlänge Dauer. Immerhin, wir hatten einen fantastischen Bandnamen, um den wir bis heute im gesamten Rheinland beneidet werden. Mit einem der Bandmitglieder, Dan „Don“ Dose rauschte ich jüngst an Silvester durch die tiefgefrorene Düsseldorfer Nacht, zuvor hatten wir in Erinnerung an alte Tage einige Cocktails in Bier gelöst, die Cocktails waren von einer Fernsehmoderatorin mit Kußmund und nach Augenmaß gemischt worden und alles, was der geneigte Leser sich unter einer solchen Aussage vorstellen mag, trifft zu. Drinnen schoß man mit Silvesterraketen, draußen hatte es ca. zweistellige Minusgrade, Eiswind langte in die kaum beleuchteten Bilker Straßen und griff an entblößte Nacken, an dunklen Kreuzungen warteten noch dunklere Würgeengel um ein frohes neues Jahr zu wünschen. Alle Straßenschilder tauschten in dieser Nacht heimlich ihre Positionen oder versteckten sich hinterm schwarzen Spiegel der dümpelnden Düssel, der Weg weitete sich, das Pflaster unter unseren Füßen verweigerte uns seine Bettstatt, es wollte uns leiden statt liegen sehen. So zogen wir durch Raum und Zeit und ignorierten nach Möglichkeit das empörte Grunzen der am Wegesrand geparkten Autos, die, von unserer Rede aufgestört, ihre Reviere zu verteidigen trachteten. Allein der ausgeschwitzte Alkoholfilm auf der Haut und der ganze Rindertalg in unseren Gesichtern verhinderten den sicheren Tod, denn Alkohol und Talg tarnten uns, wir waren als Menschen nicht mehr erkennbar. Woher der Talg kam – fragt mich nicht! Es kam auch der Morgen, über uns spreizte sich lasziv das berühmte Stadttor, Glas und Stahl knirschten in unseren Schädeln, und ich erinnerte mich vage an einen Auftritt in der Staatskanzlei, in der obersten Etage des Gebäudes, während dem ich den Rhein, auf lyrische Weise, als Würstchen tituliert hatte. Der aber schien sich glücklicherweise nicht zu erinnern und zog wenige Meter von uns entfernt in üblicher Manier durch seine Kurven. Auf der Uferpromenade kam uns aus der Morgensonne ein Mann in schulterhohem Stechschritt entgegen, seine präzise formschöne Bahn visierte er über einen imaginären Faden, den er mit nackten Händen vor sein Gesicht hielt, aus Augenhöhlen, die einen rußgefärbten Tunnel ins Garnichts verhießen. Dieser wirrhaarige Mann, dem wir begegneten, war der berühmte ewige Lyrikleser, der zwischen den Jahren bisweilen am Rhein auftaucht, immer dann, wenn es ihm gelingt, sich mithilfe der Bewußtseinsdroge LSD manifest zu machen. Häufig hatten wir vergeblich nach ihm gesucht, nun bestätigte sich das alte Sprichwort, daß sich alles von selbst findet. Wir fanden kurz darauf auch die gesamte Stadt, einschließlich Bilks, wieder in geordnetem Zustand vor, und am Telefon erzählte uns Costa „Quanta“ Costa, ein weiteres Schweinebraten-Gründungsmitglied, gewohnt lakonisch sein vorweggenommenes Jahresfazit: daß heuer nämlich die 69er Jahrgänge mal schön 40 würden.