Vom Mittelmeer verwöhnte Froschmänner

Von einem Geheimnis, das der Rhein hüte, handelt ein Artikel in der Zeit von 1957. Zugrunde lag ein Streit zwischen einer französischen Reederei und der Wasserstraßendirektion Koblenz. Er ging um das Motorgüteschiff „Caillac“, dessen Planken in der Rheinschleife am Unkelstein von einem unbekannten Gegenstand aufgeschlitzt worden waren und um die Sicherheit der Passage, denn bereits zwei Jahre zuvor war dort ein deutscher Frachter gegen ein Hindernis geprallt. Versicherungen bezahlten bei Zusammenstößen mit natürlichen Hindernissen nicht, aber ein Mann namens Albert Krahe wußte von einer Geschichte, welche die Franzosen ermutigte, auf Schadensersatz zu klagen:

„Dieser Albert Krahe hatte zu jenen Einwohnern gehört, die zu Beginn des Jahres 1945 aus der zerschossenen Stadt Remagen evakuiert worden waren. Albert Krahe fand damals Zuflucht in der Villa Heimann am Unkelstein und hielt sich just zu jener Stunde des 8. oder 9. März am Rheinufer auf, in der eine Gruppe deutscher Kampfmaschinen einen Angriff auf die Remagener Brücke flog – die einzige Rheinbrücke, die den Alliierten unversehrt in die Hände gefallen war. Während sich Albert Krahe vor den Splittern der amerikanischen Flakgeschosse duckte, sah er, wie zwei Flugzeuge in den Rhein stürzten: eine Ju 88 und eine Ju 87. Albert Krahe konnte den Typ ganz genau angeben, denn er hatte drei Jahre lang Junkers-Maschinen repariert.“

Die Reederei verlor den Prozeß, entsandte jedoch einige Spezialisten, um die Flugzeugmotoren ausfindig zu machen. Das Unternehmen scheiterte, der Artikel gibt schönen Aufschluß über die damaligen Arbeitsweisen.

„Mitte Dezember brachte ein Kombi-Wagen vier Froschmänner an den Rhein, Mitglieder der Société Generale de Traveaux Maritimes et Fluviaux, einer Art Genossenschaft von etwa 80 ehemaligen Amateurtauchern, die aus ihrer Neigung im Lauf der Zeit ein gutes Geschäft gemacht haben. Froschmänner, beweglicher als die herkömmlichen Taucher mit ihren schweren Bleischuhen, so mutmaßten die Franzosen, müßten das Strombett spielend durchkämmen können. Das war nun freilich eine Fehlspekulation. Die Rheintaucher arbeiten gewöhnlich im Schutz eines schweren Schildes, der sie davor bewahrt, von den mit zwei bis drei Meter je Sekunde dahinströmenden Fluten abgetrieben zu werden. Die Froschmänner, ans Meer gewöhnt, versuchten es mit einem Unterwasserschlitten namens Aquaplan. In der ersten Nacht (um die Schiffahrt nicht zu stören, wurde nachts gearbeitet) trieben die Markierungsbojen ab, und das Unternehmen wurde verschoben. In der zweiten Nacht, in der das Tauchen dann glückte, brach sich der Lichtstrahl der Stablampen im aufgewirbelten Schlamm. Die Froschmänner, vom Mittelmeer verwöhnt, konnten statt fünfundzwanzig Meter kaum einen einzigen Meter weit sehen. In der dritten Nacht lief das Aquaplan auf eine heimtückische Felsnase – die nun allerdings in der Schiffahrtskarte eingezeichnet ist.“

Heute übernimmt solche Einsätze in der Regel das Tauchglockenschiff  ”Carl Straat”, das auf Rhein und Mosel pendelt, um den Flußgrund nach Hindernissen abzusuchen, Bodenproben zu entnehmen oder dem Tatort als rare Showdown-Kulisse zu dienen. In der mit Überdruck versehenen Tauchglocke der “Carl Straat” läßt sich trockenen Fußes über den Rheingrund schreiten. Alle paar Monate berichten die Medien über das Schiff, aktuell das Wiesbadener Tagblatt:

“Meist sind es abgerissene Anker, aber die Carl Straat hat zusammen mit dem Kampfmittelräumdienst auch schon Bomben geborgen oder Autowracks. Durch die starke Strömung verändert sich das Kiesbett des Rheins – und Gegenstände damit ihre Position. Hier zwischen Rüdesheim und Bingen geht es vor allem um die Kontrolle der Tonnenverankerungen, die die Fahrrinne für die Rheinschifffahrt markieren. Über GPS weiß die Besatzung genau, wo die Verankerung liegt. Auch die Hindernisse werden der Carl Straat von den Peilbooten der Wasser- und Schifffahrtsämter mit GPS-Daten übermittelt.”

(Und sollten wir eine Prognose über orthografische Veränderungen der deutschen Sprache wagen, so dürfte sich Schifffahrt in ca. 60 bis 500 Jahren, so sich die deutsche Sprache bis dahin hält, mit vier “f” in der Mitttte schreiben.)

Der Rhein bei Quarks & Co

Intensiv mit dem Rhein beschäftigte sich das Wissenschaftsmagazin Quarks und Co des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Mai 2010 und förderte dabei einige wissenswerte und vor allem: gut im Netz aufbereitete Informationen zutage. So erfahren wir von rheinischen Tierarten, die anderswo ohne Namensnennung (im Hinterkopf wohl unter: Gekreuch) zusammengefaßt werden. Die Sumpfdeckelschnecke ist in der Lage, ihr Gehäuse mit einem am Fuß verwachsenen Deckel zu verschließen. Der Lachs kann sein Heimatwasser am Geruch erkennen. Die Wollhandkrabbe kneift Angelfäden durch, um sich die Köder zu verschaffen. Es existieren Süßwasserschwämme im Rhein! Die militärische Lage im Krebsreich läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: aus dem Donauischen zugewanderte Schlickkrebse vs Wandermuschel (welche den Krebsschlick nicht verträgt), Höckerflohkrebs vs alle anderen Kleinkrebse, bartelnde Barben vs alle Krebsarten, während der aus den USA eingedrungene Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, gegen die er selber immun ist. Ebenfalls aus dem Donauischen stammende Schwebgarnelen dringen via Bodensee allmählich nach Nordwesten vor. Der aktuelle Zählstand bewegt sich bei rund 360 Tierarten „im Rhein“. Eintagsfliegenlarven weiden erstmal ein Jahr lang unter Wasser Algen von Rheinkieseln, bevor sie sich in ihr kurzlebiges Fliegenstadium begeben. Bachneunaugen fressen nur als Querder (ihrem eigenartigen Larvenstadium), nicht mehr als ausgewachsene Tiere. Sowieso herrscht auch unter den Larven Krieg. Jene der Prachtlibelle ist auf die der Köcherfliege aus etc, etc – die Sendung liefert prima Bilder und laienverständliche Erklärungen: ein Highlight unter den kursierenden Rheindokus. Sonst noch zu erfahren: eine weitere Entstehungstheorie, die bis Pangäa und die Entstehung des Mitteleuropäischen Rifts zurückreicht und besagt, daß nach Bildung der Alpen zunächst drei voneinander getrennte Teilrheine (Mittelrhein, Oberrhein, Alpenrhein) bestanden, die, nach komplexeren Schritten über hundert Millionen Jahre hinweg, schließlich vor 30.000 Jahren zum aktuellen Lauf fusionierten. Desweitern: Buhnen dienen der Strömungsregulierung und erzeugen schwimmerfeindliche Strudel, Ertrinkende im Rhein: pro Jahr im Schnitt rund 30. Klappschuten transportieren Oberrheinkies als Geschiebezugabe an den Niederrhein und ein Tauchglockenschiff namens Carl Straat ermöglicht Trocken-Spaziergänge auf dem Rheingrund. Tullas Rheinregulierung wird am Oberrhein mittels Poldern wieder in Richtung Naturzustand nachreguliert. (Eine veritable Tierwoche auf rheinsein, das Sommerloch öffnet auch hier sein Maul.)