Wesel steht Kopf: der Rhein fließt verkehrt

Eher selten torkeln Nachrichten aus Wesel bei rheinsein ein. Doch haargenau in Wesel ereignete sich, kaum beachtet von der Öffentlichkeit, mitten im schönsten Sommer eine bemerkenswerte Geschichte, die durchaus als Allegorie für Entstehungsprozesse, Sinn und Zweckgebundenheit menschlicher Handlungen und ihrer Systeme, also den Weg über den Zweifel zur Zufriedenheit, kurzum für unser glückliches Dasein verstanden werden darf. In Wesel steht nämlich neuerdings eine Granitskulptur, ein Brunnen in Flußform, welcher auf fünf Metern Länge den Rheinabschnitt zwischen Duisburg und Rees nachbildet und „nach dem Willen der Stadt und des Berliner Landschaftsarchitekten-Duos Birke-Zimmermann eines der Highlights der neuen Fußgängerzone werden soll” – wie die Rheinische Post Anfang August zu berichten wußte. Die Bauarbeiten an ihrem neuen städtischen Glanzlicht irritierten jedoch zahlreiche Weseler Bürger, und das nicht nur, weil sie zügig vonstatten gingen. Bald war der Rhein in Stein von Passanten umstanden, wir lauschen (unterhalb des Fotos, das ein Brunnendetail zeigt) kurz in ihre Dispute hinein:

rees

„Rees liegt dort, weiß jeder, der irgendwie hier sammamal, auch zujezogen is.“
„Jeder weiß, der Rhein fließt in die Richtung.“ (Gestikuliert.)
„Falsch.“
„Normalerweise müßte der andersrum gedreht werden.“

Was unsere zufällig belauschten Weseler Bürger mit ihren verdatterten Statements zum Ausdruck bringen möchten: wer den neuen Brunnen in Wesels Fußgängerzone betrachtet und die Fließrichtung des ihm eingravierten Rheinverlaufs mit der des tatsächlichen Rheins vergleicht, wird feststellen, daß der Brunnen nicht originalgetreu nach dem natürlichen Vorbild ausgerichtet steht. Oder mit des Bürgers Worten:

„Wesel steht Kopf.“

Wesels Stadtverwaltung läßt verlauten, das „Problem“ sei bekannt, man habe sich schon gewundert, mache jedoch „nur die Bauausführung“, die Zuständigkeit für das Problem liege also in Berlin, bei den Landschaftarchitekten. Die geben aus gemessener Ferne großmütig zu, daß eine „korrekte“ Lage des Brunnens quer zu sich selbst hätte stattfinden müssen. Der Bürger, der unterdessen die Bauarbeiter für ihre schnelle Brunnenaufstellung lobt, schüttelt den Kopf:

„Jetzt hat man die Karre in’n Dreck gefahren, jetzt man gucken wie sie da raus kommt. Das’s schwer. Da ham die sich wieder ne Sache geleistet. Dat jiptet garnich.“

Höchste Zeit für den erlösenden Auftritt der Bürgermeisterin von Wesel, Ulrike Westkamp:

„Wenn wir den Brunnen in Fließrichtung stellen, haben wir ein Modell. So (wie er jetzt steht; Anm.: rheinsein) haben wir ein Kunstobjekt.“ Der Weseler Bürger staunt und ahnt, warum er die Dame gewählt hat: ein beherzter Griff in die Kiste mit den richtigen Etiketten und die Sache ist geritzt. Die Bürgermeisterin von Wesel setzt noch einen drauf und beweist im niederrheinischen Hinterland geradezu Merkel’schen Führungsstil: „Das Kunstwerk ist ein Kunstwerk und alle werden sich daran erfreuen.“