Walensee (3)

Grünschnabel, das neue Buch von Monica Cantieni, beschreibt über einige Seiten den Walensee, dessen Anblick bereits von der Zugstrecke Zürich-Sargans Wunder nimmt, mit den steil aufragenden Felsen, aus denen da und dort über Hunderte Meter die Wasser fallen. Ein kleiner Ausschnitt über die wenig bekannten ozeanischen Fähigkeiten des Walensees:

“(…) – Er kann richtig wild werden, der Walensee. Föhn ist hier selten, wenn er aber aufkommt, schlägt er alles. Er trägt dem See ganze Bäume zu. Die Touristen bekommen Gänsehaut von den großen Wurzeln, die aus dem Wasser ragen, sie bekommen Gänsehaut vom Wind, der das Schiff über den See jagt, und sie bekommen Gänsehaut von der Geschichte, dass nämlich hier und nirgends sonst in der Schweiz ein Dampfschiff untergegangen ist, abgesoffen mit Mann und Maus, das Ufer von Wellenbergen verschluckt, und über den Wellenbergen die Churfirsten, von Wolkenbergen verschluckt, kein Steg, kein Holz, nur wütendes Wasser und ein zischender Kahn, ein heulender Sturm, seither ist den Touristen mulmig auf der Überfahrt. Schon wenn ein Lüftchen geht, wird ihnen mulmig – zu Recht – und sie sind froh, wenn sie den Fuß hier an Land haben oder wieder drüben, auf der anderen Seite, wo sie am Sonntag die Straße verstopfen. Ja, der Wind kann hier bloß spielen, und plötzlich sticht ihn der Hafer, und der See beginnt anders zu riechen, riecht nach Tang, nach Fisch, als würde er alle Fenster aufreißen, bevor er anfängt zu kochen. (…)”

Monica Cantieni – Grünschnabel (Roman), Schöffling & Co, 2011
240 Seiten. Gebunden. € 19,95,  SFR 30,50