Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Wahlergebnis aus der Surselva

Weltweit gilt sie als vorbildlich: die teils sehr direkte Demokratie der Schweiz. Daß Schweizer eher langsame Menschen seien: kaum mehr als ein böses Gerücht. Komplexe Präzisionsvorgänge wie etwa Stimmauszählungen brauchen einfach ihre Zeit. Ein Beispiel von den just erfolgten Bündner Kantonalwahlen, aus einem Bericht von Die Südostschweiz: „Offiziell war die Schlusskontrolle für die Daten aus Chur bereits um 14.35 Uhr erledigt. Bekannt gegeben wurden die Resultate allerdings erst Stunden später. (…) Die 39 Einwohner zählende Gemeinde St. Martin in der Surselva war (…) die letzte von 178 Gemeinden, deren Daten noch fehlten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatten die Verantwortlichen offensichtlich Mühe bekundet, die Resultate via Internet nach Chur zu übermitteln.“ Abgestimmt hätten in St. Martin nur ca acht Prozent der Stimmberechtigten, summa summarum: zwei Bürger. Während die Anzahl der angeblich stimmberechtigten Bürger St. Martins in verschiedenen Pressemeldungen vergleichsweise heftig (von 24 bis 39) schwankt – womöglich werden sie ja gerade noch kopfgenau erfaßt – sind sich alle Medien darin einig, daß aus St. Martin zwei Stimmen tatsächlich abgegeben wurden und daß niemand wisse, weshalb die übrigen Bürger St. Martins, das keine eigene Verwaltung besitze, sondern in Vals administriert werde, der Wahl ferngeblieben seien.

Rheinisches Temperament bei der Deutschen Bahn

Der Spiegel berichtete am 22. Juni 2011 in einem reichlich süffisanten Online-Artikel über Pannen bei der Bahn, die unter Umständen über Pannen flugs hinauswachsen könnten. Doch die Artiklerin läßt sich von möglichen Folgegedanken lieber nicht den Humor verhageln. Hauptsächlich geht es also um Halteversäumnis-Comedy, Verlorene Schaffner-Burlesken und ungewollte Durchsagen bei versehentlich aufgedrehtem Mikrofon. Eine signifkante Häufung solcher Vorfälle scheint dabei der Raum Köln aufzuweisen: „Dat iss jetz peinlisch. Dat iss mir auch noch nie passiert. Aber isch bin jrad an Lövenich vorbeijefahren!” könnte in Köln natürlich unter okkasionellem Austausch des letzten Satzes als universales immerwiederkehrendes Karnevalsmotto gelten: „Dat iss jetz peinlisch. Wie konnte dat dann? Da stand doch jrad noch dat Stadtarschief.“ Der Spiegel fragt seine Leser im Anschluß an den Artikel: „Haben Sie auch solche amüsanten Erlebnisse an Bord von Zügen erlebt?“ Der Spiegel und seine Leser sind uns für diesmal relativ wurscht, aber rheinsein-Leser sollens erfahren:

- “Es war Mitte der 90er Jahre. Ich fuhr mit S. mit der Regionalbahn von Köln nach Düsseldorf. Höhe Langenfeld torkelte der Schaffner durchs Abteil. Er lallte und konnte sich nur mit größter Mühe auf den Beinen halten. S: „Hoffentlich ist der Fahrer nicht auch so dicht.“ Als wir Benrath passierten, sagte ich zu S.: „Wir hätten hier halten müssen.“ „Wie?“ „Dieser Zug hält normalerweise in Benrath.“ S. fassungslos: „Du hast recht. Das gibts doch garnicht.“ Der Zug hielt kurz nach diesem Dialog auf offener Strecke und – fuhr zurück. „Es ist möglich, daß wir jetzt in Gefahr sind.“ „Komm, beten wir eben.“ Der Zug hielt in Benrath und fuhr dann wieder weiter zum Hauptbahnhof. Es gab keine Durchsage, die meisten Passagiere vertrauten auf ihr Karma und blieben in Benrath im Zug.”

- “Es war um die Jahrtausendwende. Zugverspätungen und -ausfälle hatten zugenommen und waren auf bestem Weg, zum Regelfall zu werden. Ich fuhr von Köln zum Düsseldorfer Flughafen. Trotz der kurzen Strecke nahm ich mir in diesen Jahren stets eine Stunde Pufferzeit, wenn es um einzuhaltende Termine ging. Besser eine Stunde Warten in Kauf nehmen, als den Flug nicht antreten zu können. Es sollte in Urlaub gehen. Der Zug hatte gerade den Fluß gequert, da hielt er bereits wieder in Deutz. Das war nach Plan. Doch er hielt und hielt bald ohne Durchsage gute 20 Minuten. Das war nicht nach Plan. Zwar hatte ich noch immer 40 Minuten gut, aber keine Information, wann es weitergehen könne. Auf dem Gleis gegenüber langte ein weiterer Zug Richtung Düsseldorf an. Ich beschloß, den Zug zu wechseln. Kaum war ich umgestiegen, fuhr der erste Zug weiter. Der zweite Zug indessen blieb stehen. Nach weiteren zwanzig Minuten hieß es: „Der Schaffner ist uns weggelaufen. Wir warten, bis er wiederkommt.“ Der kam dann auch bald – und ich hielt mich wegen meiner Pufferzeitplanung für bahnmäßig ziemlich weise.”

- “Es war Mitte der 2000er Anfangsjahre. Zugverspätungen und -ausfälle waren inzwischen zur Regel geworden. Ich wollte von Köln zum Dortmunder Flughafen. Ja, den gibts. Die Stunde Pufferzeit hatte sich eingeschliffen, bei Fernfahrten durftens auch zwei Stunden sein. Dortmund mußte als Fernfahrt eingeschätzt werden, zumal der Weg zum dortigen Flughafen Neuland für mich war. Mein Zug wollte diesmal garnicht losfahren. Erst stand er eine Weile auf den Gleisen herum, dann wurde er aus dem Verkehr gezogen. Ich schaute nach Alternativen und rechnete und nahm als Ersatz einen leichten Umweg über Düsseldorf in Kauf. Planmäßig würde das locker reichen. Umsteigen in Düsseldorf. Der Zug nach Dortmund hielt nach einer Weile für ein Viertelstündchen auf der Strecke. Dann fuhr er weiter. Und hielt erneut für einige Minuten unplanmäßig. Es gäbe Probleme, die aber behoben würden, kam eine Durchsage. Irgendwo hinter Wuppertal blieb der Zug auf offener Strecke liegen. Wir würden in den nächsten Bahnhof abgeschleppt. Ein Ort namens Schwelm, dessen Existenz ich seither gerne verdränge. Mit dem nächsten Zug, falls der denn käme, würde ich meinen Flug nicht mehr erreichen. Immerhin standen zwei oder drei Taxis am Bahnhof – wohl blieben dort öfter Züge stehen? Ich fragte die Taxileute: „45 Minuten hab ich noch, schaffen Sie`s in der Zeit zum Flughafen Dortmund?“ Das traute sich keiner zu, da wäre Stau, das wüßten sie aus dem Funk und aus Erfahrung, das könne ich vergessen. So fuhr ich nach Köln zurück. In Kattowitz würden unterdessen Leute auf mich warten. Die Lesung war erst zwei Tage später angesetzt. Es gelang, einen Ersatzflug für den Folgetag zu bekommen, der Veranstalter bezahlte alle Tickets. In Kattowitz staunten sie nicht schlecht über meine Geschichte. Vergleichbares hätten sie von der polnischen Bahn jedenfalls bisher nicht zu hören bekommen.”

- “2009, 2010, 2011. Die Strecke Köln-Chur. Ich fuhr sie einige Male. Zugverspätungen und -ausfälle schienen leicht zurückgegangen. Dh, sie kamen weiterhin häufig, aber eben nicht mehr ganz so häufig vor. Wenn sich bis Basel erhebliche Verspätung ansammelte, passierte hinter der Grenze am Bahnhof Basel SBB folgendes: die Schweizer zogen den deutschen Zug aus dem Verkehr und stellten zwei ihrer eigenen Züge zur Verfügung: einen für die Kurzstreckenreisenden, der alle Haltestellen anfuhr und einen für die Langstreckenreisenden, der die verlorene Zeit aufholen würde. Für einen Rheinländer ist es zwar unvorstellbar, wie die Schweizer das schaffen, aber sie schaffen es.”

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Einfalte Delineation (3)

Der Mordpfarrer
„Ein Stuk vor Ronggellen hinein mitten in der Viamala ist ein gräßlicher Durchpaß bey einem Ponte pensili, oder gleichsam in die Luft hinaus angesezten steinernen Bruk an einem ausgesprengten Felsen zu, über welche Bruk man nicht ohne Grausen durch eine gäche Felsen Kähle hinab siehet in die grausame Tiefe des Tobels. An diesem Ort ist anno 1705 eine greuliche Mordthat verichtet worden, wie jederman beglaubt von einem Pfarrer; es ware nemlich Pfarrer in Farära ein Under-Engadiner M. ex M. Der hatte ein junges starkes Baurenmensch geschwängert. Am heil. Wienacht Fest theilt er noch selbsten in seiner Gemeind das heil. Nachtmal aus, nachdeme er den Bissen eingenommen hatte, fuhr der Teufel in ihne, wie in den Verräther Judas. Er gehet zu seiner schwangern Concubin oder Braut hin (dann er hatte ihr die Ehe versprochen) und beredet sie, er wolle mit ihr irgendwo heimlich Hochzeit halten und zu solchem End hin wollen sie morgens früh vor Tag mit einandern verreisen, welches sie noch Abends ihren Hausgenossen eröffnet. Was geschiecht? In der Nacht verreisen diese beide von Hauß mit einandern an bemeltes Ort, die Stein Bruk, allda pakt der durchteufelte Mörder das arme schwangere Mensch unvermuthet an und ersticht sie mit etlichen Messerstichen und schmeißt sie über die Bruk hinunder, durch die Felsenkähle in den Abyssum des wüsten Tobels, doch muß sich das Mensch noch vor ihrem End tapfer gewehrt haben, denn man fande im Schnee den Kampf Plaz völlig zerstampfet und etliche Resten Haar, die sie dem Mörder ausgerissen hatte – unden in den Felsen-Kähle bliebe auch noch ihr Halß Fazolettlin an einem Stäudlin behangen, zum Zeichen, dz es eine Weibs-Person gekostet. Er der Mörder eylet nach der That allsobald in Schamß zurück, gehet alldorten in eine Filial Kirchen nach Zillis, allwo Hr. Pfarrer Calleonard Predigt hielte, mit Nammen zu Ruschein; nach der Predig ruft ihm der Pfarrer, er solle auch kommen gen helfen singen; der Mörder parirt, doch ware er voller Schweiß und zitterte darbey, dz er das Buch nicht wohl halten konte. Dem Pfarrer kame die Sach suspect vor, bald nach vollendetem Gottes-Dienst stellte er ihn zurede, warum er so übel aussehe und was seine blutige Schuhe bedeuten. Der elende Kerl befande sich in seinem Gewissen geschlagen und sagte, die Leuth haben ihn in Verdacht unverschuldeter weiß, als wann er das und das Mensch ermordet hätte etc. Der Pfarrer erseufzende und wohl sehende, wie viel die Gloken geschlagen, sagt: O du elender Mensch, mach dich bald ab den Augen und aus dem Land, dz dich niemand nimmer mehr sehe; er schiede allso von ihme und passirte selbige Nacht einen sonst Winterszeit unpassablen Berg, allso dz sich Jedermann darüber bestürzen müssen und niemand glauben können, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, durch den ungebrochnen Schnee über den Berg zu kommen, allso eschappirte er. Bald noch selbigen Tags wurde es in Schamß kund, dz an bemeltem Ort eine Mordthat geschehen. – Die Obrigkeit inquirirt bald, der Argwohn kam auf bemelten Mann, doch weil er entronnen, konte man nicht weiter; es war Jammer im Land über den Greuel und Aergernus. – Gegen dem Frühling bey anwachsendem Wasser wurde der Körper der Ermordeten durch den hindern Rhein aus seiner kalten Winterherrberg heraus geschwemet bis hinder Thusis under alta Rhaezia, allda ans Land geworfen gefunden. Die Oberkeit hat ihn sogleich visitiren lassen, da dann selbiger mit etlichen Stichen durchbohrt befunden worden, und da man den Leib aufgeschnitten, fande man in selbigem ein beynache ausgetragenes Knäblein. Der Körper wurde auch mit vieleren Thränen ehrlich zur Erden bestattet. Der Thäter indessen kam nach seiner Flucht hinaus in die Pfalz, bekam sogleich einen guten Dienst, heurathete, wurde Scholarcha und lebte äußerlich in gutem Wohlseyn. Als ich Pfarrer zu Malix ware, ist er einmal ins Vaterland kommen, logirte zu Chur beym Ochsen; er reiste zu Pferd und wohl mondirt und hatte keinen Scheu, seinen Nammen anzugeben, sagende: er sey der, den man vor Jahren in Schamß so greulich verleumdet gehabt. Die Sach komt bald in Schamß, allda war man in procinctu, ihne in seinem Vaterland oberkeitlich abzufordern. Seine Verwandte schmekten Feur und schafften ihn drei Tag nach seiner Ankunft wieder aus dem Land, er kehrte wieder in die Pfalz zu seiner Frau und Kindern und stirbt einige Jahre hernachen alldorten in seiner Würde als Scholarcha. Allso ist mir die ganze Historie erzählt worden. O wie sind die Verhängnisse Gottes so wunderbar und wie ist die Langmuth Gottes so groß, die Gefäße des Zorns zu ertragen. Wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Rathgeb gewesen? O wie lang wartet die göttliche Langmuth auf der sündlich verkehrten Menschen-Kindern Buß und gestattet ihnen noch Zeit dazu, wie manche züchtiget er noch hie in Zeit, damit sie zur Buß getrieben werden? Wie manchen erweiset er alles Guts, damit sie seine Gerichte zur Buße leite? Wie manche läßt er auch in ihrer Sicherheit wie die Schlacht-Schaaf dahin laufen bis an ihr End, damit sie zum Gericht aufbehalten werden, zu empfangen, was ihrer Thaten werth ist. Wie unbegreiflich sind Gottes Wege und wie unerforschlich sind seine Gericht. Rom. Cap. 11.“

Thusis (2)

viamala
Thusis erinnert an Kulissendörfer aus frühen Westernfilmen, parkende Autos erwecken unweigerlich den Eindruck zur Rast angebundener Pferde, während die Hauptstraße den großen Treck der Italienfahrer vorbei an einer Reihe Barbiere, Kolonialwarengeschäfte und Saloons transportiert. Mehrmals ist die Stadt abgebrannt, das könnten Indianer verantwortet haben oder Kollaborateure: “Das gute Thusis hatte das Unglük, vor 16 Jahren totaliter zu verbrennen und jez vor etlichen Monathen wiederum, aussert dass dies letztere Mal die Kirch und dz Pfarrhauss noch errettet werden mögen. Es gienge leider in der nacht so schnell zu, dz von so vielem Gut, aud vielen Kaufmanns-Gütern sehr wenig gerettet werden können. Gott tröste die arme Leuth. Nur Chur soll ihnen an Victualien oder Geld 2000 R. theils gegeben, theils versprochen haben, auch Igis allein, die ein nicht so gar grosse Gemeind und aber solch Unglük auch selbst erfahren hatte, hat auch R. 110 gesteuert etc. Andere werden auch pro rata das ihrige thun und werden allso die Leuth ihren Bau eylfertig fortsezen; er gehe auch, wie vernimme, glüklich von Statten. Das Unglük hat der Portenwächter Vergith erreget, durch unfürsichtige Anhänkung einer brennenden Laterne an einen Heustok” schreibt Nicolin Sererhard, dessen “Einfalte Delineation aller gemeiner dreyen Bünden” noch einige originelle Quellen vermuten läßt, Mitte des 18. Jahrhunderts. (Foto: Helena Becker)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.