Mary Kochs Loreley

“Dämm’rung naht auf leisem Fuße,
Schatten ziehen still heran,
Doch in lichten Purpurflammen
Glüht der Wolkenocean.

Graue Nebelschleier hüllen
Schon die fernen Berge ein,
Nur der Schlösser stolze Zinnen
Glänzen noch im Abendschein.

Süße Feierstunde kündet
Aus dem Thal der Glocke Klang,
Zu den Hügeln noch ein Fischer
Sendet seinen Nachtgesang:

“Neigt der Tag sich seinem Ende,
Ist der Hände Werk vollbracht,
Klingt es tröstend allen Müden:
Gute Nacht! Gute Nacht!

Mutter, die mit treuer Sorge
Meinen Lebensweg bewacht,
Schließ’ die lieben müden Augen:
Gute Nacht! Gute Nacht!

Schlafe wohl auch du, Geliebte,
Daß dein Blick mir heller lacht,
Wenn ich morgen froh dich grüße.
Gute Nacht! Gute Nacht!

Bald auch mich umfängt der Schlummer,
Doch der Vater droben wacht. -
Herr der Welt, dir gilt mein letztes
Gute Nacht! Gute Nacht!”

Und der Schiffer treibt den Nachen
langsam zu dem stillen Strand,
Kettet dann ihn an den Pfosten,
Eingerammt im Ufersand.”

Der gewählte Ausschnitt zu Beginn des elften Gesangs mag die Langatmigkeit der Loreley von Mary Koch exemplarisch verdeutlichen, der Untertitel “Episch-Lyrische Dichtung in elf Gesängen” darf aus heutiger Sicht als Warnung vor naheliegenden Reimen in erstaunlicher Schlagzahl verstanden werden: auf gut 200 Seiten entfaltet sich eine ausufernd-überflüssige Bearbeitung des Loreley-Stoffes, niedergelegt 1884 (Verlag von Carl Barth, Stuttgart), als die literarische Epoche der Rheinromantik bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte und die Schwelle zu neuen Betrachtungsweisen längst betreten war. Koch bekrittelt im Vorwort “mangelnde historische und lokale Hintergründe” der vorangegangenen essentiellen Loreley-Bearbeitungen (Brentano, Heine, Geibel) und meint damit, daß die Loreley zu erwähnen, ohne bei den Römern zu beginnen, die den Wein an den Rhein brachten und ihm in Bacharach einen Altar bauten, unbedingt zu kurz gegriffen sein müsse. So dient das mittelalterliche Bacharach als Kulisse und wird Lore bei Koch zu Meister Hartwin Vois’, des Feuerweinkochers Tochter, einer bescheidenen und an Schönheit längs des Stroms unangefochtenen Weinkönigin, “ein historischer und lokaler Hintergrund”, der auf ähnlichem Erfindungsgeist beruhen dürfte wie die Version Brentanos, der als erster den Mythos verschriftlichte, ihn womöglich zur Gänze erfand. Der schwäbische Pfalzgraf Otto bricht der jungen Lore bei Mary Koch nach wenig mehr als hundert Strofen das Herz, die enttäuschte Jungfer schwört Rache, welche ihr die Rheinnixen, die ihren Kummer vernehmen, gegen einen Deal genehmigen: für die Vernichtung des Heuchlers muß Lore dem Rhein sich vermählen, um seine Königin zu werden. Dem Koch’schen Epos möchten wir an dieser Stelle (nicht nur wegen des gewählten Ausschnitts) durchschlagende Kraft als Einschlafhilfe attestieren und der Handlung nicht weiter vorgreifen, wohl aber anmerken, daß außer der Autorin womöglich noch niemand das Epos von Anfang bis Ende gelesen haben mag, worin wiederum eine Herausforderung bestünde, die wir gerne an unsere Leserschaft weitergeben.

Ein Flecken am Rhein

Gruß dir, Romantik! – Welch ein prächtig Nest!
Mit seines schlanken Mauerthurmes Zinnen,
Mit seiner Thore moosbewachs’nem Rest!
Mit seiner Burg, so schartig und so fest,
Wie reißt es sieghaft meinen Geist von hinnen!
Gruß dir Romantik! Träumend zieh´ ich ein
In deinen schönsten Zufluchtsort am Rhein!

Drin weilst du noch! Im schlichten Nonnenkleid
Blickst Du mich an durch die bemalten Scheiben.
Es hat geächtet dich die Nüchternheit,
Ach, und die Klugheit dieser hast’gen Zeit;
Sie möchten gern dich ganz und gar vertreiben.
In kleinen Ufervesten, morsch und grau
Birgst du dich zitternd, wunderbare Frau!

Doch – ach, in Kirchen, die des Schmuckes baar,
Dort ist die Statt, wo deine Seele jammert!
In öden Kirchen, mit zerwehtem Haar,
In öden Kirchen knie’st du am Altar;
Und hälst mit Weinen brünstig ihn umklammert,
In seines Schattens ewigheil’ger Ruh’
Suchst eine Freistatt deinem Schmerze du.

Und bist dieselbe doch, die einst mit Lob
Und trunkner Scheu des Volkes Beste nannten;
Die Ludwig Tieck einst auf den Zelter hob,
Die keck den Forst der Poesie durchstob,
Arnim, Brentano deines Zugs Trabanten.
Die Waldung glühte, silbern sprang der Born,
Und wie ein Mährchen scholl das Wunderhorrn.

Das war vordem! – Jüngst ging ich am Gestad;
Grün floß der Strom: nicht Volker sah ihn reiner.
Ein Dampfboot zog vorüber seinen Pfad,
Tief in die Wellen griff es mit dem Rad,
Und auf dem Deck stand deiner Priester Einer:
Der jüngste wohl – und doch schon grauen Haars
Um die gewölbten Schläfen: Uhland war’s!

Wir kannten uns – wir grüßten uns. Vorbei
Mein einsam Städtchen schwamm er zu den Dänen.
Auf uns hernieder sah die Lorelei,
Im Hals erstickt’ ich einen Freudenschrei,
Doch in den Augen hatt’ ich helle Thränen.
Trüb klang ein Lied in meiner Seele Schrein;
Das hieß: „Drei Bursche zogen über’n Rhein!”

Ja, dieß der Rhein! Die Woge mit dem Hort,
In dessen Strahl sich Uhlands Wimper sonnte!
Und dort er selbst! die Sängerlippe dort,
Romantik, ach, die mit gefeitem Wort
All’ deinen Zauber noch verkünden konnte!
Das Auge dort, das tief im Elfenbusch
In deiner Bronnen Spiegel klar sich wusch!

Du wußtest es, daß er vorüberzog!
Aus Burg und Felsriß durch des Morgens Nässe
Sahst du hernieder, und ein Lächeln flog,
Ein sonnig Lächeln, als das Schiff sich bog,
Durch deiner Züge kummervolle Blässe.
Mit trüber Freude sahst du auf den Knie’n
Auf deinem Strome deinen Dichter ziehn.

Da flog er hin, der letzte Rauch verschwamm!
Da flog er hin, dein jüngster, reinster Kämpfer!
Dein Lächeln floh, trüb stand der Berge Kamm,
In meinem Herze pocht’ es wundersam:
Dein letzter Ritter – ach, und auf dem Dämpfer!
Dahingerissen von der neuen Zeit
Des Mittelalters fromme Trunkenheit!

Ein Gleichniß nur! – Doch kam es über mich,
Und nicht vermocht’ ich’s trotzig abzuweisen;
Daher die Trauer, die mich überschlich.
Du Stille, Bleiche, ja verhülle dich!
Die Zeit, o Herrin, ist für dich von Eisen!
Kalt unterwühlt sie dein vermorscht Asyl –
Ach, nicht allein mit ihrer Dämpfer Kiel!

Dein Reich ist aus! – Ja, ich versteh’ es nicht;
Ein andrer Geist regiert die Welt als deiner.
Wir fühlen’s Alle, wie er Bahn sich bricht;
Er pulst im Leben, lodert im Gedicht,
Er strebt, er ringt – so strebte vor ihm keiner!
Ich dien’ ihm auch und wünsch’ ihm frohen Sieg –
Doch warum dir, Verbannte, deßhalb Krieg?

Dir, deren prächtig Banner ohnehin
Einsam nur weht noch auf zerfallner Mauer!
Dir, der Entthronten! – Mit bewegtem Sinn
Zu deinen Füßen werf’ ich still mich hin,
Ein ernster Zeuge deiner Witwentrauer!
Ein Kind der Neuzeit, fiebernd und erregt,
Das um die alte fromm doch Leide trägt!

Nicht wie ein Knabe! – Diese Stunde nur
Zu deinen Füßen klagend will ich sitzen!
Der frische Geist, der diese Zeit durchfuhr,
Er hat mein Wort, ich gab ihm meinen Schwur,
Noch muß mein Schwert in jungen Schlachten blitzen.
Nur eine Stunde! Aber die auch ganz
An deiner Brust, in deiner Glorie Glanz.

(Ferdinand Freiligrath)

Bald gras ich am Neckar

Bald gras ich am Neckar
bald gras ich am Rhein
bald hab ich ein Schätzel
bald bin ich allein.

Was hilft mir das Grasen
wenn die Sichel nicht schneid’t,
was hilft mir das Schätzel,
wenn’s bei mir nicht bleibt.

Und soll ich denn grasen
am Neckar, am Rhein,
so werf’ ich mein schönes
Goldringlein hinein.

Es fließet im Neckar,
es fließet im Rhein,
soll schwimmen hinunter
ins tiefe Meer ‘nein.

Und schwimmt es, das Ringlein
so frißt es ein Fisch,
das Fischlein soll kommen
auf’s Königs sein Tisch.

Der König tät fragen
wem’s Ringlein soll sein?
da tät mein Schatz sagen:
das Ringlein g’hört mein.

Mein Schätzel tät springen
bergaus und bergein,
tät wied’rum mir bringen
das Goldringlein fein.

Kannst grasen am Neckar,
kannst grasen am Rhein,
wirf du mir nur immer
dein Ringlein hinein.

Der Liedtext “Bald gras ich am Neckar” wurde von Auguste Pattberg unter Verwendung volkstümlicher Vorlagen geschrieben und 1808 zum ersten Mal im dritten und letzten Band der Sammlung “Des Knaben Wunderhorn” von Clemens Brentano und Achim von Arnim veröffentlicht. Das Lied genoß bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Popularität.

In weißen Schiffen

paff_gedicht

In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.

Unter-Föhn-ein-Fluß

“Fluß, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal” beginnt ein Ohrwurm aus den frühen Achtzigern (1). Gemeint ist der Rhein, nicht nur nach David Hume schönster Fluß der Welt (2), der auf immerhin gut zwanzig Kilometern als schlingernder Rebell, die Taschen voller Steine (3) das Fürstentum tangiert, bedrängt und mit seiner eigenartig-eingezwängten Rheinheit bestäubt. Es mag am Föhn oder der gerade aufkeimenden Leichtigkeit des klimawandelnden, bisher noch ewig wiederkehrenden Frühlings liegen, auch dürfte die Übersichtlichkeit Liechtensteins dazu beitragen, daß im Spannungsfeld dahingeträllert-erinnerter Liedzeilen und literarischer Zitate ganze Utopien und Dystopien für diesen Landstrich entstehen und zerfallen. So zeichnete bereits vor zwei Jahrhunderten der notorische Rheinromantiker Brentano ein kirmesartig überdrehtes “Vadutz” als Mischung aus verlorenem Paradies, Eldorado und Schlaraffenland, dessen Fluß die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt (4), ein Land voller Absonderlichkeiten wie Schlüsselblumen-Champagner und wasserdichten Lobzetteln, ein Land aber auch des “Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird” (5).

Der Utopie wohnt die Dystopie wohl zwangsläufig inne – und umgekehrt. Und ein nur feiertags fließender Fluß gibt Grund zu grübeln. Was, wenn der Rhein, zum Eingewöhnen gerne zunächst nur unter der Woche, schließlich aber komplett vor Balzers Richtung Walensee abflösse? Eine Programmierung gewissermaßen, die schon einmal zum Einsatz gekommen sein soll, in einer Zeit allerdings, bevor es Menschen gab, die davon Zeugnis hätten ablegen können – während heute keine halbe Stunde verginge, bis eine solche Sensation im Internet stünde, mit Videobeweis und jeder Menge abstruser Äußerungen in der Kommentarspalte. Nicht nur würden wir derartige Wunder heute postwendend nachweisen, wir hätten sie wahrscheinlich selber bewerkstelligt, eben: programmiert. Es muß schließlich immer weitergehen. Daß ein Flußlauf sich korrigieren, stauen und angesichts des entstandenen Schlamassels hübsch renaturieren läßt, gehört längst zum kulturellen Repertoire der Menschheit.

Was die Schweizer mit dem neuen Flußverlauf anfingen, sei an dieser Stelle außen vor. Schauen wir auf die Chancen für das Fürstentum. Ohne Rhein würde es etwas trockener in Liechtenstein, gewiß, doch ließe sich mit dem gewonnenen Areal Begeisterndes beginnen. Das Rheingold entpuppte sich neuerdings als Bauland, auf den Kiesbänken wüchsen zunächst, was ihnen umgangssprachlich ohnehin innewohnt: Banken. Statt des Rheins strömte einfach noch mehr Geld durchs Land. Welchem ernstzunehmenden Menschen gilt heute die Metafer vom Leben, das als Wasserlauf betrachtet werden sollte (6)? Vielmehr liest sich ein modernes Leben in Kontoauszügen und Börsendiagrammen. Im Rheintal entstünde, Kapital zieht Kapital an, mit Kapital wird gebaut, wo gebaut wird kommen ungelernte Kräfte, die sich bekanntlich rasend vermehren, Schaan, Vaduz und Triesen machen es derzeit ganz zaghaft vor, eine Megalopole mit Angeboten weit über Brentanos nicht selten kindliche Vorstellungen hinaus, das planierte Rheinbett diente, endlich, als International Airport, die neuerdings animierten Bergzacken leuchteten als wechselnde Tageskurse ins Tal, die riesigen Fußballstadien von Ruggell und Triesenberg wären weithin gefürchtete Festungen, vermutlich in Planken siedelte unter einem überdimensionierten Schriftzug die Filmindustrie und das Fürstenhaus wäre tägliches Thema im deutschen Fernsehen. Klingt das phantastisch oder realistisch? Spinnerei und Business liegen viel näher beieinander, als allgemein angenommen wird. „Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier“ (7) schrieb Brentano über sein Traumland Vadutz, als Liechtenstein Bauernland war – von seiner Vorstellungskraft läßt sich bis heute lernen.

Wie bitte, Sie würden den Rhein vermissen? Dieses eingedeichte Abziehbild von einem Fluß? Ist nicht nötig, noch ist er ja da. Besonders gut zu betrachten aus den höheren Warten. Im aktuellen Energiekonzept der Landesregierung wird er demnach als potentieller Energielieferant geführt. Das klingt nach Staustufen und Kraftwerksbauten und Rückfall in die Zukunft. Noch hat niemand die Verklappung des Flußlaufs unter eine Asfaltdecke vorgeschlagen, ein Projekt, welches Energie- und Siedlungspolitik sinnvoll vereinen könnte. Nutzen Sie also, falls Sie den Rhein wirklich vermissen würden, den Mai, machen Sie einen Ausflug auf den Damm, nehmen sie Bruce Springsteen im Kopfhörer mit, der unvergleichlich von Lügen gewordenen Träumen orakelte und ausgetrockneten Flüssen (8) und schauen Sie sich den Rhein nochmal in seiner jetzigen Form an. Wer weiß – Warnungen gibt es zuhauf (9) – wie lange das noch möglich ist.

1 Rheingold: Fluß
2 „the finest river in the world“ (David Hume: The Letters)
3 Richard Pietraß: Mit einem Bein in Liechtenstein
4 Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia
5 Ebd.
6 „An individual human existence should be like a river“ (Bertrand Russell: Portraits from memory and other essays)
7 Clemens Brentano: a.a.O.
8 Bruce Springsteen: The River
9 Golgowski-Quartett: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang

(Aktuelle Kolumne für das Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands)

Vadutz (2)

Längere Zeit hielt ich mich und eine meiner Schwestern für die privatisirenden Besitzer von Vadutz, und wir erzählten uns jeden Morgen die Tugenden, welche wir in den Träumen der letzten Nacht an Land und Leuten inkognito ausgeübt hatten. Unsere Verdienste häuften sich dermaßen, daß wir sie in Bataillone eintheilen und außer den Revuen in den Feldbau entlassen mußten. Es reicht hin, wenn ich sage, daß wir die Akazienbäume, den Erdmandel-Caffee, den Schlüsselblumen-Champagner, die Uebung des Körpers durch Tanzen für alle drei christlichen Religionspartheien, das Gichtpapier, die Toleranzpomade, die Beruhigungs-Schawls à 2 fl. 24 kr., die Käppchen aus Freundschaft à 12 kr., die Kuhpocken, die Kunst ein guter Jüngling, ein edles Mädchen zu werden, und Elise, das Weib, wie es seyn soll, und Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird, und die wasserdichten Lobzettel in Vadutz einführten. Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier. Unsre Gnadengeschenke bestanden aus Abschnitten von Zuckerpapier, welches noch die Fußtapfen der darauf gebackenen Bisquits trug. – So machten wir Alles und vor Allem uns höchst glücklich. – Da nun eine Kaiserkrönung nahte und oft von den Reichskleinodien und allerlei Belehnungen gesprochen wurde, dachten wir uns auch Reichskleinodien von Vadutz aus. Wir regierten inkognito, die Kleinodien mußten also versteckt getragen werden. Nie hatte ich etwas blinkenderes gesehen, als die Epaulets eines ungarischen Magnaten, und so verfertigte ich dann aus Goldpapier und allerlei Flittern Achselbänder, als die Reichskleinodien von Vadutz, die ich versteckt unter meiner Weste tragen konnte. Da nun alle Reichskleinodien eine sehr alte Geschichte haben, und ich keine ältere Geschichte von Kleinodien wußte, als daß Abrahams Knecht der Rebecka Armringe angelegt, so ließ ich die Reichskleinodien von Vadutz, die Schulterbänder der Rebecka seyn; und weil die ältern Geschwister, wenn ich mich bei dem Bilder-Anschauen ihnen über die Schultern lehnte, mehrmals gesagt: »du meinst wohl, du seyst der Kaiser, daß du mich belehnen willst?« so nannte ich auch diese Schulterbänder die Lehnskleinode von Vadutz. – Aber kein Glück besteht auf Erden! – und jetzt, liebes Großmütterchen, ist endlich die Zeit gekommen, da ich dich mit dem Ursprung vieler Thränen bekannt machen kann, welche ich aller Welt zum Räthsel vergossen habe. – Ich träumerischer Knabe hielt mich bei der Kaiserkrönung für nichts mehr und nichts weniger, als den verkannten privatisirenden Regenten von Vadutz, und würde es nach jener größten Ungerechtigkeit, daß der Hauptmann von Capernaum noch immer nicht Major geworden ist, für die allergrößte gehalten haben, wenn beim Ritterschlag nach der Frage: “ist kein Dalberg da?” nicht die Frage gefolgt seyn würde: “ist kein edler Dynast von Vadutz da, daß er das Lehnskleinod auf seine Schultern empfange?” – So standen meine Hoffnungen, als nun am Vorabende ihrer Erfüllung mich ein alter Diener des Hauses, Herr Schwab, der Buchhalter, an dessen Originalitäts-Staketen alle Reben, Geisblatt- und Bohnenlauben unsrer Fantasie hinan gerankt waren, enttäuschte. Dieser seltne Mann setzte dem goldnen Kopf bald die Amalia, bald die Liesel (so hießen seine zwei Haarbeutelperücken) über die Frisuren, à la Taubenflügel, Ninon, Sevigné, Rhinozeros, Elephant, Cagliostro, Montgolfier, Heloise, Siegwart, Werther, Titus, Caracalla und Incroyable, ohne irgend eine dieser Pantomimen der Zeit, welche dem goldnen Kopf zugleich durch die Haare fuhren, zu stören. Er beugte sich wie der immer blühende und fruchtende Christbaum einer derben sachlichen Vorzeit über einen gähnenden Abgrund und über den von Seufzern zerrissenen Zaun der Gegenwart bis zu der sehnsüchtigen Jasminlaube der Pfarrerstochter von Taubenheim hin, welche beschäftigt war, den kaum verbleichten himmelblauen Frack Werthers und dessen strohgelbe Beinkleider auf dem Grabe Siegwarts gegen Mottenfraß auszuklopfen und abwechselnd den bei der Urne seiner Geliebten verfrorenen Kapuziner nach den Methoden des Miltenberger Noth- und Hilfbüchleins auf zu thauen, während Karl Moor seine bleichgehärmte Wange an einen Aschenkrug lehnend ihr Mathisons Elegie in den Ruinen eines alten Bergschlosses vorlas und seitwärts ein Verbrecher aus Ehrsucht mit Lida Hand in Hand im Mondenschimmer am Unkenteich Irrlichter weidete und nimmer vergaß, was er alda empfand. – Ein so großes Stück von der Geschichtskarte der Phantasie umfaßte jener Herr Schwab, daß ich wohl sagen kann: in den Zweigen dieses Baumes plauderten noch die Legenden, Gespenstergeschichten und Mährchen in nächtlicher Rockenstube, als schon Lenore ums Morgenroth aus schweren Träumen emporfuhr; – in seinen Zweigen hielten noch die asiatischen Banisen, die Simplizissimi, die Aventüriers, die Felsenbürger, die Robinsonen, die Seeräuber, die Cartouche, die Finanziers und deren Jude, Süß Oppenheimer, Gespräche im Reich der Todten bis tief in die Sternennacht, da unter seinem Schatten Götz von Berlichingen nebst Suite vereint mit Schillers Räubern der Zukunft bereits auf den Dienst lauerten, und dicht neben diesen die heilige Vehme und alle geheimen Ordensritter bis zur Dya-Na-Sore Loge hielten. Es ward ein kunterbunter Polterabend der alten und neuen Zeit unter diesem Baume gefeiert, da wetteiferte Theophrastus Bombastus Paracelsus mit Cagliostro in Theriack und Lebensäther, da lehrten Christian Weisens drei Erznarren den Naturmenschen Basedows Latein aus dem Orbis pictus Comenii, da sperrte der höfliche Schüler den Magister Philotecknos in das Magasin des enfans der Frau von Beaumont, bis er Knigges Umgang mit Menschen auswendig konnte; da deklamirte Pater Cochem aus Eckartshausens “Gott ist die reinste Liebe” und meditirte der Letztere aus des Ersten vier letzten Dingen, da that Siegfried von Lindenberg die genealogische Frage “was thuen die Fürsten von Hohenloh?” und antwortete Hübner: “sie theilen sich in drei Linien.” – Da las Eulenspiegel die Correkturbogen der neuen Heloise und sang Donquixote: “Freude schöner Götterfunken,” und endlich – hier tanzte der Reifrock mit der chemise grecque den Cotillon auf der Hochzeit des Kehrauses bei einem umfassenden Orchester von der alten Laute Scheidlers, der Glasharmonicka und Harfe der blinden Jungfer Paradies, einigen Maultrommeln, Papagenopfeifen und modernen Guitarren. – Ja um den Paradeplatz aller Leistungen unter dem Kommando des Herrn Schwab zu umspannen, reichte kaum das Gespinnst der alten Base Cordula zu, deren reiner Faden doch von dem Taufhemde der Fräulein von Sternheim bis zur Jakobinermüze um die Spule gelaufen war. – Dieser Janus, dieser Proteus, dieser Centaur von Scherz und Ernst, dieser mir ewig theure Herr Schwab also stellte mich bei der Kaiser Krönung sehr ernsthaft zur Rede und ermahnte mich, im Stillen meine Ansprüche auf das Ländchen Vadutz fallen und Gras über diese kahlen Phantasien wachsen zu lassen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage gesetzt werden, denn unter den vielen bei der Krönung anwesenden Potentaten sey auch ein Fürst Lichtenstein, und dieser sey der wahre Besitzer des Ländchen Vadutz, welches nebst der Herrschaft Schellenberg seit 1719 das Fürstenthum Lichtenstein ausmache. Er ermahne mich im Guten meine seltsamen Prätensionen aufzugeben, denn das Fürstenthum müße jährlich einen Reichsmatrikularanschlag von 19 fl. und 18 Rthl. 60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um so schlechter mit meiner Sparbüchse aussehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr. Briefporto schuldig sey. – Da diese Ermahnungen mich noch immer nicht zu einem schönen Bilde der Resignation machen konnten, mußte mir der größte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Hübners Zeitungslexikon vorlesen, wo Alles Obige gedruckt stand; wobei es mich am tiefsten kränkte, die Lage meiner Ländereien so veröffentlicht zu hören. – Mir war, als einem, dem das Paradies und das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen sind. – Aber ich erkannte Alles nicht an – ich hielt mich zäh und kraus und erwiederte: “das Papier ist geduldig und läßt viel auf sich drucken, was darum doch nicht wahr ist.” – Meine Hartnäckigkeit machte den Geographen sehr bedenklich, so daß er mir im Katechismus zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnäckig zu wiederstreben, sey eine unverzeihliche Sünde. Das machte mich sehr wirr, und ich war lange Zeit gar traurig, als habe sich das Paradies in meinen Händen in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein silbernes Nichtschen in einem niemaligen Büchschen verwandelt. – Da man mich nun oft mit dem Verlust von Vadutz aufzog, und es mir sogar unter den verlornen Sachen im Wochenblättchen vorlas, sagte die Hausfreundin, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: “Laß dich nicht irr machen, glaub du mir, dein Vadutz ist dein und liegt auf keiner Landkarte, und alle Frankfurter Stadtsoldaten und selbst die Geleitsreiter mit dem Antichrist an der Spitze können dir es nicht wegnehmen; es liegt, wo dein Geist, dein Herz auf die Weide geht;

Wo dein Himmel, ist dein Vadutz,
Ein Land auf Erden ist dir nichts nutz.

Dein Reich ist in den Wolken und nicht von dieser Erde, und so oft es sich mit derselben berührt, wird’s Thränen regnen. – Ich wünsche einen gesegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feenschlösser nicht auf die schimmernden Höhen unter den Gletschern, denn die Lavinen werden sie verschütten, nicht auf die wandelbaren Herzen der Menschen unter den Klätschern, denn die Launen werden sie verwüsten, nein, baue sie auf die geflügelten Schultern der Fantasie.” – So war mir nun von meiner Herrschaft in Vadutz nichts geblieben, als die Reichskleinodien auf den Schultern der Phantasie, die mir wie Links und Rechts, bald Friede und Freude gaben, als sey ich glücklich wie Salomo, bald so viel Kummer und Hunger, daß ich den Ugolino beneidete. – Endlich aber degradirte sich die Phantasie selbst; weil ich ihr den Abschied nicht geben wollte, riß sie sich die Epaulets vor der Fronte der Philister selbst von den Schultern und warf sie mir und so mit mich sich vor die Füße, nahm achselzuckend all das Meine auf die leichte Achsel und kehrte mir den Rücken, ohne gute Nacht, noch Abschied zu geben oder zu nehmen. – Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. – Da war es ganz um mein Reich geschehen, und meine Trauer zappelte an Widerhacken. So ist die Erfindung der Achselbänder von Vadutz entstanden. – Als ich und meine Betrübniß so herangewachsen, daß die Frau Rath uns nicht mehr Du, sondern Er nannte, sagte sie einstens: “wenn ich Ihn ansehe, geht mir es schier, wie jenem alten General, der sah einmal einen höchst kummervollen Menschen in den Schloßhof hereinschleichen und als dessen elendes Aussehen sein starkes Herz rührte, zeigte er einem Bedienten den Armen und sprach: “prügle er mir den Menschen dort vom Hofe hinweg, denn der Kerl erbarmt mich.” – Steht es denn so gar schlecht mit seinen Ländereien, Er sieht ja drein, als sey der Scepter von Juda gewichen und der Herrscher von seinen Lenden. – Komme Er heute Abend mit mir, es soll Ihm das schönste Spektakel gezeigt werden, das je in Vadutz aufs Tapet gekommen ist.” – Ich gieng mit und ich sah etwas ganz Allerliebstes, nehmlich, ein kleiner Harlekin kroch aus einem Ei und machte die zierlichsten Sprünge. “Nicht wahr,” sprach sie, “das thut seinen Effekt?” – Ich bejahte es, und schrieb nachher ein paar tausend ernsthafter Verse über diese Begebenheit, die du auch kennst. – “Nu,” sagte sie, “ist Ihm das nicht eine saubere Bescherung?” – “Allerdings,” erwiederte ich, “aber sie ist mir nicht beschert, mir gebührt ein Steckenpferd, keine Puppe.” – Da sprach die Frau Rath: “erstens ist es auch keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur, und wenn Er dann so gewiß meint, daß sie Ihm nicht gebühre, so hüte Er sich vor allen Kunstfiguren, denn sie sollen ihm als Ruthen beschert werden, das prophezeihe ich Ihm.” – Sieh, liebes Großmütterchen, da hast du nun auch die Quelle des so oft im Mährchen wiederkehrenden Reims: “Keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur.” – Als ich der Frau Rath sagte: “Wenn der Osterhaas solche Eier legen würde, möchten die Hasen und die Eier gewaltig im Preise steigen,” erwiederte sie: “ja und wenn man mit den Eiern kippte, würde man behutsamer seyn, um dem Harlekin nicht ein Loch in das allerliebste Köpfchen zu stoßen. Hätte nur Wolfgang diesen Harlekin im Ei gekannt, was hätte der für schöne Mährchen von ihm erzählt, denn, wenn er seine Kameraden am Osterfest die Ostereier im Garten suchen ließ, bewirthete er sie immer mit einem ganzen Eierkuchen von Mährchen aus dem großen Weltei, das über dem Brüten zerbrochen, so daß aus dem obern Theil der Schale der Himmel, aus dem untern die Erde entstanden ist.” – Hiemit weißt du nun auch, wie die vielen Eierhändel und Eierorden in das Mährchen kommen, das ist Alles mit dem Harlekin aus dem Weltei gekrochen. – Danke du Gott, daß in der inkompleten Encyklopädie von Krünitz, welche ich aus der Verlassenschaft des erlauchten Salathiel Salaboni, genannt Picktus, Salzgraf von Orbis erstanden habe, unter andern acht und fünfzig Bänden, auch der eilfte und also der Artikel Ei fehlt, sonst würde ich dir noch weit mehr Eierspeisen vorgesetzt haben; – und somit habe ich dir auch eingestanden, woher ich meist Alles habe, was dieses Mährchen so langweilig macht, nehmlich aus Krünitz Encyklopädie, und wer es nicht darin findet, bedenke doch nur, daß alle Exemplare inkomplett sind.  (…)

(Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia)

Vadutz

Herzliche Zueignung

Keiner Puppe, sondern nur
Einer schönen Kunstfigur
weihe ich
dieses Paradieschen, diese Rarität, diese Kunst,
diese verspäteten Schmetterlinge,
dieses Adonisgärtchen,
dieses Mährchen;
Sie halte ihnen den Daumen, friste ihnen das Leben,
laße sie welken und sterben auf kindlichen Händen.

Liebstes Großmütterchen! Nimm nur Gockel, Hinkel und Gackeleia freundlich bei dir auf. Demüthig all dein Lebtage verläugnetest du immer nur dich, nimmer aber mich, und so mag der Alektryo munter zwischen uns krähen, ohne uns zu erschrecken. Auch jetzt brauchst du dich meiner nicht zu schämen, denn erst am Schluße dieser höchst wahrhaften Geschichte, als sie selbst zu einem Mährchen und alle darin verwickelten hohen und niedern Standespersonen zu Kindern geworden, lege ich dir die ganze Bescherung mährchenhaft zu Füßen, und kannst du mich mit gutem Gewissen für dein Enkelchen halten. – Wie oft hast du uns Kindern den Christbaum geschmückt und mit Lichtern erleuchtet, und mit der Schelle klingelnd, die Thore des verlornen Paradiesgärtchens eröffnet, daß wir unschuldige Früchte vom Baume des Lebens pflückten. Nicht aus mir, sondern nur aus Achtung vor den ehrwürdigen Leuten, die aus ihren Ursachen die Welt verkehrt nennen, habe ich den Nürnberger Bilderbogen von der verkehrten Welt genauer studirt, und, um eine höchst wichtige Lücke in ihm zu ergänzen, das feierliche Amt eines Enkels übernommen, der seiner Großmutter ein Mährchen beschert. – Vor Allem aber zürne mir nicht, wenn du das Meiste in diesem Mährchen als das Deine wieder erkennest; ach Großmütterchen! wo sollte ich dann alle die artigen Verkleidungen und sieben Sächelchen, die ganze Garderobe der Puppe – nein der nur allerschönsten Kunstfigur her haben, als aus dem reizenden Glasschränkchen in deiner Stube, in dem alle die Alter- und Neuerthümer der Orden des Ostereis, der Tändelei, der Kinderei und der freudigen frommen Kinder aus Gelnhausen, Gockelsruh und Hennegau und die heiligen Reichskleinodien des Ländchens Vadutz, wenn ich mich nicht irre, aufbewahrt sind? – woher sollte ich alle die kuriosen Kräuter und Blumen, alle die Hahnen- und Hünerpflanzen und das ganze Marienklostergärtchen denn haben, als aus deinen botanischen Vorrathskammern und Trockenanstalten zur Bekränzung des menschlichen Lebens? – ja du Kränzewinderin, Kronenbinderin, Sträußerkräuslerin, aus deinen vielen getrockneten Blumensammlungen habe ich gestohlen, und von dir habe ich gelernt, mit jener Anhänglichkeit, die aus dem Herzen des Lebensbaumes quillt, diese Blumen dir zur Erheiterung um ein Mährchen herum zu befestigen, wie du sie deinen Freunden mit jenem Gummi, das aus der Rinde der arabischen Acacia vera quillt, um artige Bilder und Reime in schöner Anordnung auf Papier zu heften pflegst. Aus deiner großen Gallerie ausgeschnittener Bildchen habe ich den größten Theil der artigen Figürchen, welche ich hier, gleich dir, in scherz- und ernsthafter Combination zu einem Bilderbuche zusammengeklebt habe, und zwar von dir für dich. Ach! wenn ich so recht in der Arbeit war, sah ich oft nach der Gegend von Gockelsruh hin und dachte, dort herum sitzt jetzt vielleicht auch schon das Großmütterchen und klebt mir und den andern Kindern mit großer Geduld ein Bilderbuch zur Beschauung zusammen. – Wenn du alles das Deine nicht gleich wieder erkennst, so mußt du bedenken, daß große Leute nicht mit den Fingern auf die kleinen Großmütter deuten dürfen, und daß ich erst am Schluße des Mährchens ein Kind geworden bin, um in dieser Zueignung mit der Wahrheit herausplatzen zu dürfen. In vielen Zügen jedoch wirst du dich gewiß gern wiederfinden, z. B. in allen den Fahnen bei dem Leichenzuge des armen Kindes von Hennegau; denn ich selbst habe ja schon solche Fahnen aus deinen Händen den Armen gegeben. Auch der Name und Orden des armen Kindes von Hennegau muß deinem Herzen nahe liegen, denn liebes Großmütterchen, wir sind wohl beide arme Kinder, wenn gleich nicht von Hennegau. Die Ortsnamen wirst du überhaupt nicht zu strenge nehmen, denn du weißt, daß alle höchst wichtigen, oder gar nothwendigen Begebenheiten, Gott sey Dank, überall geschehen sind. Du fragst mich, was mich meine leibliche Großmutter oft gefragt: “woher hast du nur alle das wunderliche Zeug?” – ich antwortete: “ach, es ist nicht weit her!” – die Grundlage von dem Hahn und dem Ring hörte ich als Knabe von einem wälschen Chocolatemacher krähend erzählen. – Gelnhausen prägte sich mir in der Jugend durch den Zettel an einer Bude mit Wachsfiguren ein, welcher lautete: “wahrhafte Abbildung der beiden Gebrüder Vatermörder von Gelnhausen” – als sey dies eine Handlungsfirma. Später ein Mal durch diese Stadt fahrend, glaubte ich besonders viele Bäcker- und Fleischerladen dort zu sehen; wäre aber dieses nur ein Spiel der Phantasie gewesen, so mahnt mich doch heut eine Fügung, allen Lohn, den mir Gockel je zu Tage scharren wird, nach Gelnhausen zu wenden. – In das Land Hennegau bin ich durch Gockel und Hinkel gerathen; das Ländchen Vadutz aber habe ich von Jugend auf seines kuriosen Namens wegen gar lieb gehabt, ohne doch je zu wissen, wo es eigentlich liegt; ich habe auch nie darnach gefragt, um nicht aus einem jener Träume zu kommen, welche die Pillen der sogenannten Wirklichkeit vergolden. Vadutz ist mir noch jetzt das Land aller Schätze, Geheimnisse und Kleinodien und dort ist mir das Thule, wo der König den liebsten Becher, ehe er starb, in die Fluth hinab geworfen. Da ich als ein Knabe in dem Comtoir den gelehrten Rabbi Gedalia Schnapper mit dem unvergleichlichen Abarbanel Meyer auf Tod und Leben, so daß man mehrmals Wasser auf sie gießen mußte, um sie auseinander zu bringen, über die Lage eines wunderbaren Landes disputiren hörte, welches der Fluß Sabbathion umfließt, der die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt, floh ich auf den Speicher in die Einsiedelei eines leeren Zuckerfasses und beweinte die Blindheit der Menschen, welche nicht fühlten, daß jenes Land nothwendig das Ländchen Vadutz seyn müsse. Alle Wundergebirge der Geschichte, Fabel- und Mährchenwelt, Himmelaya, Meru, Albordi, Kaf, Ida, Olymp und der gläserne Berg lagen mir im Ländchen Vadutz. Alle seltsamen, merkwürdigen und artigen Dinge von den Reichskleinodien bis zum Nürnberger Guckgläschen à 4 kr., in dem Erbsen, Goldblättchen und blauer Streusand unter einem Vergrößerungsglas geschüttelt, alle Schätze der Welt darstellen, schienen mir aus Vadutz zu seyn. In der sogenannten Schachtelkammer des Hauses voll abentheuerlichen Gerümpels war mir das Archiv von Vadutz, ja das goldne Zeichen über unserem Hausthor selbst schien mir aus diesem gelobten Ländchen, als es in wirrer Zeit den Kopf verloren, zu uns emigrirt. Auf der Gallerie aber, einem schon vornehmeren Bewahrungsraum, war mir die Schatz- und Kunstkammer. Hier war das Arsenal verflossener Christfeste, hier wurden die Dekorationen und Maschinerien der Weihnachtskrippen bewahrt; hier stand eine Prozession allerliebster kleiner Wachspüppchen, alle geistlichen Stände, alle Mönche und Nonnen vom Pabste bis zum Eremiten, nach der Wirklichkeit gekleidet, und gleich neben ihnen das Modell eines Kriegsschiffes. O Schatzkammer von Vadutz, was botst du Alles dar? Vor allem aber entzückte mich ein kunstreicher Besatz von den Braut- und Festkleidern meiner Großmutter. Nie kann ich die Bauschen und Puffen von Seide und Spitzen vergessen, gleich Berg und Thal eines Feenlandes, gleich den Zaubergärten der Armida von den Gewinden feiner, allerliebster, bunter Seidenblümchen labirinthisch durchirrt. – Ich will dir es nur gestehen, liebes Großmütterchen, oft, wenn ich so glücklich war, den Gallerieschlüssel zu erwischen, stellte ich mich krank, um Sonntags nicht mit den Eltern nach Gockelsruh oder auf die stille Mühle fahren zu müssen, und sperrte mich dann, wenn alle andern weg waren, zwischen diesen Herrlichkeiten ein. Das Kriegsschiff war mir zu hölzern, klapperig und wirr mit den vielen Stricken, Flaschenzügen und Segeln, und man konnte auch nicht zu dem Kapitän in die Kajüte hinein, man sah ihn nur durch ein Fensterchen am Tisch vor einer Landkarte und dem Kompaß unbeweglich sitzen. Ich konnte nichts mit dem Schiffe anfangen, es war kein Wasser da; – die Prozession der geistlichen Wachspüppchen war so delikat und zerbrechlich, daß ich sie kaum anzuschauen wagte; wäre sie von buntem Zuckerwerke gewesen, so wäre sie vielleicht Gefahr gelaufen, durch meinen Geschmack zu erbleichen, aber in ihrer jetzigen Beschaffenheit stand sie unter den Kanonen des Kriegsschiffes sicher vor mir. – Jene biegsamen, unzerbrechlichen Zaubergärten von Seidendrathblümchen aber, welche ich höchstens ein wenig zerbog, legte ich um mich her, und saß dazwischen, die drei Pomeranzen, das grüne Vögelchen, das tanzende Wasser von Gozzi lesend, und glaubte mich selbst einen verschäferten Prinzen, der voll Sehnsucht seine Lämmer in den Thälern dieses Paradieses weidete und nach Erlösung seufzte. Ich glaubte mich dann mit diesen Zaubergärten mitten in Vadutz, wo mir das Paradies, wie Lindaraxas Gärtchen mitten in dem Alhambra eingeschlossen lag. – Da lebte ich eine Mährchenwelt, die über der Wirklichkeit, wie ein Sternhimmel über einer Froschpfütze lag. Man nannte diese ungemein artigen Blumenverzierungen mit vollem Recht agréments, Anmuthigkeiten, Lieblichkeiten. Als man diese Anmuthigkeiten nicht mehr trug, benützte man ihre Ueberbleibsel, kleine Heiligen-Bilder oder Wachskindchen damit zu umgeben, und nannte diese unter einem Glase bewahrt, Paradieschen, welche die Kinder mit großer Lust betrachteten, sich fest einbildend, Adam und Eva seyen einst mit allen Geschöpfen in solcher Herrlichkeit herumspaziert. Weil nun jeder Mensch wohl fühlt, daß er das Paradies verloren hat, und sich daher irgend ein Surrogat erschaffen, sich mit irgend einem Schmuck, einer Krone u. dgl. verkleiden, verschönern möchte, machten sich von je die Töchter der Menschen, naiv genug, solche kleine Gärten aus vergänglichen Dingen, wozu aller Putz der Frauen und die kleinen Adonisgärtchen gehören, die bei dem Adonisfeste um Sonnenwende prunkend umher getragen und dann in den Strom geworfen wurden; so auch machen sich gern die Kinder aus dergleichen Ueberresten von Flittern irgend eine glitzernde Zusammenstellung unter einem Stückchen Glas, hinter einem Thürchen von Papier, und zeigen einander für eine Stecknadel diese Herrlichkeit. – Als ich später in Geschäften der Akademie der Menschenkenner eine große Reise mit dem gelehrten Wunderkind Monsieur Heinicke machte, theils um dem verlornen Paradies, theils um allen Raritäten und der Kunst auf die Spur zu kommen, war das Resultat unsers Reiseberichts: “Einige bunte Seideflöckchen mit Goldfädchen, Flittern und andern Agrements mehr oder weniger fantastisch verwirrt und hinter einem Quadratzoll weißen Glases auf Papier platt gedrückt, und das Alles mit einem Thürchen bedeckt, ließen uns an vielen Orten die Kinder um den Preis einer Stecknadel sehen, weswegen wir der Akademie 12 kr. für einen Brief Stecknadeln berechnen. Ueberall war es eigentlich dasselbe; nur schien uns merkwürdig, daß in Köln ein Heiligenbildchen darin war und man es ein Paradies nannte, daß in Nürnberg ein Spielpfennig darin war und man es eine Rarität nannte, daß in Berlin ein Bischen Rauchpulver dann war und man es eine Kunst nannte. Ueberall aber kostete es nur eine Stecknadel.”

(Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia)

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)

Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Der Staar und das Badwännelein
(in der Spinnstube eines hessischen Dorfs aufgeschrieben.)

Herr Konrad war ein müder Mann,
Er band sein Roß am Wirtshaus an.

Das Mägdlein sprach, steig ab, steig ab,
Ihre Aeuglein schwankten auf und ab.

Ach Jungfer liebste Jungfrau mein,
Schenk mir ein Becher kühlen Wein ein.

Ach Herre, lieber Herre mein!
Ich bring ein Becher kühlen Wein.

Trink ab, trink ab du rother Mund,
Trink aus den Becher auf den Grund.

Frau Wirthin, liebe Frau Wirthin mein,
Ist dies fürwahr euer Töchterlein?

Mein Töchterlein ist sie nicht fürwahr,
Sie ist mein Magd für immerdar.

Wollt ihr mir sie leihen auf eine Nacht?
So will ich euch geben des Goldes Macht.

Wollt ihr mir geben des Goldes Macht,
Will ich sie euch leihen für eine Nacht.

Nun richt dem Herrn ein Fußbad an,
Mit Rosmarin und Majoran.

Sie ging in den Garten und brach das Kraut,
Da sprach der Staar, „o weh du Braut,

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da trug sie das Badwännelein,
Wohl in des Herrn Schlafkämmerlein.

Sie fühlt hinein, obs nit zu warm,
Und weint dazu, das Gott erbarm!

Ach meine Braut was weinst du dann?
Bin ich dir nicht gut für einen Mann.

Du bist mir gut für einen Mann,
Ich wein über, was der Staar mir sang.

Ich war im Garten und brach das Kraut,
Da sang der Staar: “o weh du Braut!

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da sah der Herr das Badwännelein an,
Da war das burgundische Wappen dran.

Das ist meines Herrn Vaters Schild allein,
Wie kommt dies Wännlein ins Wirtshaus herein?

Da sang der Vogel am Fensterladen:
„In dem Badwännelein ist sie hergetragen

O weh du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wo Vater und Mutter sind.“

Herr Konrad sah an ihren Hals,
Da hatte sie ein Muttermahl.

Grüß Gott, grüß Gott mein Schwesterlein.
Dein Vater ist König an dem Rhein.

Christina heißt deine Mutter,
Konrad dein Zwillingsbruder.

Da knieten sie nieder auf ihre Knie,
Und dankten Gott bis morgens früh.

Daß er sie hielt von Sünden rein,
Durch den Staar und das Badwännelein.

Und als zu morgen kräht der Hahn,
Frau Wirthin fängt zu rufen an.

Steh auf, steh auf du junge Braut
Kehr deiner Frau die Stube aus.

Sie ist fürwahr keine junge Braut,
Sie kehrt der Wirthin die Stube nicht aus.

Herein Frau Wirthin nur herein,
Nun bringt uns einen Morgenwein.

Und als die Wirthin zur Stube eintrat,
Herr Konrad sie gefraget hat:

Woher habt ihr das Jungfräulein?
Sie ist eines Königs Töchterlein.

Die Wirthin ward bleich als die Wand,
Der Staar verrieth da ihre Schand.

In einem Lustgarten im grünen Gras
Das Kind in dem Badwännelein saß.

Da hat die bös` Zigeunerin
Gestohlen das zarte Kindelein.

Herr Konrad war so gar entrüst
Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Er bat sein Schwesterlein um einen Kuß,
Ihr Mündelein reicht sie ihm mit Lust.

Er führt sie bey der schneeweißen Hand
Und hob sie auf den Sattel bald.

Das Wännelein trug sie auf dem Schooß,
Da ritt er vor der Frau Mutter Schloß.

Und als er in das Thor eintritt,
Die Mutter ihm entgegen schritt.

Ach Sohne, lieber Sohne mein,
Was bringst du für eine Braut herein.

Sie führt das Wännelein ja zur Hand,
Als ob sie mit einem Kinde gang.

Es ist fürwahr keine junge Braut.
Es ist euer Tochter Gertraut

Und als sie von dem Sattel sprang,
Die Mutter in ein Ohnmacht sank

Und als sie wieder zu Sinnen kam
Ihr Tochter sie in die Arme nahm.

Laß sie sichs eine Freude sein,
Ich bin Gertraut ihr Töchterlein.

Heute sind es fürwahr 18 Jahr,
Daß ich der Frau Mutter gestohlen war.

Und ward getragen über den Rhein
In diesem kleinen Badwännelein.

Und als sie sprach, da kam der Staar,
Und sang die Sach ganz offenbar.

Und sang: „O weh mein Ohr thut weh,
Ich will keine Kinder stehlen mehr.“-

„Ach Goldschmidt lieber Goldschmidt mein,
Nun schmiede mir ein Gitterlein,

Schmied mirs wohl vor das Badwännelein,
Das soll des Staaren Wohnung seyn.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)

Bis man ihr Lung und Leber sah:

Der Pfalzgraf am Rhein.
Mündlich.

Es wohnt ein Pfalzgraf an dem Rhein,
Der ließ verjagen sein Schwesterlein,
Da kam der Küchenjung zu ihm:
„Willkommen! Willkommen, Pfalzgraf am Rhein!

Wo ist dein schönes Schwesterlein?“
„Mein Schwesterlein, die kriegst du nicht,
Sie ist dir viel zu adelich,
Und du gehörst zur Küch hinein.“

„Warum sollt ich sie kriegen nicht,
Sie hat von mir ein Kindelein.“
„Hat sie von dir ein Kindelein,
Soll sie nicht mehr mein Schwester seyn.“

Er ließ sie geißeln drei ganzer Tag,
Bis man ihr Lung und Leber sah:
„Hör auf, hör auf, es ist genug,
Es gehört dem König aus Engelland.“

„Gehört es dem König aus Engelland,
So kostet mich`s mein ganzes Land,
Mein ganzes Land ist nicht genug,
Mein Leben muß auch noch darzu.“

Es stund nicht länger als drei Tag` an,
Da kam der König von Engelland:
„Willkommen, willkommen Pfalzgraf am Rhein,
Wo ist, wo ist dein Schwesterlein?“

„Mein Schwesterlein, die ist schon todt,
Sie liegt begraben röslinroth.“
„Liegt sie begraben röslinroth,
So mußt du leiden den bittern Tod.“

Selbst zog er sein schweres goldnes Schwert,
Und stach es dem Pfalzgrafen durch sein Herz:
„Hat sie müssen leiden den bittern Tod,
So mußt du leiden den Schmerz.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)

Loreley reaktiviert?

Das hat die Loreley getan, durchzuckte es, wenn wir die Anzahl der Rückmeldungen, die wir gestern zum Schiffsunglück bei St. Goarshausen erhielten, hochrechnen, nebst der unseren noch erkleckliche Quenten weiterer rheinischer Hirnmasse. Das haben uns Brentano, Heine und Konsorten tief eingespeichert. Zwei Schiffer sind vermißt, zwei wurden lebend aus dem winterlichen Rhein gezogen. Eine Tragödie. Und der gekenterte schwefelsäurehaltige Tanker, „ein sehr gutes Zwei-Hüllen-Schiff“ wie es in der Presse heißt, muß noch über Tage und Wochen gesichert und geborgen werden. Die Loreley allerdings galt über viele Jahre als inaktiv, ein Interview in einer japanischen Zeitung von 2008, das uns aus leicht obskurer Quelle zugespielt wurde, konnten wir leider aus Budgetgründen bis heute weder verifizieren, noch übersetzen lassen. Die hiesigen Zeitungen vermeiden bisher allzu mystische Spekulationen zu den Ursachen des Unglücks. Doch läßt sich Martin Mauermann, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Bingen, von der Presse bereits wie folgt zitieren: “Der Fall ist abstrus. Das Radarbild hat keinen Zusammenstoß oder ein Auflaufen auf das Ufer gezeigt. Plötzlich war das Schiff einfach vom Radarschirm verschwunden. Das kann bedeuten, daß das Schiff sich einmal komplett unter Wasser gedreht haben muß.“ Und was sollte das wiederum bedeuten? (Falls Aufklärung folgt, geben wir sie an dieser Stelle bekannt.)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: die weltweit immergleiche Heidelbergerinnerung

Fortgesetzt bürgerlich-akademisch-romantische Vorstellungswelten bringt Genevoix in der Heidelberg-Passage seines Lorelei-Romans zum Klingen. Die restliche Handlung spielt wohl deswegen großteils in Offenbach am Main, um proletarische Perfidie gegenüber dem sinnsuchenden jungen Bürgerhelden aufbauen zu können. In Heidelberg aber geht es ideal und idealer zu: „Die Universität hatte ihre Tore der Ferien wegen geschlossen. Die Straßen der Altstadt waren fast leergefegt. Unter dem Gasthausschild vom „Roten Ochsen“ (…) fanden sie die Weinstube halb offen, verschlafen in der Straßensonne und drinnen absolut still. Sie waren dann wiederum unter dem Brückentor zum rechten Neckarufer hinübergegangen und noch einmal zum Philosophenweg aufgestiegen. Der Abend tauchte jetzt das ganze Tal in ein durchsichtiges, vergoldetes Licht. Unter einem Behang von Zweigen und über Blumenbeeten und Rasen genossen sie die Aussicht auf den langsam und majestätisch fließenden Fluß. Ruderboote, bunt angestrichen, glitten vorüber; wenn die Ruder aus dem Wasser tauchten, gleißte Sonnenuntergangslicht auf ihren Blättern.“ War das Idyll vor der Epoche idyllenbestätigender kamerabehängter Touristenhorden wirklich ein Idyll (für wen)? Der Neckar ein majestätischer Fluß? Brentano, Arnim, Hölderlin nicht eher Schwärmer mit fehlender Wahrnehmungsgabe für schweißige Unterströme rheinischen Elends? Die Heidelberger Tourismusindustrie schien lt. Genevoix jedenfalls bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit Raffinesse angelaufen: „Im großen fenstertürigen Speisesaal aßen sie vorzüglich vorbereitete Flußforellen, hielten in langstieligen Gläsern einen feurigen Johannisberger im Gegenlicht hoch. Dabei schauten sie zu, wie eine fröhlich schwatzende Menschenmenge sich den Weg herabwälzte und auf die Alte Brücke losmarschierte. Unmerklich war es unterdessen über Wasser und Hügeln dunkler geworden. Von Zeit zu Zeit fuhr ein flacher Schleppkahn auf dem Fluß dahin, geriet in einen seidenglatten Strudel. (…)“ Unter Ahs und Ohs betrachtet die Reisegruppe nun eine Schwanenfamilie. Doch es kommt noch dicker: „Die drei Schwäne entschwanden in der Dunkelheit. Gleichzeitig wurden die Wälder um Heiligenberg von einer Geschoßgarbe von Raketen beleuchtet; sie stiegen in den Himmel empor, fielen als Regen roter, grüner, blauer Sterne herab, wurden ein Stückchen abgetrieben, ein kosmisches Geknatter am Himmel, indes eine letzte, irgendwo hinverirrt, losging und durch die Nacht dröhnte. (…)“ Der Fokus wechselt alsbald auf den unvermeidlichen Höhepunkt eines solchen Heidelbergbesuchs, die allabendliche Gothic-Show am Schloß: „Bengalische Feuer hatten die gewaltige Fassade lichterloh erhellt. Zugleich wurden ganze Reihen von leeren Fensterhöhlen illuminiert. Die beleuchteten Dächer der einzelnen Bauten, der Turmspitzen, dann wieder Winkel und Ecken in unheimlichem Dunkel, das plötzlich tausendfältige Zischen der Raketen und Leuchtkugeln – man hätte glauben können, ein riesiges Ölgemälde, magisch aus dem Nichts heraufgeholt, eine feenhafte Theaterkulisse, erscheine ihnen vor Augen. Der Stadt unten, ihren Dächern, ihren Türmen, ihren Kirchturmspitzen, dem Fluß, ja den Menschen selber haftete, wenn sie sie anschauten, etwas Phantastisches, Festliches an: ein Traum von einem Deutschland, außerhalb aller Zeiten.“