Rheinfall vs Staubbachfall

(…) Gleich nachdem wir vor dem Pfarrhause abgestiegen waren, und dies war Abends um 6 Uhr, eilten wir, so geschwind wir konnten, diesem Phänomen zu. Wir betrachteten den Fall lange sowohl von vorne als von beyden Seiten, allein wir stimmten alle in dem Urtheile zusammen, daß der Ruhm des Staubbachs viel grösser, als seine Verdienste sey, und daß man ihm zuviel Ehre erweise, wenn man ihn mit dem Rheinfalle bey Schaffhausen vergleiche. Der Anblick des Staubbachs, den man sowohl vor dem Pfarrhause, als auf der Gallerie desselben beständig vor Augen hat, gewährt zwar ein neues wunderbares Schauspiel, das die Neugierde reizt; bringt aber keine von den Rührungen und Betrachlungen hervor, die ich beym Rheinfall in mir wahrnahm. Man entdeckt nirgends Spuren von der unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, wodurch der Rheinfall so groß und Seelenerhebend wird, und wenn einmal die erste Neugierde befriedigt ist, ja selbst während der ersten Beobachtung, bleibt man eben so ruhig und kalt, als man vorher war. Zwar ist die Höhe, von welcher der Staubbach herabfällt, viel beträchtlicher, als die des Rheinfalls. Denn man schäzt die erstere, wie ich glaube, etwas übertrieben, auf neunhundert Schuh; allein diese Höhe, die mächtig wirken würde, wenn der Fels, von welchem der Staubbach sich herabstürzt, ganz allein da stünde, trägt jezt wenig zur Verstärkung des Eindrucks bey, da man seit dem Eintritt in das Lauterbrunner Thal beständig von eben so hohen oder noch höhern Bergen umringt war, und man noch überdem rund um sich her viel höhere Berge, besonders die unersteigliche Jungfrau vor sich sieht, deren niedrigster Fuß sich über die Felswand erhebt, an welcher der Staubbach herabschießt. Selbst das Geräusch, was der zerstäubende und sich wieder sammlende Bach verursacht, ist so geringe, daß man es nur in der Nähe hören kann, und daß es auch in der Nähe von dem fürchterlichen Getöse gleichsam verschluckt wird, was die in ziemlicher Entfernung und in der Tiefe strömende Lütschine hervorbringt. Wenn aber der Bach bey anhaltendem Regen, oder heftigen Ungewittern plözlich angeschwellt wird, so soll er mit einer furchtbaren Gewalt Felsstücke herabrollen, die durch ihre wiederhohlten Fälle von einer Wand auf die andre, ein unaufhörliches Donnern verursachen müssen. Nicht lange vorher, als wir in Lauterbrunnen anlangten, schien es, als wenn ein starkes Ungewitter kommen würde, allein in weniger, als einer Stunde zerstreuten sich alle Wolken, und mit ihnen verschwand die Hoffnung, den verstärkten Laut und Wiederhall des Donners in diesem engen, und mit den höchsten Bergen von Europa umgebenen Thal zu hören. Eben deßwegen, weil der Staubbach nichts wahrhaftig grosses hat, kann man ihn viel besser beschreiben, und zeichnen als den Rheinfall, und wenn Sie das Blatt , auf welchem Herr Aberli den Staubbach gezeichnet hat, aufmerksam betrachten, so werden Sie sich den Eindrücken, welche der wirkliche Anblick erzeugt, unendlich mehr nähern, als wenn Sie die Zeichnung eben dieses Künstlers vom Rheinfall, ansehen. Der Bach stürzt sich aus einer mit Tannen besezten Höhe in zween schäumenden Strömen, von welchen der rechte der stärkste ist, über den Rand einer steilen mehrere hundert Schuhe hohen Felswand weg, an welcher er in sichtbaren, aber sich immer verdünnenden Wellen bis ohngefahr an die Hälfte seines Falls herabzugleiten scheint. Dies Herabglitschen ist zwar eine blosse Täuschung, indem der Bach sich wirklich vom Felsen losreißt, und in den leeren Luftraum hinein stürzt; allein diese Täuschung schwächt doch den Eindruck des ganzen Schauspiels nicht wenig, da die Wassermasse durch das sanfte Hinabglitschen vieles von ihrer Kraft zu verlieren, oder eine sanftere Bewegung zu erhalten scheint, als man sich einbildet, daß sie sonst würde gehabt haben. Ohngefähr gegen die Mitte der Felswand ist es, als wenn der Bach aufhörte, eine zusammenhängende Wassermasse zu seyn, und als wenn seine sich immer mehr und mehr zuspitzenden und divergirenden Wellen, in Staubwolken aufgelöst würden. Diese aufgelösten Dünste sammlen sich aber bald auf einer hervorragenden Felsbank wieder, und rinnen in vier bis fünf kleinen Strömchen und unzähligen einzelnen Tropfen in ein nicht sehr tiefes Loch hinab, in welches wir ohne Gefahr und ohne einmal ganz durchgenäßt zu werden, hinuntersteigen konnten. Wegen der Höhe des Falls verbreiten sich die zerstäubten Tropfen, wie ein feiner Regen, auf einige hundert Schritte, aber nicht so stark und so weit umher, als ich nach mehreren Beschreibungen erwartete. Wenn man den Bach von der Seite betrachtet, so kommt es einem vor, als wenn man in eine Wolkenlaule hinein sähe, die durch beständig veränderte Windstösse, in jedem Augenblicke neue Richtungen, Gestalten, und wenn Sie dies Wort anders verstehen, Wallungen erhielte. Der Weg vom Pfarrhause bis an den Rand des Beckens, in welches der Bach hinabfällt, ist äusserst beschwerlich, weil man in dem nassen Grase eine beträchtliche Anhöhe hinansteigen muß, die allmälich aus den von oben herabgewälzten Steinen entstanden ist. Nachdem wir den Staubbach für diesmal genug beobachtet zu haben glaubten, legten wir uns unter den Fall, aber doch so, daß wir von dem Staubregen nicht erreicht werden konnten, auf den weichen mit wohlriechenden Kräutern und Gräsern reich bewachsenen Wiesengrund hin, um uns den Empfindungen ganz zu überlassen, welche der nahe und ungestörte Anblick eines der höchsten Schneeberge und seiner Nachbaren in uns hervorbringen würde. (…)

(aus: Christoph Meiners – Briefe über die Schweiz, Band 1, Erster Brief)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen.

Dieses erhabene Schauspiel der Natur ist schon so oft beschrieben worden, daß eine neue Beschreibung bei dem ersten Gedanken so unnöthig als vermessen scheinen möchte. Ich wage sie dennoch, nicht nur darum, weil jeder Mensch seine besondere individuelle Ansicht hat, und nur das Zusammenhalten und Vergleichen mehrerer einem Leser von etwas, das er nicht selbst sah, und keine Kunst treu nachzubilden fähig ist, ein schwaches Bild zu geben vermag, sondern vornehmlich deshalb, weil der Rheinfall vor einigen Jahren eine Veränderung erlitten hat, weil ferner viele ältere Beschreibungen dadurch undeutlich werden, daß die Bezeichnung der Ufer mit rechts und links, die durch die neuern Zeitereignisse so allgemein worden ist, sonst wenig üblich war. Man bediente sich daher anderer Bezeichnungen, wurde unrichtig und unverständlich. So z. B. spricht Meiners, dessen Kopf doch tiefe philosophische Begriffe aufhellten, und der die Sprache vor vielen andern Schriftstellern in seiner Gewalt hat, von einem Zürcher Ufer, welches in Wahrheit nicht besser ist, als, wenn man das rechte Rheinufer in der Nähe von Karlsruh oder Rastadt, das Wirtembergische nennen wollte. Die Bemerkung der Veränderung des berühmten Wasserfalles wird Lesern, welche selbst ihn zu bewundern so glücklich waren, nicht unwillkommen seyn; die übrigen Bezeichnungen können Reisenden zu einem sicherern Leitfaden dienen, als mancher von den früher angebotenen.

Von Basel aus liegt der Rheinfall diesseit Schafhausen. Ich stieg daher ungefähr 1 Stunde vor der Stadt aus und machte mich auf den Weg, welchen der Kutscher mir zeigte. Schon hörte ich das Brausen der beunruhigten Fluten, ob ich gleich etwa noch eine halbe Stunde davon entfernt war, mit einem nicht minder starken Geräusch, als ein beträchtliches Wehr ganz in der Nähe macht. Voll hoher Erwartung und mit einem Gefühle von Andacht erfüllt, wandelte ich weiter, und rief einen mir begegnenden Landmann an, um mich an den Fall und nachher in die Stadt zu führen. Er hatte schon mehrere Fremde geleitet, wußte manches zu erzählen, und verkürzte mir dadurch den Weg, welcher immer abwärts bis an das Ufer des Rheins hinläuft.

Gleich unter dem Falle nimmt der Strom eine Wendung links, daher man den Fall auf dem rechten Ufer nicht sowohl von der Seite als von vorn sieht, wenigstens dem größten Theile nach, doch mit Ausnahme des Sturzes über den ganz nahe am linken Ufer stehenden Felsen, welcher eben unter der ganzen Partie den prächtigsten und erhabensten Anblick gewährt. Aus mehrern Beschreibungen, unter welchen die von Meiners, im ersten und dritten Bande seiner Briefe gelieferte, eine der ausführlichsten und gelungensten ist, war es mir bereits bekannt, daß dieser Wasserfall, an welchem eine Menge Dichter uud Prosaisten, Maler und Kupferstecher ihre Kräfte versuchten, von der rechten Rheinseite betrachtet minder schön und groß erscheint, wie von der linken. Gleichwohl blieb sein Anblick noch unter meiner Erwartung, welches zum Theil sehr natürlich mit daher kommen mochte, daß er wirklich seit einigen Jahren etwas von seiner Größe verloren hat. Von den Felsen, über welche sich die Fluten des Stromes herabstürzen, ragten, außer den auf dem linken Ufer befindlichen, mitten im Strombette drei, in ungefähr gleich weiter Entfernung etwa 15 Fuß hoch über die tobenden Fluten hervor. Der mittelste mußte nothwendig von dem Andrange der Wellen am meisten leiden. Jahrtausende widerstand ihnen seine Festigkeit, doch nach und nach löste des Wassers Gewalt den trotzenden Felsen auf, und führte ihn endlich im Sommer 1806 mit sich fort. Daher stürzt sich nun der Strom zwischen den beiden noch stehenden Felsen, ungefähr einige vierzig Fuß breit, zwar immer noch mit unbeschreiblicher Gewalt über das Felsenbett herab, doch der Kampf der Wogen gegen die sich entgegen stemmenden Felsen, die erhabenste Partie des ganzen großen Schauspiels, hat viel verloren.

Dieser Kampf zwischen zwei Riesenkräften ist es, was bei dem Anblicke des Rheinfalles das Gefühl am mächtigsten ergreift, zur Anbetung hinreißt, und Betrachtungen veranlaßt, deren Ausführung die Kunst des Redners oder Dichters bewähren könnte, und tiefen Eindruck auf den Leser machen müßte. Hier ist zu Versuchen dieser Art nicht der Ort.

Die Erhabenheit jenes Kampfes erblickt man vornehmlich an dem Felsen zur rechten Seite. Hier brechen sich die Fluten nicht blos mit Gebrüll an den Seiten, ein Theil schäumt mitten durch den Felsen, in welchen sie bereits eine beträchtliche Oefnung gerissen haben.

Ende August 1809 hatte der Rhein mehr Wasser, als es um diese Zeit öfters der Fall ist. Es war seit vierzehn Tagen sehr heiß gewesen, daher ihm von dem geschmolzenen Schnee der Berge in der obern Schweiz eine Menge Wassers zuströmen mußte. Der Fall war also sehr reich, da ich ihn am 27sten August sah, dennoch machte er, auf der rechten Seite, den erwarteten Eindruck nicht auf mich, theils aus der schon angegebenen Ursache, theils auch, weil ich ihn nicht so hoch fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte. Die meisten Beschreibungen geben ihm 70 bis 75 Fuß Höhe, ich glaube hingegen, daß er im Strombette schwerlich über 50 Fuß hat. Höher ist der Fall über dem Felsen zunächst am linken Ufer, von diesem erblickt man aber am rechten wenig und auf der Gallerie unter dem Falle am linken, kann man die ganze Höhe auch nicht übersehen. Die wirkliche Höhe verliert freilich scheinbar auch dadurch, daß die herabstürzenden Fluten die vor ihnen gefallenen wieder emportreiben und schleudern, daher das, Wasser unmittelbar unter dem Falle weit höher ist, als etwa 100 Schritt weiter, bis wohin die tosenden und schäumenden Fluten sich allmälig abdachen und sich zu beruhigen anfangen. Alle Messungen nach bloßem Augenmaße sind überhaupt sehr unsicher, und mit dem Lothe wird der Rheinfall wohl nie gemessen werden. Mir schien er nicht so hoch, wie ein dreistockiges Hans mit seinem Dache, welches mit der von mir angegebenen Höhe ungefähr übereinkommen möchte. Wirklich ist das auf dem rechten Ufer erbaute Haus von drei Geschoß, das Erdgeschoß mit gerechnet, augenscheinlich höher, der Grund dieses Hauses liegt aber beträchtlich tiefer als die Stelle, wo der Fall ist.

Von diesem Hause, einem Weinhause, wäre zu wünschen, daß seine Gastzimmer die Aussicht auf den Rhein hätten, welcher man nur in etlichen Vorsaalfenstern und in einem Zimmer des obersten Stockes genießen kann. Hier, wo der Fall, wegen des höhern Gesichtspunkts noch weniger hoch erscheint, ließ ein Mann dessen Bild, vermittelst einer Dunkelkammer, auf einige an einander befestigte Bogen Papier fallen, und ich läugne nicht, daß mir der Wasserfall, auf dieser Seite betrachtet, im Bilde größer wie in der Wirklichkeit schien, weil man dort keine Gelegenheit hatte, seine wahre Größe nach Gegenständen der Umgebung zn messen.

In diesem Zimmer traf ich zwei Lehrer an der Akademie zu Lausanne, welche, in der französischen Schweiz geboren, beide Deutsch sprachen. Der eine mußte sich zuweilen mit Umschreibungen, auch wohl mit Einmischung französischer Wörter helfen, der andere sprach es aber, sowohl in Betref des Ausdrucks als der Aussprache, so treflich, daß ich mich darüber wunderte, bis er mir sagte, daß er in Jena, wo er studirt, dem Studium der deutschen Sprache viele Zeit gewidmet, und seine Aussprache vornehmlich im Umgange mit Cur- und Liefländern gebildet hätte.

In Gesellschaft der beiden Lausanner ließ ich mich über den Strom setzen. Dieß geschah nicht fern von dem Falle, wo der Strom immer noch sehr reißend ist, wo ihn noch hier und da der weiße Schaum der herabgestürzten, wieder emporgeschleuderten und endlich ansgelösten Wellen bedeckt, wo in seinem Bette eine Menge Felsentrümmern liegen, zum Theil über die Wasserfläche hervorragen. Stieße der leichte Kahn, worin die Ueberfahrt, wegen des reißenden Stromes, geschehen muß, an einen solchen Felsblock, so würde das Umschlagen freilich unvermeidlich, und man kann, wenn des Kahnes Vordertheil einer Gefahr drohenden Klippe vorbeirauscht, sich kaum der Furcht erwehren, daß der breitere Mitteltheil anstoßen werde; allein die geübten Schiffleute wissen ihr unsicheres Fahrzeug mit so geschickter und fester Hand zu regieren, und sind mit dem Terrain so genau bekannt, daß sie die gefährlichsten Stellen glücklich umfahren. Ungern würde ich indeß in stärkerer Gesellschaft als vier Personen, außer dem Schiffer, oder mit Leuten fahren, die nicht stille sitzen können oder ängstlich sind, und sich daher bei dem kleinsten Wanken des Kahnes auf eine Seite neigen, in der Angst nicht selten auf die, wohin des Kahnes Neigung geht.

Wer zu der Geschicklichkeit des Schiffers nicht volles Vertrauen, von sich selbst nicht das vollkommenste Bewußtseyn hat, auf dem Wasser furchtlos zu seyn, wird immer am besten thun, den Weg an beide Ufer auf dem Lande zu machen, um nicht sich und seine ganze Gesellschaft in Gefahr zu bringen. Von dem rechten Ufer, wo man die Beschauung anfangen muß, um den Eindruck durch den weit erhabenern auf dem linken Ufer nicht zu schwächen, muß er dann freilich nach Schaffhausen zurück, um über die Brücke zu gehen, und, auf einem weiten Umwege am linken Ufer, sich dem Wasserfalle wieder zu nähern. Auch verliert er dann die Ansicht des Falles bei der Ueberfahrt, und das zu erhabenen Gedanken begeisternde Hochgefühl, über den Rücken solcher Wellen, wie sie vor feinen Augen unbeschreiblich wild brausen, sich an den Felsen brechen und wüthend durch einander peitschen und schleudern, kaum einen Büchsenschuß davon sanft und sicher dahin zu gleiten. Im Vergleiche mit dem Strom des Lebens oder der Zeit — welche Bilder drängen einer regen Phantasie an dieser merkwürdigen Stelle sich auf! Mehr noch bei der Rückerinnerung; denn in den Augenblicken der Gegenwart wirbeln die Gegenstände außer uns, ihre Bilder und das Gedankenchaos in uns, wie die Fluten im Rheinfälle so kraus durch einander, daß man keines von dem andern zu scheiden, keins längere Zeit fest zu halten und auszuarbeiten vermag.

(Der Beschluß folgt.)