Karlson flieht an den Rheinfall

(…) Auch in Karlsons Augen flog etwas von dieser Staub=Wolke; bei ihm bestand sie aber aus aufgewehter Asche einer Urne. Er kann alle Schmerzen verschmerzen – ihre Erinnerungen ausgenommen; – seine Jahre hat er durch Länder ersetzt und der durchlaufne Raum wird ihm für durchlaufne Zeit angerechnet: aber hier wurde der tiefe feste Jüngling blaß, als er heraufkam und mir erzahlte, daß der Liebhaber der bleichen Corday ihre langen gefalteten Hände auseinander geworfen und auf seinen Knien an seinen wilden Mund angerissen habe.

Er nahm sein Entfärben im Spiegel wahr, und um es mir zu erklären, so theilt` er mir gleichsam das letzte und geheimste Blatt aus seiner Lebens=Robinsonade mit. Du siehest was für ein undurchsichtiger Edelstein dieser Jüngling ist, der seinen Freunden durch ganz Frankreich nachreisen kann, ohne seinem offenherzigen Reisegefährten nur eine Fuge oder ein Astloch in das Verhältniß mit ihnen aufzumachen. Jetzt erst, zumal aus Rührung über das nahe Kampaner=Thal zieht er den Schlüssel aus dem Schlüsselloch, das für dich ein Souflörloch wird.

Daß er mit dem Baron Wilhelmi und der Braut desselben, Gione und ihrer Schwester Nadine bis nach Lausanne gereiset war, um mit ihnen bis ins Kampaner=Thal zu ihrer arkadischen Hochzeitfeier mit zu gehen – das weißt du schon. Daß er sich in Lausanne von ihnen plötzlich wegriß und sich zurück an den Rheinfall zu Schafhausen stellte – das weißt Du auch; aber die Ursache nicht. Diese wird dir nun von ihm und mir erzählt.

Karlson sah in der täglichen Nähe endlich durch den enggegitterten Schleier Gionens durch, der über einen verwandten groß und fest gezeichneten Charakter, den noch dazu die bräutliche Liebe magisch kolorierte, geworfen war. Karlson wurde von sich vermuthlich viel später als von andern errathen: sein Herz wurde wie im Wasser das sogenannte Weltauge, anfangs glänzend, dann wechselt` es die Farben, dann wurd` es ein Nebel und endlich transparent. Um das schöne Verhältniß nicht zu trüben, wandte er den verdächtigen Theil seiner Aufmerksamkeit auf ihre Schwester Nadine, er sagte mir nicht klar, ob er nicht diese in einen schönen Irrthum führte, ohne Gionen eine schöne Wahrheit zu nehmen.

Alle diese Schauspiels=Knoten schien die Sense des Todes zerschneiden zu wollen: Gionen, diese Gesunde und Ruhige, befiel ein plötzliches Nervenübel. An einem Abend trat Wilhelmi mit seiner dichterischen Heftigkeit weinend in Karlsons Zimmer und konnte nur unter der Umarmung stottern: “Sie ist nicht mehr.”

Karlson sagte kein Wort, aber er reisete noch zu Nachts im Tumulte fremder und eigner Trauer nach Schafhausen fort, und nahm vielleicht eben so sehr vor einer Liebenden als vor einer Geliebten die Flucht, ich meine vor Nadine und Gione zugleich. Vor der ewigen Wasserhose des Rheins, dieser fortstürzenden geschmolznen Schlaglauwine, dieser schimmernden steilrechten Milchstraße heilte sich seine Seele langsam aus: Aber er war vorher lange in die düstere kalte Schlangengrube stechender Schmerzen eingeschlossen, sie bekrochen und umwickelten ihn bis ans Herz: denn er glaubte wie die meisten Weltleute, unter, denen er erwachsen war, – und vielleicht auch durch sein Schoosstudium, die Chemie, zu sehr an physische An- und Aussichten verwöhnt – daß unser letztes Entschlafen Vergehen sei, wie in der Epopöe der erste Mensch den ersten Schlummer für den ersten Tod ansah. (…)

(aus Jean Paul: Das Kampaner Thal)