bilderstrom

Gleich zwei größere Ausstellungen beschäftigten sich zuletzt in Bonn mit der Rheinthematik. Ausschließlich Fotografien waren in bilderstrom – Der Rhein und die Fotografie 2016-1853 im LVR-Landesmuseum in der Nähe des Hauptbahnhofs zu sehen.

Als wir in Bonn aus dem Zug steigen, verkündet eine Lautsprecherdurchsage, wir sollten „im Interesse unserer eigenen Sicherheit“ sofort den Bahnsteig verlassen und durch den Nordtunnel aus dem Bahnhof fliehen. Weitere Erklärungen Fehlanzeige, nicht eine Sicherheitskraft weit und breit. Die Passagiere reagieren ganz nach persönlichen Vorlieben, die Dringlichkeit der Aufforderung bleibt letztlich im Dunkeln; als wir feststellen, daß wir, um das Museum bequem per pedes zu erreichen, auf der falschen Bahnhofsseite stehen, queren wir, zumal die Warndurchsage nicht wiederholt wird, erneut den Fluchttunnel, dessen Treppe zum Ankunftsgleis nun mit Flatterband abgesperrt ist und von einem unmotiviert wirkenden Polizisten mehr ignoriert als bewacht wird. Erleichterung nach gelungener Querung der Anlage. Ob der Bahnhof hinter uns in die Luft fliegen wird? Eine kurze Lagebesprechung ergibt, daß sich im Ernstfall genügend Alternativen für die Rückreise nach Köln finden lassen werden.

Vor dem LVR-Museum treffen wir auf eine Rekonstruktion eines jungsteinzeitlichen Langhauses, Glaswände umgeben die Fassade des lichten, innen in Furnierholzoptik verkleideten Museumsgebäudes, eine nachgebildete Büste zeigt Nofretete mit beiden Augen, Provinzgeruch klettert die ausladenden Stiegen empor, jedes Stockwerk bietet eine andere Ausstellung, unsere befindet sich im zweiten. Bevor wir die nach Epochen geordneten Fotokojen der bilderstrom-Ausstellung betreten, verirren wir uns noch schnell in einen angrenzenden Raum, der zufällig mit romantischen Ansichten des Mittelrheintals in Öl auf Leinwand aufwartet, mächtige Schinken im Halbdämmer, von denen mühelos ein seltsames Gebilde in der Raummitte abzulenken weiß, eine Art holzvertäfelter Kiosk oder Pavillon mit nummerierten Gucklöchern, das sogenannte Kaiserpanorama. Dem Betrachter dieser geografischen Peep Show präsentieren sich apparatisch vorüberziehende 3D-Aufnahmen, Stereofotografien aus den Zeiten der mexikanischen Revolution und – natürlich – idyllische Rheinansichten.

kaiserpanoramaVon 3D auf 2D reduziertes rheinisches Kaiserpanorama

Das Spektrum der Fotografien schließlich wirkt trotz einiger Highlights und vor allem anbetrachts des überschwänglichen Lobs seitens der Lokalpresse insbesondere in Hinblick auf die jüngeren Dekaden eher mäßig inspiriert und präsentiert. Viele der interessanteren Bilder (aus über 260 Einzelstücken von gut 60 Fotografen) hatten wir bereits an anderen Orten gesehen, verwunderlich die künstlerische Beliebigkeit zahlreicher Exponate. Zu unseren Favoriten gehören das Portrait eines schwergewichtigen Mannes in Freizeitkleidung (beige Hose, himmelblaues Hemd, Pilotensonnenbrille, weiße Socken zu Sandalen), der im Sessellift übers grün bewaldete, tief eingeschnittene Loreleytal schwebt (Fotograf: Claudio Hils), die Schwarzweiß-Aufnahmen Henri Cartier-Bressons mit ihrer kontraststarken Bildsprache, die eindrückliche Actionszenen aus dem Alltag filtert, Chargesheimers Portraits rheinischer Gestalten, moderne Mittelrheinroutinen Bernd Arnolds, die wir bereits an dieser Stelle präsentiert hatten und Boris Beckers Blick auf durchkomponierte Landschaften. Bei vielen alten Fotografien überwiegt der historische den künstlerischen Wert. Erwartet, doch in den Kojen nicht aufzufinden ist Rhein II von Andreas Gursky, berühmt geworden als die für einige Jahre teuerste Fotografie der Welt. Stattdessen ein Pasticcio von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger, Making of Rhine II, die Gurskys Rheinfotografie als Studiomodell nachinszenieren. Eine Aufsichtskraft, der wir Gurskys Wunderwerk im ausliegenden Katalog unter die Nase halten, muß sich erst besinnen. Nein – oder doch! Ja, sie könne sich an das Bild erinnern. Nach kurzem Zögern führt sie uns zu einem Besenschrank und holt aus dem Ablagefach ein laminiertes und leicht ramponiertes A4-Blatt mit einem Farbdruck besagten Werks. Parallel brechen wir in Gelächter aus: “Entschuldigen Sie bitte, es liegt nicht an Ihnen, es ist nur… die Überraschung ist wirklich gelungen!”

Nie ankommen – Köln Poem

Vergangenes Jahr hat der Sprungturm Verlag Jens Hagens Köln-Poem Nie ankommen herausgegeben, ein geschmackvoll schlicht gestaltetes Buch, dem eine CD mit vom Autor eingesprochenen Gesamttext beiliegt – für lyrische Publikationen eine gute, beinahe schon zwingende Idee.

Das erzählerische Langgedicht ist in vier eigenständig lesbare Teile gegliedert. Der erste davon, Dann geh ich mit Picasso in den Park, läßt sich als Grundanstrich betrachten. Mit Köln hat er leidlich wenig zu schaffen, scheint vielmehr überwiegend in Frankreich angesiedelt, zumindest tauchen als konkrete Ortsangaben einzig ein Kernkraftwerk an der Loire, der Boulevard périphérique und das Meer bei Trévignon auf. Auch das Personal verweist zu Teilen auf den südwestlichen Nachbarn, der immerhin 20 Jahre lang (von 1794 bis 1814) die Kölner Geschicke bestimmte: neben diversen Rock- und Jazzgrößen, Till Eulenspiegel und Richard Wagner, Brutus und General Custer tauchen die drei Musketiere samt d’Artagnan, Arthur Rimbaud, Victor Hugo und der Enkel von François Villon auf. Es könnte sich bei diesem Auftakt um einen Traum handeln, der Geschichten und Geschichte durcheinanderwirft und auf die einsetzende Postmoderne verweist, einen raschen Irrlauf durch einen Hippie-Bezugspunkteparcours, in dem die apokalyptischen Reiter in Limousinen vorfahren, ein für den Entstehungszeitraum typischer Bewußtseinsstrom, der das Fegefeuer, Werbeplakate, Betonterrassen, Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, Motocrossmaschinen, Liveauftritte bei der Fernsehfasenacht, strahlende Substanzen und bekannte Songzeilen der Beat-Ära mit sich reißt, durcheinanderwirbelt und wieder ausblendet, um schließlich den Vorhang zu lichten für den zweiten Teil:

Fragmente vom Rudolfplatz. Der Platz mit der Hahnentorburg, an der berüchtigten Ringstraße gelegen, zugleich Knotenpunkt für über- und unterirdische Stadtbahnlinien steht für das Abenteuer Großstadt, Autos gegen Menschen, Wasserwerfer gegen Demonstranten, erotisch geladene Straßenszenen. Wieder blendet Jens Hagen geschichtliche Epochen übereinander: Mittelalter, preußische Herrschaft, Drittes Reich, das 1960er-Ganovenmilieu an den Ringen und die studentischen Feminismusdebatten der 80er-Jahre. Das Personal besteht nun aus Gestalten des Kölner Stadtgedächtnisses: Die heilige Ursula, Albertus Magnus, Stephan Lochner, Thomas von Aquin, Jacques Offenbach, Orgels-Palm und Rolf Dieter Brinkmann tauchen auf, Jens Hagens Freund, der Straßenmaler und Musiker Manni Löhe, geleitet „im sozialen Netz von Schnaps und schalem Biergeruch“ als kölnisiertes Mischwesen zwischen Dantes Vergil und dem Rattenfänger von Hameln tanzend und flötend durch die Assoziationsstränge. Der Rhein erreicht den Platz in selbstbezüglicher Karnevalsverkleidung („Am Rhein nur / Tschingpeng / Rrammtamm / Geborrrarängtschingwummplängsein…) und verliert sich im umgebenden Ambiente des Gemüsemarkts, der Kaufhäuser, Spielhallen, Nachtbars. Heißes Pflaster Köln hieß ein Film Ernst Hofbauers von 1967 über die Kriminellenszene an den Ringen. Direkt diesem Film entsprungen scheint Hagens Rudolfplatz-Protagonistin Pretty Woman, eine Prostituierte, die ihre Einnahmen an Zuhälter abliefert und Schläge kassiert, um erneut übers Pflaster zu stöckeln. Das tausendjährige Kölle präsentiert sich als mosaikartiges, aus durcheinandergewürfelten Momentaufnahmen diverser Asfaltwahrheiten bestehendes, von Zitaten Jim Morrisons oder der Rolling Stones durchsetztes Fresko, zusammengestaucht aus Spiegelbildern innerer Filme, einem Hechtsprung in die Hinterlassenschaften der Kallendresser oder dem sonnenbeschienenen Totentanz eines handelsüblichen Nachmittags.

Teil 3, City Poem, entfaltet sich in einer Klammer aus Haikus über den abendlichen und morgendlichen Rhein. Radiosounds, gewiß aus dem WDR-Programm, Liedfetzen und Nachrichtenschnipsel erklingen, das Geraune geht über in typisches Alltagsgeschehen der Innenstadt, ein von kleinen Leuten bevölkertes Panorama mit Currywurst-Geruch und seitlichen Einflüsterungen: „Wollen wir fernsehen? / MTV bei C&A / Auf sechzehn Monitoren?“. Der Text widmet sich den wandelnden Massen der Fußgängerzone und Altstadt, lupt auf einzelne Passanten und ihre Hunde: „Dackel sind verrückt.“ Das Personal besteht nun aus anonymen Gestalten, Tieren und Verlierern: dem Schlurfer mit dem weißen Mantel, dem Einbeinigen, der immer Zigarettenstummel sucht, der Zwangsverschickerin vom Ausländeramt, einem durchtrainierten deutschen Oberunterfifi, dem Ratten- und dem Taubenpack, den Streifenbullen und Fisternöllchen, dem Yogi auf dem Warmluftschacht. „Gesellschaftskunde gucken“ heißt das in City Poem, wenn Börsenmeldungen, Protestsongs und Werbebotschaften auf Stadtflaneure treffen: „Am Tage sind die Straßen hier Vollstress / Aber nachts gehört die City unsereins“. Unter dem Kölner Pflaster liegen in Abwandlung eines berühmten Sponti-Spruchs das Breitbandkabel und Agrippinas, der Stadtmutter, Kanapee, auf dem sie mit wer weiß schon wem alles rumfummelte. Zwischenzeitlich geht der Gaul mit dem Dichter durch, sein Parlando gerät in Endreime oder den Sog des Rhythmus von Carl Perkins Blue Suede Shoes, um sich schließlich wieder zu beruhigen und auf leisen Sohlen in eine Chargesheimer-Ausstellung zu entführen, dessen Schwarzweißfotos das Kölnklischee maßgeblich prägten. Zum endgültigen Herunterkommen dient die Überquerung der Lebensader: „Die Brücke, morgens. / Nach langem Gehen hellwach, / Schau ich auf den Rhein.“

Zeitwärts, ufernah, der letzte Teil, ist bei fortgesetzter Plakativität der intensivste, spirituellste. Er handelt von Aufbruch-, Sehnsuchts- und Fluchtbestrebungen der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen in eine bessere Welt wie sie in Liedern, Träumen, Geschichten, Kindheitserinnerungen, in der Nacht, im Rausch der „Säfte des Waswärewenn“ millionenfach vorkommt. Den Bombeneinschlägen entronnen, verlegt sich das Entkommenwollen auf das Nazinachfolgeland, es gilt der herrschenden normiert-numerierenden Spießigkeit, dem Versauern bei dumpfer Fabrikarbeit, dem Krieg in den Medien, dem Haste-was-biste-was-Denken, wichtigtuerischen Geschwafel und Einig-tschland-Wufftata, dem Karrierezwang Paroli zu bieten. Die Seitwärtszeituhr des Erfinders Stolk schlägt dem Erzähler den Takt und hilft ihm, in die Utopien fördernde Kindheit zurückzureisen: „Erforschten in Rinnsalen die Quellen des Nils, / Schossen Liebesperlen aus Pistolen“, der Rhein mutiert flugs zum Mississippi Huck Finns oder zu Stevenson’schen Schauplätzen: „An Wolkenrändern / Im Dunst überm Fluss schweben / Schatzinselmöwen.“ Den Sehnsüchten linker Jugendjahre verschnitten präsentiert das Gedicht deren gerechte Ergebnisse, Beispiele für inneren Wertewandel „vom Kreml ins Weiße Haus“, „von Al Fatah zum Muttertag“, „vom Schwarzen Block ins Blumenkästchen“, „von Dobermann auf Schäferhund“. Ob sich Glück mit einer Kurve nachzeichnen läßt? Nie ankommen oder: Ein Atheist im Kreuzgang sollte der vierte Teil ursprünglich heißen, in dem der Fluß für die Möglichkeiten des Unmöglichen auch noch im Jetzt das Bild liefert: „Am Rhein hier weit weg / Der Schiffe Tuckern erzählt / Von allem und nichts“

Nie ankommen ist ein lyrisches Konzeptalbum mit vier Longsongs im Sound der 70er-Jahre. Bei der ersten Lektüre haben wir die Verse in Zimmerlautstärke skandiert, das Schriftbild forderte dazu auf: Klanglichkeit und Rhythmus stellen tragende Komponenten der Textkomposition vor. Jens Hagens Vortrag auf CD wirkt bei den ersten drei Teilen, die im Studio eingesprochen wurden, gelassen, beim letzten, einem Livemitschnitt, getrieben. Seine Worte sprechen von den Träumen einer Generation, die im Geflecht der Zeitalter längst von moderneren Trieben überwuchert werden, so wie in Nie ankommen rückblickend-vorausschauend „die Halbwertszeit der Mandelblüte“ berechnet wird, deren essentielle Eigenschaften in Schönheit, Kürze und Wiederkehr bestehen.

Jens Hagen: Nie ankommen. Köln Poem, Sprungturm Verlag, Köln, Hardcover, Leineneinband, 19 x 14 cm, 104 Seiten plus Audio-CD, 19.90 Euro, ISBN: 978-3-9815061-8-1