Ansicht vom Rheinfall im März 1797

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Ich habe Ihnen versprochen, meinen diesmaligen Aufenthalt am Rheinfall zu schildern, damit Sie eine Vergleichung mit jener Beschreibung anstellen könnten, die ich Ihnen das erstemal als ich die Schweiz betrat, schickte. Sehen Sie, ich halte Wort, aber erwarten Sie kein Seitenstück zu meiner damaligen Schilderung. Der erste Eindruck ist immer auch in feiner Art der Einzige. Man kann dieselbe Naturscene oft und immer groß finden, aber nur einmal wirft ihre Größe uns zu Boden und nöthigt dem unterliegenden Gefühl eine stumme staunende Verehrung der Natur ab.
Wer den Rheinfall zum ersten mal in feiner ganzen erschütternden Grösse, mit der über allen Ausdruck gewaltigen Schnelligkeit, von der Seite des Schlosses Lauffen sieht, der bebt gewiß vor dem Bild zurück, von dem man sich, ohne es gesehn zu haben, nie eine Vorstellung machen kann, die dem Eindruck selbst entspräche. Ganz anders ist die Wirkung, wenn man von der Straße, die nach Eglisau führt, den Fall in seiner ganzen breiten Ausdehnung sieht. Dort erscheint er niedriger als er würklich ist. Man sieht von der ungeheuren Schnelligkeit wegen der Entfernung wenig, und das Getöse, das man schon von weitem vernahm, frappiert nicht mehr.
Was würden Sie erst sagen, wenn sie jezo den Rheinfall von dem letztgenannten Standpunkt sähen? Sie würden mit Recht fragen, wie schon mancher Reisende fragte: ist das der Rheinfall, den Meiners schildert?
Bey grossem Wasser sieht man den Strom auch von fern wie einen Wall von Schaum in einer grossen Einemasse (Ensemble) herabstürzen, aus dessen Wirbeln nur die zwey oder drey Felsenbrocken ragen. Bey niedrigem Wasser erblickt man ein großes Steinlager über und durch welches ein, dem Ansehen nach unbedeutender Fluß herabkommt, und eine Menge kleiner Wasserfälle bildet.
Ich hatte eh’ ich auf die Höhe dem Fall gegen über gekommen war, schon viel davon gehört, wie klein er jezo sey, dem ohngeachtet, fand ich ihn noch unter meiner Erwartung. Das Wasser schien von keiner Kraft getrieben zu seyn, es schien mehr herabzurieseln als zu stürzen. Das einzige, was dem Fall dennoch immer Reize gibt, ist die blendende Weisse des Wassers, das durch die hervorguckenden Steine noch mehr in die Augen fällt.
Ich ließ mich bald zu der Stelle überfahren, wo der Eindruck an gewaltigsten ist, zu der kleinen Galerie, die man in den Hauptsturz hineingebaut hat. Ohne Schwierigkeit fuhr man jetzt hinüber, da die Wallungen und Bebungen sonst diese Ueberfahrt schwer und sogar gefährlich machen. Man konnte bequem zu den beyden grossen Felsentrümmern, die in der Mitte stehen, gelangen, die sonst ganz von Wasser umgeben sind. Eine Menge kleinerer Felsenabsätze umringten jene zwei berühmten Felsenstücke. Gleichwohl hatte der Fall auf dieser Seite immer noch eine imponierende Gewalt, und weil man näher hinzu tretten konnte, sah man vielleicht noch mehr als bey großem Wasser, und konnte alles ruhiger geniessen.
Für ein Mahler ist der Rheinfall vielleicht gerade bey kleinem Wasser am interessantesten. Es läßt sich doch eher die Möglichkeit denken ein Bild davon zu machen, indem man nicht blos Wasser, sondern die Struktur des Felsenbettes sieht. Man sieht in dem Wasser das mannigfaltigste Farbenspiel, indem die unten liegenden Felsen theils durchschimmern, teils dunkle Vertiefungen bilden, über welche die Wasserstrahlen zauberisch hinschiessen. Der Nebelstaub der den Fall im Sommer umgiebt, ist jetzt nicht so stark etwas zu verdecken, sondern breitet sich mir wie ein lieblicher Duft über das grosse Tableau, so daß man nicht nur wenn die Sonne scheint, kleine Regenbogen, sondern zugleich das magische Spiel des Sonnenlichts auf dem wallenden Wasser genau betrachten kann.
Nachdem ich lange still gestanden und unaufhörlich mit dem Bilde, das noch in meiner Seele war, das vor mir liegende verglichen hatte, fuhr ich mit meinem Schiffmann wieder auf die Schaffhauser Seite zurück, um von den Dratmühlen aus, den Fall zu betrachten. Der ganze obere Theil des Catarakts war von Felsenstücken unterbrochen. Fast in der Mitte des Stroms war eine Stange aufgerichtet, zum Zeichen wie weit man habe kommen können. Ein alter Arbeitsmann der meine Verwunderung sah, wies mir den Weg durch die Drathmühlen. Ich stieg auf den Bord des Canals herab, durch welchen das Wasser in die Mühlen geführt wird, und erreichte, ohne daß mir das Wasser in die Schuhe gedrungen wäre, den ersten Felsenvorsprung und klimmte nun weiter fort, bis ich eine Stelle erreichte, wo die beiden alten Felsenpfeiler nahe vor mir stunden, und wo rings um mich Wasser rauschte und brauste. Ich übersah den kommenden und den größten Theil des stürzenden Stroms, nur den eigentlichen Sturz in die Tiefe konnt ich nicht sehen. Eine beklemmende Empfindung ergriff mein Herz, ohngefähr wie die seyn mag, wenn man in den Crater des Vesuvs herabschaut. Seit vierzig Jahren sagt’ ich mir, saß auf dieser Stelle Niemand, und nach wenigen Tagen wird es wieder zur Unmöglichkeit, vielleicht für ein halbes oder ganzes Jahrhundert. Mein Auge hieng an den Felsentrümmern, die jetzt einmal auszuruhen schienen, nachdem sie den langen Kampf mit der Gewalt des Stromes gekämpft haben. Das ausgewaschne ihrer Formen, die Löcher die überall wie hineingebohrt sind, geben eine ziemlich lebhafte Vorstellung von dem Wühlen und Arbeiten des herabschiessenden Wassers. Es ist unbegreiflich wie diese Felsen, die meistens aus Nagelfluh bestehn, so lange Jahre hindurch einer solchen Kraft, wie der Strom hier äußert, haben wiederstehen können.
Wie sehr hätte ich gewünscht, Sie mein Freund an meiner Seite zu haben, und in der beredten Sprache des stummen Staunens Ihnen meine Einpfindungen mitzutheilen und die Ihrigen zu belauschen. Worte hätten ohnehin das schmetternde Getöse verschlungen. Gewiß hätte Sie, wie mich, auch eine gewisse Wehmuth zuletzt ergriffen. Das ewige ununterbrochene Fortströmen der Fluth hat etwas ermüdendes, das die Seele nicht aushält. Unaufhaltsam, wie der Gang der Nothwendigkeit ist ihr Lauf wie er seit Jahrhunderten war.
Diese Felsentrümmer, die nur für eine kurze Zeit einen Aufenthalt gestatten, werden für das Herz, Bilder jener süßeren Hoffnungen und Wünschen, mit denen wir uns in der Welt anzusiedeln gedenken. Eh wir uns dessen versehn, kommen die anschwellenden Fluthen der ewigen Abwechslung wieder und zwingen uns fortzueilen oder sie reissen uns mit sich in die Tiefe. – Ich hatte mich in allerhand Betrachtungen versunken, auf ein Felsenstück niedergelassen; die Sonne schien lieblich, dennoch war es eine für die Gesundheit gefährliche Stelle, Der Nordwind und der Wasserstaub mochten Ursache seyn, daß mich ein Schauder überfiel. Es war mir nicht anders, so sehr hatte das mich ringsumgebende Getöse meine Nerven erschüttert, als drohte der Strom mir den Rückweg abzuschneiden, weil ich es wagte, das Werk seiner Verheerung in der Nähe zu betrachten.
Sie können sich vorstellen wie ungewöhnlich eine solche Niedrigkeit des Wassers seyn muß, da von Schafhausen aus, wo sehr viele Personen den Rheinfall nie gesehen haben, seitdem das Wasser so klein war, täglich Wallfahrten hieher geschehen sind, welches kaum dann zu geschehen pflegt, wann der Fall am brilliantesten ist.(*) Die Ursache der geringen Wassermenge ist keine andere, als diese: daß im lezten Winter sehr wenig Schnee gefallen, und der in diesen Gegenden im Frühjahr gewöhnliche Regen fast gänzlich ausgeblieben ist; dabey hat eine solche Kälte geherrscht, daß in den Gebirgen die Auflösung des Schnees oder Eises unmöglich groß seyn konnte.
Sehr ermüdet kann ich Abends nach Schafhaufen. Das Getöse das sonst bis zur Stadt dringt, verschwand, nachdem ich mich kaum eine halbe Viertel Stunde weit entfernt hatte. So wenig auch der Rheinfall jetzt als Catarakt auffallend oder imponierend ist, so sehr freut es mich doch jetzt seine Struktur, kennen gelernt zu haben. Jene Wasserkugeln und Schaumhügel, die bey grossem Wasser so frappante Würkung machen, sind mir jetzo erklärt. – Es ist mir als hätt ich das untermalte Bild eines großen Meisters gesehn, worinn die Hauptwürkung der Ausführung geschickt vorbereitet ist. Man kommt nach einigen Tagen wieder und wird von der Schönheit des Bildes doppelt gerührt, weil man auch weiß, wie es angelegt war.
Ich wollte ich könnte Ihnen jetzt eine genaue Zeichnung von dem Rheinfall wie er sich jetzt dem Auge darstellt, schicken, und in zwey Monaten Sie selbst bey der gewaltigsten Szene, die man in der Natur sehen kann, umarmen. Sie würden dann meiner jetzigen Beschreibung keinen Glauben beymessen wollen, weil man fast gezwungen ist, zu der ungeheuren Kraft, einen außerordentlichen, unerschöpflichen Vorrath von Wasser sich vorzustellen. Aber haben Sie nie erfahren wie die Natur mit unserer Phantasie spielt? Ihr Sonnenstrahl und ihr Frühling macht uns, jetzt Sturm und Verheerungen vergessen als wären sie nie da gewesen, und ein andermal scheint es uns, der Wiederstreit der Elemente kehre nie mehr wieder zur Ruhe. Ist das derselbe Rheinfall würde ich in einigen Wochen sagen müssen, in dessen Mitte ich ruhte, und an dessen unzähligen Absätzen des fallenden Wassers sich mein Auge ergötzte? Freund! es giebt kein grösseres Bild des ewigen Umwechselns der Dinge, als dieses von dem noch meine ganze Seele voll ist, und es müßte kein seeligeres Gefühl geben, als vor diesen Bilde einen Freund zu umarmen von dessen Treue Zeit und Erfahrung uns versicherten, und seine Entzückung auf das Gefühl überzutragen: Alles ändert sich – nur das Herz des Biedermanns nicht! Leben Sie wohl.

(*) Der Rheinfall ist wirklich seit vielen, vielleicht seit mehr als hundert Jahren, selbst auch in dem so langwierigen kalten Winter von 1784, auf 1785, nicht so klein gewesen wie dermahlen.

(Karl Gotthard Graß: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797)

Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz (2)

„Schon eine halbe Stunde Weges vor dem Fall, nähmlich vor der prächtigen Rheinbrücke bey Schafhausen, wird das Bett des Rheins so abschüssig, und der Fluß selbst so reißend, daß alle Schiffe ausgeladen werden müssen. Nahe vor dem großen Sturze aber werden seine Gewässer durch unzählige, theils verborgene, theils hervorragende, Klippen in fürchterliche Strudel und schäumende Wellen zerspalten, bis er endlich von einer Höhe von etwa 75 Schuh an einer steilen, aber unebenen Felswand herunterschießt. Gerade an der Stelle, wo die herabstürzenden Fluthen sich mit dem Flusse wieder vereinigen, steigen zwey Felsen hervor, unter welchen der zweyte der größte, der erste aber, den man von der Zürcher Seite sieht, der kleinste und gebrechlichste ist. Sein Fuß ist durch die Gewalt der Wellen größtentheils verzehrt, und es scheint, als wenn eine jede, ihn von neuem angreifende, Wassersäule denselben umwerfen könnte. Dieser Fels macht, daß man nur einen Theil des Wasserfalls, denjenigen nähmlich, übersehen kann, der zwischen ihm und dem Ufer ist, auf welchem man steht. Dieser Theil ist aber unstreitig der wichtigste, und läßt sich wieder in vier Absätze zerlegen. Beym ersten stürzen die Wellen mit einer solchen Gewalt herab, daß es fast unmöglich ist, mit sterblichen Augen einen stärkern sinnlichen Ausdruck von Kraft zu sehen. Schon von diesem ersten Sturze steigen unaufhörlich Wolken über das obere Bett des Flusses empor, und es ist, als wenn man in die Spitze einer mächtigen Wassersäule hineinsähe, die durch künstliche Triebwerke in die Höhe gehoben, und zuletzt in Nebel und feinen Regen zerstäubt würde. Die drey übrigen Fälle sind weniger hoch, allein die Wuth der Wellen ist gerade da am größten, wo sie sich selbst ausgehöhlt haben. Diese Abgründe werfen ohne Unterlaß Strahlen von milchweißem Wasser und dicke Staubwolken aus, deren Gestalten und Wälzungen eben so mannigfaltig als die der Wellen sind, aus denen sie entstehen, und die sichtbar und langsam dem entgegengesetzten Ufer zugetragen werden.”

„Als wir den Wasserfall von der interessantesten Seite betrachtet hatten, stiegen wir wieder zur obern Laube hinauf, entschlossen uns aber sogleich, uns an das andere Ufer des Rheins übersetzen zu lassen. Wir kletterten einen fast unwegsamen und in der That gefährlichen Fußsteig hinab, der an eine der ersten Stellen führt, wo man ohne Gefahr über den Fluß setzen kann. Gefährlich ist dieser Fußsteig deswegen, weil man gar nichts hat, woran man sich halten kann, und er fast durchgehends mit kleinen, glatten und beweglichen Kieseln bedeckt ist, die bey einem unvorsichtigen Tritte unter dem Fuße verschwinden. Der leichte Kahn, in den wir uns setzten, tanzte auf den Wellen des Flusses, der von seinem gräslichen Falle noch heftige unnatürliche Bewegungen und gleichsam Zuckungen litt. Ich gestehe aufrichtig, daß ich nicht ganz ohne Furcht war, ungeachtet ich mehrmahls viel wildere Wellen und heftigere Bewegungen von Schiffen erfahren hatte. Der Führer unsers Kahns war ein junger Bube, der zwar kurz vorher einen guten Freund glücklich hinübergebracht hatte, von dem ich aber doch nicht wußte, wie geübt er war, und ob er nicht durch eine einzige ungeschickte Bewegung unsern kleinen Nachen umwerfen könnte. Eben dieß konnte auch geschehen, wenn einer von uns sich vor einem unvorhergesehenen Schrecken zu sehr auf die eine oder andre Seite neigte. Die größte Gefahr, in die wir wirklich kamen, hatte ich gar nicht einmahl geahndet, daß wir nähmlich mitten auf dem Strome von einem heftigen Windstoße getroffen werden konnten. Wir erreichten aber glücklich das andere Ufer, und übersahen nun freylich die ganze Breite, und alle Abtheilungen des Wasserfalls mit einem Blick; allein dieß Schauspiel war doch noch mehr neu und seltsam, als groß und Bewunderung erregend, indem man schon zu weit entfernt ist, als daß man die Kraft und Geschwindigkeit der Wellen recht wahrnehmen könnte. Wir gingen in den Drathzug, der im Wasserfalle selbst angelegt ist, und durch die gebändigten Wellen des Rheins getrieben wird. Ungeachtet es regnete, und ich mich durch nasses Gras und Buschwerk durcharbeiten mußte, so stieg ich doch an dem Rande des Katarakts hinab, welchem ich jetzt am nächsten war. Hier ist der Sturz des Wassers immer noch heftig, aber doch so weit unter dem entsetzlichen Falle an der entgegengesetzten Seite, daß ich meine Mühe gar nicht belohnt glaubte. Auf der Rückfahrt sahen wir die Majestät des ganzen Falls viel besser, als von dem Ufer, das wir zuletzt verlassen hatten. Die ganze Scene wurde auf einen Augenblick von der Sonne erleuchtet, durch welche Erleuchtung uns alles viel näher gebracht, und sowohl die weiße Farbe der Wellen und Staubwolken, als die bläulichen und grünlichen Streifen, die man hin und wieder in dem herabstürzenden Wasser sieht, sehr gehoben wurden. Regenbogen sahen wir nicht; allein diese entbehrte ich am leichtesten, weil man sie eben so gut bey künstlichen Cascaden, und doch bey keinem Wasserfalle so schön und prächtig, als am Himmel selbst sehen kann. Auf der Rückfahrt schien es uns immer, als wenn wir dem Wasserfalle viel näher kämen, als wir ihm bey der Abfahrt vom Zürcher Ufer gewesen waren: eine Täuschung, die unstreitig daher entstand, daß wir das ganze furchtbare Schauspiel jetzt gerade vor Augen hatten.”

„Im Anfange oder in der Mitte des Julius, da wir ihn sahen, ist der Fall am schönsten, weil der Rhein alsdann am wasserreichsten ist. Früher schmilzt der Schnee noch nicht recht auf den hohen Gebirgen, und einige Wochen später ist das meiste weggeschmolzen, was sich den letzten Winter von schmelzbarem Schnee gesammelt hat. Im Winter sind alle Seen und Flüsse in der Schweiz am kleinsten, und alsdann ist der Rhein unmittelbar unter dem Falle so ruhig, das man bis an den zweyten und größten Felsen hinanfahren kann, welches jetzt eine durchaus unmögliche Unternehmung wäre. So ungeheuer aber auch die Gewalt des herabstürzenden Stroms und so hoch das Felsenbett ist, von welchem er herunterfällt, so versichern doch glaubwürdige Leute, daß die Lachse es oft versuchen, gegen den Fall hinanzuspringen. Sie sollen gleichsam auf oder an den hervorstehenden Klippen Ruhepunkte nehmen, und zuweilen in mehreren Absätzen das höhere Bett erreichen, öfters aber zurückgetrieben und verwundet, oder gar zerschmettert werden.”

„Wenn man den Rheinfall in der Jahreszeit sieht, worin wir ihn sahen, so muß man nothwendig den Wahn einiger Engländer belachen, welche glaubten und darauf wetteten, daß ein kleines Boot oder Schiff, ohne umgeworfen oder zerschmettert zu werden, auf den herabschießenden Wellen hinuntergleiten könnte. Das Fahrzeug, womit man den seltsamen Versuch anstellte, wurde in so viele Trümmer zerschlagen, daß man in ihnen kaum die Ueberbleibsel eines Kahns erkennen konnte.”

„Viele Reisende sind der Meinung, daß der Rheinfall viel mehr Eindruck haben würde, wenn das Wasser sich nicht an einer schiefen Wand herunterwälzte, sondern von dem obersten Rande einer senkrechten Felswand in den leeren Luftraum fiele, und sich alsdann in Staub oder feine Tropfen auflösete. So viel ich aber urtheilen kann, würde der Rheinfall durch diese gewünschte Verwandlung alles Große verlieren, weil man alsdann nicht mehr die Kraft und Geschwindigkeit des fallenden Flusses bemerken könnte, die jetzt in ein so hohes Erstaunen setzt. Es würde eine zwar kostbare, aber gar nicht unmögliche, oder die Kräfte des Cantons übersteigende Unternehmung seyn, die Felsen im Rheinbette so weit zu sprengen, daß der Fluß schiffbar würde; allein so etwas wird vermuthlich niemahls ausgeführt werden, weil dadurch eine Menge von Personen, die jetzt vom Ein= und Ausladen und dem Transporte der vorbeygehenden Waaren leben, auf einmahl ihre Nahrung verlieren würden.”

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)

Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz

Rheinfall,
1) ein Fall in dem Rheinstrome, ein Ort, wo sich derselbe in seinem Laufe von einem höheren Orte herunter stürzet, dergleichen Fälle derselbe in der Schweitz mehrere hat, von denen aber der bey Schaffhausen vorzüglich merkwürdig ist, und uns weiterhin noch etwas beschäftigen wird.
2) Ein sehr angenehmer und gesunder Wein, welcher in dem Rheinthale in Graubünden wächst, und auch Velteliner genannt wird, und der eigentlich Rheinvall, von dem Lat. Vallis, Thal, geschrieben werden sollte. — In Friaul, unweit des Schlosses Proseck, wächst ein Wein, welchen man gleichfalls Rheinfall nennt, vielleicht, weil er dem in Graubünden ähnlich ist. Er wird auch Prosecker Wein genannt. Bey den Griechen hieß er Pyctanon, und bey den Römern Vinum Pucinum. Die Alten schätzten ihn sehr hoch, und Julia, August’ s Gemahlinn, schrieb ihm ihr hohes Alter von 82 Jahren zu.

Was den vorhin erwähnten Fall des Rheins bey Schaffhausen betrifft, so verdient dieser große Naturgegenstand, der schon so viele Reisende mit Staunen erfüllt hat, daß wir ihm noch einige Aufmerksamkeit schenken. Meiners hat ihn in seinen Briefen über die Schweitz musterhaft geschildert. „Nachdem wir die berühmte Brücke über den Rhein, die vornehmsten Straßen der Stadt, und die Stadt selbst von der Anhöhe, wo vormahls eine Burg stand, besehen hatten, sagt er, fuhren wir nach dem Rheinfalle, um ihn von der Zürcher Seite zu betrachten. Als wir bey dem Schlosse Laufen ankamen, und auf die erste Laube geführt wurden, wo man dieses Schauspiel der Natur übersieht, erstaunten wir, nicht über die Größe der Erscheinung, sondern darüber, daß sie so weit unter unserer Erwartung war. Wir sahen Ströme von weißem, schäumendem Wasser queer durchs ganze Bett des Flusses herabfallen, und hörten ein heftiges Getöse; allein weder Augen noch Ohren wurden so überrascht, daß wir nicht einen heimlichen Unwillen gegen diejenigen hätten empfinden sollen, die so viele Erwartungen von dem, was wir vor uns sahen, rege gemacht hatten.”

„Als wir aber an dem steilen Ufer des Rheins auf den kleinen hölzernen Treppen zu der Brücke oder hölzernen Gallerie hinabstiegen, die an den Rand, und man kann sagen, in den Katarakt selbst, hineingebaut ist, da hörten und sahen wir Dinge, die unsre Ohren nie gehört, unsre Augen nie gesehen hatten, die keine menschliche Zunge auszusprechen, keine Kunst darzustellen vermag, die endlich solche Empfindungen hervorbringen, von denen man in Lesern oder Hörern nicht einmahl Annäherungen erwecken kann.”

„Ungeachtet wir alle Augenblicke, besonders wenn ein Windstoß die Dünste auf uns zutrieb, mit ganzen Wolken von feinem Staubregen bedeckt wurden; ungeachtet der Boden, auf welchem wir standen, auf eine so furchtbare Art zitterte, als wenn er von heftigen Erdbeben erschüttert würde; ungeachtet wir stets in Gefahr waren, von einem Gewitterschauer überfallen zu werden: so konnte ich mich doch nicht eher losreißen, als bis ich alles genossen und gleichsam erschöpft hatte. In den ersten Augenblicken standen wir voll stummen, anbetenden Erstaunens da, und in der Folge konnten wir uns unsre Bewunderung nur durch Geberden, Mienen und Blicke zu verstehen geben, weil Worte und Geschrei selbst vor dem Donnern des Wasserfalls nicht würden gehört worden seyn.”

„Als ich mich nachgerade von dem ersten betäubenden, nahe an Entsetzen gränzenden, Erstaunen erhohlte, und das, was ich sah und hörte, und die in mir vorgehenden Bewegungen unterscheiden konnte, versuchte ich es, von dem erhabenen Schauspiele, was mich so tief gerührt hatte, gleichsam eine schwache Zeichnung in Worten zu entwerfen, weil ich fühlte, daß, wenn ich es nicht gleich auf der Stelle thäte, ich eine Stunde nachher nicht den hundertsten Theil von dem, was ich jetzt mit meinen Sinnen wahrnahm, mit meiner Phantasie wieder erreichen würde. Allein ich unterlag bald diesem ersten Versuche und fand, daß die Kunst ihre eigenen Werke und auch die schönen Werke der Natur nachahmen könne, daß es ihr aber unmöglich sey, erhabene Gegenstände und Scenen in Worten oder andern Zeichen treu darzustellen, und dasjenige nur einigermaßen auszudrücken, was den Rheinfall zu einer der größten Erscheinungen in der Natur macht. Denn gerade die, eine jede andre sichtbare Bewegung und selbst die Schnelligkeit unsrer Gedanken, übersteigende Geschwindigkeit, womit man unaufhörlich Wellen über Wellen herstürzen sieht, als wenn sie von der Hand des Allmächtigen herabgeschleudert würden, ferner die unglaubliche Kraft, womit diese Wellen die, aus ihrem, schon Jahrtausende geschlagenen, Bett hervorragenden Felsen zersprengen, und sich selbst zernichten zu wollen scheinen; dann die unendliche Mannigfaltigkeit von ganz neuen Tönen, Getösen und Gestalten, womit die Wellen in sich selbst hinein und wieder herausstrudeln; gerade dieses, was am meisten Bewunderung und Erstaunen hervorbringt, läßt sich weder durch Worte, noch durch Zeichnungen, und durch diese noch weniger, als durch jene, ausdrücken. Zwar ist kein Mensch im Stande, in Worten die Größe dessen, was er gesehen hat, nach Würden zu beschreiben; allein man kann doch bemerken, was man nicht auszudrücken vermag, und einigermaßen andeuten, was man dabey empfunden hat. Dieß alles kann der Mahler und Zeichner nicht, und es bleibt ihm weiter nichts übrig, als die umliegende Gegend des Rheinfalls, die Formen der Felsen, von und an welchen der Rhein herabstürtzt, die Gestalt und Farbe der Wellen u. s. w., also nur das, was da seyn könnte, ohne den Rheinfall zu einem so seltenen Phänomen zu machen, in einem verstümmelnden oder doch bis zur Unkenntlichkeit verkleinernden Bilde darzustellen. Auch die glücklichsten Zeichnungen liefern demjenigen, der nicht eben das beobachtete, was der Künstler beobachtet hat, keine treue Darstellung des hinreißenden Schauspiels, sondern nur einen schwachen Schattenriß, der höchstens dazu dienen kann, das, was man vormahls sah, von Zeit zu Zeit aufzufrischen und zu erneuern.” –

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)

Rheinfall vs Staubbachfall

(…) Gleich nachdem wir vor dem Pfarrhause abgestiegen waren, und dies war Abends um 6 Uhr, eilten wir, so geschwind wir konnten, diesem Phänomen zu. Wir betrachteten den Fall lange sowohl von vorne als von beyden Seiten, allein wir stimmten alle in dem Urtheile zusammen, daß der Ruhm des Staubbachs viel grösser, als seine Verdienste sey, und daß man ihm zuviel Ehre erweise, wenn man ihn mit dem Rheinfalle bey Schaffhausen vergleiche. Der Anblick des Staubbachs, den man sowohl vor dem Pfarrhause, als auf der Gallerie desselben beständig vor Augen hat, gewährt zwar ein neues wunderbares Schauspiel, das die Neugierde reizt; bringt aber keine von den Rührungen und Betrachlungen hervor, die ich beym Rheinfall in mir wahrnahm. Man entdeckt nirgends Spuren von der unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, wodurch der Rheinfall so groß und Seelenerhebend wird, und wenn einmal die erste Neugierde befriedigt ist, ja selbst während der ersten Beobachtung, bleibt man eben so ruhig und kalt, als man vorher war. Zwar ist die Höhe, von welcher der Staubbach herabfällt, viel beträchtlicher, als die des Rheinfalls. Denn man schäzt die erstere, wie ich glaube, etwas übertrieben, auf neunhundert Schuh; allein diese Höhe, die mächtig wirken würde, wenn der Fels, von welchem der Staubbach sich herabstürzt, ganz allein da stünde, trägt jezt wenig zur Verstärkung des Eindrucks bey, da man seit dem Eintritt in das Lauterbrunner Thal beständig von eben so hohen oder noch höhern Bergen umringt war, und man noch überdem rund um sich her viel höhere Berge, besonders die unersteigliche Jungfrau vor sich sieht, deren niedrigster Fuß sich über die Felswand erhebt, an welcher der Staubbach herabschießt. Selbst das Geräusch, was der zerstäubende und sich wieder sammlende Bach verursacht, ist so geringe, daß man es nur in der Nähe hören kann, und daß es auch in der Nähe von dem fürchterlichen Getöse gleichsam verschluckt wird, was die in ziemlicher Entfernung und in der Tiefe strömende Lütschine hervorbringt. Wenn aber der Bach bey anhaltendem Regen, oder heftigen Ungewittern plözlich angeschwellt wird, so soll er mit einer furchtbaren Gewalt Felsstücke herabrollen, die durch ihre wiederhohlten Fälle von einer Wand auf die andre, ein unaufhörliches Donnern verursachen müssen. Nicht lange vorher, als wir in Lauterbrunnen anlangten, schien es, als wenn ein starkes Ungewitter kommen würde, allein in weniger, als einer Stunde zerstreuten sich alle Wolken, und mit ihnen verschwand die Hoffnung, den verstärkten Laut und Wiederhall des Donners in diesem engen, und mit den höchsten Bergen von Europa umgebenen Thal zu hören. Eben deßwegen, weil der Staubbach nichts wahrhaftig grosses hat, kann man ihn viel besser beschreiben, und zeichnen als den Rheinfall, und wenn Sie das Blatt , auf welchem Herr Aberli den Staubbach gezeichnet hat, aufmerksam betrachten, so werden Sie sich den Eindrücken, welche der wirkliche Anblick erzeugt, unendlich mehr nähern, als wenn Sie die Zeichnung eben dieses Künstlers vom Rheinfall, ansehen. Der Bach stürzt sich aus einer mit Tannen besezten Höhe in zween schäumenden Strömen, von welchen der rechte der stärkste ist, über den Rand einer steilen mehrere hundert Schuhe hohen Felswand weg, an welcher er in sichtbaren, aber sich immer verdünnenden Wellen bis ohngefahr an die Hälfte seines Falls herabzugleiten scheint. Dies Herabglitschen ist zwar eine blosse Täuschung, indem der Bach sich wirklich vom Felsen losreißt, und in den leeren Luftraum hinein stürzt; allein diese Täuschung schwächt doch den Eindruck des ganzen Schauspiels nicht wenig, da die Wassermasse durch das sanfte Hinabglitschen vieles von ihrer Kraft zu verlieren, oder eine sanftere Bewegung zu erhalten scheint, als man sich einbildet, daß sie sonst würde gehabt haben. Ohngefähr gegen die Mitte der Felswand ist es, als wenn der Bach aufhörte, eine zusammenhängende Wassermasse zu seyn, und als wenn seine sich immer mehr und mehr zuspitzenden und divergirenden Wellen, in Staubwolken aufgelöst würden. Diese aufgelösten Dünste sammlen sich aber bald auf einer hervorragenden Felsbank wieder, und rinnen in vier bis fünf kleinen Strömchen und unzähligen einzelnen Tropfen in ein nicht sehr tiefes Loch hinab, in welches wir ohne Gefahr und ohne einmal ganz durchgenäßt zu werden, hinuntersteigen konnten. Wegen der Höhe des Falls verbreiten sich die zerstäubten Tropfen, wie ein feiner Regen, auf einige hundert Schritte, aber nicht so stark und so weit umher, als ich nach mehreren Beschreibungen erwartete. Wenn man den Bach von der Seite betrachtet, so kommt es einem vor, als wenn man in eine Wolkenlaule hinein sähe, die durch beständig veränderte Windstösse, in jedem Augenblicke neue Richtungen, Gestalten, und wenn Sie dies Wort anders verstehen, Wallungen erhielte. Der Weg vom Pfarrhause bis an den Rand des Beckens, in welches der Bach hinabfällt, ist äusserst beschwerlich, weil man in dem nassen Grase eine beträchtliche Anhöhe hinansteigen muß, die allmälich aus den von oben herabgewälzten Steinen entstanden ist. Nachdem wir den Staubbach für diesmal genug beobachtet zu haben glaubten, legten wir uns unter den Fall, aber doch so, daß wir von dem Staubregen nicht erreicht werden konnten, auf den weichen mit wohlriechenden Kräutern und Gräsern reich bewachsenen Wiesengrund hin, um uns den Empfindungen ganz zu überlassen, welche der nahe und ungestörte Anblick eines der höchsten Schneeberge und seiner Nachbaren in uns hervorbringen würde. (…)

(aus: Christoph Meiners – Briefe über die Schweiz, Band 1, Erster Brief)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen.

Dieses erhabene Schauspiel der Natur ist schon so oft beschrieben worden, daß eine neue Beschreibung bei dem ersten Gedanken so unnöthig als vermessen scheinen möchte. Ich wage sie dennoch, nicht nur darum, weil jeder Mensch seine besondere individuelle Ansicht hat, und nur das Zusammenhalten und Vergleichen mehrerer einem Leser von etwas, das er nicht selbst sah, und keine Kunst treu nachzubilden fähig ist, ein schwaches Bild zu geben vermag, sondern vornehmlich deshalb, weil der Rheinfall vor einigen Jahren eine Veränderung erlitten hat, weil ferner viele ältere Beschreibungen dadurch undeutlich werden, daß die Bezeichnung der Ufer mit rechts und links, die durch die neuern Zeitereignisse so allgemein worden ist, sonst wenig üblich war. Man bediente sich daher anderer Bezeichnungen, wurde unrichtig und unverständlich. So z. B. spricht Meiners, dessen Kopf doch tiefe philosophische Begriffe aufhellten, und der die Sprache vor vielen andern Schriftstellern in seiner Gewalt hat, von einem Zürcher Ufer, welches in Wahrheit nicht besser ist, als, wenn man das rechte Rheinufer in der Nähe von Karlsruh oder Rastadt, das Wirtembergische nennen wollte. Die Bemerkung der Veränderung des berühmten Wasserfalles wird Lesern, welche selbst ihn zu bewundern so glücklich waren, nicht unwillkommen seyn; die übrigen Bezeichnungen können Reisenden zu einem sicherern Leitfaden dienen, als mancher von den früher angebotenen.

Von Basel aus liegt der Rheinfall diesseit Schafhausen. Ich stieg daher ungefähr 1 Stunde vor der Stadt aus und machte mich auf den Weg, welchen der Kutscher mir zeigte. Schon hörte ich das Brausen der beunruhigten Fluten, ob ich gleich etwa noch eine halbe Stunde davon entfernt war, mit einem nicht minder starken Geräusch, als ein beträchtliches Wehr ganz in der Nähe macht. Voll hoher Erwartung und mit einem Gefühle von Andacht erfüllt, wandelte ich weiter, und rief einen mir begegnenden Landmann an, um mich an den Fall und nachher in die Stadt zu führen. Er hatte schon mehrere Fremde geleitet, wußte manches zu erzählen, und verkürzte mir dadurch den Weg, welcher immer abwärts bis an das Ufer des Rheins hinläuft.

Gleich unter dem Falle nimmt der Strom eine Wendung links, daher man den Fall auf dem rechten Ufer nicht sowohl von der Seite als von vorn sieht, wenigstens dem größten Theile nach, doch mit Ausnahme des Sturzes über den ganz nahe am linken Ufer stehenden Felsen, welcher eben unter der ganzen Partie den prächtigsten und erhabensten Anblick gewährt. Aus mehrern Beschreibungen, unter welchen die von Meiners, im ersten und dritten Bande seiner Briefe gelieferte, eine der ausführlichsten und gelungensten ist, war es mir bereits bekannt, daß dieser Wasserfall, an welchem eine Menge Dichter uud Prosaisten, Maler und Kupferstecher ihre Kräfte versuchten, von der rechten Rheinseite betrachtet minder schön und groß erscheint, wie von der linken. Gleichwohl blieb sein Anblick noch unter meiner Erwartung, welches zum Theil sehr natürlich mit daher kommen mochte, daß er wirklich seit einigen Jahren etwas von seiner Größe verloren hat. Von den Felsen, über welche sich die Fluten des Stromes herabstürzen, ragten, außer den auf dem linken Ufer befindlichen, mitten im Strombette drei, in ungefähr gleich weiter Entfernung etwa 15 Fuß hoch über die tobenden Fluten hervor. Der mittelste mußte nothwendig von dem Andrange der Wellen am meisten leiden. Jahrtausende widerstand ihnen seine Festigkeit, doch nach und nach löste des Wassers Gewalt den trotzenden Felsen auf, und führte ihn endlich im Sommer 1806 mit sich fort. Daher stürzt sich nun der Strom zwischen den beiden noch stehenden Felsen, ungefähr einige vierzig Fuß breit, zwar immer noch mit unbeschreiblicher Gewalt über das Felsenbett herab, doch der Kampf der Wogen gegen die sich entgegen stemmenden Felsen, die erhabenste Partie des ganzen großen Schauspiels, hat viel verloren.

Dieser Kampf zwischen zwei Riesenkräften ist es, was bei dem Anblicke des Rheinfalles das Gefühl am mächtigsten ergreift, zur Anbetung hinreißt, und Betrachtungen veranlaßt, deren Ausführung die Kunst des Redners oder Dichters bewähren könnte, und tiefen Eindruck auf den Leser machen müßte. Hier ist zu Versuchen dieser Art nicht der Ort.

Die Erhabenheit jenes Kampfes erblickt man vornehmlich an dem Felsen zur rechten Seite. Hier brechen sich die Fluten nicht blos mit Gebrüll an den Seiten, ein Theil schäumt mitten durch den Felsen, in welchen sie bereits eine beträchtliche Oefnung gerissen haben.

Ende August 1809 hatte der Rhein mehr Wasser, als es um diese Zeit öfters der Fall ist. Es war seit vierzehn Tagen sehr heiß gewesen, daher ihm von dem geschmolzenen Schnee der Berge in der obern Schweiz eine Menge Wassers zuströmen mußte. Der Fall war also sehr reich, da ich ihn am 27sten August sah, dennoch machte er, auf der rechten Seite, den erwarteten Eindruck nicht auf mich, theils aus der schon angegebenen Ursache, theils auch, weil ich ihn nicht so hoch fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte. Die meisten Beschreibungen geben ihm 70 bis 75 Fuß Höhe, ich glaube hingegen, daß er im Strombette schwerlich über 50 Fuß hat. Höher ist der Fall über dem Felsen zunächst am linken Ufer, von diesem erblickt man aber am rechten wenig und auf der Gallerie unter dem Falle am linken, kann man die ganze Höhe auch nicht übersehen. Die wirkliche Höhe verliert freilich scheinbar auch dadurch, daß die herabstürzenden Fluten die vor ihnen gefallenen wieder emportreiben und schleudern, daher das, Wasser unmittelbar unter dem Falle weit höher ist, als etwa 100 Schritt weiter, bis wohin die tosenden und schäumenden Fluten sich allmälig abdachen und sich zu beruhigen anfangen. Alle Messungen nach bloßem Augenmaße sind überhaupt sehr unsicher, und mit dem Lothe wird der Rheinfall wohl nie gemessen werden. Mir schien er nicht so hoch, wie ein dreistockiges Hans mit seinem Dache, welches mit der von mir angegebenen Höhe ungefähr übereinkommen möchte. Wirklich ist das auf dem rechten Ufer erbaute Haus von drei Geschoß, das Erdgeschoß mit gerechnet, augenscheinlich höher, der Grund dieses Hauses liegt aber beträchtlich tiefer als die Stelle, wo der Fall ist.

Von diesem Hause, einem Weinhause, wäre zu wünschen, daß seine Gastzimmer die Aussicht auf den Rhein hätten, welcher man nur in etlichen Vorsaalfenstern und in einem Zimmer des obersten Stockes genießen kann. Hier, wo der Fall, wegen des höhern Gesichtspunkts noch weniger hoch erscheint, ließ ein Mann dessen Bild, vermittelst einer Dunkelkammer, auf einige an einander befestigte Bogen Papier fallen, und ich läugne nicht, daß mir der Wasserfall, auf dieser Seite betrachtet, im Bilde größer wie in der Wirklichkeit schien, weil man dort keine Gelegenheit hatte, seine wahre Größe nach Gegenständen der Umgebung zn messen.

In diesem Zimmer traf ich zwei Lehrer an der Akademie zu Lausanne, welche, in der französischen Schweiz geboren, beide Deutsch sprachen. Der eine mußte sich zuweilen mit Umschreibungen, auch wohl mit Einmischung französischer Wörter helfen, der andere sprach es aber, sowohl in Betref des Ausdrucks als der Aussprache, so treflich, daß ich mich darüber wunderte, bis er mir sagte, daß er in Jena, wo er studirt, dem Studium der deutschen Sprache viele Zeit gewidmet, und seine Aussprache vornehmlich im Umgange mit Cur- und Liefländern gebildet hätte.

In Gesellschaft der beiden Lausanner ließ ich mich über den Strom setzen. Dieß geschah nicht fern von dem Falle, wo der Strom immer noch sehr reißend ist, wo ihn noch hier und da der weiße Schaum der herabgestürzten, wieder emporgeschleuderten und endlich ansgelösten Wellen bedeckt, wo in seinem Bette eine Menge Felsentrümmern liegen, zum Theil über die Wasserfläche hervorragen. Stieße der leichte Kahn, worin die Ueberfahrt, wegen des reißenden Stromes, geschehen muß, an einen solchen Felsblock, so würde das Umschlagen freilich unvermeidlich, und man kann, wenn des Kahnes Vordertheil einer Gefahr drohenden Klippe vorbeirauscht, sich kaum der Furcht erwehren, daß der breitere Mitteltheil anstoßen werde; allein die geübten Schiffleute wissen ihr unsicheres Fahrzeug mit so geschickter und fester Hand zu regieren, und sind mit dem Terrain so genau bekannt, daß sie die gefährlichsten Stellen glücklich umfahren. Ungern würde ich indeß in stärkerer Gesellschaft als vier Personen, außer dem Schiffer, oder mit Leuten fahren, die nicht stille sitzen können oder ängstlich sind, und sich daher bei dem kleinsten Wanken des Kahnes auf eine Seite neigen, in der Angst nicht selten auf die, wohin des Kahnes Neigung geht.

Wer zu der Geschicklichkeit des Schiffers nicht volles Vertrauen, von sich selbst nicht das vollkommenste Bewußtseyn hat, auf dem Wasser furchtlos zu seyn, wird immer am besten thun, den Weg an beide Ufer auf dem Lande zu machen, um nicht sich und seine ganze Gesellschaft in Gefahr zu bringen. Von dem rechten Ufer, wo man die Beschauung anfangen muß, um den Eindruck durch den weit erhabenern auf dem linken Ufer nicht zu schwächen, muß er dann freilich nach Schaffhausen zurück, um über die Brücke zu gehen, und, auf einem weiten Umwege am linken Ufer, sich dem Wasserfalle wieder zu nähern. Auch verliert er dann die Ansicht des Falles bei der Ueberfahrt, und das zu erhabenen Gedanken begeisternde Hochgefühl, über den Rücken solcher Wellen, wie sie vor feinen Augen unbeschreiblich wild brausen, sich an den Felsen brechen und wüthend durch einander peitschen und schleudern, kaum einen Büchsenschuß davon sanft und sicher dahin zu gleiten. Im Vergleiche mit dem Strom des Lebens oder der Zeit — welche Bilder drängen einer regen Phantasie an dieser merkwürdigen Stelle sich auf! Mehr noch bei der Rückerinnerung; denn in den Augenblicken der Gegenwart wirbeln die Gegenstände außer uns, ihre Bilder und das Gedankenchaos in uns, wie die Fluten im Rheinfälle so kraus durch einander, daß man keines von dem andern zu scheiden, keins längere Zeit fest zu halten und auszuarbeiten vermag.

(Der Beschluß folgt.)