Vom Rhein sein – das heißt: vom Abendland

Des Teufels General, Carl Zuckmayers Drama aus dem Jahr 1945, zehn Jahre später in der Verfilmung von Helmut Käutner in den Kinos, enthält einen Dialog, der aktuellen Flüchtlingsdebatten als Grundanstrich gut zu Gesicht stehen würde. Das Stück spielt im Dritten Reich. Luftwaffengeneral Harras (der Zuckmayers Freund Ernst Udet nachempfunden sein soll) spricht mit Fliegerleutnant Hartmann. Hartmann hat festgestellt, daß sein Ariernachweis nicht lückenlos geführt werden kann, weswegen seine geplante Verlobung mit einer jungen von Morungen ausfallen muß. Im Film klingt das so:

Hartmann: (…) Eine meiner Urgroßmütter scheint aus dem Ausland gekommen zu sein.
Harras: Ach, dann sind Sie wohl nicht ganz arisch, was?
Hartmann: Man hat das oft in rheinischen Familien. Jedenfalls sind die Papiere nicht aufzufinden.
Harras: Ja, dann begreif ich natürlich: von Morungen… Dann sind Sie ein Mensch zweiter Ordnung, hm? Dann könn Sie ja keene Parteikarriere machen.
Hartmann: Nein, Herr General.
Harras: Schrecklich. Diese alten verpanschten rheinischen Familien. Stelln Sie sich doch bloß mal Ihre mögliche Ahnenreihe vor: da war ein römischer Feldherr, schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Dann kam n jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist schon vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Dann kam n griechischer Arzt dazu, n keltischer Legionär, n Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, und ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant. Das alles hat, hat am Rhein gelebt, gehofft, gesoffen, gesungen und Kinder jezeucht. Und der der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, undsoweiter, undsoweiter… Das waren die Besten, mein Lieber! Vom Rhein sein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Leutnant Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter auf den Abtritt.

Im leicht abweichenden Theatertext-Original ist die angeführte Ahnenreihe um einiges bunter. Die Filmszene existiert auf Youtube, Curd Jürgens gibt den angetrunkenen General – womöglich die filmgeschichtliche Ersterwähnung rheinseins.

Rheinische Agglomeration

Eine kleine rheinische Verklumpung bzw Verdichtung fanden wir dieser Tage auf Kulturnotizen – Grenzüberschreitende ArtIQlationen. Dort finden sich unter den Überschriften Am Rhein, Rheinsein und Ethnische Schmelztiegelpraxis Texte aus den Federn bzw Tastaturen der Herren Hagedorn, Lafleur und Zuckmayer. Klickens auf den Link und schauens (öfter) mal nebenan vorbei!

Feldkirch

Im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein, in dem jedoch zureichend Feldwege zur Verfügung stehen, begleiten die Vorarlberger Hauptstraßen auffallend taugliche Fahrradspuren. Hinzu`s gehts gegen den Wind durchs Unterland und ein Weniges hügelan. Gleich hinter der Grenze entbieten stramme Asiaten, welche hier Kaufmannsläden und Verpflegungsstationen mit umfassendem heimatlichen Sortiment betreiben, herzhaft: „Grüß Gott!“ Aus dem Augenwinkel nehmen wir eine weltweit grenztypische Baracke wahr, in welcher der Snackman frühe Würschtl brät. Die Läden der angestammten Vorarlberger, ob deren Namen auf althergebrachte Poetiken zurückgehen oder neo-asiatischem Einfluß unterliegen (oder ob beides seine Rolle spielt), heißen knackig „fleisch & brot“ oder „klein & fein“ – das kaufmännische „&“ sowie Kleinschreibung jedenfalls scheinen Pflicht. In der Feldkircher Innenstadt suchen und finden wir den Briefkasten des Theaters am Saumarkt, um gerade noch fristgerecht vier neue Gedichte für einen lokal verankerten, schmal dotierten Provinzlyrikpreis mit Weltruf einzureichen. Feldkirch pflegt sichtbar seine literarische Vergangenheit und Gegenwart (evtl erledigt das aber auch die ÖBB für „die Stadt“ wie Feldkirch in Liechtenstein der Einfachheit halber genannt wird): im Bahnhof zeigt ein feuerwehrroter

feldkirch_litbahnhof

Literaturautomat unter dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ in seinem eigenen Automatenrhythmus Texte und Biografien Vorarlberger AutorInnen an, deren Namen zudem gut sichtbar rund um die Bahnhofshalle angeschrieben stehen. Zudem wird James Joyce, recht dramatisch, zitiert: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.“ Nicht minder dramatisch dürften gut drei Jahrzehnte später weit fleischlichere Schicksale entschieden worden sein: falls die Erinnerung an Zuckmayers Autobiografie “Als wär’s ein Stück von mir” uns nicht trügt, galt Feldkirch zu Zeiten von Ostmark und Großdeutschem Reich als wichtiger Fluchtpunkt (nicht nur) für Schriftsteller, die Heimat in sicherere Gefilde zu verlassen. In der Stadt schreiten dann auch, nebst der allerorten auffallenden, die Möglichkeiten des Lifestyle bis an die äußeren Grenzen des Mainstreams auslotenden sonnenbankgebräunten Wasserstoffblondine mit Puschelhund, legerere Touristinnen mit offenkundig literarischen Bändchen vor der Nase einher, jeden Meter und Winkel Historizität zu erspüren/abzufotografieren. Kurzes Ruhen mit Illblick: kalkig-türkis zieht dies frische Flüßchen auf den Rhein, zu Baulärm, der bald von der Sonne und mit ihr auftrumpfenden gemischten Singvogelchorälen beruhigt wird. In dieser Strahlesonne, die Menschheit ringsum bricht nun bekatzte Weidenzweige, beginnt die Selbstheiligung aller Umstände.