Heimatlust

O Lenz am Rhein, du Sonnenkind,
Wie deine Augen glänzen!
Selbst Felsenstirnen zierst du lind
Mit deinen Blütenkränzen,
Es dehnt, von lichtem Reiz umschlungen,
Der Rhein die breite Wogenbrust;
Waldmeisters Geist löst Herz und Zungen;
Aus jungen Kehlen jauchzt die Lust –
Und durch die weiten Gaue zieht
Ein einzig Lied, ein einzig Lied,
Das Lied vom Lenz am Rheine.

Wie wonnevoll die Rosen blüh’n
Nach solchem holden Maien!
Die Fiedel klingt, die Wangen glüh’n
Beim frohen Kirmesreihen.
Das Gnadenbild trägt Rosenranken;
Zum Berge wallt die Prozession;
Aus Nachen, die im Mondlicht schwanken,
weht Koselaut und Flüsterton –
Und durch die stillen Gaue zieht
Das süße Lied, das süße Lied
Der Rosenzeit am Rheine.

Du König voller Huld und Pracht,
Goldbrauner Herbst am Rheine!
Tief geht der Kähne süße Fracht,
Die Traube kocht zum Weine.
Im Wingert blitzen Schelmenaugen;
Der Winzerkranz schmückt Hut und Haus:
Der Most muß schäumen, soll er taugen! …
Das Edelnaß stießt golden aus –
Und wo ein Bursche wandernd zieht
Erklingt das Lied, erklingt das Lied
Vom Wein am grünen Rheine.

Die Ufer liegen eingeschneit,
Sankt Nepomuk mag wachen:
Die Scholle treibt, die Möve schreit.
Die Brückenpfosten krachen!
Mit weißen Flocken wirbelt lachend
Die tolle Lust hinein in’s Land;
Es hascht der Schalk, vom Schlaf erwachend,
Nach rotem Mündlein, Zopf und Band –
Und weithin durch die Gaue zieht
Das Jubellied, das Jubellied
Der Faschingszeit am Rheine.

O Rhein, du Schmuck und Edelstein!
Gleich schimmerndem Opale,
Fügst du der Zeiten Ring dich ein
Mit farbdurchglühtem Strahle.
Viel Schiffe zieh’n von Tal zu Berge
Vorbei an Dom und Lorelei:
Es singt der Fürst dir, wie der Ferge,
Die alte Sehnsuchtsmelodei –
Mit deinen stolzen Wogen zieht
Das tiefe Lied, das tiefe Lied
Der Heimatlust am Rheine.

(Charlotte Francke-Roeling, aus: “Die Rosenkette” 1906)