Immer glaubt man er wäre stärcker als gestern

Schafhausen d. 7. Dez. 79.
Mit allem meine beste bleib ich zurück, meine Reisebeschreibung stockt vom Wallis aus und doch kan ich die Schweiz nicht verlassen ohne Ihnen zu sagen dass wir auch hier schön Glück gehabt, und den Rheinfall gestern im hohen Sonnenschein gesehen haben. Lavater auch hat uns hier überrascht, sich zu hause losgemacht und ist gestern hier hergekommen. Wir haben heut zusammen den Rheinfall wieder doch bey trüben Wetter gesehen, und immer glaubt man er wäre stärcker als gestern. Wir haben einen starcken Dialog übers Erhabne geführt den ich auch aufzuschreiben schuldig bleiben werde. Es ist mit Lavater wie mit dem Rheinfall man glaubt auch man habe ihn nie so gesehen wenn man ihn wiedersieht, er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom besten. Adieu Morgen gehn wir von hier auf Stuttgard. Der Raum schwindet zwischen uns und es wird ein Augenblick seyn da wir uns wiedersehn. G.

(Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein)

Goethe begoethet den Rheinfall (2)

Goethe hat seine Tageserstperspektive zureichend genossen und setzt über, es ist Zeit für seinen Morgenwein:

“Schlößchen Wörth

Ich ging hinein, um ein Glas Wein zu trinken.
Alter Eindruck bey Erblickung des Mannes.
Ich sah Trippels Bild an der Wand und fragte, ob er etwa zur Verwandtschaft gehörte. Der Hausherr, der Geltzer heißt, war mit Trippel durch Mütter Geschwisterkind. Er hat das Schlößchen mit dem Lachsfang, Zoll, Weinberg, Holz u.s.w. von seinen Voreltern her im Besitz, doch als Schupf-Lehn, wie sie es heißen. Er muß nämlich dem Kloster oder dessen jetzigen Successoren die Zolleinkünfte berechnen, 2/3 des gefangenen Lachses einliefern, auf die Waldung Aufsicht führen und daraus nur zu seiner Nothdurft schlagen und nehmen; die Nutzung des Weinberges und der Felder gehört ihm zu, und er giebt jährlich überhaupt nur 30 Thaler ab. Und so ist er eine Art von Lehenmann und zugleich Verwalter. Das Lehn heißt Schupf-Lehn deswegen, weil man ihn, wenn er seine Pflichten nicht erfüllt, aus dem Lehn herausschieben oder schuppen kann. Er zeigte mir seinen Lehnbrief von Anno 62, der alle Bedingungen mit großer Einfalt und Klarheit enthält. Ein solches Lehn geht auf die Söhne über, wie der gegenwärtige Besitzer die ältern Briefe auch noch aufbewahrt. Allein im Briefe selbst steht nichts davon, obwohl von einem Regreß an die Erben darinn die Rede ist. Um 10 Uhr fuhr ich bey schönem Sonnenschein wieder hinüber. Der Rheinfall war noch immer seitwärts von hinten erleuchtet, schöne Licht- und Schattenmassen zeigten sich sowohl von dem Laufenschen Felsen als von den Felsen der Mitte.
Ich trat wieder auf die Bühne an den Sturz heran, und ich fühlte, daß der vorige Eindruck schon verwischt war; es schien gewaltsamer als vorher zu stürmen. Wie schnell sich doch die Nerve wieder in ihren alten Zustand herstellt. Der Regenbogen erschien in seiner größten Schönheit; er stand mit seinem ruhigen Fuß in dem ungeheuern Gischt und Schaum, der, indem er ihn gewaltsam zu zerstören droht, ihn jeden Augenblick neu hervorbringen muß.”

Gedopt von einem frühen Tröpfchen schweift Goethe ein wenig vom Naturspektakel ab, um es sich dann umso genauer zu besehen und interessante, kräftige Details zu notieren:

“Beobachtungen und Betrachtungen.

Sicherheit neben der entsetzlichen Gewalt.
Durch das Rücken der Sonne noch größere Massen von Licht und Schatten.
Da nun kein Nebel ist, scheint der Gischt gewaltiger, wenn er über den reinen Himmel und die reine Erde hinauffährt.
Die dunkle grüne Farbe des abströmenden Flusses ist auch auffallender.”

Höchste Erkenntnis, was das Wesen des Falles angeht, in klare Sätze gepackt. Einmal vorort, fällt es jedem musischen Menschen schwer, seinen Blick von dem Naturspektakel zu lösen, allein: nach ein paar Stunden ist es dann doch gut. Und irgendwo wartet sicherlich bereits das nächste Gläschen.

“Wir fuhren zurück.

Wenn man nun den Fluß nach dem Falle hinabgleiten sieht, so ist er ruhig, seicht und unbedeutend. Alle Kräfte, die sich gelassen successiv einer ungeheuern Wirkung nähern, sind ebenso anzusehen. Mir fielen die Colonnen ein, wenn sie auf dem Marsche sind. Man sieht nun links über die bebaute Gegend und Weinhügel mit Dörfern und Höfen belebt und mit Häusern wie besäet. Ein wenig vorwärts Hohentwiel und, wenn ich nicht irre, die vorstehenden Felsen bey Engen und weiter herwärts. Rechts die hohen Gebürge der Schweiz in weiter Ferne hinter den mannigfaltigsten Mittelgründen. Auch bemerkt man hinterwärts gar wohl an der Gestalt der Berge den Weg, den der Rhein nimmt.
In dem Dorf Uhwiesen fand ich in der Zimmerarbeit Nachahmung der Mauerarbeit. Was sollen wir zu dieser Erscheinung sagen, da das Gegentheil der Grund aller Schönheit unsrer Baukunst ist.
Auch sah ich wieder Mangold, nahm mir vor, Saamen davon mitzunehmen und künftigen Sommer unsern Wieland zu tractiren.
Ich wurde abermals dran erinnert, wie das Sentimentale das Ideale auf einen einzelnen Fall anwendet und deswegen meistens schief ist.
Schafhausen lag mit seiner Dächermasse links im Thale.
Schafhauser Brücke schön gezimmert, höchste Reinlichkeit. In der Mitte einige Sitze, hinter denen die Öffnungen mit Glasfenstern zugeschlossen sind, damit man nicht im Zuge sitze.
Unterm Thore des Wirthshauses fand ich ein paar Franzosen wieder, die ich auch am Rheinfall gesehen hatte. Der eine war wohl damit zufrieden, der andere aber sagte: C`est asses joli, mais pas si joli que l`on me l`avait dit. Ich möchte die Ideen des Mannes und seinen Maasstab kennen.
Bey Tische saß ich neben einem Manne, der aus Italien kam und ein Mädchen von ohngefähr 14 Jahren, eine Engländerin, Namens Dillon, deren Mutter, eine geborne D`Alston, in Padua gestorben war, nach England zurückführte. Er konnte von der Theurung in Italien nicht genug sagen. Ein Pfund Brot kostet 20 französische Sous und ein paar Tauben einen kleinen Thaler.
Makaronische Uniform französischer edlen Cavalleristen. Fürchterliches Zeichen der drey schwarzen Lilien auf der weißen Binde am Arm.”

Leichte Makkaronizität dürfen wir wohl auch solchem Bericht attestieren. Doch nur Wochen später wird Goethe den Rheinfall in einem Brief an Charlotte von Stein auf seinen höchstpoetischen Nenner geschrumpft haben: “er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom besten”.