Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Via Mala

Um an die Silberne Via Mala-Besucherehrennadel mit eingefaßtem Tobelhocker zu gelangen, sind 25 nachgewiesene Schluchtvisiten vonnöten. Die Algordanza AG zu Chur bietet diese 25 Visiten momentan auf einen Schlag. Es geht in eines dieser klobigen Gebäude an der Churer Ringstraße. Blankpolierte Schilder weisen diverse Nutzer aus. Kaum ist man drin, läßt sich, das muß an der Architektur liegen, nur schwer des Eindrucks erwehren, daß hier in inversiver Weise, nämlich mit vergleichsweise wenig Arbeit vergleichsweise viel Geld gemacht wird. Man kann es sozusagen leise im Keller wachsen hören (die zeitlupenhaft schwerfällig wirkende Arbeit, die dort zu Essenzen abgefüllt in Metall-Regalen steht, das unverdorben dem Himmel entgegenwachsende Geld mit seinem Geruch von jungem Papier). Die Massivität des Gebäudes verschluckt oder zerdrängt gleichzeitig jeglich in seinen Weiten auftauchende Menschen wie ein schwarzes Loch in Grau. Erst denkt man noch, da käme jemand, der sich grüßen ließe, doch bevor man sich auf 20 Meter angenähert hat wird die betreffende Person immer kleiner und kleiner und verschwindet stufenlos an irgendeiner Wand. Wie weggezappt, -gezoomt, nie ernsthaft da gewesen. Mysteriös, sollte man meinen. Hier aber scheints völlig normal. Die einzige fysische Begebenheit von Bestand ist die Putzfrau. Es muß sich um die ewige Putzfrau handeln, sie verleiht dem Gebäude seinen Glanz (einen gräulichen) und wird dafür vermutlich klassisch entlohnt (relativ viel Arbeit für relativ wenig Geld). Im ersten Stock logiert die Algordanza. Auf den Fluren und im „Meeting Room“ der Büroetage hängen 25 Via Mala-Gemälde aus den letzten beiden Jahrhunderten. Die Zeitung schrieb, sie seien zum Anschauen für alle gedacht. In der Sitzecke des Eingangsbereichs liegen einige Diamanten auf dem Tisch. Sie sehen aus wie zum Mitnehmen gedacht. Die Zeitung hatte sich über dieses irritierende Detail völlig ausgeschwiegen. (Ein wenig eifersüchtig auf die Klunker, weil sie ja des Meitlis bester Freund sein sollen; was andererseits auch wieder nicht einzig erstrebenswert wie auch immer.) Es hängen also lauter Viae Malae an den Wänden. Die Künstler haben sich dabei auf düstere Farben verständigt, sie gewinnen der Schlucht einige ihrer langweiligsten Aspekte ab, während die kleinen Farbabbildungen der Originale auf den Erklärungstafeln durchaus interessante Koloration besitzen. Lauter berühmte Maler haben sich mit der Via Mala beschäftigt, ich würde behaupten: die meisten haben amtlich versagt. Zu den drei vier besseren Arbeiten gehören Bleulers unvermeidliche Vedute, zwei sich küssende Felsen, ein paar vom Eis bedrohte napoleonische Soldaten und eine Tunnelansicht, so verschroben gewählt und ausgeführt, daß die Erfindung des Trash mal wieder umdatiert werden sollte. Ansonsten ein paar versteckte Geister und einige Kirchners, Breughels, Segantinis – allesamt von anderen gemalt. Warum diese Sammlung an diesen Ort zur Ausstellung gelangt ist, muß einen Sinn besitzen, der sich meinem Verstand entzieht. Nichtmal Nachweise für die Silberne Ehrennadel sind zu erwerben. Vielleicht handelt es sich um eine hochkomplexe psychologische Sache für die Angestellten. Ich entziehe mich mit einem Ruck den 25 Abgründen, indem ich beinahe über die feudelnde Putzfrau falle, ja, auch das Treppenhaus hat seine Tiefe, draußen, im grauen Chur, geht der Verkehr, die graue Plessur, es hat schon alles Sinn, auch wenn es sinnlos scheint, irgendwie geht letztlich alles immer zusammen.

Lemchen

Ein Gedichtband, Epigrammaton libri duo, verhagelte Simon Lemnius nachhaltig die Karriere. Wofür er sich, zumal ersterer weitgehend eingezogen und verbrannt wurde, mit einem weiteren rächte, der bis heute so wenig ausgegraben, so sehr sich jedenfalls in der Kantonsbibliothek Graubünden wohl zu fühlen scheint – und einen Haufen Derbheiten enthält, die Lessing veranlaßten, sie zu verteidigen und somit den “Schand-Poetaster” teilzurehabilitieren. Die Ungnade rührte vom großen Vorzeigedeutschen Martin Luther selbst, der sich (und weil das allein nicht gereicht hätte, auch jede Menge weiterer „wichtiger“ Persönlichkeiten) darin unvorteilhaft aufs Korn genommen witterte. Also drangsalierte er den jungen Bündner, der in den 1530ern bei Melanchthon in Wittenberg zum hoffnungsvollen Neulateiner ausgebildet wurde, nach seinen Möglichkeiten, dh schließlich per Hausarrest und Prozeßandrohung so zureichend, daß Lemchen mit dem zarten Namen und dem starren Sinn, sein Habe zurücklassend, die Flucht ergriff, die ihn durch die ostdeutsche Provinz und schließlich den Rhein entlang in seine Heimatgegend nach Chur verschlug, wo er nebst einer metrisch gelungenen Darstellung des Triesener Gemetzels im Schwabenkrieg von 1499 (also dem Krieg zwischen Schweizern und Deutschen, samt einer frühen lyrischen Erwähnung der liechtensteinischen Lande) in Die Raeteis ein obszönitätsbasiertes und -triefendes Schmähwerk gegen Luther, die Monachopornomachia (den Mönchs-Huren-Krieg), verfaßte, in dem er die ehelich-unehelichen Beziehungsgeflechte in Wittenberg ausweidet und den großen Reformator als gehässigen, dauernotgeilen Sachsenpapst, als „moguntinus satan, diabolissimus diabolus, merdosus pfaffius“ auflaufen läßt.

Haldenstein (6)

Der Antiquarius kennt auch Haldenstein, insondere das Schloß (!), zuzeiten seiner adlichten Bewohntheit: “Wann nun der Rhein eine Weile unterhalb Räzuns das Wasser Plessur eingenommen hat, so komt man mit solchem also bald nach Haltenstein. Dieses ist ein schönes (in der Tat, Rheinsein bewohnt es grad; Anm.) Schloß, Dorf und Herrschaft in Graubünden, eine halbe Stunde von Chur, jenseits oder auf der linken (der richtigen, wie der Kölner sagt!; Anm.) Seite des Rheins. Das Schloß liegt auf einem hohen (man kann auch übertreiben – es gibt jedenfalls in unmittelbarer Umgebung weit höhere; Anm.) Felsen und ist wohl erbauet, Dessen Besitzern stehen die hohen und niederen Gerichte (Steinbockfilet? Bündner Gerstensuppe? letztere jüngst noch im Nordflügel von der Kastellanin für die Bürgerversammlung in riesigen Kesseln gebraut; Anm.) zu. Es war selbiges ehemals einem adeligen Geschlechte gleiches Namens zuständig. Nach des letztern, nämlich des Herrn Baldenstein zu Lichtenstein, zu Anfang des funfzehenden Jahrhunderts erfolgten Tod, ist es nacheinander an die von Greifensee, von Grüningen, an die von Marmels, von Castion, von Hohenbalken, von Dägerstein, und endlich an Thomam von Schauenstein, einen Ritter, gekommen, welcher von dem Kaiser Matthia im Jahr 1617. in den Freyherrnstand erhoben, und unter andern auch mit der Münzgerechtigkeit beehret worden. Dessen Nachkommen haben diese freye Herrschaft besessen, bis sie mit dem Anfange des achtzehenden Jahrhunderts an Johann Lucium von Salis gekommen. Der dißmalige Besitzer ist Gusbertus von Salis. Das ganze Gebiete dieser Herrschaft ist nicht über eine Meile lang, hat dabey einen überaus unfruchtbaren Grund und Boden, welcher nicht einmal einiges Korn hervorbringt. Gleich oberhalb Haldenstein liegen (bis heute, im Föhn; Anm.) die Ueberbleibsel des Gemäuers von dem Bergschloße Lichtenstein. Die Gegend in dieser Landschaft (schön ausgedrückt!; Anm.) ist mehrentheils voller hoher Gebürge, zwischen welchen sich die Thäler hier und dar zuweilen bis auf eine Meile erweitern, die sodann von dem dardurch fließenden Rhein und andern Bächen oft überschwemmet, davon aber zu herrlichen Auen und Wiesen gemacht werden.” Rheinsein könnte jetzt mit Dielhelm noch gen Trimmis, gen Norden, etc, aber es regnet so fürchterlich sehre, draußen, im Dunkeln, als machte das alles keinen Sinn.

Chur (5)

Über die Christenmenschen (in aufsehenerregenden Fällen nicht selten politisch interessierte Gottesmänner) Churs weiß der Antiquarius die ein oder andere Anekdote, trockener wird’s beim Auseinandersetzen der kompliziert errechneten Stadtverwaltung und ihren Geflechten mit dem Klerus, die im hundertfußnotigen Anhang eher zerstreuselt denn entwirrt wird. Lassen wir die profanen Dinge außer acht und wenden uns einem (wenn auch schwer erwerblichen) Christenwunder zu, das mit der Kultur des alpinen, von der Kirche bekämpften Aberglaubens durchaus zu konkurrieren vermag: „Gleich über dem bischöflichen Schloß an jenem Berge, so mit Weinreben besetzt ist, erblikt man das schöne Kloster Sanct Lucii premonstratenser Ordens. Im Jahr 1453. ward es zu einer Abtey erhoben, auch hernach vom Pabst Eugenio dem IV. bestätiget, in welchem Stande es hernach beständig geblieben, bis ums Jahr 1529. der damalige Abt Theodor Schlegel, weil er an einem wider die Stadt gemachten heimlichen Verbindniße Theil gehabt, enthauptet worden. Hierauf haben die Mönche nach und nach abgenommen, und der Gotteshausbund hat sich damit um eine gewisse Summe Gelds im Jahr 1538. abgefunden, da denn endlich das Kloster gänzlich zerfallen und öde gelassen worden, bis im Jahr 1630. Johannes Coppius solches wieder aufrichten lassen und daselbst zu residiren angefangen, von welcher Zeit an es von einem insulirten zeitligen Abt verwaltet und von vier Ordensbrüdern bewohnet wird. Seit wenig Jahren ist dieses Kloster neuer Dingen stattlich erneuert worden. Gleich über dem Kloster auf eben dieser Höhe in einer Kluft ist eine Kapelle zu Ehren des heil. Lucii erbauet, zu welcher man über Berge und felsigte Klippen, wohl eine Viertelmeile hoch, hinauf steigen muß. Es ist diese Kapelle ohngefehr zehen Fuß hoch ins Gevierte gewölbet, worinnen ein Altar befindlich, auf welchem bey hohen Festtagen Messe gehalten wird. Etwas höher darüber ist eine im Felsen von der Natur zubereitete Grotte anzutreffen, welche eine Einsiedlerskapelle zu seyn scheinet, und ist in solcher eine kleine Quelle, woraus ein Wasser quillt, so, der Papisten Vorgeben nach, wie ein Oel so fett seyn, und von GOtt eine heimlich verborgene Kraft zu Heilung der Augen haben soll, welches aber von unpartheyischen Leuten als falsch befunden worden.“

Chur (4)

Dielhelm spricht in einem Nebensatz von der gefühlten Düsternis Churs (es gibt, ein für allemal, weit düstere Täler und Ortschaften) und in einer beiläufigen Aufzählung von ihren Zooqualitäten – Themen, die sich bis ins heutige Rheinsein erhalten haben, während die Macht des Bischofs im Laufe der Zeiten, wir wollen nicht vorgreifen, eine endliche Sinuskurve beschreiben könnte: “Die Stadt ist an sich selbst wohl erbauet, aber nicht sonderlich groß, und macht bey nahe ein Dreyek aus. Sie liegt auf einem fruchtbaren und luftigen Boden, welchen der Rhein und die Plessur befeuchten. Wie denn dieser letztere mitten durchfliesset, darinnen etliche Mühlen treibet, und fast durch alle Gassen geleitet werden kan. Rings umher hat sie einen guten rothen und weisen Weinwachs, absonderlich gegen den Morgen. Sie wird ferner allenthalben mit hohen Gebürgen umgeben, die den Sommer ungemein verkürzen; massen man auf diesen Bergen und auf ihren erhabenen Gipfeln noch wohl im May und Junio Schnee findet. Im übrigen dienen sie nichts desto weniger zu einem Aufenthalt der Gemsen, Steinböcke, Haasen, Murmelthiere, Geyer, Steinhüner, Auerhäne, Fasanen, und dergleichen Gethiere mehr. Der Umkreiß dieser ganzen Stadt begreift anjetzo zwey Haupttheile in sich. Der eine bestehet aus dem bischöflichen Wohnsitz, aus der Domkirche, der Probstey, und aus den dabey stehenden Domherrenhäusern, welche von der Stadt durch Thor und Thürne abgesondert sind. Der andere Haupttheil ist die Stadt selbst. Diese bekennet sich ganz zu der reformirten Religion, und zwar seit dem Jahr 1526. als zu welcher Zeit sie dieselbe gleich andern Orten in Graubünden mit Abschaffung der catholischen angenommen, nachdem Johannes Comander des Terzels Predigten widerleget, und zu Ilanz über die streitige Puncten zwischen beyderseitigen Geistlichen eine Disputation gehalten worden. So hat auch der dortige Bischof weder in burgerlichen noch in Kirchensachen etwas zu gebieten.”

Chur (3)

Der Rheinische Antiquarius weiß allerhand Vages über Chur und wirft damit zugleich die Frage auf, ob die Präzision geschichtlichen Wissens mit zeitlichem Abstand steigt oder sinkt. Beides, lautet sicherlich die weiseste aller Antworten. Und das war der Wissensstand zur Geschichte Churs im Spätbarock: „An dieser Plessur, eine kleine Viertelmeile vom Rhein, zwey starke Meilen von Meyenfeld und viere von Feldkirch liegt Chur, lateinisch Curia Rhaetorum, und französisch Coire, die Hauptstadt der drey freyen Bünde in Graubündten, wie auch der Hauptort des Gotteshausbundes. Ihren Ursprung und Namen wollen einige von dem Kaiser Constantio, Kaisers Constantini Magni Sohn, herleiten, und zwar dergestalten, daß, als selbiger mit dem allemannischen Könige Chonodomaro oder Vadomaro ums Jahr 375. oder, nach anderer Meynung 355. Krieg geführet, er sich, nach Endigung desselbigen, nach Mailand in die Winterquartiere begeben hätte; bald hernach aber wäre er aufs neue mit ihm zerfallen, worauf er sich in diese Gegend Räthiens gezogen, sein Lager in dasigen Feldern, Campi Canini genant, und seine Hofhaltung in den darinnen sich befindenden alten und festen Schlössern aufgeschlagen, auch daher dieser Stadt ihren Ursprung und Namen gegeben habe; massen selbige ganze Gegend Rhätia Curiensis genennet worden. Wie denn ausser den dreyen Festen Marsoila, Spinoila, und Ymburg, keiner andern daherum gelegenen namhaften Oerter oder Gebäude einige Meldung geschehen, obschon Ammianus Marcellinus alle zu seiner Zeit dem Rhein hinunter gelegene Städte fleissig angemerkt hat. Andere wollen Constantio mehrers nicht, als nur die Erweiterung und Benamsung dieses Orts zuschreiben, und behaupten zugleich, er hätte schon lange vor dessen Zeiten allda gestanden, und wäre Ymburg genennet worden. Auch sey dieses eben der Ort, den Ptolomäus Alexandrinus, nach Art der griechischen Schriftsteller, mit einiger Veränderung der Buchstaben, Ebodurum betitele. Dem sey nun, wie ihm wolle, so ist doch ganz wahrscheinlich, daß schon vor Christi Geburt dieser Ort als einer der gelegensten und fruchtbarsten von den alten Räthiern bewohnet worden, auch nach und nach an Volk und Gebäuden zugenommen habe; Daß ferner die Stadt bey der Feste Ymburg, auf deren Platz das heutige Rathhauß stehet, durch Darzuziehung der festen Schlösser Marsoila, und Spinoila entstanden; endlich daß diese Schlösser oder Höfe erstlich den vornehmsten räthischen Herren, hernach den römischen Landpflegern, endlich aber dem Kaiser Constantio selbst zur Wohnung gedienet, und dahero, sobald sie zur Stadt geworden, den Namen Curia erhalten, so im deutschen Hof bedeutet. Solchergestalt haben auch nachgehends die Bischöffe allezeit ihre Hofstatt in dem Schloß Marsoila und in den dabey aufgerichteten Gebäuden gehabt. (…)“ Die Namen Spinoila und Marsoila führen auf dünne Spuren, das rätselhafte Ymburg bleibt rätselhaft, während mit Ebodurum über Dielhelm hinaus auch liechtensteinische Flecken in Verbindung gebracht werden.

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Chur (2)

„Die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne.“ (Thomas Bernhard)

„Wer Chur je mit eigenen Augen gesehen hat, der weiß, daß es sich hier um eine sonnige, herzenswarme, liebliche Stadt handelt.“ (Iso Camartin)

Ob Thomas Bernhard nicht sonderlich herumgekommen ist oder sein erfolgreich-auf-Nörgeln-gepolt-Sein ihn zu seiner Feststellung verleitet hat (grad keine Vergleiche zu Bernhardschen Aussagen über andere Städte zur Hand): Chur vermittelt, insbesondere winters von Norden betreten, anfangs schon einen recht depressiven, von Bergen zugeklappten, dunklen Eindruck (etwa den eines Betonwaldes, aus dessen dampfstrahlgereinigten Modergebieten kahlköpfige Hochhauspilze ragen), der sich aber beim Verweilen flugs in hellere, sehr helle und Zwischentöne löst und bei Sonnenschein sowieso innert Minuten, wenn auch nicht rückstandslos, dahinschmilzt. Insofern dürfte sich Iso Camartins heimatverteidigender Satz vor allem auf Ausschnitte, und hierbei vor allem ältere, der ältesten Stadt der Schweiz berufen. Nun geht es in puncto Finsternis stark auf den kürzesten Tag des Jahres zu, Chur glimmt, von Haldenstein aus betrachtet, ab spätestens 17 Uhr wie eine weihnachtsbeleuchtete Kröte (oder sonst ein rundlich-fettes Krippentier) drunt, von hier aus links Rhein gruppiert, ein Anblick, wie ihn jedes in Talgründen gelegene Schweizer Städtchen mehr oder minder bietet: gewiß kein allzu kalter. Rabiate, dem Wortsinn entsprechende, Finsternis mag der Literat zwar überall, aber im Städtevergleich doch eher z.B. in Phnom Penh als herrschend vorfinden, Finsternis gepaart mit Kälte, wenn es denn sein muß, z.B. in den Polarregionen, Gelsenkirchen oder Kattowitz. Chur enttarnt Bernhards Urteil bei aller Vorsicht (wer weiß, was Bernhard Grauenhaftes in Chur widerfahren sein mag?) somit mindestens zur Hälfte als vorurteilsgenährte Selbstentlarvung eines Kaumgereisten. So soll man immer aufpassen. (Ich sperre vorsorglich die Kommentarfunktion für Gelsenkirchener.) Letztlich sind beide Zitate Korsettstangen einer kleinen Stadt mit (zum Wohnen) hübschen Winkeln und häßlichen Flächen, welch letztere über ihre bergblickbietende Funktionalität jedoch, auf Dauer, einen ästhetischen Zugewinn entwickeln (oder dann doch eines Tages besser abgerissen werden) mögen. Von den Gewerbe-und Industriezonen bliebe, daß auch sie schweizerisch clean erschienen, von der Stadt an sich, die im Gesamten schon wie hingeworfen-wo-Platz-ist wirkt, die tallängs wenig Ausbreitungsbestrebungen zu besitzen scheint und doch das Zentrum einer ganzen Region voll berühmter Ferienorte in ehemals und teils bis heute wilden Haupt-, Seiten- und Rheintälern vorstellt, läßt sich sagen, daß sie dieses an sie herangetragene Selbstbewußtsein mit Gelassenheit zu tragen scheint. Ein freundlicher, zurückhaltender Schlag geht dort shoppen oder verkauft sein Birnbrot, auf kleinem Areal ist die gesamte Kultur einer zerklüfteten Region (zumindest museal) verfügbar und in der munizipalen Linie „dr Bus vu Chur“ erklingen die Haltestellenansagen im lokalen Dialekt.

Rheinischer Steinkult

Parallel zu Büchli beschäftigt sich Christian Caminada, langjähriger Bischof von Chur und in den Tälern des Vorderrheins aufgewachsen, in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ mit dem Bündner Volksglauben, der naturgemäß mit Steinkult verbunden ist: „Zaudernden Schrittes und geheimnisvoll erfasst gehen wir daran, jene stummen Steine, welche vielenorts in rätischen Landen auf sonnverbrannten Höhen, in Waldlichtungen, an Wasserquellen und an Flüssen als Teufelssteine, als Nixenstätten, als Elfen- und Dialenfelsblöcke und als Hexentanzplätze aus gespenstisch sich formenden Nebelfetzen der Sagen uns anstarren, zum Sprechen zu veranlassen. Die Rätoromanische Chrestomathie und andere Freunde der Volkskunde sind jenen bläulichen Irrlichtern, die zauberhaft da und dort aufhüpfen und verfliegen, sobald man nach ihnen greift, nachgeeilt und haben deren Kunde in ihren Schriften mit zitteriger Feder fest zu bannen sich bemüht; aber ob es meinen aufgeklärten Lesern entspricht, verwitterte Granitblöcke zu besuchen und Felsenwinkel zu durchstöbern, wo ekelhafte Fledermäuse mit ihrem garstigen Leib das Gesicht des erschauernden Wanderers um streichen, ist eine Frage der Wertung des Aberglaubens als Quelle der Volkskunde. Steine möchten wir zum Sprechen veranlassen, die seit Jahrtausenden stumm und trotzig am Wege späterer Kulturepochen und Völker liegen. Man kann sie erledigen, indem man geringschätzig an ihnen vorübergeht, indem man mit Dynamit den Riesenleib zerreißt und aus dem Abfall die Straße bekiest; aber sie scheinen doch zu reden aus den Mauern der Bauten, in die sie hineingefügt worden waren, und aus dem Unheimlichen gewisser Strassenstellen, die Reiter und Ross foppen mit Tod und Unglück. Das Christentum suchte das Böse zu bannen durch eingekerbte Kreuze, durch heilige Sprüche und Namen. Die Steinblöcke wurden stumm; einzig der Aberglaube machte sich an diesen Zeugen einer ehemaligen, fern abliegenden Kultur noch zu schaffen. (…)“ Entsprechend geht Caminada daran, die Sagen zu markanten Formationen auszubreiten. Und tatsächlich entspricht es dem aufgeklärten Leser bis heute aus angegebenen Gründen, verwitterte, geheimnisumwitterte Granitblöcke zu besuchen.