Haldenstein (7)

In Caminadas verzauberten Tälern steht im Kapitel über die Wasserkulte: „Unweit der Ruine Haldenstein ist eine heilsame Quelle, welcher die sie bewohnende Quellenjungfer die Kraft verleiht, Kranke von ihrem Übel zu befreien; man sieht oft eine weiße Gestalt neben dem Born sitzen.“ Bei der Gestalt soll es sich denn auch um eine Frau (ob Quellenjungfer oder nicht) handeln. Gestern im Föhn also, ausgestattet mit dieser völlig neuen Information und halbwegs genesen von einer seltsamen Schweizer Schweinegrippevariante, hinauf zu besagter Ruine. Die Wetterprognosen locken etliche Spaziergänger, Nordic Walker, Mountainbiker in den Hang. Entgegen meiner vorherigen Einschätzung läßt sich doch leicht zum einsamen Ruinenfels vordringen, vor drei Wochen hatte der Herbst den Pfad verdeckt (- lang ists her; vor drei Wochen bereitete der Anstieg noch Muskelkater). Von einer Heilquelle nächst der Ruine weiß kein Passant, ein als Quellenfassung interpretierbarer Stein beherbergt wohl eher das ehemalige Abwasserloch. Aus Grasbüscheln lugen blühend (!) Alpendistel, Glockenblume, Storchenschnabel und Scabiosa, auf keinen Fall aber Beinwell; Thymian und Dost würzen den Wegrand, eierförmige Föhnwolken bevölkern den Himmel, eine fette schwarzhaarige Raupe peristaltet übern Wanderweg, heut ist die Große Ruinentour angesagt, nach Grottenstein hinan krachen die Wipfel, schwanken die Föhren, auf Lichtenstein brettert der Föhn ins Gemüt, die Burggeister haben sich längst zum Überwintern in Erdlöcher verzogen, es stehen Zeichen am Himmel und am nächsten Tag schneit es so sehr, daß Berge und Himmel im Weiß verschwinden, sogar die Kühe stehen schneebedeckt in der Ecke und erinnern an ihre flottanten Verwandten, die manischen Gletscherstiere droben am Alpenrand, wo die Kristalle der Berge unter kaum vernehmbarem Knirschen (eine der schrillsten Sprachen der Welt) in jene des Himmels wachsen.

Rheinischer Steinkult

Parallel zu Büchli beschäftigt sich Christian Caminada, langjähriger Bischof von Chur und in den Tälern des Vorderrheins aufgewachsen, in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ mit dem Bündner Volksglauben, der naturgemäß mit Steinkult verbunden ist: „Zaudernden Schrittes und geheimnisvoll erfasst gehen wir daran, jene stummen Steine, welche vielenorts in rätischen Landen auf sonnverbrannten Höhen, in Waldlichtungen, an Wasserquellen und an Flüssen als Teufelssteine, als Nixenstätten, als Elfen- und Dialenfelsblöcke und als Hexentanzplätze aus gespenstisch sich formenden Nebelfetzen der Sagen uns anstarren, zum Sprechen zu veranlassen. Die Rätoromanische Chrestomathie und andere Freunde der Volkskunde sind jenen bläulichen Irrlichtern, die zauberhaft da und dort aufhüpfen und verfliegen, sobald man nach ihnen greift, nachgeeilt und haben deren Kunde in ihren Schriften mit zitteriger Feder fest zu bannen sich bemüht; aber ob es meinen aufgeklärten Lesern entspricht, verwitterte Granitblöcke zu besuchen und Felsenwinkel zu durchstöbern, wo ekelhafte Fledermäuse mit ihrem garstigen Leib das Gesicht des erschauernden Wanderers um streichen, ist eine Frage der Wertung des Aberglaubens als Quelle der Volkskunde. Steine möchten wir zum Sprechen veranlassen, die seit Jahrtausenden stumm und trotzig am Wege späterer Kulturepochen und Völker liegen. Man kann sie erledigen, indem man geringschätzig an ihnen vorübergeht, indem man mit Dynamit den Riesenleib zerreißt und aus dem Abfall die Straße bekiest; aber sie scheinen doch zu reden aus den Mauern der Bauten, in die sie hineingefügt worden waren, und aus dem Unheimlichen gewisser Strassenstellen, die Reiter und Ross foppen mit Tod und Unglück. Das Christentum suchte das Böse zu bannen durch eingekerbte Kreuze, durch heilige Sprüche und Namen. Die Steinblöcke wurden stumm; einzig der Aberglaube machte sich an diesen Zeugen einer ehemaligen, fern abliegenden Kultur noch zu schaffen. (…)“ Entsprechend geht Caminada daran, die Sagen zu markanten Formationen auszubreiten. Und tatsächlich entspricht es dem aufgeklärten Leser bis heute aus angegebenen Gründen, verwitterte, geheimnisumwitterte Granitblöcke zu besuchen.