Cologne piece

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Wahlweise als Cologne piece, Cologne log piece oder Float piece betitelt findet sich diese höchstrheinische Arbeit Bill Bollingers, dem das Kunstmuseum zu Vaduz derzeit eine Retrospektive widmet. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung seien Bollingers Grundideen gewesen, erklärte Kuratorin und Vernissage-Rednerin Christiane Meyer-Stoll, die Bildhauerei fortzuentwickeln: eine Radikalisierung. Damit habe Bollinger Ende der 60er, Anfang der 70er Maßstäbe gesetzt und zur ersten Riege seiner Zunft gezählt, sei dann jedoch, weil er sich als alleinerziehender Vater das Leben in New York nicht mehr leisten konnte, nach und nach aus dem Kunstzirkel gebröckelt. Wie immer wenn Künstler, die zu Lebzeiten vergessen oder fallen gelassen wurden, posthum geehrt werden, vermeinen wir plötzlich Risse im Raum-Zeit-Kontinuum wahrzunehmen, aus denen bedrohliche Materie quillt. Diese eigenartige Form der Halluzination geht einher mit Hitzewallungen, die weitere Wahrnehmungsstörungen hervorrufen, sodaß wir uns einem solcherart präsentierten Werk kaum noch unbefangen nähern können: unweigerlich atmen wir die Aromen des Todes, des Vergessens und der Wertsteigerung, ein betäubendes Gemisch. So schien uns gestern etwa der Museumsboden zu flimmern und Bollingers darauf gebreitete Werke anzugreifen, ja gar: zu schlucken – eine verzweifelte Widerstandsaktion des ewig getretenen Parketts. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung gerieten in den Waber der heiligen Unendlichkeit. Skelettierte oder rohe Ideen marschierten auf farblosen wassergelenkigen Spinnenbeinen in kontextfreier Selbstgenügsamkeit einher, führten eine Art Bienentanz auf, auf daß sie alle dem menschlichen Zugriff entkämen, verwertungsfrei und rein. Wir müssen sehr schockiert ausgesehen haben, denn die Aufsicht sprach uns mitfühlend an, hielt uns gar für einen Engländer. Sagen Sie das bloß nicht den Engländern, konnten wir der Aufsicht noch raten, bevor es uns gelang ins Freie zu torkeln. Wir radelten zum nahen Rhein, in dessen dunklen Fluten sich selbsterschaffene Holzskulpturen abzeichneten, Rümpfe, Rumpfideen gelassener Schicksalserwartung. Ihr baldiges Auftauchen und ebenso baldiges Verschwinden und Verschwappen übte beruhigende Wirkung aus. Wir hielten dem Treibholz eine stumme Rede. Es schien uns zuzunicken. Ein paar Sterne funkelten am Himmel. Die Welt war groß und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Die Kunstsoirée war, im Sinne der Kunst, an uns mal wieder vollständig gelungen.